Tour d’OSTalgie 2020

20191001_1043021021337647.jpgWas vermisst ihr am meisten in Corona-Zeiten? Bei mir sind es Livemusik, Kino, Theater sowie Café- und Kneipenbesuche. Eben die alltäglichen Kleinigkeiten des Lebens. Fußball fehlt mir, das überrascht mich selbst, gar nicht so arg, wobei das sicher auch damit zu hat, dass der Profifußball gegenwärtig erfolgreich Vertrauen verspielt statt Sympathien zu gewinnen.

Radfahren? Das geht ja im Vergleich zu anderen Ländern wie Frankreich oder Italien hier ziemlich problemlos, und tatsächlich sehe ich bei meinen Ausflügen gegenwärtig deutlich mehr Radler als normalerweise. Dazu hat sich auch das E-Bike beigetragen, eine unterm Strich grandiose Entwicklung für viele Menschen, die eher gemütlich und dennoch ökologisch unterwegs sein wollen oder für die das „normale“ Radfahren schlicht nicht möglich ist.

Was ich auch vermisse ist die Freude des freien Planens und die Vorfreude auf das freie Reisen. Dabei habe ich noch Glück, denn meine diesjährige Planung kann ich trotz Reisebeschränkungen weitestgehend umsetzen. Lediglich der Belgien-Trip, bei dem ich just in dieser Woche mit meinem Zeitspiel-Kompagnon Bernd Sautter eigentlich ein paar raubeinige Klassiker wie die Wand von Huy unter die Pneus nehmen wollte, musste abgesagt werden. Vielleicht klappt es ja 2021.

Mein großes Sommerabenteuer aber läuft wie geplant und ich bin auch zuversichtlich, dass ich es tatsächlich werde antreten können. Denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten, und das ist jetzt nicht übertrieben, zieht es mich NICHT ins Ausland, was in diesem Jahr vermutlich ohnehin kaum möglich wäre. Als ich letztes Jahr durch Albanien kurbelte und sowohl auf den Spuren der politischen/gesellschaftlichen Vergangenheit als auch auf denen Fußballs war, musste ich immer wieder daran denken, dass es in meiner unmittelbaren Nachbarschaft eine Region gibt, die eine ähnlich spannende Vergangenheit aufweist. Dann sah ich im Herbst den Film „Gundermann“ über einen Liedermacher aus der Lausitz und mein Entschluss stand fest: 2020 mache ich eine Radreise in die Vergangenheit. Und zwar in die der DDR und ihres Spitzenfußballs! Eine Tour d’OSTalgie!psx_20200504_1419505792094315995549845.jpg273 Sportgemeinschaften spielten zwischen 1949 und 1991 in der Oberliga bzw. der Liga (2. Liga) der DDR. Das sind ganz schön viele! Aber es sind allemal genug, um eine spannende Route zu erstellen und möglichst viel aus der Vergangenheit (und Gegenwart) des Fußball sowie des Landes mitzunehmen. Und diesmal habe ich ja noch nicht mal Sprachprobleme! (na ja, vielleicht in Sachsen, ich schau mal, ob es da eine Übersetzungs-App gibt). Corona hat bislang verhindert, dass ich mich ausführlicher mit den Plänen beschäftigt und auch schon mal eine erste Routenplanung erstellt habe. Bislang weiß ich nur, dass ich von Duderstadt aus losfahren werde, denn dort liegt gleich der erste historische Ort, den ich besuchen möchte: Der ehemalige Grenzübergang Gerblingerode, einer der wenige Übergänge, über den DDR-Bürger in die Bundesrepublik einreisen durften.

Wie es von da aus weitergeht, liegt auch ein bisschen an Euch. Denn ich würde mich gerne mit Leuten treffen, die Lust haben, mir von ihrem lokalen Verein zu erzählen und die Spuren der Vergangenheit zu zeigen. Die Erinnerungen abrufen an die alten und uralten DDR-Tage vor tausenden von Zuschauern in Oberliga oder Liga, die mir von der Gegenwart erzählen und wie man als Verein damit zurechtkommt. Ich will wissen, was Städte, Fußball, Industrie oder LPG einst zusammengeführt hat, was davon geblieben ist, wie die Wendetage verliefen, welche Bedeutung die Vergangenheit für euern Verein und Ort heute spielt usw.

Mich interessieren vor allem jene Teams und Orte, die zwischen 1949 und 1991 in der Oberliga oder Liga unterwegs waren und die heute nicht mehr im Blickpunkt stehen. Also nicht Dynamo Dresden oder Hansa Rostock, sondern Klubs wie Fortschritt Weißenfels, Stahl Thale, Robotron Sömmerda, Kali Werra Tiefenort, Aktivist Schwarze Pumpe, Chemie PCK Schwedt, Halbleiterwerk Frankfurt/Oder, Kernkraftwerk Greifswald, Chemie Buna Schkopau, Stahl Eisenhüttenstadt, Demminer Verkehrsbetriebe, Motor Steinach etc.

Wer sich davon angesprochen fühlt und Lust hat, mir die örtliche Fußballfolklore vorzustellen, den oder die nehme ich gerne auf die Etappenliste meiner DDR-Retrofußball-Tour auf dem Fahrrad auf. Schickt mir einfach eine Mail an hallo at hardy-gruene.de oder kommentiert hier auf dieser Seite. Ich sammle erstmal alles und schaue dann, welche Route sich daraus ergibt. Ihr müsst nichts vorbereiten sondern einfach nur Lust haben, mir bei einem kleinen Stadtrundgang mit Stadionbesichtigung (und möglicherweise Werksbesichtigung) ein bisschen was zu erzählen.

Ich mach dann danach ein Buch aus der Tour d’OSTalgie 2020 und erzähle die Geschichte des Fußballs in einem Land, das es nicht mehr gibt und von dem doch noch so viel da ist.

Starten soll die Tour irgendwann im August 2020, abhängig von der Corona-Entwicklung. Zum einen müssen die Campingplätze wieder offen sein, zum anderen brauche ich zum Radeln eine gewisse geöffnete Infrastruktur. Vor allem aber wäre es schön, wenn wir uns nicht auf zwei Meter Abstand und mit Mundschutz begegnen müssten.

Tour d’OSTalgie 2020 – Ich zähl auf euch!psx_20200504_1619013340060091247999529.jpg

Friedensnobelpreis geht nach Afrika

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Der diesjährige Friedensnobelpreis geht nach Afrika, was ich für eine großartige Entscheidung halte. Äthiopien hat unter Ministerpräsident Abiy Ahmed eine gute Entwicklung genommen, die Hoffnung macht. Für den gesamten Kontinent.

Zugleich erinnert mich die Entscheidung an die Tour d’Afrique 2011, die auch durch Äthiopien führte. Wir haben das Land damals als bizarre Mischung aus wunderbar und schrecklich empfunden. Oder wie man es auch sagen kann: Äthiopien ist ein südsaures Radreiseland.

Nachstehend ein Auszug aus meinem Buch über die Tour, das zwar längst vergriffen ist, von dem ich aber noch ein paar Exemplare am Lager habe. Wer ein Exemplar haben möchte (15 Euro) wird hier fündig.

