Albanien – der vergessene Traum

Es war vermutlich 1971, als ich zum ersten Mal von Albanien hörte. Im Februar spielte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Tirana, und wenn ich mir heute die Presseberichte von damals anschaue dann muss das ein Heidenabenteuer für die angehenden Europameister um Franz Beckenbauer gewesen sein. Denn Albanien, das war „der Feind“, das war verbotene Zone. Noch mehr als die Sowjetunion, oft fälschlich „Russland“ genannt, noch mehr als die DDR, von der Springer-Presse immer in Tüddelchen geschrieben und allemal mehr als Jugoslawien, wo man damals schon zum Urlauben hinfuhr und Fußball-Profis für die Bundesliga mitbrachte. Albanien war die zu einem Staat gewordene Personifizierung des Bösen. Ich war damals zu jung, um die Aufregung der Erwachsenen über dieses winzige Land im Süden Europas zu verstehen.

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Goldstücke aus dem abgeschotteten Land: Luftëtari Gjirokastër, KS 17. Nëntori Tirana, SK Tirana, Partizani Tirana, Tomori Berat, Traktori Lushnja, Apolonia Fiër, Naftetari Qyteti Stalin, Tekstil Pogradec

1981 verstand ich mehr, da ging die Reise für das DFB-Team erneut nach Tirana. Die Fernsehbilder zeigten fremd ausschauende Menschen und eine Stadionlandschaft, die von der bizarren Uniformität des Ostens erzählte. Inzwischen kannte ich ein paar Klubnamen, die seltsam exotisch klangen. Luftëtari Gjirokastër zum Beispiel. Oder Partizani Tirana, Besa Kavaje, Skënderbeu Korçë, 17. Nëntori Tirana, Traktori Lushnje. Fremdklingende Gedichte aus einer unbekannten Welt. Meinen ersten direkten Kontakt mit Albanien hatte ich 1985 in London. Da gab es einen stramm linken Buchladen irgendwo in Soho. Und in diesem Buchladen gab es Anstecknadeln von albanischen Fußballvereinen. Ich war im Paradies und sackte die aus billigem Blech gefertigten Goldstücke im Austausch gegen viel zu viele Pfundmünzen ein. Albanien rückte mir näher. Dann las ich von Enver Hodscha, von seiner radikalen Abschottungspolitik, von seinen Brüchen mit China, mit der UdSSR, mit Jugoslawien, mit eigentlich allen. Dieses kleine Land an der Adria war komplett isoliert und gab sich autark. Dass es den Einwohnern dabei ziemlich schlecht ging, ahnte man nur. So wie heute im Fall Nordkorea.

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Rare Literatur über Fußball in Albanien

Ich entwickelte eine Leidenschaft für das kleine Land, die fast zur Obsession wurde. Gierig sog ich jeden Fetzen der kargen Informationen, die bei uns im Westen ankamen, auf. Vor allem zum albanischen Fußball. Als die Mauern des Ostblocks fielen, wackelten auch die Albaniens. Hodschas Land der Bunkerpilze, mit denen er sein ausgeblutetes Reich geflutet hatte, öffnete sich. Der große Enver war da schon längst tot, von seinem Nachfolger Alia ins Museum der gescheiterten Führer gestellt worden. Als Albanien seine Pforten öffnete strömten die so lange eingesperrten Menschen in Massen heraus. Darunter Altin Rraklli, der für die SpVgg Unterhaching in der Bundesliga Tore schoss und mit seinem Doppel-R die Kommentatoren der Sportschau zum Stottern brachte. Albanien wurde zum Land im Wandel und im Ringen mit sich selbst. Aus der Ferne staunte ich und drückte Daumen, dass alles gut ging.

