Tour d’OSTalgie, Etappen 5 und 6

Zwei Etappen, zwei Welten. Gestern: Einsamkeit, herrlich entspanntes Radeln durch das Grenzland an der Neisse, kurz vor dem Ende der Etappe der wahnwitzige Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau und als etwas eigentümliches Gewürz ganz am Ende Weißwasser, wo es erschreckend ruppig und gefühlt einen Hauch zu depressiv zuging. Das wurde sowohl bestätigt als auch entschärft am Halbendorfer See, wo auf dem Camping beide Welten nebeneinander agierten. Und der Vietnamese in seiner fahrbaren Essensbude neben den üblichen asiatischen Köstlichkeiten auch Döner sowie Pommes/Bratwurst anbot. Und sogar Asia-Nudeln mit Döner. Man will halt nicht auf seine Gewohnheiten verzichten…

Heute? Geballte Industriekultur. Döbern, Spremberg, Schwarze Pumpe, Spreetal, Hoyerswerda, Laubusch. Dazwischen Seen in ehemaligem Tagebau, Aufforstungsgebiete in ehemaligem Tagebau, Arbeitersiedlungen mit Kopfsteinpflasterstraßen und Begegnungen mit alten Helden der Lausitzer Fußballgeschichte.

Jetzt bin ich platt, zumal ganz schön Kilometer zusammenkamen und hinter mir ein Gewitter wütete, das in Bautzen Keller unter Wasser setzte und mich mich Blitz und Donner aus seinem Reich vertrieb. Hoffentlich kommts nicht heute Nacht, denn der Campingplatz sieht ein bisschen so aus, als käme er mit viel Wasser in kurzer Zeit nicht gut klar.

Was die Gegend betrifft bin ich begeistert. Gestern fast völlig verkehrsfrei entlang der polnischen Grenze war unfassbar entspannend. Es gab hier und da ein paar tückische Anstiege, wenn der Radweg mal zu höhergelegenen Orten aufschloss, zumeist aber ging es über Feldlandschaften oder durch Wälder, bei denen dieser alberne Spruch „man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht“ wirklich mal passte.

Die Orte winzig, köstlich, zweisprachig ( Sorbisch). Eine Gemütlichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Wie eine Reise in die 20er Jahre, fast erwartete ich überall Pferdekutschen und Menschen in musealer Kleidung. Menschen waren aber insgesamt eher wenig zu sehen, und das ist sicher das „Problem“: man muss das wollen, hier zu leben.

Bad Muskau der Hammer. Fürst Pückler, der das alles erschaffen hat, war irgendwie der erste Rock’n’Roller: er gab sein Geld für pure Schönheit aus. Und als er pleite war, verkaufte er den ganzen Spass und begann bei Cottbus von vorne. Man kann eben nichts mitnehmen auf die letzte Reise. Die meisten Besucher, die ich im Park traf, haben das vermutlich nicht verstanden, und würden ihre Söhne oder Töchter handeln wie der Fürst einst fänden sie es wohl auch nicht lustig. Nun standen sie aber da und bestaunten die ganze Pracht, die der olle Rock’n’Roller der Welt geschenkt hatte. Ich hätt ihn gern kennengelernt, er scheint ein irrer Typ gewesen zu sein.

Bad Muskau (beide Bilder)

Erste Station heute morgen war Döbern. Kennt ihr nicht? Liegt nördlich von Spremberg und stand seit Jahrzehnten auf meiner Liste der Orte, die ich bis zu meinem Lebensende unbedingt noch besuchen will? Warum? Arbeiter- und Fußballkultur in perfekter Kombination. Eine klassische Malochersiedlung (Glas), die früh auf Fußball als verbindendes Medium setzte und dabei klassentreu in der Arbeiterbewegung kickte. Und 1929 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreichte, das man unglücklich gegen den SC Lorbeer 06 um „Papa“ Seeler verlor. Zu DDR-Zeiten war man als Chemie ein Jahr Zweitligist, doch darüber decken wir besser den Mantel des Schweigens (ein Sieg…).

Vor dem Stadion, übrigens eine echte landschaftliche Perle, traf ich einen langjährigen Fan, der mir nur zu gerne erzählte, wie es früher war und was heute schief läuft. „Wir haben früher nur Fußball gehabt, heute gibt es so viel mehr, die Jungs spielen einfach keinen Fußball mehr. Außerdem fehlt es an Ehrenamtlichen.“ Na, und an Arbeitsplätzen, denn von den einst 2.000 im Glaswerk Malochenden sind exakt 20 geblieben. Heute ist Döbern fußballerisch „Energie“-Land, finden sich die Graffiti der Cottbuser überall.