27. Tag, 22. Etappe. 10. Februar. Metema – Bush Camp. 95 Kilometer

Als ich am nächsten Morgen erwache, halten mich Müdigkeit und Erschöpfung im Schlafsack fest. Es kostet unendlich viel Mühe, mein Zelt abzubauen. Der siebte Fahrtag in Folge. Seele, Kopf und Körper schreien nach Pause. Es stehen zwar nur übersichtliche 95 Kilometer an, die ziehen sich jedoch über 1.000 Höhenmeter. Schon im ersten Dorf finden zudem meine Vorurteile neue Nahrung. Ich bin Schlusslicht einer Gruppe aus fünf Fahrern, als plötzlich ein Hund aus einem Hauseingang rast und mich kläffend verfolgt. Kaum habe ich ihn abgehängt, radelt mir ein Einheimischer mit provozierendem Grinsen auf der falschen Straßenseite entgegen und bespuckt mich. Von überall brüllen Kinder, fliegen Steine, müssen wir Ziegen und Hunden ausweichen. Als endlich die Dorfgrenze erreicht ist, gucken wir uns sprachlos an. „Mein Gott, was war das denn?“, stöhnt ein Mitradler. „Welcome to Ethiopia“, gebe ich bissig zurück.

Mit angespannten Schultern radel ich weiter, zucke an jeder Ortsgrenze zusammen. Überall dasselbe: Kinder paradieren „you, you“, Steine fliegen, Ziegen und Hunde stolpern über die Straße, Erwachsene senden Wut und Abneigung aus. In Koki, einer staubigen Kleinstadt, tobt das Chaos. Ich muss höllisch aufpassen, nicht überfahren oder von einem Tier umgerannt zu werden. Stinkende Busse und LKW rumpeln rücksichtslos über die Straße. Die fremde und ungastliche Welt setzt mir zu. Völlig damit beschäftigt, in dem ganzen Wirrwarr nicht vom Rad geholt zu werden, bleiben mir keinerlei Konzentrationsreserven, um das um mich herum tosende Leben zu durchschauen. Oder gar zu verstehen. Genervt kurble ich zum Ortsausgang, wo der Verkehr endlich etwas nachlässt.

Als es in den ersten Anstieg geht, ist der Zugang zu meinen Kraftdepots versperrt. Ich bin viel zu überdreht und gereizt, um die Aufgabe entspannt und ökonomisch anzugehen. Erst als ich anhalte, mir ein Power-Riegel die Energiespeicher füllt und eine Atemübung den Puls beruhigt, geht es besser. Die Furcht vor Dorfdurchquerungen bleibt zwar, aber immerhin finde ich meinen Rhythmus und pedale entschlossen bis zum Lunchstopp bei Kilometer 60.

Dort hockt eine größere Gruppe Racer, von denen einige sehr mitgenommen aussehen. „Seit zwei Tagen habe ich Durchfall, kann nichts essen“, erzählt mir Scott, der trotzdem weiterfährt. „Ich will den EFI nicht verlieren.“ Noch schlimmer ergeht es Peter, dem fidelen Morgensänger aus Südafrika. Er ist ungewöhnlich wortkarg und sieht ziemlich gezeichnet aus. „Durchfall“ – auch er. „Es geht wohl ein Virus rum“, informiert mich Medizinmann Mathias. „Wir haben im Moment sieben bis acht Fahrer mit Durchfall.“

Nach dem Lunch werden die Rampen allmählich steiler. Vorher ging es selten mal mit mehr als drei Prozent hinauf. Nun stemmt sich uns die Straße auch schon mal mit zehn Prozent entgegen. Und wie angekündigt geht es pausenlos hoch und runter. Dafür ist die Gegend traumhaft schön. Sie erinnert mich an mein Lieblingstrainingslager am Mont Ventoux in Frankreich. Grüne Hügel, riesige Bäume, Sandsteinfelsen und schroffe Bergketten begleiten uns auf unserem Weg Richtung Osten. Die Straße ist für äthiopische Verhältnisse regelrecht einsam. Nur gelegentlich kommen uns Trucks oder Busse entgegen. 20 Kilometer vor dem Ziel erreiche ich das Örtchen Nagara Chehib und stoppe für eine Cola. Setze mich zu einer Gruppe von Fahrern, die umrundet ist von neugierigen Kindern. Die meisten von ihnen sind in Lumpen gekleidet. Wenige tragen Schuhe. Einige haben von Fliegen überhäufte Wunden im Gesicht, blicken uns aus traurigen Augen an. Wir erzählen ein wenig von unserem Abenteuer, zeigen ihnen unsere Räder und brechen wieder auf.

Unmittelbar hinter dem Ortsausgang schraubt sich die Straße in steilen Serpentinen gen Himmel. Die brennende Sonne im Rücken schnaufe ich wie in Zeitlupe hinauf. Meine Kraftreserven sind längst aufgebraucht. Ich will nur noch ins Camp, in den Schatten, mich ausruhen. Drei weitere Anstiege folgen, dann habe ich es endlich geschafft. Doch das Camp ist eine Katastrophe. Direkt an einem Ortsrand gelegen, ist es umlagert von Kindern und Erwachsenen. Mit einem Seil wurde ein Areal abgesteckt, auf dem wir unsere Zelte aufschlagen können. Das unebene Feld ist übersät mit Kuhfladen. Überall droht dorniges Gebüsch den zarten Zelthäuten, und der Boden ist knochenhart. Dicht an dicht kauern sich die Zelte, ist es schwierig, einen Weg durch das Gewirr von Spannseilen und den herumliegenden Fahrrädern zu finden.

Über allem brennt eine unbarmherzige Sonne. Der einzige Schattenplatz unter der LKW-Plane ist überfüllt. Neben Radfahrern hockt dort auch eine Gruppe junger Frauen aus dem Dorf, die über mit Getränken gefüllten Wassereimer herrschen. Für zehn Birr nehme ich ihnen eine lauwarme Cola ab und lasse mich auf einen Schemel fallen. Doch Entspannung ist nicht zu finden. Neben uns werden Kühe mit Stroh versorgt. Feiner Strohstaub weht hinüber und bringt uns zum Niesen. Genervt ziehe ich weiter. Kaum habe ich einen schattigen Platz unter einem Baum gefunden, bin ich umringt von Kindern, die mich mit ihrem dumpfen „you, you“-Chor zum Wahnsinn treiben. Geschlagen kehre ich zum LKW zurück, schlucke lieber wieder Strohstaub.

Meine Stimmung nähert sich unaufhaltsam dem Nullpunkt. Stumpf starre ich vor mich hin, kann die Heldengeschichten meiner Mitradler plötzlich nicht mehr ertragen. Vor allem unter den Racern geht es häufig nur um die gerade beendete oder die bevorstehende Etappe. Andere Themen haben keine Chance. Schlagartig fühle ich mich einsam, gleite in einen tristen Tümpel aus klebrigem Weltschmerz. Und es kommt noch dicker. Vor dem Abendessen verrät Tour-Leiterin Sharita, dass „einer der härtesten Tage der gesamten Tour auf Euch wartet“. Erschüttert höre ich, dass auf dem Weg in die alte Königsstadt Gondar über 2.500 Höhenmeter auf uns warten. „Und die Kinder unterwegs sind schrecklich. Bereitet Euch auf Steinwürfe vor. Manche sind sogar mit Peitschen unterwegs. Ach ja, und es Mando-Day.“ Pflichttag für Rennfahrer.

