Monat: Mai 2019

Von alten Träumen und jungen Wilden

Vor dem Start

Das ist Alberto. Alberto kommt aus Milano und ist mein Nachbar auf dem Campingplatz hier in Caldonazzo. Er ist 71 und begeisterter Rennradler. Und er hat einen Traum: Noch einmal den Passo Brocon hoch. Das ist einer der Klassiker der Region, der auf knapp 1.700 Metern liegt. Zuletzt war Alberto 2014 mit seinem Rad dort oben. Als er mir von seinem Traum erzählte und meinte, er suche jemanden, der den Anstieg mit ihm gemeinsam fahre, war ich sofort dabei. Zumal Alberto sich einen ganz feinen Rundkurs ausgedacht hatte, der nach dem Brocon noch einen zweiten Gipfel sowie eine technisch anspruchsvolle Talfahrt vorsah. Insgesamt 140 Kilometer geballte italienische Südalpen. Eine ganz schöne Hausnummer. Da muss man nicht mal 71 Jahre alt sein.

Sonntag um 9 ging es los. Während Europa die Wahlstuben stürmte (und hier in Italien in fataler Häufung sein Kreuzchen bei fatalen Personen machte) stürzten wir uns ins Abenteuer. „Es wird wohl das letzte Mal für mich sein“, meinte Alberto vor dem Start und grinste mich mit einem leicht melancholischen Blick an. So langsam begriff ich, was das für ein Tag werden sollte. Vor allem für Alberto. Einfach machte es uns der Radfahrgott nicht. Nach knapp 30 Kilometern auf dem flachen Radweg durchs Tal standen wir kurz vor Beginn des Anstiegs vor einer Brückensperrung. Also acht Kilometer zurück, dort über die nächste Brücke und dann wieder acht Kilometer in die Originalrichtung. Schon waren wir bei geplanten 156 Tageskilometern und hatten eine Dreiviertelstunde verloren.

Auf dem Radweg durchs Tal.

In Stringo begann der Anstieg. Und wie! Wie immer hier in der Gegend fackelte er nicht lange rum. Zack, schlug der Bordcomputer auf 10 Prozent aus, und einstellige Zahlen sollten fortan eine ferne Erinnerung sein. Dazu kam ziemlich dichter Verkehr, und weil die italienischen Autofahrer es mit der Kunst des Abstandhalten nicht so haben (alles über 30 Zentimeter gilt hier als Komfortzone) floss der Schweiß schneller die Stirn herunter als wir uns den Abstieg hochwuchteten. Irgendwann nach gefühlten Ewigkeiten dünnte der Verkehr endlich aus und wir konnten ein wenig durchatmen. Bis dahin hatten Alberto und ich ein großartiges Team abgegeben und ich war voller Hochachtung, mit was für einer Ausdauer und Kontinuität der Kerl die Kurbel in Schwung hielt. Wenn ich mit 71 noch so fit bin habe ich alles richtig gemacht!

Der erste Dämpfer kam bei einem Trinkstopp in Bieno. Als wir einen Einheimischen nach der geplanten Rundroute fragten schüttelte er mit dem Kopf. „Mon dio, no possibile!“ meinte er mit weit aufgerissenen Augen. „Da oben liegt noch Schnee, da gibt es kein Durchkommen!“ Immerhin, den Passo Brocon, den könne man erreichen. „Aber das ist hart“, meinte er und schaute Alberto fest in die Augen. Der grinste nur, meinte „va bene“ und bedeutete mir mit schelmischem Kopfnicken, dass wir weiterkurbeln.

Immerhin: der Pass zum Brocon war schon geöffnet

Spitzkehren. Radlers Träumchen!

Der Anstieg ein Traum. Landschaftlich. Ansonsten eher ein Alptraum. Nichts unter 10 Prozent. Meistens irgendwo im Bereich 12 bis 13. Über 26 Kilometer. Als wir um 14:20 Uhr oben ankamen waren die Körnchen ziemlich aufgebraucht. Der Ausblick entschädigte für alles. Freie Sicht auf die Catena die Lagorai, eines der ursprünglichsten Naturgebiete im Trentino, wie Alberto stolz dozierte. Schneeüberzuckerte Hügel sonnten sich stolz unter blauem Himmel. Die Welt hier oben alpin. Dauerbimmelnde Kuhherden, ebenso einsame wie einladende Albergos und die Zeitlosigkeit einer Region, die sich zwischen beendetem Wintertourismus und noch nicht begonnenem Sommertourismus erholt. Doch so gutmütig uns der Pass begrüßte, so garstig wurde er bald. Kaum hatten wir ein bisschen durchgeschnauft zogen düstere Wolken auf. Regen mit einer Konsistenz verdächtig nahe am Gefrierpunkt tröpfelte auf uns herab. Lange blieben wir nicht oben.

