Monat: März 2014

Vom herausfordernden Glück eines Trainingsplans

P1050449So ein Trainingsplan ist was Nettes. Man weiß immer, wann man auf’s Rad muss, bekommt exakt vorschrieben, was man zu tun hat und muss sich keine Gedanken um seine Zeitplanung machen. Doch so ein Trainingsplan hat auch was Sklavisches. Wetter, eigene Lust und Laune, etwaige Feierlichkeiten am Abend zuvor sind ihm völlig egal. Stoisch zieht er sein Programm durch, und man muss wohl oder übel mitmachen. So wie in dieser Woche. Da standen am Donnerstag vier Stunden flach bei GA1 auf dem Zettel. Normalerweise kein Thema und nichts allzu anstrengendes. Normalerweise, denn am Freitag herrschte hier ein hübscher Wind, der aus der gemütlichen Flachetappe eine anstrengende Bergetappe machte, bei der zwar nie bergauf ging, meine Geschwindigkeit aber bisweilen trotzdem nur Schritttempo erreichte. Meine Flüche wurden unterdessen von den Böen davongetragen und sorgten nur punktuell für Erleichterung. Oder gestern am Samstag, als nach einer fröhlichen Feierrunde am Freitagabend drei Stunden im welligen Gelände bei GA1 und GA2 anstanden, die von kühlendem Wind unter tristgrauen Himmel begleitet waren. Drei Stunden können übrigens ganz schön lang sein…

Ja, ich bin im Training! Noch sind es zwar über vier Monate, ehe am 1. August 2014 The Andes Trail startet, doch „früher Wurm fängt den Fisch“, oder? Ganz so einfach ist das dann aber auch wieder nicht, denn meine Radsaison wird ja ungewöhnlich lang sein. Im Dezember, wenn normalerweise das Rad Ruhe hat, werde ich mich in Südpatagonien den dortigen Winden stellen müssen, nachdem ich zuvor die Anden immer wieder hoch und runden pedaliert bin. Da gilt es, die Motivation sorgsam auf das gesamt zweite Halbjahr zu verteilen. Daher habe ich mich zunächst für einen Trainingsplan entschieden, der das erste Rennen, an dem ich in 2014 teilnehmen werde, im Focus hat: die Tour d’Energie am 27. April im schönen Göttingen.

Der Col de Braus

Der Col de Braus

Bis dahin will ich halbwegs fit sein, um mich anschließend an die Feinheiten in der körperlichen Vorbereitung zu kümmern. Im Mai geht es dann in Richtung südfranzösische Alpen, wo ich, eingebettet von Guingamp-Spielen in Monaco und Marseille, bei hoffentlich frühsommerlichen Temperaturen an meiner Bergform arbeiten will. Besonders freue ich mich auf den Col de Braus, den ich vor einigen Jahren schon einmal bezwungen habe und der mich damals mit seinen herrlichen Serpentinen begeisterte. Und am Ende wird sicher der Scharfrichter Mont Ventoux stehen, einer meiner absoluten Favoriten in der Welt der quälenden Auf- und rauschenden Abfahrten.

Dass der Winter in diesem Jahr ein wenig Pause machte, passte perfekt in meine Trainings- und Vorbereitungspläne. Letztes Jahr kämpfte ich um diese Zeit noch immer mit Schnee und tristgrauem Himmel. In diesem Jahr trug ich schon „unten kurz“ und „oben halblang“ – das gelang 2013 soweit ich mich erinnern kann erst irgendwann Mitte April. Und es ist immer wieder eine fantastische Erfahrung, nach der Winterpause die über die Weihnachtszeit angefutterten überflüssigen Pfunde auf den Sattel zu wuchten und zuzuschauen, wie sie dahinschmelzen. Vom Glück des Rennradlers!