Ich bin fassungslos. Sieben Tage kurbeln wir nun schon ohne Unterlass unter extremen Bedingungen. Alle sind am Limit, viele krank. Und jetzt kommt noch ein extra schwerer Mando-Day, 2.500 Höhenmeter auf 107 Kilometern, zwei schwere Anstiege. Zuviel für mich. Ich kann regelrecht zuschauen, wie ich innerlich zusammenbreche. Suche Trost bei Dennis und Horst, die mich jedoch achselzuckend zurecht stauchen. „Was hast Du erwartet“, blafft Dennis, als ich schimpfe, das Programm sei unverantwortlich, „eine Fahrt entlang der Mosel?“ Feindselig stiere ich ihn an, verschwinde zeternd in meinem Zelt, schimpfe in mein Tagebuch „die spinnen doch, wie soll man das denn schaffen, acht Tage hintereinander und dann so ein Abschluss.“

28. Tag, 23. Etappe. 11. Februar. Bush Camp – Gondar. 107 Kilometer

Sorge soll ja auf den Magen schlagen. Und ob es nun meine angeschlagene Psyche oder mein geschundener Körper ist – plötzlich explodieren meine Eingeweide. Ich schaffe es gerade noch aus dem Zelt und entleere mich unter einem Baum. So geht es die ganze Nacht. Fünfmal muss ich raus. Am Ende kommt nur noch Wasser. Völlig erledigt schleppe ich mich am Morgen zu unseren medizinischen Begleitern. Als Mathias mich sieht, will er mich gleich an einen Tropf anschließen. Ich winke ab, kriege irgendwelche Pillen und ein Beutelchen mit Dehydrationspulver, das ich vor seinen Augen einnehmen muss. Anschließend stopfe ich ein paar Löffel Müsli in mich rein, baue schweißgebadet mein Zelt ab. Propfe alles in mein Schließfach, gebe mein Rad bei der Tourleitung ab und klettre auf den Truck. Der ist schon voll mit weiteren Fahrern. Acht sind wir insgesamt, und den meisten geht es ähnlich wie mir. Der Virus erobert das Fahrerfeld. Nun hat er auch mich eingefangen.

Während ich stöhnend auf dem LKW verschwinde, sind andere Teilnehmer deutlich härter gegen sich und ihre Körper. Peter Lamond hat eine ähnliche Nacht wie ich hinter sich. Bisweilen haben wir uns im Duett übergeben. Im Gegensatz zu mir Hobby-Abenteurer krabbelt er jedoch auf sein Rad. Unserer Medizinmann Mathias schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Ich habe ihm gesagt, er soll es bleiben lassen. Mehr kann ich nicht tun. Ich kann es ihm nicht verbieten.“ Peter wird das Sorgenkind des Tages sein. Erst kurz vor Sonnenuntergang taucht er im Ziel auf. Begleitet vom „Sweeper“. Das ist ein Mitglied des Organisationsteams, das die Tagesstrecke ganz zum Schluss per Rad abfährt. So ist garantiert, dass kein Fahrer verloren geht.

Viele Teilnehmer müssen im Laufe des Tages aufgeben und sich vom Besenwagen ins Ziel bringen lassen. Neben der Erschöpfung und dem anstrengenden Profil sind es vor allem die Kinder, die an den Kräften zehren. Jedes Jahr im Februar kommt die Tour d’Afrique nach Äthiopien. In der Region weiß man das, und sobald die erste Radler auftauchen, rotten sich die Kinder regelrecht zu Gruppen zusammen. Die Spitzenfahrer kommen noch ungestört durch, doch dann beginnt das traurige Schauspiel. Just an den steilsten Stellen erfolgen die Attacken, die sich im Laufe des Tages immer mehr steigern. Es sind ausgerechnet die langsamsten Fahrer, die, die zum Schluss kommen, über denen sich die über den ganzen Tag angestaute Wut entlädt. „Die sind an beiden Seiten neben mir hergerannt und haben mir immer wieder mit der Peitsche eins überzogen“, erzählt eine Fahrerin kopfschüttelnd, und berichtet, dass die Kinder sogar versucht hätten, während der Fahrt ihren Rucksack zu öffnen und ihre Sachen zu klauen. Selbst der Äthiopier Amand ist ungewohnt ernst und ziemlich entsetzt über seine Landsleute. „So schlimm habe ich mir das nicht vorgestellt“, gibt er traurig zu, „die waren nicht zu stoppen.“

29. und 30. Tag, 12. und 13. Februar. Gondar. Pausentage

Das Goha Hotel, in dessen Garten wir unser Camp aufgeschlagen haben, liegt hoch über dem alten Königssitz Gondar. Der versprüht die Aura einer Märchenstadt. Wie in „Nebel von Avalon“ wird er von einer Dunstschicht umhüllt, als ich am nächsten Morgen auf der Hotelterrasse frühstücke. Nach einer durchgeschlafenen Nacht fühle ich mich spürbar besser. Mehr als 2.000 Meter über dem Meeresspiegel ist das Klima angenehm, lädt die Sonne zum erholenden Wärmebad ein. Die Stimmung im Fahrerfeld ist gelöst. Wir haben zwei Tage Pause – genug, um sich zu erholen und die Stadt zu erkunden. Bei Omelette, Toast und Kaffee schmieden wir Pläne und brechen schließlich in Kleingruppen auf in Richtung „Camelot von Afrika“, wie das unter UNESCO-Weltkulturerbe stehende Gondar mit seinen königlichen Schlössern auch genannt wird.

Eine Stadt, die begeistert. Zwar ist auch hier vereinzelt das ewige „you, you“ zu hören, doch meistens lässt man uns in Frieden. Die quirlige Universitätsstadt erinnert mich an meine Wahlheimat Göttingen. Es ist Freitagabend, und Gondar gleitet feiernd ins Wochenende. Aus kleinen Bars und Cafés scheppern Reggae und afrikanische Rhythmen, über die Straßen flanieren lachend junge Menschen. Die Stimmung ist fröhlich aufgeräumt. Junge Frauen in engen Jeans und knappen T-Shirts, die Männer mit bunten Hemden und schrillen Kappen – nach dem streng geregelten Alltag im islamischen Sudan genießen wir die freizügige Ausgelassenheit einer weniger dogmatischen Welt. Gondars positive Ausstrahlung steht außerdem in Kontrast zur depressiv-aggressiven Stimmung, die uns im ländlichen Raum begegnet ist. Die Stadt rüttelt damit an meinem bislang negativen Eindruck von Äthiopien. Werde ich dieses Land vielleicht doch noch schätzen oder gar lieben lernen?

Bereitwillig lassen wir uns anstecken von der fröhlichen Stimmung, finden ein Restaurant, das uns leckere Pizza serviert und flanieren durch die Straßen der 200.000-Einwohnerstadt. Krönender Abschluss ist eine Kaffeezeremonie mitsamt leckerem Kuchen. Italien herrschte zwar nur kurz als Kolonialherr in Äthiopien, sein kulinarisches Erbe aber ist tief verankert. Wobei der äthiopische Macchiatto besser ist als alles, was ich jemals in Italien getrunken habe. Erfüllt lassen wir uns von einem knatternden TukTuk zurückbringen, verbringen noch ein paar Minuten in der Wlan-versorgten Hotellobby und lassen uns von CNN über die Entwicklung in Ägypten aufklären, ehe wir glücklich in unsere Betten fallen.

