Monat: Mai 2014

Der Countdown läuft!

South-AmericaNoch zwei Monate, dann werden aus diesen verschiedenfarbigen Linien und Strichen, die ich seit knapp einem Jahr ständig vor der Nase habe, endlich knallharte Fakten. Noch zwei Monate, dann sitze ich nicht mehr „trocken“ vor einer Straßenkarte von Südamerika, sondern pedaliere auf der Panamericana in Richtung Süden. Ich kann es kaum erwarten!

Und bin zugleich froh, dass es noch zwei Monate sind. Denn irgendwie scheint der Berg der vor der Abreise zu bewältigenden Aufgaben nicht kleiner zu werden. Obwohl inzwischen mein Rad zusammengebaut ist, obwohl ich erfolgreich an der Form feilen konnte, obwohl die Ausrüstung allmählich Konturen annimmt. Unzählige Fragen warten derweil noch immer auf Antwort. Wie sieht der ideale Schlafsack für ein Temperaturspektrum zwischen bis zu – 15 Grad und lauen Sommernächten aus? Welche Reifen will ich auf welchem Terrain aufschnallen? Wie um Himmels willen soll ich bloß in zwei Monaten diese vermaledeite spanische Grammatik „drauf“ haben?

Die Zeit vor dem Abenteuer ist herrlich, auch wenn sie voller Unsicherheiten steckt. Mit dem Rad durch die Anden zu fahren ist eben kein Pauschaltrip mit geringem Überraschungsrisiko, sondern ein Abenteuer, auf das man besser möglichst umfassend vorbereitet ist – und zugleich gar nicht vorbereitet sein kann. Es ist diese kribbelnde Ungewissheit, die meinen Herzschlag erhöht, die mich voller Vorfreude an den 1. August denken lässt, wenn The Andes Trail endlich den Startschuss erhält und wir uns auf den Weg ins 11.000 Kilometer entfernten Ushuaia machen.

Vom Mittelpunkt der Welt zum Ende der Welt. Jenseits der Komfortzone.

P1050753  Das wichtigste Utensil, das ich neben meinem Körper unterwegs brauchen werde, steht inzwischen startklar im Schuppen. Mein Rad für Südamerika ist eine Sonderanfertigung im Spezialbausatz. Die Erfahrung während der Tour d’Afrique 2011 haben mir sehr geholfen, eine etwas konkretere Vorstellungen von meinem Traumbike zu bekommen. In Afrika fehlte mir vor allem eine Federgabel sowie die Möglichkeit, breitere Reifen als nur 37er in den Rahmen zu bekommen. Damals war ich insbesondere auf den harten off-road-Passagen arg gehandicapt und ließ mich von rüden Wellblechpassagen und tiefe Sandpisten martern. Da es das Rad, das ich gerne hätte, nicht von Stange gibt, blieb nur eine Möglichkeit: Selbstbau. Gemeinsam mit meinem favorisierten „Fahrradflüsterer“ Stephan Beckmann machte ich mich also an die Planungen und letzte Woche dann auch an die Umsetzung. Ein Crossrahmen, eine Stahlfedergabel, die 105er Gruppe mit Cantilever-Bremsen, dazu ein Rennradlenker mit Aufsatz – das war das Ziel. Und statt einer Kompaktschaltung, wie ich sie in Afrika fuhr, votierte ich diesmal für die etwas bequemere Variante eines Dreifachblattes (50/39/30) und einer 11/28-Kassette. Problem: Theoretisch passte das alles überhaupt nicht zusammen.

P1050755Theoretisch!

Denn nach einem lustigen und zudem überaus lehrreichen Abend an der Seite von Stephan bildeten MTB-Überwerfer und 105er Gruppe sowie Cantilever-Bremsen und Stahlfedergabel bestens miteinander harmonierende Komponenten, stand plötzlich mein Traumrad in Realität vor mir. Das ist das Schöne am Rennrad – die Maschine selber ist so karg an Material, dass es eine fast puritanische Freude ist, diese wenigen Dinge sanft miteinander in Berührung und in Bewegung zu bringen. Bis es dann dasteht, jungfräulich und zugleich ungeduldig, bereit, die Kraft des Fahrers in Energie umzusetzen. Vergleicht man ein Fahrrad mit einem Auto ist die Schlichtheit des Fahrrads einfach überwältigend.