Rast an einer frühjahrspausierenden Herberge auf 1.630 Metern

Die Talfahrt ein Traum. Nun aber wirklich! 26 Kilometer bergab. Beim Pässefahren ist es eigentlich immer so, dass man erst beim Runterfahren realisiert, was man da eigentlich hochgefahren ist. Es war ein nicht enden wollendes Asphaltband, das sich in die Tiefe stürzte und uns mitriss. Also liefen die Bremsen heiß, und mit ungefähr dem zehnfachen Tempo des Anstiegs flogen wir förmlich hinab ins Tal, wo uns die stickige Hitze eines schwülwarmen Frühsommertages erneut den Schweiß aus den Poren jagte. 90 Kilometer standen zu diesem Zeitpunkt auf dem Tacho – bis ins Ziel fehlten uns noch rund 35. Ein epischer Tag bahnte sich an.

Wind und Wetter sind hier im Valsugana völlig unberechenbar. Ein ganz spezielles Wettergebiet, in dem das Mikroklima Pingpong mit den Gefühlen spielt. Zunächst schob uns der Südwind sanft nach Norden und machte Hoffnung auf eine frühzeitige Heimkehr. Dann tauchten am Nordhimmel urplötzlich bitterdüstere Wolken über den Gipfeln des Tals auf. Dort, wo wir unseren Campingplatz vermuteten, goss es offenbar wie aus Eimern. Zugleich drehte der Wind und stand uns nunmehr im Gesicht. 30 Kilometer hatten wir noch, und die Laune sackte spürbar ab. Verbissen kämpften wir uns vorwärts, wobei ich die Lokomotive spielte und mit kaum 15 km/h den strengen Gegenwind zu durchschneiden versuchte. Im Schlepptau Alberto, dessen Blick eine klare Aussage hatte: „Bring mich heim!“ Als wir um halb sechs am Camping ankam, war der Jubel groß. 119 Kilometer hatten wir abgespult und dabei 1.800 Höhenmeter bezwungen. Wenn ich das mit 71 auch noch schaffe bin ich echt glücklich.

Nach 119 Kilometern und 1.800 Höhenmetern: zwei stolze Radler

Die Erfahrung, mit Alberto unterwegs zu sein war großartig. In einem Gemisch aus Englisch, Spanisch und Italienisch tauschten wir uns über Gott und die Welt aus. Ich erfuhr, wie es sich anfühlt, wenn die Körperspannung nachlässt und der Radius kleiner wird. Eine vor allem mentale Herausforderung, zumal das Kunststück darin besteht, den schmalen Grat zwischen „was ist noch möglich?“ und „welche Grenze darf ich keinesfalls überschreiten“ zu finden. Alberto tat dies mit viel Humor, einer fetten Portion Sarkasmus und einem Ehrgeiz, für den ich ihn bewundere. Älter werden ist wahrhaftig ein mächtiges Abenteuer.

Damit könnte ich nun quasi direkt zur Wahl zurückschalten und an Frau Kramp-Karrenbauer und ihre Problemchen mit der digitalen Welt überleiten. Aber lassen wir das, wiewohl auch die große Politik natürlich Thema während unserer Radeltour war. „Italia kaputt“, war Albertos resigniertes Resümee zur aktuellen Lage seiner Heimat. Das lasse ich mal so stehen.

„So stehen“ wiederum ist ein gutes Stichwort für einige andere Ausflüge, die ich in den letzten Tagen hier unternommen habe. Denn „am Berg stehen“ gewinnt im Trentino eine ganz besondere Note. Am Freitag hatte ich mich in den Anstieg zum Monte Panarotta gemacht, 2.002 Meter hoch, direkt gegenüber des Campings gelegen. Auf der Karte lachten mich wunderschöne Spitzkehren an. Das Höhenprofil versprach eine Menge Kurbelarbeit. Auch hier wieder: der Anstieg beginnt abrupt (nämlich fast auf Seehöhe in Livico Terme mit 15 Prozent) und hört dann nicht mehr auf. Gar nicht mehr. Wie ein Boxer, dem der entscheidende Schlag zum K.O.-Sieg fehlt, tänzelte der Panarotta vor mir herum und versuchte, mich mit ständigem Rhytmuswechsel zu ermüden. Hoch mit 17 Grad über mehr als zwei Kilometer. Runter auf gnädige 13 Prozent. Dann Baustelle mit Baumarbeiten (im Herbst hat ein Sturm hier ein Desaster hinterlassen). Danach wieder hoch auf 17 Prozent, und das auf einer irrwitzig langen Geraden, die bei einem Tempo von 5 km/h schier nicht aufhören wollte. Spöttisch grinste der Berggott mich an, tänzelte fröhlich vor mir herum und neckte mit einem provozierenden „dass schaffst Du nie“.