Tour de Shqipëria, Etappe 21

Etappe 21: Tirana – Kavajë – Tirana

Wie gut, dass dies heute meine definitiv letzte Etappe auf der Tour de Shqipëria war. Wäre es die erste gewesen, ich hätte das Land vermutlich fluchtartig verlassen. Und zwar im Schutzpanzer.

Auf den heutigen exakt 99,7 Kilometern war die Autofahrerdeppendichte nämlich extrem hoch, und mir ging mehr als einmal der Pulsschlag durch die Decke, als ein Fahrer plötzlich auf der Gegenfahrbahn direkt vor mir zum Überholen ansetzte und in Affenzahn und mit Miniabstand an mir vorbeiraste. Einmal musste ich meinen ihm entgegengestreckten erigierten Zeigefinger sogar ruckartig zurückziehen – er hätte ihn wohl skrupellos umgefahren. Selbst ein fetter LKW ignorierte meine Anwesenheit völlig und ließ mich zeternd in den Seitengraben springen.

Dazu kamen: eine in Teilbereichen ziemlich kaputte Piste, eine oft langweilige Landschaft und überhaupt wenig, was Auge und Herz erfreute. Selbst an den südlichen Ausläufern von Durrës nicht, wo das Mittelmeer mit seinen Sandstränden kaum 200 Meter entfernt liegt von einer lärmenden Autobahn, entlang der sich illegale Müllkippen türmen.

Aber es war ja der letzte Tag und so war ich froh, als ich wieder heile in Tirana ankam und all meine schönen Erinnerungen von einem auch verkehrsmäßig entspannten Albanien hatte. Wer hier zum Radeln hinkommt sollte sich aber überlegen, ob der Bus für die Strecke nach Durrës nicht vielleicht besser ist. Sicherer ist er allemal.

Gelohnt hat sich der Ausflug trotzdem, denn in Kavajë (20 km südlich von Durrës) erwartete mich ein Gedicht von einem mit Stil gealtertem Fußballstadion. Kavajë gehörte zu kommunistischen Zeiten mitsamt Shkodra zu den Hochburgen der Opposition, und es war in Kavajë, wo 1989 der erste Funke zum Sturz des Regimes gezündet wurde. Und zwar im Stadion, beim Fußball. Damals flogen reihenweise Hoxha-Bücher aufs Spielfeld – eine zuvor kaum vorstellbare Form des Protestes. Mehr zur Geschichte gibts dann im Buch, ich muss erstmal meine insgesamt drei heute geführten Interviews auswerten.

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Auch an die Zukunft denkt man in Kavajë, wenngleich sämtliche Industrieanlagen von „damals“ brachliegen und auch in Kavajë jeder junge Mann das Land verlassen will (von den Wünschen der Frauen erfährt man in Albanien leider nur selten). Einer aber hat großes vor, und das ist der Präsident, der mich mit großer Kapelle empfing und voller Inbrunst ankündigte: „Ich verspreche Ihnen, dass Beja Kavajë bald die führende Mannschaft Albaniens sein wird“. Sobald eine aktuell im Parlament beratschlagte Gesetzesänderung durch ist, die Privatisierungen von Fußballklubs vereinfachen soll, stünden die Investoren aus diversen Länder nämlich Schlange. Schauen wir mal.

Zurück in Tirana musste ich fix duschen und mich umziehen, denn ich hatte ein Date mit Bledar Kuka, einem der renommiertesten Sportjournalisten Albaniens. Er war „damals“ bei den Studentenprotesten dabei und ist bis heute ein engagierter Kämpfer für sein Land, was uns in eine wundervolle Diskussion führte. Und der mir noch einmal bestätigte, dass die Idee, über den Fußball den Zugang zur albanischen Seele zu finden eine wirklich gute war.

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Morgen ist nun mein letzter voller Tag im Land, und ich habe eben auf dem Heimweg schon etwas Wehmut gespürt. Vermissen werde ich sicher zunächst dieses wunderbare sommerliche Herbstwetter, da droht mir ja beim Blick auf die Prognose am Donnerstag sogar ein Regenschock. Vermissen werde ich aber auch die Menschen und all ihre Geschichten, die albanische Herzlichkeit und natürlich die unglaubliche Gastfreundschaft. Heute wäre es mir fast gelungen, die Rechnung in der Bar selbst zu bezahlen, doch im letzten Moment preschte mein Interviewpartner dazwischen und meinte nur „you are in Albania, you are my guest. It is impossible for you to pay“. Sprachs, grinste mich an und zahlte.

Albania, te dua!

 

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Tour de Shipëria, Etappe 20

Etappe 20, Elbasan – Tirana

Ich geb gerne zu, ich hatte Respekt vor dem Krrabë-Pass. Meine Beine waren müde nach 19 Fahrtagen, und die Seele wollte auch ankommen. Es half nicht, dass man mir in Elbasan süffisant verkündete, der Pass sei viel heftiger als der Llagora und ich würde mächtig arbeiten müssen, um ihn zu überwinden.

Aber das Geheimnis beim Passfahren besteht nun mal aus einer ganz simplen Taktik: Immer schön eine Kurbelumdrehung nach der nächsten machen und geduldig sein. Zudem bekam ich ein wunderbares Frühstück in meiner Unterkunft, dargereicht von einer pensionierten Französischprofessorin, die meine Sprachwahrnehmung nach drei Wochen zwischen Englisch, Albanisch, Deutsch und Italienisch mächtig auf die Probe stellte. Ich glaube, die meiste Zeit sprach ich wohl eher Spanisch mit französischem Einschlag denn irgendwas einer Sprachprofessorin gegenüber würdigem. ☺

Franzosisches Frühstück in Elbasan

Dann gings auf die Piste. Vorbei an dem riesigen Eisenkombinat, das über Jahrzehnte die Luft in Elbasan verpestete (und noch verpestet) hinauf zum Kreisel der Entscheidung. Erste Ausfahrt: Autobahn nach Tirana mit langem Tunnel unter dem Pass durch. Zweite Ausfahrt: hoch auf 809 Meter über den Pass hinüber. Das war meine.

Ich machs mal kurz: der Krrabë ist ein angenehmer Bursche. Er steigt meistens mit 6 bis 8 Prozent an, hat herrliche Serpentinen und erfreut die Seele mit grandiosen Ausblicken auf Elbasan und vor allem das alte Eisenwerk, das ich noch lange unten im Tal brummen hörte. Wie Gelsenkirchen, nur mit echtem Berg statt Abraumhalde.

Nach rund zwei Kilometern im Anstieg fiel dann langsam meine Anspannung ab und ich fand meinen Frieden mit dem Pass. Der blieb sanft, schenkte mir auf 600 Metern ein schönes Dörfchen (siehe Video) und zog sich dann gemächtlich auf seine finalen 809 Meter. Einziges „Problem“: er hat keinen richtigen Gipfel, denn oben geht es auf rund 800 Metern wellig auf und ab, ehe er sich nach ein paar Kilometern entschließt, wieder ins Tal zu gleiten.

