Monat: August 2013

Radeln zwischen Sorge und Elend

Man kann über die geografische Lage meines Wohnortes sagen was man will, einen Vorteil hat sie in jedem Fall: der Harz ist direkt vor der Haustür! Und der Harz ist nicht nur ein echtes Radelparadies, er bietet bei afrikaähnlichen Temperaturen wie in den letzten Wochen auch höchst willkommene „Sommerfrische“.

Also pedalierte ich tüchtig durch Örtchen mit so schönen Namen wie Sorge und Elend, nahm mir ab Schierke den Brocken unter die Slicks und schaffte endlich mal das Innerstetal zwischen Wildemann und Langelsheim, das wirklich ausgesprochen schön ist. Doch der Harz ist nicht nur was für die schnellen Flitzer, der Harz ist auch bestens geeignet für die fetten Stollen! Heute beispielsweise bezwang ich einen giftigen Riesen namens „Großer Knollen“, der zwischen Herzberg und Bad Lauterberg liegt und der seine 687 Höhenmeter tapfer mit ruppigen Pisten und rüden Anstiegen gegen angreifende Radler verteidigt. Nach rund zehn Kilometer schwerster Schufterei kam ich einigermaßen durchgeschwitzt oben an und traf sogleich auf drei junge Wandersleute aus Hamburg, die mit ihren schweren Rucksäcken deutlich mehr als ich schimpften. Wir waren uns zudem rasch einig, dass mir nun auf der Abfahrt einiges an Spass bevorstand, während sie mit ihren schweren Gepäckstücken wohl die Fußbremse würden treten müssen. Na, jedem sein Sport. Die Abfahrt war in der Tat grandios. Anfangs noch eine tückische weil sehr lockere Schotterpiste traf ich bald auf eine zwar ruppige aber trotzdem übersichtliche Naturpiste, auf der ich den Bremsen frei geben konnte und viel zu schnell das Siebertal erreichte. Dort zieht sich übrigens neben der Straße ein wirklicher grandioser Singletrail über zig Kilometer Richtung Herzberg, der mir einen Heidenspass bereitete!

Berge hoch und runter radeln werde ich in den Anden vermutlich mehr als mir lieb sein wird. Insofern kann ein bisschen Vorbereitung vielleicht nicht schaden. Eher weniger „Vorbereitung“ als vielmehr Spass mit einer gehörigen Portion Abenteuerthrill war ein Besuch im Bikepark Hahnenklee, den ich an einem der Wochenenden davor unternommen hatte. Ein Bikepark ist im Grunde genommen das sommerliche Äquivalent zu einem Skigebiet. Man fährt per Seilbahn mitsamt Rad auf den Berg, hat dort mehrere Pisten zur Auswahl und rast je nach Mut und Risikobereitschaft Pisten verschiedener Schwierigkeitsgrade hinunter. Die Pisten tragen so skurille Namen wie Northshore und Freeride, und weil man wie beim Skifahren häufig mit der Erdanziehung zu kämpfen hat, es aber keinen fallabbremsenden Schnee gibt, braucht es Schutzkleidung: Vollhelm, Schutzpanzer, Bein- und Knieschoner. Ich ähnelte ein wenig einem Jedi-Ritter, als ich das erste Mal oben stand (leider hatte ich meine Kamera nicht mitgenommen) und nach der Piste für „Anfänger“ Ausschau hielt. Erstmal einfach anfangen und gucken war der Gedanke. Doch von wegen „mal gucken“! Kaum hatte ich den als „einfach“ ausgewiesenen Singletrail gefunden, ging es auch schon im Sturzflug hinab und mir blieb keinerlei Zeit festzustellen, dass die ausgewiesene Strecke nicht die erwartete fröhliche Kinderpiste war. Statt dessen: harte und schwere Arbeit. Das schöne am Mountainbiken ist ja, das man ständig irgendwas anderes machen muss. Aber wenn man das bei Tempo 35 an einem steilen Abhang und auf einer von Wurzeln, Steinen und Bäumen übersäten Piste tut, reduziert sich die Reaktionszeit auf null, heißt es, ständig zu reagieren und sich neu zu justieren. Ein Heidenspass, aber eben auch echte Knochenarbeit. Auf YouTube sind diverse Filmchen von echten Abfahrkönnern, und wer mal einen Blick riskieren möchte, dem empfehle ich diesen Streifen: http://www.youtube.com/watch?v=QaDM5BMJSmA
andes-1Ansonsten ist die Ruhe vor dem Sturm noch recht ausgeprägt, ist die Beschäftigung mit The Andes Trail eher theoretischer Natur. Immerhin besitze ich inzwischen eine Landkarte und habe den Streckenverlauf auch schon rudimentär markiert. Auch die Sache mit dem Spanisch-Lernen ist bislang kaum über „theoretische Natur“ hinweggekommen. Aber das wird schon noch, da bin ich zuversichtlich.

