Im Tal der Höhenmeter

„Höhenmeter machen. Jeder trainierte Höhenmeter hilft Dir auf der Tour.“ Das kriegte ich bei meiner kleinen Umfrage unter früheren Tuscany Trail-Teilnehmern letzten Monat von jedem zu hören. „Die ersten 20 Kilometer sind noch okay. Dann geht es in den ersten Anstieg, und da merkst sofort, ob Du genug Höhenmeter in den Beinen hast. Wenn nicht, dann viel Spaß“…

Lago di Caldonazzo im abendlichen Nieselregenkleid

Höhenmeter also. Und genau die sammle ich nun in einem herrlichen Tal südlich des Lago di Caldonazzo im Trentino en gros an. Heißt im Klartext: Im Kriechgang die bis zu 12-Prozenter hoch, oben umdrehen und wieder runterrasen. Ein bisschen flachfahren und ab in den nächsten Anstieg. Wieder den Schweiß aufs Oberrohr fließen lassen, dem Tacho beim Melden von widersprüchlichen Zahlen folgen (Geschwindigkeit: 6 km/h, Steigung 12 Prozent) und hoffen, dass wirklich jeder Höhenmeter zählt, wenn es ab dem 1. Juni ernst wird.

Es ist nicht so, dass es kein Vergnügen bereiten würde. Vor allem heute, wo die Sonne endlich Regen und Wolken verdrängt hat und mit ihrer Lichtkraft die Bergkulisse geradezu malerisch ausleuchtete. Sah ausgesprochen schick aus, insbesondere dort, wo die Niederschläge des Wochenendes als Schnee runtergingen und kleine lustige Käppchen auf den Gipfel hinterlassen haben.

Aber auch sonst passt es. Denn hier im Tal gibt es ein fantastisches Radwegenetz, das vorzüglich ausgeschildert ist und reichlich Kilometer zum flachen Einfahren liefert. Quasi autofrei, durch Weinberge, Apfelplantagen und zumeist entlang des Fiume Brenta, einem kümmerlichen Rinnsal, das als letzte Erinnerung an die Wassermassen, die das Tal vor Millionen von Jahren modellierten, geblieben ist.

Je weiter südlicher man kommt, desto mehr beruhigen sich dann auch die am Lago noch dichtgedrängten Bergmassive ins Tal und schauen leicht versnobt hinunter auf die tosenden Massen von Autos, Lastern, knatternden Mopeds und schwitzenden Radlern, die sich durch die Ebene Richtung Padova quälen und ihre Energie für so sinnlose Dinge wie Fortbewegung verbrauchen.
Wer zu ihnen hochwill, der muss bereit für einen mächtigen Schweißzoll und sich den Zugang zu den mit Zement und Gottvertrauen in die Hänge geklammerten Weiler und winzigen Orte wortwörtlich erarbeiten.

Aktueller Formcheck: Auch wenn die Beine nur mühsam und vor allem schleppend in die Stampfrythmus kommen bin ich zuversichtlich, dass die abgeplagten Höhenmeter ihre Wirkung haben werden.

Olle ist ein Ortsname, der mich als im Ruhrgebiet Aufgewachsenen erstmal an altersunweisen Ehemännern erinnert. Hier liegt am Fuß einer dieser heldenhaften Serpentinenstrecken, denen ich mich stellte.

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