Dort oben traf ich dann auch meine ersten abanischen Rennradler, die auf ihren schmalen 25er Slicks im Alurenner aus Tirana hochgekurbelt waren. Und wie so oft gab es eine Verbindung nach Deutschland, denn einer von Ihnen arbeitet in einem Gasthaus in Sindelfingen und war nur zu Besuch in der Heimat. Es ist schon eine vielschichtige Geschichte mit Deutschland und Albanien.

Zum Rennradeln ist der Pass übrigens großartig, denn die Straße ist in besten Zustand, seit Eröffnung der Autobahn aber quasi nicht mehr befahren. Entsprechend entspannt raste ich ins Tal und stieß erst 15 Kilometer vor Tirana wieder auf Verkehr, als der hauptstädtische Speckgürtel begann. Der allerdings war wie üblich in nicht ganz so wohlhabenden Länder eher ein „Hungergürtel“.

Das anschließende Verkehrschaos in Tirana war mit nichts auf dieser Reise vergleichbar. Überall zugestaute Straßen, Gestank und wildes Gewusel, bei dem man als Radler schon eine gehörige Portion Frechheit braucht, um überhaupt durchzukommen. Doch das hab ich schon in Afrika gelernt: wenn ich darauf warte, dass mir jemand Platz machte, warte ich vergeblich. Erkämpfe ich mir meinen Platz jedoch ist alles gut, denn dann wird er mir auch zugestanden. Klingt für unsere Ohren gräßlich, ist aber in vielen Gegenden der Welt so. Hilf also nix, den Kopf zu schütteln oder zu meckern.

Tirana ist heißer, stickiger, lauter, chaotischer und wuseliger als alles andere, was ich in den letzten drei Wochen durchquert habe. Nun gut, etwa 600.000 der 2,8 Millionen Albaner leben in der Hauptstadt, da wirds natürlich eng und hektisch. Die Stadt hat ihren urbanen Reiz, denn das Leben hier ist komplett anders als in Städten wie Kukës oder Peshkopi, aber sie hat auch etwas anstrengendes.

Ich bin ja eh nicht so der Metropolenmensch (nehmen wir mal Buenos Aires raus, das fand ich auch als Metropole spannend), weshalb ich heute nach einem Tag in der städtische Hektik auch gleich mal beschlossen habe, dass es morgen noch eine 21. Etappe geben wird! Ziel ist Kavajë, eine eher unscheinbare Kleinstadt südlich von Durrës (50 km von Tirana), die zu kommunistischen Zeiten als Rebellenhochburg galt. Was das mit Fußball zu tun hat erzähl ich dann später.

Zum Fußballderby will ich an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren. Auch dazu gibt es ein je nach Standpunkt schreckliches oder „normales“ Video sowie die heute langsam durchgesickerte Info, dass im Gästeblock offenbar drei Sprengsätze versteckt waren, die per Fernzünder gezündet werden sollten. Weil die Polizei früh genug dahinterkam wurde die Katastrophe verhindert und es kam „nur“ zum Platzsturm. Selbst hier, wo doch einiges anders läuft als bei uns und man sich über manches nicht aufregt, ist man aktuell geschockt und empört.

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Aus alten Tagen

Tirana eben

Fanmarsch der Fanatics von Tirona

Volles Haus beim Tirana-Derby

Bitte nicht die hiesige Situation mit der in Deutschland vergleich. Geht nicht nur im der Fankultur nicht

Gemütliche Kollegenrunde nach dem Derby

Tour de Shqipëria: Ziel erreicht!

Guten Morgen, liebe Radfahrgemeinde!

Was ein ungewöhnlicher Tag. Mein Rad steht neben mir am Bett, und es sieht müde und erleichtert aus. Ein bisschen wie ich, denn auch ich bin durchaus erleichtert, in Tirana angekommen zu sein. Zu einer Reise gehört eben immer auch das Ankommen (um dann wieder wegfahren zu können).

Gestern beim Fußballderby hier in Tirana (dazu ein paar optische Eindrücke auf Zeitspiel – Magazin für Fußball-Zeitgeschichte) genoss ich noch einmal die unschlagbare albanische Gastfreundschaft, und auch in den nächsten drei Tagen bis zur Rückkehr in die herbstliche Heimat werde ich noch einige Treffen haben, um mir vom Fußball, Albanien, Geschichte und Gegenwart sowie der albanischen Mentalität erzählen zu lassen. Ich darf jetzt schon sagen, dass ich reichlich Material für ein Buch über eine Reise habe, die mich an vielen Stellen sehr berührt hat. Und ich mich jetzt schon auf das Schreiben freue.

Einen Bericht zur gestrigen Etappe folgt im Laufe des Tages, und noch habe ich auch die Hoffnung nicht aufgegeben, fix mal nach Kavajë zu radeln, das ich eigentlich noch mitnehmen will. Es ist schlicht eine Zeitfrage, da auch Tirana viel Spannendes zu bieten hat – darunter die beiden BunkArt-Museen. Na, ihr werdet es erfahren.
An dieser Stelle auch schon mal ein Dankeschön für Likes und Kommentare, für Mitfahren und Teilen und natürlich für Unterstützung in vielfältiger Form. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, jeden Abend meine Gedanken und Erlebnisse ein wenig zu sortieren und in kompakter Form aufzuarbeiten. Irgendwie fühlte ich mich nie allein, denn ihr seid ja alle mitgeradelt.

Your hardy cyclist

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Tour de Shqipëria, Etappe 19

Etappe 19, Lushnja – Elbasan

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und trotzdem manchmal verliert. Ich hatte für meine heutige Etappe, der vorletzten der Tour de Shqipëria, diverse Routenmöglichkeiten. Über die große Überlandstraße wollte ich nicht, und so folgte ich einfach der Empfehlung, die mir die Komoot-App auswarf. Böser Fehler!

Nach knapp zehn Kilometern stand die erste Rampe vor mir. 16 Prozent, quasi aus dem Nichts und zudem völlig unverhofft. So ging es dann weiter. Wie auf Treppenstufen kletterte ich immer höher, wobei es sich stets um scharfe Stufen um die 14 bis 16 Prozent handelte. Und das ist nun mal die Schallmauer mit Gepäck, weshalb ich auch zweimal absteigen und schieben durfte. Ja, lacht nur über mich und spottet.

Das wirklich herzzerreißende ereignete sich nach dem letzten Anstieg, als Pumpe und Beine schon voller Vorfreude auf den Downhill waren. Plötzlich war die Straße nämlich weg. Stattdessen ein Schlachtfeld aus faustgroßen Steinen, über das es viel zu steil bergab ging. Völlig verdattert stand ich da, als ein Mercedes neben mir hielt und mich zwei junge Kerle spitzbübisch angrinsten und dabei auf die Piste zeigte. Immerhin, sie erzählten was von „tetëqind metër“, dann gäbe es wieder Asphalt. Machte zwar Hoffnung, half aber nicht direkt, denn angesichts de Trümmerfeldes zog ich es vor, erneut zu schieben – diesmal hinunter.