Gelesen habe ich dafür die recht amüsante Erzählung „The Trail to Titicaca“ von Rupert Attlee, der 1994 mit zwei Freunden per Mountainbike von Ushuaia (Feuerland) bis zum Lake Titicaca geradelt ist und dabei einiges erlebt hat. Attlee schreibt mit wunderbar trockenem britischem Humor von all den Unbillen, die dem Trio unterwegs so aufgelauert haben. Die eine oder andere Herausforderung wird wohl auch uns bevorstehen. Auf die legendären Winde im Süden von Patagonien bin ich jedenfalls schon ziemlich gespannt und werde sicherlich einen der diesjährigen Herbststürme mal als „Testlauf“ benutzen.

andes2Attlee schreibt aber auch von einer betörenden Landschaft (und das nicht nur in Patagonien) und Menschen, die irgendwo zwischen reichlich skurril (das nun wieder in Patagonien) bis hin zu überwältigend nahbar (Bolivien) angesiedelt sind. Da weiß ich nicht nur, wofür ich demnächst die Spanisch-Lehrbücher wälzen werde, da weiß ich vor allem, dass ich mich unbändig drauf freue. Das nämlich ist ein großer Unterschied zur Tour d’Afrique. Afrika war ein Kontinent, von dem ich viel wusste und auf dem ich mich ein wenig auskannte. In Südamerika ist mir vieles fremd, reicht mein Wissen kaum für rudimentäre Bilder von Ländern und Menschen. Insofern wird The Andes Trail wohl auch eine „Überraschungsreise“ werden.

In diesem Sinne: bis demnächst.

Vom Mittelpunkt zum Ende der Welt

Juhu, da bin ich wieder! Viel Fußball war für mich angesagt in den letzten Monaten (im Oktober kommt mein Bild-/Textband „Wenn Spieltag ist. Fußballfans in der Bundesliga“), und das mit dem langen Winter und dem späten Sommer war ja auch nicht wirklich hilfreich für Konditionsbildung wie Körperertüchtigung.

Nun aber steht ein neues Abenteuer auf dem Programm, denn exakt heute in einem Jahr (1. August 2014) werde ich nördlich der equadorianischen Hauptstadt Quito vermutlich ziemlich aufgeregt auf den Sattel klettern und auf den Startschuss für „The Andes Trail“ warten! Wie die Tour d’Afrique ist auch „The Andes Trail“ ein Etappenrennen, das über 11.000 Kilometer und durch fünf Länder vom Mittelpunkt der Welt (nämlich dem Äquator) bis zum Ende der Welt (in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, an der Pforte zur Antarktis) verläuft. Und ich kann Euch sagen: ICH FREU MICH DRAUF!

„Jenseits der Komfortzone, reloaded Teil 2“, also?

Nein, eher nicht! Einiges wird sicher ähnlich sein wie auf der Tour d’Afrique (meine Gesäßknochen freuen sich schon…), vieles aber wird anders sein. Die Sprache beispielsweise. In Afrika kam ich prima mit Englisch zurecht – in Südamerika hingegen ist Spanisch angesagt, Und da heißt es bei mir bislang „nada“, bin ich über das Rezitieren von solch elementaren Begriffen wie „hola“, „cerveza“ oder „bicicleta“ kaum hinausgekommen. Neben der körperlichen Vorbereitung heißt es diesmal also auch Vokabeln pauken. Noch ist aber ordentlich Zeit, und weil die Tour klimatechnisch deutlich besser als die Tour d’Afrique liegt (die ja am 15. Januar mitten im europäischen Winter losging), bin ich zumindest bezüglich der körperlichen Vorbereitung halbwegs gelassen. Und was die Sprachkenntnisse betrifft – dafür kriegen wir bestimmt wieder so einen ekeligen langen und kalten Winter…