Für 12 Kilometer brauche ich im Flachen so um die 20 bis 25 Minuten. Am Panarotta brauchte ich fast drei Stunden. Und darf leicht beleidigt hinzufügen: Spaß gemacht hat das nicht! Die Kletterei war über weite Strecken jenseits der „Okay, es ist hart, aber ich schaffe das“-Grenze, und die pausenlose Steigung bei ständig wechselndem Neigungsgrat zehrte ziemlich an den Nerven. Einen Rhytmus zu finden war kaum möglich. Was mich hochtrieb war eigentlich nur die Aussicht, ab Samstag auf dem Tuscany Trail damit genau jene Höhenmeter in mir zu haben, die mir alle Experten ans Herz gelegt haben. Knapp 8.000 habe ich übrigens in dieser knappen Woche hier unten angesammelt – bin gespannt, ob es reicht…

Die letzten Tage bis zur Weiterreise zum Startort Massa am Freitag werden ruhiger verlaufen. Zum einen ist das Wetter aktuell echt rau – viel Regen -, zum anderen will ich mir den Hunger auf Anstiege bis zum Start am Samstagmorgen nicht verderben. Morgen geht’s aber nochmal mit dem mit komplettem Gepäck ausgestatteten Crosser ins Gelände, wobei ich nur wissen will, ob die Gepäckverteilung stimmt und wie sich diese wahnwitzig steilen Downhills auf Schotterpiste mit voller Kapelle fahren lassen.

Mit anderen Worten: ich bin startklar!

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Im Tal der Höhenmeter

„Höhenmeter machen. Jeder trainierte Höhenmeter hilft Dir auf der Tour.“ Das kriegte ich bei meiner kleinen Umfrage unter früheren Tuscany Trail-Teilnehmern letzten Monat von jedem zu hören. „Die ersten 20 Kilometer sind noch okay. Dann geht es in den ersten Anstieg, und da merkst sofort, ob Du genug Höhenmeter in den Beinen hast. Wenn nicht, dann viel Spaß“…

Lago di Caldonazzo im abendlichen Nieselregenkleid

Höhenmeter also. Und genau die sammle ich nun in einem herrlichen Tal südlich des Lago di Caldonazzo im Trentino en gros an. Heißt im Klartext: Im Kriechgang die bis zu 12-Prozenter hoch, oben umdrehen und wieder runterrasen. Ein bisschen flachfahren und ab in den nächsten Anstieg. Wieder den Schweiß aufs Oberrohr fließen lassen, dem Tacho beim Melden von widersprüchlichen Zahlen folgen (Geschwindigkeit: 6 km/h, Steigung 12 Prozent) und hoffen, dass wirklich jeder Höhenmeter zählt, wenn es ab dem 1. Juni ernst wird.

Es ist nicht so, dass es kein Vergnügen bereiten würde. Vor allem heute, wo die Sonne endlich Regen und Wolken verdrängt hat und mit ihrer Lichtkraft die Bergkulisse geradezu malerisch ausleuchtete. Sah ausgesprochen schick aus, insbesondere dort, wo die Niederschläge des Wochenendes als Schnee runtergingen und kleine lustige Käppchen auf den Gipfel hinterlassen haben.

Aber auch sonst passt es. Denn hier im Tal gibt es ein fantastisches Radwegenetz, das vorzüglich ausgeschildert ist und reichlich Kilometer zum flachen Einfahren liefert. Quasi autofrei, durch Weinberge, Apfelplantagen und zumeist entlang des Fiume Brenta, einem kümmerlichen Rinnsal, das als letzte Erinnerung an die Wassermassen, die das Tal vor Millionen von Jahren modellierten, geblieben ist.

Je weiter südlicher man kommt, desto mehr beruhigen sich dann auch die am Lago noch dichtgedrängten Bergmassive ins Tal und schauen leicht versnobt hinunter auf die tosenden Massen von Autos, Lastern, knatternden Mopeds und schwitzenden Radlern, die sich durch die Ebene Richtung Padova quälen und ihre Energie für so sinnlose Dinge wie Fortbewegung verbrauchen.
Wer zu ihnen hochwill, der muss bereit für einen mächtigen Schweißzoll und sich den Zugang zu den mit Zement und Gottvertrauen in die Hänge geklammerten Weiler und winzigen Orte wortwörtlich erarbeiten.