Das mit den „tetëqind metër“ – 800 Meter – war dann deutlich zu wohlwollend, denn der Steinfriedhof zog sich über gut zwei Kilometer. Dann aber tauchte tatsächlich wieder Asphalt auf. Uff!

Was blieb, waren die wilden Wellen, die hoch und runter durch eine sehr entspannte Seen-Landschaft und durch aus der Zeit gefallene Dörfer schwappten. Mit Belsh erreichte ich schließlich einen ausgesprochen hübsch am See liegenden Ort, dessen Anblick sehr einladend daherkam. Doch meine Richtung führte woanders hin, und 15 Kilometer vor dem Tageziel in Elbasan gab es dann gleich die nächste Mutprobe bzw. Frage. Auf einer schnurgeraden Piste weiter, bei der selbst Komoot sagte, es gäbe zwischenzeitlich nur noch einen Trampelpfad, oder außen herum durch dichten Verkehr und weitere kleine An- und Abstiege?

Wieder gewann der Wagemutige – und zahlte erneut die Rechnung. Gut zehn Kilometer Buckelpiste in unterschiedlichem aber grundsätzlich schlechten Zustand kosteten Zeit, Energie und Nerven. Bereut habe ich es trotzdem nicht, denn ursprünglicher als auf diesen zehn Kilometern werde ich Albanien wohl nicht mehr erleben können – und jetzt weiß ich auch, wo diese ganzen Eselkarren, die ich immer wieder sehe, eigentlich herkommen.

Wo ist die Piste geblieben?

Um 13 Uhr, und damit eine gute Stunde später als gedacht, erreichte ich schließlich Elbasan, das mich mit marktschreierischer Hektik empfing. Kaum hatte ich jedoch die alte Burg im Stadtzentrum aus römischen Tagen erreicht, schlug das Bild um. Plötzlich war es eine liebliche und zugleich moderne Stadt, die offenkundig gelassen mit Touristen umgeht und jene mit für Albanien ungewöhnlicher Eleganz empfing. Zugleich sah ich allerdings auch so viele Fast-Food-Restaurants wie nirgend zuvor seit meinem Reisestart. Irgendwie war es ein bisschen Komfortzonenidyll.

Der erste Mc Donald’s, den ich in Albanien sah!

Der Rest des Tages ging für Gespräche und neue Bekanntschaften drauf, was von einem grottenschlechten Fußballspiel begleitet wurden (was die Gastgeber auch noch verloren). In Sachen Gastfreundschaft ist der KF Elbasan jedenfalls erstklassig, während sportlich der erneute Abstieg in die 3. Liga droht. Dass es trotz supermodernen Stadion kaum jemand in Elbasan interessiert war dann schon eine bittere Erkenntnis, zumal einer meiner beiden Gesprächspartner 1992 mit Elbasan Pokalsieger geworden war, also wirklich von besseren Zeiten erzählen konnte. Später am Abend sah ich dann in den vielen Bars der Stadt haufenweise Fußballfans vor den Großildschirmen hocken und Bundesliga, Premier League sowie La Liga schauen. Tja, dem albanischen Fußball geht es nicht gut.

A propos: einer meiner Gesprächspartner beim morgigen Derby hat dann gleich mal ne kleine Story über den verrückten Radler aus Gjermania gemacht, die ihr Euch hier anschauen könnt. Falls die eigenen Albanischkenntnisse nicht reichen Text einfach in Google Translator kopieren und sich über die wilde Übersetzung freuen.

Für mich schloß sich in den heutigen Gesprächen jedenfalls so manche Lücke in meinem großen Puzzle „Albanien, der Fußball und das Leben überhaupt“, und langsam wird das Bild kompletter.

Tja, und morgen kommt nun der Tag, an dem das Abenteuer enden wird. Ein letzter Pass liegt noch vor mir, und nach Aussagen von Einheimischen kann der Krrabe-Pass zweifelsohne mit dem Llagorat mithalten, was mir durchaus Respekt verschafft. 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Irgendwann morgen jedenfalls wird meine kleine Albanien-Rundreise also da enden, wo sie am 8. September begann und ich darf langsam in den Pausenmodus schalten. Allerdings stehen in Tirana noch einige Begegnungen und Gespräche an, will ich noch ein wenig auf die Spuren der jüngeren Historie Albaniens gehen. Und dann sind da auch noch Kavajë und Durrës, die ich eigentlich noch auf meiner Reiseroute hatte. Wer weiß, vielleicht juckt es mich vor der Rückkehr in den deutschen Herbst ja doch noch mal, aufs Rad zu steigen 😆

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Endlich fand ich den Weg zu mir!

Elbasan

Tour de Shqipëria, Etappe 18

Etappe 18, Berat – Lushnja

Geschenkten Tagen schaut man nicht ins Maul, man nimmt sie, wie sie kommen. Meiner war voll, intensiv, vielschichtig und auch ein bisschen voller Überraschung.

Keine 16 Kilometer nach dem Start in Berat war ich am ersten Tagesziel angekommen: Kuçovë, unter Hoxhas Beinhartsozialisten Qyteti Stalin genannt, also Stalinstadt. So etwas gab es ja in den Bruderrepubliken überall. Allerdings war Albanien nun keine Bruderrepublik – man hatte ja sich, das langte -, und außerdem feierte man den Genossen mit der eisernen Faust auch noch, als die Stalin-Denkmäler überall sonst längst eingemottet worden waren.

Zum Beispiel in Eisenhüttenstadt, das einst ebenfalls Stalinstadt hieß. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, denn das Stadion der Hüttenwerker beispielsweise sieht verdammt ähnlich nach dem Ground im albanischen Stalinstadt aus.

Kuçovë, Ex-Qyteti Stalin, verdankt seine Existenz übrigens den dortigen Ölfeldern. Im Grunde ist es ein Ölfeld mit Stadt. Überall sind die Bohranlagen zu sehen, sogar direkt neben dem Friedhof. Es gibt große Fördertürme, kleine Dinger, die Handpumpen erinnern und ein paar stillgelegte Arrangements. Allen gemeinsam ist die ökologische Katastrophe, denn der Boden ist offenkundig verseucht, und wie es sich in der ölgeschwängerten Luft leben lässt ist mir ein Rätsel. Ich werde nächste Woche in Tirana noch einen aus Kuçovë stammenden Journalisten treffen, der wird es mir dann wohl erzählen.

Das ganze Gebilde hat etwas bizarres – durch die überall pumpenden Pumpen – und etwas nostalgisch verlorenes. Direkt neben dem Stadion liegt beispielsweise eine riesige Industriebrache, die wie ein Fanal des Vergangenen fungiert. Und auf der palmenbestückten Paradestraße fuhr ein Uraltlaster und goß Blumen, erinnerten sich alte Männer in den Bars an alte Zeiten. Der Markt wiederum hatte etwas sehr afrikanisches, mit seinen wackeligen Holzbuden und den Plastikabdeckungen. Irgendwie liest sich Kuçovë wie ein Buch der jüngeren Geschichte Albaniens.

Das Kapitel Freundlichkeit übernahmen mit Kadri und Ilir die beiden guten Engel des heimischen Fußballklubs Naftetari, der in seinem Wappen übrigens einen Ölfördertum führt. Sie luden mich mit enormer Herzlichkeit ein und zeigten mir alles, wobei wir eine aus albanischen, italienischen und englischen Wörtern bestehende Sprache benutzten und viel lachten. Ich sags ja: Fußball ist eine großartige Weltsprache!

