Monat: Januar 2021

Tour d’Afrique – Zehn Jahre danach

Heute vor zehn Jahren stand ich bibbernd vor den Pyramiden von Gizeh und wartete auf den Startschuss zu einem Abenteuer, das mein Leben verändern sollte: Die Tour d’Afrique. 12.000 Kilometer mit dem Fahrrad von Kairo nach Kapstadt. Vier Monate, zehn Länder, 94 Tagesetappen, durchschnittlich 123 Kilometer am Tag. Mein Rekord hatte bis dahin auf 166 Tageskilometern gestanden, und weil der Dezember 2010 der bis heute letzte „echte“ Winter mit viel Schnee war, ging ich frappierend untrainiert ins Megaabenteuer.

Ich habe gelitten, ich habe gejubelt (zum Beispiel über den Sieg einer Tagesetappe), ich habe mit schrecklichem Durchfall gekämpft, mich Berge hochgequält, bin durch die nordkenianische Wüste geschlichen, habe in rudimentären Camps übernachtet und all das gegessen, was man in Afrika so bekommt. Hab den Teamgeist genossen, aber auch entdeckt, dass ich gerne alleine auf dem Rad unterwegs bin. Bin tollen Menschen begegnet, habe mich manchmal wie ein Geldautomat auf Rädern gefühlt („give, give“), im Kinderlachen gebadet, das ich mit meinem Auftauchen auslösen konnte. Hab mich in Afrika verliebt, in diesen unfassbar fröhlichen Kontinent, der doch immer so am Rande des Abgrunds zu schweben scheint. Was wir Bewohner der Komfortzone von Afrika lernen können ist elementar: Leben im Moment, losgelöst von Sorgen und Furcht vor Dingen, die kommen könnten.

Die Tour d’Afrique hat mein Leben verändert. Meinen Fokus verschoben, mich zum Radreisenden gemacht, mir Erfahrungen geschenkt, die ich in unseren Breitengraden niemals machen könnte und die meine Perspektive auf die Welt und die Zusammenhänge veränderte. Wer are one world, das weiß ich spätestens seit 2011. Gerade mit Blick auf Afrika ein herausfordernder Slogan, wie wir in diesen Corona-Tagen erneut erfahren. 2024 könnte das Jahr sein, in dem Schwarzafrika Corona-Impfstoff bekommt. 2024! Der Blick aus der Komfortzone ist immer auch verzerrt.

Die Tour d’Afrique war in dieser Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Knapp 100 Abgesandte der Komfortzone radelten durch die ärmsten Gegenden des ärmsten Kontinent der Welt. Ich habe es damals nur geahnt, heute weiß ich es: die Tour d’Afrique als Erlebnisreise für gut betuchte Westler bringt vor Ort einiges durcheinander. Ich erinnere mich an viele Gespräche im Camp, wo wir über die Herausforderungen sprachen. Unsere eigenen, weil die kommende Etappe ein paar Hügel hatte, wir nicht wussten, wie genau das Terrain aussieht und immer wieder über unsere Rennzeiten. Über die Menschen, weil wir fürchteten, dass unsere kostbaren Carbon-Räder Schaden leiden könnten, denn sie wirkten verführerisch in der Armut Äthiopiens, Kenias oder Malawis. Über die Kinder, auf dem Kontinent mit dem geringsten Durchschnittsalter der Welt allgegenwärtig, die uns mit ihrer Fröhlichkeit bedrängten und mit ihrer bitteren Armut in einen Gewissenskonflikt brachten. Die Folgen, wenn 100 ausgehungerte Komforttouristen das Hotelbuffet stürmen oder in einen Supermarkt irgendwo in Nordmalawi einfallen und alles aufkaufen, was am Lager ist.

Aber wir haben Afrika auch gegeben. „Der Zirkus Tour d’Afrique ist zu Gast“, sagten wir oft, wenn wir abends im Lager saßen und in die großen Kinder- und Erwachsenenaugen um uns herum schauten. Wir brachten buchstäblich Farbe mit unseren Trikots, wir brachten aber auch Exotik. Ich erinnere mich an eine Szene in Nordkenia, wo ich erschöpft im Schatten saß und eine Cola trank, als ein Massai im klassischen roten Gewand mit Speer in der Hand auftauchte. Er sah mich, zückte sein Handy und machte ein Foto von mir. Wir waren auch Exotik in dem, was wir selbst als Exotik empfanden. Entscheidend war, dass Kontakt zwischen den Welten stattfand. Dann profitierten beide Seiten.

Zehn Jahre danach bin ich zutiefst dankbar für die Erfahrung, die mir neue Wege im Leben aufgezeigt hat. Pedal the world – das ist ein wunderbares Motto, und dass ich 2011 zum „hardy cyclist“ wurde („hardy“ steht im Englischen für „kühn“ und „widerstandsfähig“) war eine dieser raren Weichen im Leben, nach denen alles anders ist.

Zehn Jahre danach ist es aber umso wichtiger, in Pandemiezeiten den klaren Blick auf uns und Afrika nicht zu verweigern, sondern hinzuschauen. Unsere eigenen Probleme mögen greifbar, bedrängend, existenzbedrohend sein. Und unsere Gefühle dafür sind auch zweifelsohne berechtigt. Und doch stehen sie in Relation. Manchmal hilft es, genau das zu sehen. Nicht um unsere Probleme „klein“ zu machen, sondern um zu erkennen, dass es auf dieser Welt Menschen und Gegenden gibt, in denen die Lebensverhältnisse ungleich anders sind. Uns dass wir mit unserer komfortablen Lebenswelt daran einen Anteil haben. Dass wir mit unserem Konsumverhalten dazu beitragen, dass Kinder im Nordkongo ausgebeutet werden, weil sie Rohstoffe für unsere Handy abbauen, dass in Nigeria die Umwelt zerstört wird, um Öl zu fördern, dass in so vielen Ländern korrupte Politiker im Amt gehalten werden, weil wir mit ihnen so schön Handel treiben können.

We are the world!

Zur Tour d’Afrique habe ich ein Buch geschrieben, das es im Handel nicht mehr gibt, über mich aber noch bezogen werden kann. Für 15 Euro kann es über meine Website www.hardy-gruene.de bezogen werden (Shop/Bestellungen). Und wer meine Blogeinträge von damals nachlesen möchte kann hier beginnen, beim Bericht der ersten Etappe, die von Kairo in die Wüste führte.

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