1997 wollte ich mir anschauen, wie es wirklich in Albanien aussieht. Mario Kempes, argentinischer Weltmeister 1978, hatte gerade in Lushnja einen Trainerjob angenommen. Dass der Klub nicht mehr Traktori hieß sondern SK fand ich irgendwie schade. Meine Reiseplanungen waren schon sehr weit fortgeschritten, als Albanien erst zusammenbrach und dann explodierte. Windige Geschäftsleute hatten ein Schneeballsystem entworfen, in das hunderttausende von Albaner ihre Ersparnisse investierten. Das Unvermeidlich geschah: die wackelige Zinspyramide brach zusammen. Kempes saß damals nach einem Spiel in der Umkleidekabine und traute sich nicht raus, weil draußen der erregte Mob tobte. Schwer bewaffnet, denn sämtliche Polizei- und Militärstationen waren zwischenzeitlich gestürmt und geplündert worden. Die Menschen hatten alles verloren und standen vor dem Nichts. Ich stornierte meine Albanien-Reise.

Irgendwie hat sich das Land durch die Krisen navigiert und in den folgenden beiden Dekaden sogar eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Meine Neugierde auf Albanien jedoch flaute ab. Zudem entglitt mir die Faszination seines Fußballs, nicht zuletzt, weil albanische Vereine erstens ihre wunderbaren Namen abgelegt hatten und sie zweitens in irgendwelchen Vor-Vor-Vorqualifikationen der europäischen Wettbewerbe gegen namenlose Underdogs viel zu früh ausschieden. Sie verschwanden von meinem Radar.

Während ich viel Zeit in England und Frankreich verbrachte, später mit dem Rad durch Afrika und Südamerika kurbelte, rutschte Albanien fast völlig aus meiner Aufmerksamkeit. Und blieb zugleich beharrlich auf der großen „Länderreisewunschliste“, die ich alljährlich um Weihnachten herum hervorkrame und pflege. Gefühlt stand das Land der Skipetaren da jedoch nur noch als Relikt, als Reminiszenz an vergangene Träume, die kein Leben mehr haben. Ende 2018 verschwendete ich jedenfalls keinen Gedanken an eine Reise nach Albanien.

Durch wilde Zufälle änderte sich im März plötzlich alles. Ein Buchprojekt, an dem ich beteiligt bin, beschäftigt sich mit Fankultur in Ex-Jugoslawien. Und das Autorenduo plante Exkursionen vor Ort. Auf der Karte sah ich, wie nahe Montenegro an Albanien liegt. Irgendwann griff ich mir den Europa-Radreiseführer von ReiseKnowHow, googelte ein bisschen und wusste plötzlich: ich radle durch Albanien! Die Detailplanung lief dann nicht mehr ganz so glatt, denn die Idee, nach Podgorica zu fliegen und die beiden Autoren bei ihren Exkursionen für ein paar Tage zu begleiten, ehe ich nach Albanien weiterradle, fiel den mangelhaften Transportmöglichkeiten sowie den unvorhersehbaren Spielplanterminen in Montenegro zum Opfer. Am Ende stand nur noch der Trip nach Albanien.

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Meine Route. Von Tirana geht es nach Norden nach Shkodër und von dort im Uhrzeigersinn einmal rum durch das Land.

Am 5. September geht meine Tour de Shqipëria (Albaniens Name in der Landessprache) nun los. Vier Wochen Albanien, vier Wochen radeln, vier Wochen entdecken, Menschen kennenlernen, in Geschichten und Geschichte baden, schauen, wie das wirklich so ist mit den gefürchteten Streunerhunden Albaniens, die jeden Radler angeblich in die Flucht treiben. Als Basis dient eine Idee aus 1997. Damals wollte ich mich über Kontakte durchs Land treiben lassen. Von Ort zu Ort, von Fußballklub zu Fußballklub. Das erscheint mir auch heute noch ein guter Plan. Und so werde ich einerseits das Land gemütlich erradeln, und mir andererseits erzählen lassen, wie das so war unter Hodscha. Wie es den Menschen nach der Öffnung erging, was ihnen während des Beinahe-Bürgerkrieges passierte und wie es sich heute anfühlt, wo Albanien auf die Aufnahme in die EU hofft und auf dem Weg zu einer touristischen Geheim-Destination ist. Und gleichzeitig mit den Folgen des Kosovo-Krieges kämpft. Denn Albanien ist ein Land mitten im Um- und Aufbruch, und es scheint mir der perfekte Zeitpunkt zu sein, dort hinzufahren und das zu spüren, was bald zu Geschichte geworden sein wird.