Eine herrliche Perle mit Tradition!

Nächste Station: Spremberg. Wieder so ein großartiger Radweg, der mich durch Wälder und über Felder dort hinführte. Der Besuch im „1862-Stadion“ eher nüchtern, da atmet Zweckmäßigkeit, nicht Nostalgie. Dafür ist die City sehr hübsch mit ihren kopfsteingepflasterten Gassen und typischen Häusern. Leider war mein ausgemachter Ortstermin einer Krankheit zum Opfer gefallen, so dass ich mich alleine durchschlagen musste. Holen wir nach Thomas, erstmal gute Besserung!

Dann, endlich, Schwarze Pumpe! Ich kam von Trappendorf, wo das moderne Energiewerk schon früh zu sehen war. Weniger zu sehen war vom Tagebergbau, in dem die Fans der BSG Aktivist Schwarze zu DDR-Zeiten malochten und in dem Liedermacher Gundermann diese Wahnsinnsmaschine steuerte, mit der man die Kohle aus dem Boden riss. Um sie im Kraftwerk nebenan direkt in Energie zu verwandeln.

Schwarze Pumpe. Schon der Name macht neugierig. Die Geschichte auch. Und die der BSG Aktivist Schwarze Pumpe, die in ihrem Wappen übrigens ein Brikettstück hat, sowieso. Gleich am Ortseingang gibt es steinerne Informationen über den Namen. Eine alte Wasserpumpe, an der ein Gasthof entstand, diente als Namensgeber. Dann kamen die Werktätigen, baute man Wohnsiedlungen, riss den Boden auf und holte das schwarze Gold heraus.

Meine Mittagspause machte ich natürlich in Schwarze Pumpe (wenig stilgerecht in einer Döner-Bude, aber es lockte leckere vegetarische Kost 😬), dann zockelte ich weiter nach Spreetal. Selbe Geschichte, Kohle, Malocher, Arbeitersiedlungen. Aus Asphaltstraßen wurden wieder Kopfsteinpflasterpisten, und die Reise ging einmal mehr in die 50er, als Spreetal noch brodelte. Heute schläft es, ist es zum traurigen Denkmal der Vergangenheit geworden, dominiert DDR-Einheitsgrau.

Zweimal rechts abgebogen, sicherheitshalber noch mal eine ältere Dame gefragt, dann war ich am Ort meiner Begierde. Eine Brachlandschaft, die sich die Natur zurückerobert und die nur noch schwer als ein Fußballstadion auszumachen war. Immerhin standen die Tore noch, das half der Phantasie sich vorzustellen, wie hier in den 1960-er Jahren tausende von Aktivisten ihre Schwarze-Pumpe-Elf anfeuerten. Denn das heute fast zugewachsene Stadion wurde (ich glaube) 1961 eröffnet, um der BSG Aktivist SP als Heimat zu dienen. Was die Planer nicht bedachten: die Fans lebten in Schwarze Pumpe oder in Hoyerswerda und eben nicht in Spreetal. Alle mussen also angekarrt werden, und nach ein paar Jahren war das Spreetaler Stadion mit dem Umzug der BSG nach Hoyerswerda sowieso überflüssig. Zuletzt spielte Dynamo drin, jetzt ist nur noch das Funktionsgebäude in Benutzung, sind die Stehränge zugewachsen, stehen Tannen in den Toren. Ein bizarres, ein trauiges Bild aber eben auch ein Beispiel für den stetigen Wandel der Menschen, der Industrie und des Fußballs

Wie sehr die Gegend im Wandel ist sollte ich bald knallhart selbst erfahren. Um 14 Uhr hatte ich einen Termin mit zwei Fußball-Legenden der BSG Aktivist in Hoyerswerda. Weil die B96 zwischen Spreetal und „Hoywoy“, wie die Einheimischen sagen, gesperrt war, wollte ich über einen Radweg am See entlang. Meine Landkarte zeigte eine Brücke, um auf die richtige Seite zu kommen. Perfekt! Als ich den See sah war ich jedoch leicht erschrocken über seine Größe. Wie soll ich das in 45 Minuten schaffen? Aber die Brücke im Plan! Ich radelte also los, und als ich an der im Plan eingezeichneten Brücke ankam, war da nichts als unendlicher See. Geflutet. Jetzt hatte ich ein Problem. Um den See rum brauchte ich mindestens noch ne Stunde, und entlang der B96 war ja gesperrt. Ich ging auf volles Risiko und peste zurück zur B96, wo es tatsächlich einen Radweg gab, der entgegen der Beschilderung nicht gesperrt war. Als er nach ungefähr fünf Kilometern endete hörte ich Autos fahren und war erleichtert. Geschafft! Am Ende hatte ich zehn Minuten Verspätung, wohl auch, weil der bald mörderische Verkehr auf der B96 mich ziemlich zur Eile antrieb.