Danach war Schluss mit lustig. Vor die Wahl gestellt zwischen 30 Kilometer Umweg auf Asphalt oder direktem Weg mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit einer Schotterpiste votierte ich für die Schotterpiste. Und boy ey, die hatte es in sich. Gleich am Anfang warnte ein Bauer mit Uraltlaster, dass es hart würde. Er übertrieb keine Nuance. Das Terrain konnte locker mit der nordkenianische Lavawüste mithalten, zumal es wie in einer Achterbahn ständig hoch und runter ging. Ging, ja. Denn hoch kam ich auf dem Untergrund bei 12 + Steigungsgrad eigentlich nie, sondern musste schieben. Runter ging es dann nur auf den Pedalen stehend und die Bremsen stets im Anschlag haltend. Das ganze war zugleich ein großartiger Einblick in die albanische Gegenwart, denn Kleinbusverkehr lief trotz allem über die Rüppelpiste.

Dann kam wieder Asphalt, und bei nur noch 18 Kilometern bis zum Zielort Lushnje schmiedete ich schon ein paar schöne Entspannungspläne. Die zerbarsten acht Kilometer vor dem Ziel, als mein Hinterreifen plötzlich zu schwimmen begann und dann ganz die Luft verlor. Ich pumpte fix auf und schaffte es mit allerletzter Luft tatsächlich ins Stadtzentrum direkt vor die Türe meiner Unterkunft.

Dort war dann erstmal Werkstatt angesagt. Als ich den Mantel runter hatte fand ich ein kleines Steinchen darin, das wohl der Bösewicht war. Ein Loch im Schlauch konnte ich jedoch trotz größter Bemühungen nicht finden. Mir ein Rätsel, zumal auch der vor gut einer Woche ziemlich abrupt platte Vorderradschlauch selbst bei härtesten Prüfungen kein Loch erkennen lassen wollte. Habe ich mir eine rare Schlauchkrankeit eingefangen?

Zur Sicherheit erwarb ich einen weiteren Ersatzschlauch (meine beiden mitgebrachten laufen ja nun am Rad) aus albanischer Herkunft. Hoffen wir, das die letzten beiden Fahrtage pannenfrei bleiben…

Lushnja ist eine besondere Stadt. Sie ist quasi das Schalke Albaniens. Grimmig, industriellgeschichtlich und verrückt nach Fußball. Schon im Vorfeld hatte ich Kontakt geknüpft und wurde bereits von Xhimi und Erjon von der lokalen Ultragruppe Delegatët Lushnje erwartet. Wieder zeigte sich, dass die Idee, Fußball als Türöffner zu nehmen wunderbar war. Vom ersten Moment war der Kontakt da, und in meinem Notizbuch finden sich nun fast zehn dichtbeschriebene Seiten zu Lushnja, seinem Fußball und natürlich zu dem, wie das damals so war, als Mario Kempes nach Lushnja kam und das Team trainierte. Mehr dann im angekündigten Buch 😉

Zwei Fahrtage sind es noch bis Tirana, wobei am Sonntag nochmal ein 900-Höhenmeter-Pass ansteht. Morgen gehts nach Elbasan, und da hol ich mir um 16 Uhr dann auch endlich meinen albanischen Länderpunkt. Auch in dort bin ich bereits mit einem langjährigen Fan verabredet, mein Skizzierblock füllt sich also weiter.

Alsdann, bis morgen auf dieser Plattform und in diesem Theater auf der Tour de Shqipëria 2019!

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Tour de Shqipëria, Etappe 17

Etappe 17, Radhimë – Berat

Das muss man auch erstmal hinbekommen: Als ich in Ksamil am Pausentag meine weiteren Etappen plante, passte so gar nichts. Ständig fehlte mir ein Tag, denn am Samstag will ich pünktlich zum Fußball in Elbasan sein. Also habe ich getüftelt und fieberhaft geplant sowie Unterkunfte angefragt, ohne jedoch einen Kalender zu befragen. Nun komm ich heute nach Berat, und in der Unterkunft erzählen sie mir, sie hätten erst morgen mit mir gerechnet. Eine grobe Rechnung ergab dann in der Tat: jetzt hab ich plötzlich einen Tag übrig 😆. Hätte ich also durchaus noch ein paar zusätzliche Stunden am Meer und Strand verbringen können…

Zum Beispiel heute, als stattdessen eine 105 Kilometer-Etappe anstand, die mich von den touristischen Mittelmeerstränden direkt ins Landeszentrum nach Berat führte. Ich will gar nicht viele Worte verlieren, denn zum einen steht gleich ein kleines Meeting in Sachen lokaler Fusball an, zum anderen war es eine eher nüchterne Übergangsetappe auf entweder dichtbefahrenen oder ziemlich kaputten Straßen – manchmal sogar beides.

Deshalb gibt es heute vor allem Bilder (allerdings nur Handyfotos, die „guten“/richtigen sind in der Kamera, die gibts dann im Buch 😉), wobei ich die Eindrücke des Tages zumindest mal kurz zusammenfassen will:

Vlora war eine echt schöne Überraschung. Eine Stadt mit Mittelmeerflair, viel italienischem Baustil, befahrbaren Radwegen und einer sehr entspannten Atmosphäre.

Fiër war so ziemlich das Gegenteil. Eher hässlich, laut und chaotisch, mit einer Riesenbaustelle im Stadtzentrum und üppig viel Verkehr.

Berat scließlich ist eine von diesen Städten hier im Land, die mich kirre machen. Sie hat eine uralte Seite mit verwunschen schönen Gassen und Häusern, in denen sich die wohlbeleibten Touristen aus der Komfortzone rumtreiben und vor der sehr alte Omas um Almosen bitten. Und sie hat eine „Neustadt“ aus kommunistischen Zeiten, die zweckmäßig und weniger schön ist und in der sich die Männer in Bars die Zeit vertreiben. Noch habe ich meinen Frieden mit der Stadt nicht gemacht, mal schauen, wie es nach dem Abendessen aussieht.

Zwischen Fiër und Berat durchkurbelte ich eine ziemlich deprimierende Landschaft mit Ölfeldern und einem fast unerträglichen Gestank. Ich sag ja, war ein ganz normaler Übergangstag!

Mein plötzlich „überschüssiger“ Tag hat übrigens auch schon Verwendung gefunden, denn nun kann ich doch noch nach Lushnje, das ich schon hatte fallen lassen. Vorher gehts aber noch nach Kuçovë, lange bekannt als Qyteti Stalin, oder Stalinstadt. Es ist Albaniens Ölforderzentrum, ich bin also bereit für weitere olfaktorische Spezialgenüsse.