Aktueller Formcheck: Auch wenn die Beine nur mühsam und vor allem schleppend in die Stampfrythmus kommen bin ich zuversichtlich, dass die abgeplagten Höhenmeter ihre Wirkung haben werden.

Olle ist ein Ortsname, der mich als im Ruhrgebiet Aufgewachsenen erstmal an altersunweisen Ehemännern erinnert. Hier liegt am Fuß einer dieser heldenhaften Serpentinenstrecken, denen ich mich stellte.

Im Zentrum des Wahnsinns: Tuscany Trail 2019

543 Kilometer.

9.200 Höhenmeter.

65 Prozent off-road bzw. Singletrails.

Maximal acht Tage Zeit.

Startnummer 336.

Soweit die Eckdaten meines kleinen bevorstehenden Radabenteuers in der Toskana, das am 1. Juni losgeht.

56314700_335641210479280_6289569096312815616_nTuscany Trail ist kein Rennen, sondern ein Selbstversorgerausflug über eine vorgebene Route, bei der jeder Fahrer für sich selbst verantwortlich ist. Übernachtung, Verpflegung, Tempo, Fahrzeit usw. – alles wird selbst organisiert. Los geht es am 1. Juni in Massa, spätestens acht Tage später muss man 543 Kilometer weiter südlich in Orbetello angekommen sein. Man darf auch später eintreffen, doch dann hat das Empfangskommitee des Veranstalters seine Zelte bereits abgebaut und niemand jubelt einem beim Eintreffen mehr zu.

 

profilott19-800x250Das Höhenprofil. Ob mein Herzschlag am Ende ähnlich aussehen wird?

Während ich noch mit dem Gedanken spielte, ob ich mich dafür anmelden sollte (oder besser: wollte) fiel die Entscheidung anderswo. Ein Anruf der Redaktion des „Tour“-Magazins, bei dem wir nebenbei über den Tuscany Trail sprachen, führte zum Reportageauftrag. Nun werde ich am 1. Juni in Massa also auf den Sattel steigen, begleitet von einem „Tour“-Fotografen und mit offenen Augen und Herzen, um anschließend möglichst vielen „Tour“-Leser Lust auf die Tortour zu machen. So fallen Entscheidungen!

Das eher unvorteilhafte Frühlingswetter hat allerdings neben einem anderthalbwöchigen Ausfall wegen aktuter Fieberschübe für eine etwas mäßige Frühform gesorgt. Bei meinem Göttinger Heimatrennen, der Tour d’Energie, trudelte ich eine gute Viertelstunde später im Ziel ein als im letzten Jahr. Um das zu ändern werde ich auf dem Weg in die Toskana in Südtirol Station machen und ein paar Höhenmeter sammeln – hoffentlich in etwas sommerlichem Ambiente als bislang.

Was mich beim Tuscany Trail tatsächlich erwarten wird ist mir nicht so ganz klar. Die ersten 20 Kiometer sind flach, da sind sich alle Erfahrungsberichtler einig. Dann geht es in den ersten Anstieg, und die Kraxelei bzw. Ins-Tal-Stürzerei hört anschließend offenbar nur sporadisch mal kurz auf. Übernachtet wird irgendwo. Wenn es gut läuft auf einem Campingplatz, wenn nix in der Nähe ist irgendwo in der Landschaft. Aber Schlaf wird bei so einem Abenteuer vermutlich eh überbewertet.

Mein Gepäck führe ich selbst am Rad, und weil es viele Singletrails gibt fielen die Satteltaschen natürlich aus. Stattdessen radle ich mit Lenkerrolle, Rahmentasche und Sattelschwanztasche, in denen ein wirklich sehr, sehr übersichtliches Material vorzufinden ist. Jedes Gramm muss ja schließlich die Anstiege hochgewuchtet werden. Gefahren wird mit dem Crosser, mit dem ich 2014 auch die Anden hoch und runtergedüst bin. Ein 37er Schwalbe-Mondial gibt mir hoffentlich den richtigen Gripp, und die andentaugliche Übersetzung sollte mich über die meisten Anstiege führen. Gespannt bin ich vor allem auf die Abfahren bei 20 bis 25 Prozent…

60463056_352190368824364_2141129836591054848_n So ungefähr wirds aussehen.

Alles in allem ein Abenteuer wie gemalt für einen wunderbaren Start in den Sommer 2019! Ein bisschen Struktur (Streckenführung), ansonsten viel Raum für Spontanität und garniert mit einer dicken Portion Quälerei, Schinderei und Freiheit. Perfekt!

mappa-tt2019-800x800Sommer, Sonne, Weinfelder, Anstiege – 543 Kilometer durch die Toskana.