Vor dem Stadion in Hoyerswerda warten bereits zwei Herren im besten Alter auf mich: Jürgen Socher, Chef des Traditionsvereins der BSG Aktivist Schwarze Pumpe, sowie Peter Prell, zwölf Jahre lang Trainer der Mannschaft, die unter seiner Führung dreimal Vizemeister der Liga (2. Liga) wurde.

Links Jürgen Socher, rechts Peter Prell

Für die Dauer eines Fußballspiels plauderten wir über Schwarze Pumpe und Kulissen von 12.000 und mehr Zuschauern, ein unvergessenes Pokalspiel gegen Magdeburg, als Pumpe nur knapp die Sensation verpasste, über die übermächtige BSG Energie aus Cottbus, an der man nicht vorbeikam und über all die Strukturen, die aus dem Amateursport Fußball zu DDR-Zeiten verkappten Profisport machten. Auch in der 2. Liga. Als ich Trainer Prell fragte, wie oft er trainierte, guckte er mich erstaunt an und meinte nur: „na täglich natürlich!“

Zum Abschluss bekam ich ein Trikot der BSG Aktivist überreicht, das natürlich einen Ehrenplatz in meiner Kollektion einnehmen wird und mit seiner schwarzgelben Farbkombination eh perfekt passt. Am Montag schon der herzliche Kontakt mit Buchautor Ronny Klein, jetzt diese wunderbare Begegnung mit Legenden der Hoyerswerdaer Fußballgeschichte – so ein klein bisschen Schwarze Pumpe bin ich nun auch!

Worüber wir weniger sprachen war die Gegenwart. Kein Geld, keine Strukturen, eine Stadt, die nicht am Fußball interessiert ist. Zukunft? Hat ambitionierter Fußball in Hoyerswerda nicht. Kreisoberliga ist gegenwärtig das Schicksal des Hoyerswerdaer FC, des bisherigen Endprodukts einer Reihe von Umbennungen und Fusionen. „Da gehen noch 20 Leute hin, und ich sehe nur selten Jugendliche traineren“, sagten die beiden Hoyerswerdaer Fußballweisen resigniert.

Meine letzte Stadion war die Siedlung Laubusch, deren BSG Aktivist es mal bis in die 3. Liga schaffte und auch aus purem Kumpelgeist bestand. Auch hier wieder Arbeitersiedlungskultur, wie ich sie aus dem Ruhrpott kenne. Die Siedlung Laubusch ist einerseits eine der ältesten Gartenstädte des Landes und andererseits eine Vorhut der Industrialisierung.

Leider trieben mich zwei Sachen an: die Frage nach einem Übernachtungsplatz sowie stockdüstere Gewitterwolken aus dem Süden. Ich gab also ordentlich Gas und heizte über einen Singletrail durch den Wald erst nach Laubusch, wo das Stadion leider verschlossen war und dann weiter nach Geierswalde, wo ich am ersten Camping abblitzte, am zweiten aber Zugang fand. Uff!

Abgeblitzt wurde danach auch das angekündigte Megagewitter (5-10 mm in zehn Minuten wurden prognostiziert). Auf dem Campingplatz hieß es, ich müsste mir keine Sorgen machen, in Geierswalde regne es nur sehr selten. Und tatsächlich: während in Bautzen Keller vollliefen, blieb es hier bis auf ein paar Tropfen trocken. Und so sitze ich noch immer, während ich diese Zeilen schreibe, am Strand, kümmere mich um den Refill meiner Flüssigkeitsspeicher und genieße die am Strand hockende Jugendkultur à la Lausitz. Unterscheidet sich nicht groß von der anderswo: fragwürdige Musik, viel Alkohol, zuckersüße Techtelmechtel zwischen den Geschlechtern und insgesamt ziemlich coole, entspannte Stimmung.

Morgen gehts nach Brieske, wo ich um 10:30 Uhr einen Termin mit einem lokalen Experten habe. Ist schon klasse, so ne Recherechereise. Fühlt sich fast wie Urlaub an! Schon nett, diese Lausitz!

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