Nordkenianische Steinwüste

Nordkenianische Steinwüste

Vom Glück des Afrikadurchquerers kann ich in einem anderen Zusammenhang sprechen. Der mit Abstand herausforderndste Abschnitt auf der Tour d’Afrique 2011 war die Lava Rock Wüste in Nordkenia. Ein unerbittlicher Abschnitt, der sich über Hunderte von Kilometern und unter sengender Sonne durch die unwirtlichste Gegend zog, die ich in meinem Leben gesehen habe. Wir alle haben damals bis zur Unendlichkeit geflucht über einen buchstäblichen „Highway to hell“, doch wir alle waren damals auch unsagbar stolz, als wir die Herausforderung überstanden und bewältigt hatten. Heute nun ist klar, dass wir eine der letzten Radabenteurergruppen waren, die sich dieser Herausforderung stellen durfte, denn inzwischen ist der Abschnitt fast komplett asphaltiert (http://tourdafrique.com/2014/03/that-was-then-this-is-now-a-tribute-to-lava-rock-camp/?fb_action_ids=10152215533130753&fb_action_types=og.likes). Die Tour d’Afrique hat damit viel Schrecken verloren, aber sicher auch viel Reiz und Herausforderung. Nachstehend ein Ausschnitt aus meinem Buch „Tour d’Afrique. 12.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt“ (http://www.hardy-gruene.de/buecher/radfahren.htm) vom zweiten Tag in der nordkenianischen Steinwüste:

5345_jpg_347367Wenn man 84 Kilometer vor sich hat und dabei bestenfalls mit 15 Stundenkilometern vorwärts kommt, sollte man nicht allzu viel darüber nachdenken. Um meinen Verstand abzulenken, lasse ich auf dem Bordcomputer nicht die gefahrenen Kilometer anzeigen, sondern die Uhrzeit. Ziel: Erst mal bis 9 Uhr durchfahren. Dann hoffe ich, irgendwo in der Nähe des Lunchtrucks zu sein. Die Piste ist zunächst akzeptabel. Viel Wellblech und immer wieder sandige Abschnitte, insgesamt aber ordentlich zu fahren. Wir kommen zügig voran, liefern uns ein paar lustige Zwischensprints und saugen die sich dramatisch verändernde Landschaft auf. Zunehmend geht die dornige Steppe in eine karge und lebensfeindliche Wüste über. Nachdem wir anfänglich noch ein paar kleine Siedlungen passiert und Menschen gesehen haben, umhüllt uns bald Einsamkeit. Tristbraun ergießt sich das Nichts vor unseren Augen. Nur unsere Flüche über die Piste und das Knirschen der Räder auf dem rauen Belag ist zu hören.

In der aufgehenden Sonne verdampfen die Energiereserven in besorgniserregendem Tempo. Bald ist es grotesk heiß. Dabei behauptet meine Uhr, es sei erst Acht. Sam drosselt sein Tempo, und ich kurble alleine weiter durch die Einsamkeit. Die Piste wird immer anspruchsvoller. Sie ist durchzogen von tiefen Waschbrettrillen. Stoisch ertrage ich die Tortur. Als ich am Horizont ein Fahrzeug entdecke, meine ich, den Lunchtruck zu erkennen. Zehn Minuten später bin ich da. Jaule frustriert auf, als ich sehe, dass es nur ein einsamer LKW-Anhänger ist. Um neun Uhr wage ich einen ersten Blick aufs Tacho. 38 Kilometer. Nicht übel. Eine halbe Stunde später wieder ein Fahrzeug am Straßenrand. Diesmal ist es der Lunchtruck. Ich lasse mein Rad in den Staub fallen, schlüpfe unter das Sonnentarp und genieße die anerkennenden Blicke der anderen Fahrer. Wer es bis hierhin geschafft hat, verdient Respekt.

Samuel mit Handys in seinem Shop.

Samuel mit Handys in seinem Shop.

Eine Viertelstunde später breche ich mit gefüllten Energiespeichern wieder auf. Nach einem Kilometer erreiche ich das Örtchen Turbi und damit die letzte menschliche Siedlung für die nächsten 120 Kilometer. Und treffe Samuel. Er betreibt den Sumburi Shop. Eine kleine Lehmhütte, vor der effektheischend ein Generator brummt. Und Samuel die Taschen füllt. Denn mit dem erzeugten Strom betreibt der stolze Shopbetreiber nicht nur einen Kühlschrank, aus dem ich eine kühle Cola klaube, sondern vor allem ein Arsenal an Handy-Ladegeräten. Jeder Einwohner im stromlosen Turbis muss zu Samuel, wenn er seinen Telefonakku aufladen will. Was Samuel mit 20 Shillingen – etwa 20 Eurocents – berechnet. Stolz lässt sich der clevere Geschäftsmann von mir ablichten. Afrika kann entwaffnend pragmatisch sein!