Meine große Radelrunde durch das Land, so groß wie Brandenburg, beginnt in Tirana, wo ich bereits mit Fans von FK und Partizani verabredet bin. Von dort starte ich nach Shkodër und tauche in die albanischen Alpen ein. Dass die zum Fahrradfahren nicht unbedingt geeignet sind zeigte sich bei der Routenplanung, als die Strecke von Shkodër nach Teth, auf 1.663 Metern gelegen, auf 81 Kilometer sagenhafte 4.571 Höhenmeter anzeigte. Und damit nicht fahrbar ist, denn an meinen Rad hängt ja mein kompletter Hausstand für vier Wochen, den ich jeden Anstieg hochwuchten muss.

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Vorbereitungsstoff

Highlights gibt es reichlich. In Koman, etwa 60 Kilometer östlich von Shkodër, will ich auf eine Bootsfähre klettern und mich auf dem durch ein Tal gezogenen Koman-See nach Fierzë schippern lassen. Im Internet gefundene Bilder künden von herrlichen Naturwundern und einem Hinterland, in dem die Welt zu Ende scheint. Und das mich Radreisenden in den darauffolgenden Tagen an die Grenzen bringen wird, denn die Höhenmeter purzeln auf dem Weg von Fierzë hinunter zum Ohrid-See an der Grenze zu Mazedonien nur so herunter. Auch vom Ohrid-See sah ich schier sagenhafte Bilder und habe deshalb wohlweislich einen Pausentag in Pogradec eingeplant.

Danach geht es tief hinein in Albaniens Geschichte. Korçë mit seiner historischen Altstadt und der ältesten Brauerei Albaniens, Gërmenj und Leskovic, Zentren des grünen Wandertourismus, der sich in Albanien gerade ausbreitet, das Tal der Vjosë mit Përmet und Këlcyrë als weitere historische Hotspots.

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Die erste Planungsphase war irgendwie noch nicht so richtig „rund“

Der Fußball wird mich stets begleiten. Über die Kontakte, über den Alltag, als roter Faden. Noch sind die Spielpläne von Albaniens beiden Profiligen nicht veröffentlicht, aber ich bin guter Dinge, dass ich einige meiner Traumteams von damals endlich mal live erleben darf. Zum Beispiel Luftëtari Gjirokastër. Gjirokastër ist aber auch ohne Fußball ein Highlight, denn die auf einem Hügel klebende Stadt ist ein begehbares Museum durch die lange und wechselvolle Geschichte Albaniens. Sie ist Geburtsort von Enver Hodscha und Heimat von Ismail Kadaré, Albaniens wohl bekanntestem Autoren, der Gjirokastër mit „Chronik in Stein“ ein ewiges Denkmal gesetzt hat.

Von Gjirokastër geht die Reise weiter an die Adriaküste, wo mein kleiner Trip mit ein wenig Urlaubsflair aufgepeppt wird. Irgendwas zwischen idyllischem Strandparadies und zubetonierten Promenaden soll mich im Großraum Sarandë erwarten. Na ja, mit Sonne und dolce vita wird es schon gehen. Das letzte Drittel der Tour dann noch einmal ein radsportliches Highlight. Der Llogara-Pass geht hoch bis auf 1.027 Meter, und jeder Radler, der ihn überquert hat schwärmt von der Schönheit der Natur, dem weiten Blick auf das Meer und den wunderbaren Serpentinen. Scheint perfekt zu sein für the hardy cyclist! Ab Vlorë wird es flach, graubetonig und heftig industriell, rückt der Fußball zurück ins Blickfeld. Flamurtari Vlorë, Apolonia Fiër, Tomori Berat, KS Lushnja, KF Elbasan und Teuta Durrës stehen auf der Speiseliste, ehe ich nach Tirana zurückkehre, wo sich meine kleine Rundreise nach etwa 1.200 Kilometern ihrem Ende zuneigt.