Und dann ist da noch dieser wunderbare Kontakthof Albanien. Eine Stunde, nachdem die den zusätzlichen Tag verplant hatte, hatte ich sowohl in Kuçova als auch Lushnja Fusballgesprächspartnet. Të dua, shqiperia! ❤

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Tour de Shqipëria, Etappe 16

Etappe 16, Himarë – Radhimë

Bevor ich euch alle zum Zustandsbericht nach der 16. Etappe überführe ein Wort in eigener Sache. In der Bar, in der ich gerade sitze, läuft unablässig UB40. Abgesehen davon, dass das Erinnerungen an eine längst verschüttete Liebe in England weckt (tja, da müsste man jetzt „Tour de Britain“ vom Autor dieser Zeilen gelesen haben 😂) ist das ungemein irritierend. Ich meine, dies hier ist Albanien. Land der Machos, der Blutrache, der wilden Berge. Und dann diese Pseudo-Rastas? Also ehrlich, Albanien, was soll das, was willst Du mir damit sagen? Und was machen meine mitwippenden Füße da eigentlich?

Aber das wollt ihr ja alles gar nicht hören, oder? Ihr wollt Geschichten vom Leiden und Leidenschaft, von Leben und Tod, von Helden, die die Berge bezwingen. Oder?

Also dann mal los. Der Tag begann mit einem Anstieg, der nicht enden wollte und der zu den wahnwitzigsten gehörte, die ich in diesem Leben gefahren bin. Und damit meine ich gar nicht den berühmten Llagora-Pass, der sich zwar als verdammt lang erwies, aber meistens moderat anstieg (moderat ist hier übrigens 9 bis 10 Prozent…), sondern die 20 Kilometer bis zum Fuß des Passes.

Raus aus dem Camping standen gleich die ersten Serpentinen an, die ich bald vermissen sollte. Denn kaum hatte ich die Hauptstraße nach Norden erreicht, war Schluss mit Serpteninen – aber nicht mit Anstiegen. Heftig wird es hier immer, wenn das Schild „10%“ auftaucht. Das steht offenbar für „supersteil“. Auf drei Kilometern fiel der Steigungsmesser jedenfalls nicht mehr unter 14 Prozent und biss sich meistens bei 16 Prozent fest. Für Nichtradler: bis 6 Prozent ist okay, bis 8 Prozent beißt, bis 10 Prozent schmerzt und alles darüber hinaus ist eigentlich nur noch Wahnsinn…

Ich kam also schon ziemlich „gestählt“ am Sockel des Llagora-Passes an, wo ich zwei junge Schweizer traf, die auf dem Weg Richtung Süden nach Saranda waren. Sie stöhnten über die Hitze und meinten, diese Berge würden sie verrückt machen. Schweizer! Berge! Verrückt machen!

Und dann ging es los, das Spektakel des Tages. Acht Kehren, die sich an den Berg krallten. Und aussahen, als seien sie von einem Bildhauer geformt worden. Bildschön!

Und tückisch schlau. Mit sechs Prozent ging es in die erste Kehre. Alles easy dachte ich. Und sah, wie die Temperatur auf der nächsten Gerade in ähnlichem Tempo wie meine Kurbelschläge hochging. 34 Grad, 35, 36, 37, 38 – es war wie in einem Backofen. An der nächsten Kehre hatte ich die Sonne dann im Rücken und spürte, wie sich sich grimmig lachend in meine Haut brannte.

Und jetzt zeigte der Pass auch sein wahres Gesicht. Mit 10 Prozent ging es schnurgerade eine nicht enden wollende Gerade hoch, schien der nächste Wendepunkt Lichtjahre entfernt zu sein. Kurbelschlag um Kurbelschlag kämpfte ich mich mit hochrotem Kopf weiter und fluchte innerlich über meinen Starsinn, so etwas fahren zu wollen.

Doch auch das ist der Llagora – er spürt, wenn man Hilfe braucht. Dann geht er mal kurz runter auf akzeptable Steigungswerte, lässt den Atem wieder fließen und die Motivation wieder hochkochen. A propos kochen: das tat ich inzwischen auch, und meine zwei Wasserflaschen leerten sich in besorgniserregendem Tempo. In der nächsten Kehre – immer ein Signal für eine kurze Trinkpause – hielt ich daher einfach mal die Flasche in den Autoverkehr und erregte damit sogleich das Interesse einer fröhlichen Reisegruppe mazedonischer Damen, die mich prompt mit frischem Naß versorgten. Es lebe das Leben!

Schöne Aussicht gab es auch!

Tja, und so ging es weiter. Höhenmeter um Höhenmeter, Kehre um Kehre. Irgendwann hatte ich die 1.000 Meter erreicht (gestartet war ich bei 0), wo das Landschaftsbild sehr karg wurde. Ein paar steilere Rampen noch, dann war das Restaurant auf dem Gipfel auch schon zu sehen und ich war tatsächlich angekommen.

Oben!

Unter dem großen Applaus einer irischen Reisegruppe übrigens , die fast zeitgleich auf Rennrädern aus der entgegengesetzten Richtung ankam und ihren berechtigten Stolz auf die eigene Leistung plötzlich in den Schatten gestellt sahen. Von der langsamsten Bergziege ever, also von mir. Aber keine Sorge: Ich hab die Iren gleich wieder in die Sonne gestellt und sie ihren eigenen Ruhm genießen lassen.

Rennradelnde Iren

Der Rest des Tages bestand weitestgehend aus Rollen. So kam ich nach Orikum, das schön am Meer liegt, ansonsten aber mit allerlei Bau-Skletten und Bettenburgen ziemlich uneinladend daherkam. Ich ließ mich also weiterrollen und fand schließlich einen netten Camping mit Bar in Radhimë, etwa 15 Kilometer vor Vlorë, in dem ich grad das wohl leckerste Essen meiner ganzen Reise genossen habe!

So sieht das übrigens aus, wenn Radler zelten

Eine Geschichte habe ich aber noch, und die geht wirklich um Leben und Tod. In einer der Kehren des Morgens kurbelte ich mich im Zeitlupentempo hoch, als von der Gegenrichtung ein Auto kam. Nun muss man wissen, dass Albaner (ich verallgemeinere jetzt) immer beim Autofahren telefonieren und Kurven immer schneiden. Genau das tat die Dame in nicht mehr ganz jungem Alter auch. Nur dass sie Kurve echt scharf schnitt. Und immer weiter schnitt, obwohl uns nur noch wenige Meter trennten. Ich sah mich schon auf die Motorhaube fliegen, als eine Kombination aus meiner Reaktion, ganz nach rechts zu ziehen und ihrer plötzlich Realisierung der Situation den Zusammenprall um Haaresbreite vermied. Danach stand ich mit pochendem Herzen und wütend fluchend am Straßenrand, während sie einfach weiterfuhr.

Bevor das jetzt falsch verstanden wird: das war die erste wirkliche gefährliche Situation meiner Reise, eigentlich fühle ich mich wohl mit Albaniens Autofahrern. Aber es war trotzdem eine extrem unschöne Begegnung.

Das solls gewesen sein, zumal das kleine UB40-Privatkonzert inzwischen auch vorbei ist und hier nun echte Schnulzen laufen. Lasst uns also Raki und Bier leeren und dem Körper die Ruhe für die morgige 17. Etappe geben. In diesem Sinne: gezúar!

Das großartige Team vom Camping Kranea bei Himanë

Zwei Wanderer aus Plauen und ein Radler aus Duderstadt

Das sind 16 Prozent

Sehr irritierend, überall in Albanien: wilde Müllkippen, selbst an den schönsten Orten.

Hinter dem Pass sah die Landschaft völlig anders aus.

Auch nett: mein heutiger Camping