Bis zum Horizont nur graubraune Ebene. Sauber gespalten von einer leicht helleren Schneise: unsere Piste, die sich in der endlosen Weite verliert. Der Blick nötigt Respekt ab. Er bietet keinerlei Halt. Irgendwo da draußen muss mein Ziel liegen. Mit jedem Meter verschlechtert sich der Zustand der Fahrbahn. Zum enervierenden Waschbrett kommen zunehmend größere Steine. In dem Trümmerfeld eine konstante Fahrlinie zu finden ist unmöglich. Der kraftraubende Schlinger- und Rüttelkurs zehrt an den Nerven. Dennoch komme ich zügig voran. Gönne mir nach zehn Kilometern eine Pause und hocke mich in der schattenlosen Landschaft einfach an den Straßenrand. 57 von 84 Tageskilometern liegen hinter mir. So schlimm kann es nicht mehr werden. Glaube ich. Hoffe ich.

Dann erreiche ich die Lavawüste, und sie ist schlimmer, als ich es mir in meinen wüstesten Träumen hätte ausmalen können. Vor mir erstreckt sich ein gigantisches Meer aus Steinen. Schweinskopfgroße Lavabrocken, die stumpfsinnig aus dem Boden lugen. So muss es auf dem Mond aussehen. Fassungslos halte ich an und schieße ein paar Fotos. Leer und barsch brät die Landschaft schier unbezwingbar in der Sonne. Irgendwo mitten drin muss der Trans-African-Highway „A2“ verlaufen. Eine Fahrspur ist in dieser grotesken Ödnis jedoch kaum zu erkennen. Wie besoffen taumle ich über die archaische Steinformation, grinse über die Klassifizierung als „Highway“. Wahrlich ein “Highway to hell”. Das vulkanische Gestein so hart, dass es selbst dem jahrelangen LKW-Verkehr getrotzt und sich seine spitzen Kanten bewahrt hat. Euphorisch gluckse ich auf, wenn mein Tempo mal die 10 km/h-Marke überschreitet. Meistens ist jedoch bei 5 bis 8 km/h Schluss. 15 Kilometer habe ich noch vor mir. Drei weitere Stunden in der Hölle.

In der Steinwüste.

In der Steinwüste.

Unter einem dürren Bäumchen stoppe ich. Sauge Flüssigkeit und Energie aus meinen Bidons. Gestern Abend habe ich sie mit Pfefferminztee gefüllt, der in der brütenden Hitze tatsächlich etwas kühlt und mir die Illusion von Erfrischung schenkt. Stumm blicke in mich um, versuche, mich in Beziehung zu dieser bizarren Landschaft zu bringen. Ich will die ganze Brutalität des Moments in mich aufnehmen. Um mich eines Tages, wenn ich zurück bin in meiner Wohlfühlwelt, daran erinnern zu können. Sich hier durchschlagen zu müssen, ist eine wundersame Extremerweiterung der Lebenserfahrung.

Wann immer ein LKW oder ein Bus auftaucht, muss ich flüchten. In einem Wahnsinnstempo schlingern die Fahrzeuge wild über die Piste. „Wenn du hier abbremst oder zu langsam fährst, bist du verloren“, hat Truckdriver Steve versucht, Verständnis für das rüde Verhalten zu wecken Für uns heißt das, sofort vom Rad zu springen und möglichst weit weg zu sein, wenn ein Fahrzeug kommt. Einmal habe ich Glück. Vor mir teilt sich gerade die Piste auf, als ich hinter mir einen Bus röhren höre. Ich wähle den linken Pfad, der mir schmaler erscheint, und gehe davon aus, dass der Bus nun rechts passieren wird. Wohlweislich halte ich dennoch an und sehe mit Schrecken, dass der Fahrer auf die linke Spur abbiegt und in einem Höllentempo auf mich zurast. Panisch springe ich vom Rad. Jage mir eine Pedale in den linken Unterschenkel. Hechte in allerletzter Sekunde aus der Gefahrenzone. Schicke dem Fahrer düstere Flüche und Verwünschungen hinterher. Was für ein skurriles Bild muss ich abgegeben haben! Ein weißer Mann in knallroten Lycraklamotten, der mitten in der menschenleeren Wüste steht und wild flucht. Köstlich! Zum Glück sah mich niemand.

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Danke Bergedorf!

Bestens gefüllte Ränge, ein tolles Publikum und ein Veranstalter voller leidenschaftlicher Begeisterung – danke für einen großartigen Abend „Jenseits der Komfortzone“ bei Fahrrad XXL Marcks in Bergedorf (http://www.fahrrad-xxl.de/filiale/hamburg/)!

Sie möchten meine Bilder- und Videoreise „Jenseits der Komfortzone – Tour d’Afrique“ veranstalten? Kontaktieren Sie mich gerne unter hallo@hardy-gruene.de

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