P1050759Ich schwärme. Natürlich hatte mein Bausatz auch seinen Preis. Ein echtes Leichtgewicht ist mein Südamerika-Renner nicht. Irgendwo müssen die Kompromisse ja nun mal herkommen. Die Federgabel bringt 1,6 kg auf die Wage, und das ist zu spüren. Doch ich bin guter Dinge dass ich auf den 11.000-Anden-Kilometern weitaus häufiger voller Freude über rumpelige Abfahrten gleiten werde als mich über das zusätzliche Kilo zu ärgern. Und mal ganz ehrlich: geht es bei einem 11.000-Kilometer-Rennen wirklich um die Auswirkungen eines zusätzlichen Kilogramms Gewicht auf die Gesamtfahrtzeit? Eben!

P1050760Die ersten Testfahrten bestätigten den Eindruck. Was für eine Freude, nicht mehr ausschließlich auf Asphalt angewiesen zu sein sondern ohne nachzudenken auf Feldwegen in der Botnik verschwinden zu können. Mit dem Renner braucht man ja zwingend Asphalt unter den schmalen Pneus, muss man sich vorher vergewissern, ob es auf dem Weg auch weitergeht. Nun stellte sich ein gänzlich neues Fahrgefühl ein. Breitete sich Freiheit aus, öffneten sich neue Regionen und Wege, drang ich ohne nachzudenken in unbekanntes Terrain vor. Keine zehn Minuten hatte ich auf dem Rad gesessen, da steckte ich schon irgendwo mitten in einem Wald bei Göttingen und hatte keine Ahnung, wo zum Teufel ich sein könnte. Freiheit heißt eben manchmal auch, vom Weg abzukommen. Und irgendwie habe ich ja schließlich auch wieder auf meinen Weg zurückgefunden.

10320602_671387966231763_8157366584196921715_nwerkstatt 001Neben dem Rad ist inzwischen noch ein weiteres wichtiges Utensil für die Südamerika-Tour angekommen: meine Radtrikot-Spezialedition  „The Andes Trail“. In der sensationellen Sonderauflage von exakt fünf Exemplaren angefertigt kann ich nun zumindest stilvoll durch Südamerika radeln – wenn ich schon auf dem Rad nicht immer eine gute Figur abgeben werde… In diesem Zusammenhang möchte ich mich ausdrücklich bei meinem Medienpartner Verlag Die Werkstatt bedanken, bei dem im Übrigen nach der Tour auch mein Buch über „The Andes Trail“ erscheinen wird. Dass man im Verlag schon jetzt ein wenig mitfiebert, macht mich stolz und glücklich, ein „Werkstattler“ zu sein.

Copyright: Sportograf

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Ansonsten habe ich den milden Winter und das sommerliche Frühjahr genutzt, um an meiner Form zu feilen. Zum ersten Mal überhaupt habe ich mit einem richtigen Trainingsplan gearbeitet und gute Erfahrungen damit gemacht. Zwar kostete es mitunter Überwindung, bei steifem Gegenwind oder kühlem Regen das Tagespensum durchzuziehen, der Lohn aber deutete sich schon während des Programms an, als ich zunehmend das Gefühl einer wachsenden Fitness bekam. Und bei der Problem aufs Exempel – der Tour d’Energie Ende April in Göttingen – war der Lohn dann auch in konkreten Zahlen abzulesen, denn ich fuhr rund 20 Minuten schneller als bei meiner letzten Tour-Teilnahme 2012. Nun stehe ich allerdings eher vor der Frage, wie ich meine „Lust“ auf Radeln möglichst lange konserviere, denn da The Andes Trail erst am 14. Dezember endet, habe ich eine ungewöhnlich lange Saison vor mir. Insofern lasse ich es gegenwärtig ein wenig ruhiger angehen und betreibe vornehmlich Grundlagentraining.

P1050714 DB-MVN-D-09_0617Zwischenzeitlich stand aber noch ein Kurzausflug nach Frankreich auf dem Programm, wo ich neben dem Besuch des Pokalfinals zwischen En Avant Guingamp und Stade Rennes (2:0 für meine Guingampais) auch ein paar Bergetappen einschob – darunter den Ventoux von der Nordseite (also Malaucene). Insgesamt bin ich zumindest körperlich durchaus guter Dinge, für die kommenden Abenteuer in Südamerika gut gerüstet zu sein.

Zum Schluss noch ein Hinweis. Zwar ist nach der Tour vor der Tour, doch manchmal ist auch vor der Tour noch nach der Tour. So bin ich am 18. Juni 2014 bei Fahrrad XXL Emporon in Chemnitz mit meiner Bilderreise Tour d’Afrique zu Gast. Startschuss ist um 20 Uhr! http://www.fahrrad-xxl.de/news-events/bilder-video-vortrag-hardy-gruene