Die geplanten Etappen liegen im Bereich irgendwo zwischen 30 und 100 Tageskilometern. Denn ich will genügend Zeit haben, um wirklich ins Land einzutauchen und Geschichten einzusammeln, statt ständig von Uhr und Kilometerzähler getrieben zu werden. Will mich quasi in Albanien „fallen“ lassen und darauf vertrauen, dass das Land schon das mit mir anstellt, was es für richtig hält. Selten habe ich mich so auf einen Radtrip gefreut, und selten war ich so wenig vororganisiert wie diesmal. Allerbeste Voraussetzungen für einen feinen Abenteuertrip, nicht wahr?

Wir sehen uns in Albanien, bleibt drauf auf diesem Kanal, ab sofort purzeln die Neuigkeiten über die weitere Vorbereitung hier ein. Und wer Kontakte ins Land hat: bitte melden!

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Ein Trikot zur Tour gibt es natürlich auch.

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Tuscany Trail Teil 3

UPDATE: Die nachstehend vollmundig angekündigten Bilder gibt es leider nur zum Teil. Das WLan ist hier ähnlich bergschneckig unterwegs wie gewisse „hardy cyclists“. Kommen dann nach meiner Rückkehr.

Ich bin euch noch zwei Tage Trail-Reportage schuldig, nicht wahr? Sorry, erst war die Rückfahrt per Nahverkehrsbahnhopping etwas zeitraubend und heute erwischte mich dann das, was ich auf der Radtour zum Glück nicht hatte: nen platter Reifen – und zwar am Auto. Das löst sich hier aber mit italienischer Eleganz, und so ist auch mein Vierbeiner inzwischen wieder fahrtauglich. Sonntag gehts dann endgültig gen Heimat.Fünf derartig intensive Radeltage hatte ich wohl noch nie. Nicht in Afrika, nicht in Südamerika, schon gar nicht in Großbritannien. Vor allem an den ersten drei Tagen waren die Verschnaufpausen echt dünn gesät, und mit meinem dann doch nur bedingt tuscanytrailtauglichen Gravelbike habe ich ganz schön gelitten. Besonders bitter waren die steilen Abfahrten, die ich schieben durfte, während die Mountainbiker fröhlich an mir vorbeidonnerten. Mit meinen dünnen Reifen (37er), dem Rennradlenker, den Felgenbremsen und dem Gepäck waren sie schlicht nicht zu fahren, ohne mich in halbe Lebengefahr zu begeben. Bergschnecke reloaded eben.Die letzten beiden Trailtage waren etwas leichter. Mehr Asphaltpassagen, teilweise flache Abschnitte und brauchbar zu befahrende Schotterpisten. Da stieg dann sogar das Durchschnittstempo auf normalübliche Werte an, konnten wir Kilometer machen und endlich mal Distanz überbrücken. So ein paar lustige Übungseinheiten waren aber trotzdem mit dabei. Hinauf nach Radicofani zum Beispiel. 800 Meter hoch thronte das Örtchen über uns und wollte nochmal alles von uns sehen. Und dass die Sonne mit verschmitztem Gesicht und lüsternd die Arme vor der Brust verschränkend zuschaute war der ganze Sache auch nicht wirklich abträglich. Jedenfalls lief der Schweiß in Strömen runter, während sich die Kilometer bestenfalla in Zeitlupe reduzierten. Zum Lohn gabs oben den genialsten Couscous meines Lebens, gereicht von einer pfiffigen Alimentari-Betreiberin, die genau wusste, was müde Radler brauchen.Überhaupt: zu den Grundregeln des toskanischen Siedlungsbaus gehört offensichtlich die Pflicht, jede Siedlung so hoch wie möglich zu bauen. Und möglichst von einem Tal umgeben zu lassen. Ist ja auch logisch, geschützte Lage und so. Aber hey, wir leben im 21. Jahrhundert! Da kommen höchstens noch Touristenhorden! Und nicht alle haben E-Bikes…Der letzte Brocken lag dann 50 Kilometer vor dem Ziel, ging 800 Meter hoch und hatte einen durchaus okayen Anstieg aber einen fürchterlichen Downhill. Als Sahnehäubchen gabs dann kurz vor dem Ziel noch ein paar tiefsandige Passagen, an denen ich mit meinen dünnen Reifchen noch mal so richtig jammerte. Niemand hat behauptet, der Tuscany Trail sei vergleichbar mit einer Moselrundfahrt!Um 17:07 Uhr überfuhr ich schließlich die Ziellinie und kann sagen: ich war echt froh!Was da hinter mir liegt kann ich selbst noch gar nicht so recht greifen, und irgendwie ringe ich ja auch hier grade nach Worten. Also zeige ich lieber ein paar Bilder und meld mich später nochmal mit nem klareren Blick.1