11.000 Kilometer, 108 Tagesetappen, fünf Länder – soweit die Eckdaten von „The Andes Trail“. Los geht es auf rund 2.850 Metern in Ecuador, und bis Peru stehen schon diverse Anstiege auf dem Programm – es werden nicht die letzten sein. In Peru passieren wir den Titicacasee und erreichen Bolivien, wo es auf der Hochebene in ziemlich dünner Luft weitergeht. Nach der berühmten Salzwüste empfängt uns ein grünes Argentinien, ehe wir mit Patagonien den vermutlich unwirtlichsten Teil der Tour erreichen, der mich gleichwohl jetzt schon ziemlich fasziniert. Vor allem auf die gefürchteten Seitenwinde im äußersten Süden bin ich gespannt – letztes Jahr hat es da sogar LKWs umgepustet! Wie sich das wohl auf dem Rad anfühlt? Mit dem Erreichen der Eingangspforte zur Antarktis endet die Tour dann Mitte Dezember passenderweise im „Fin-del-mundo“ („Ende der Welt“) genannten Städtchen Ushuaia im äußersten Süd des argentinischen Teils von Patagonien.

South-AmericaDass die Afrikadurchquerung kein einmaliges Erlebnis bleiben würde, wusste ich im Grunde genommen schon Stunden nach meiner Ankunft in Kapstadt im Mai 2011. Am nächsten Tag hockte ich in einem Internetcafe und durchsurfte das www nach vergleichbaren Touren. Zunächst war die Seidenstraße mein Favorit (Länder wie Kasachstan, Kirgisistan, Mongolei etc. stehen schon seit langem auf meiner Wunschliste), doch irgendwie las sich Südamerika am Ende spannender. Die Anden als radfahrtechnische Herausforderung, die uralten Kulturen, von denen ich bislang keine Ahnung habe, die klimatischen Verhältnisse, die während der vier Monate offenbar alles zwischen brütend heiß und schweinekalt parat halten werden – irgendwie ist es dann doch „Jenseits der Komfortzone. Teil 2“! Und dann ist da noch die reichhaltige Fußballtradition in Ländern wie Argentinien, Chile, Bolivien und Peru, auf die ich nicht erst neugierig geworden bin, seit ich im zweiten Band der Weltfußball-Enzyklopädie darüber schrieb. Nach Ende des Rennens am 14. Dezember 2014 will ich daher in Buenos Aires und Uruguay auch noch ein bisschen auf Spurensuche gehen.

Unterwegs bin ich diesmal mit „Bike dreams“, einem holländischen Veranstalter, der auch das Radrennen Paris – Dakar durchführt, an dem ich 2011 ja ursprünglich hatte teilnehmen wollen. Wegen der politischen Lage vor allem in Mauretanien hat das Rennen seit einigen Jahren leider nicht mehr stattfinden können. Ich habe viel Gutes über Bike Dreams gehört und bin gespannt, wie die Unterschiede zwischen einem europäischen und einem nordamerikanischen Veranstalter ausfallen. http://www.bike-dreams.com.

Ein Jahr kann lang sein, ein Jahr kann aber auch verdammt kurz sein. Wie es für mich verlaufen wird, werde ich diesem Blog dokumentieren. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate will ich die fünf Länder und ihre Besonderheiten/Herausforderungen vorstellen, ein bisschen aus der Praxis der Vorbereitung für ein solches Unterfangen plaudern, von meiner technischen Ausstattung während der Tour erzählen und bestimmt auch mal einfach vor Vorfreunde ordentlich rumschwärmen. Bücher zur Vorbereitung habe ich jedenfalls schon einige beisammen. Sehr gespannt bin ich auf „Der alte Patagonien-Express“ von meinem Lieblingsreisebuch-Autor Paul Theroux, aber auch auf das hochgelobte „In Patagonien“ von Bruce Chatwin. Und Rupert Attlles Klassiker „The Trail to Titicaca“ wird besonders spannend sein, denn Attlee fuhr 1996 mit zwei Freunden nahezu dieselbe Strecke, die wir 2014 fahren werden – allerdings startete die Gruppe in Ushuaia.

Ich fänd’s jedenfalls sehr schön, wenn Ihr wieder dabei wärt wenn es am 1. August 2014 heißt: „Start frei zum größten Abenteuer des Lebens!“ (P.S.: Frische Infos zu Radfahren wie Fußball gibt es übrigens auch auf Facebook: https://www.facebook.com/hardygruene)

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