Tuscany Trail Teil 2

Kommt ein Rennradler ins SM-Studio. „Einmal volles Programm bitte. Dreischwänzige Peitsche, Brustklemmen, Halsband. Und unbedingt Stilettos! Die ganz langen und spitzen! Dazu bitte Saunatemperaturen. So richtig heiß und perlig!“

Und damit herzliche Grüße vom #TuscanyTrail!

Wir sind in Torrenieri, einem mir bislang völlig unbekannten Nest etwa 50 Quälkilometer südlich von Siena. Torrenieri liegt auf einem mächtigen Hügel und lässt sich vom Radler nur langsam erobern. Dabei fließt eine Menge Schweiß, bewegen sich die Fortbewegungsgeschwindigkeiten im einstelligen Bereich. Hinter Torrenieri, wir wissen es noch nicht, ahnen es aber längst, geht es steil bergab. Bis zum nächsten Ort, der dann wieder auf einem Hügel liegt.

Soweit zu dem, was ich hier tue.
Das Ganze malt ihr euch jetzt bitte nicht mit kinderpopoglatten Asphaltstraßen aus sondern mit Pisten, die an die raue Haut eines Seemannes erinnern. Oder vielleicht gleich an die eines Elefanten.

Was ich in den letzten beiden Tagen an Pisten gefahren bin stellt einiges von meinen bisherigen Highlights in Afrika und Südamerika mühelos in den Schatten. Gestern zum Beispiel freute ich mich über 30 knüppelharte Anstiegskilometer auf technisch sehr herausforderndem Terrain auf die unvermeidlich Abfahrt. Als sie endlich kam, klappte mir die Kinnlade runter. Schnurgrade mit 18 Prozent herunter ging sie. Eine Mischung aus Geröll, faustgroßen Steinen und Resten einer uralten Teerstraße. Als ich die Bremsen löste zogen unglaubliche Kräfte an mir. Nach ein paar Metern war ich schweißgebadet vom Bremse-ziehen, nach 20 Metern lag ich auf dem Boden, weil mich eine Steilstelle vom Rad gekippt hatte. Danach ging ich den Downhill – wie quasi alle, die hier kein Fully fahren – zu Fuß runter. Und kam trotzdem schweißgebadet und kreuzkaputt unten an. Um nach ein paar flachen Metern vor einer neuen Wand zu stehen, die sich mit schlappen 18+ gen Himmel zog. Lustig ausgeleuchtet von der Nachmittagssonne, die alles gab, um es uns Radlern kuschelig warm zu machen.

Leichte Gebrauchsspuren sind bereits erkennbar

Diese Tour ist eine echte Herausforderung. Zumal wenn man -wie ich – mit einem Gravelbike (Crosser) am Start ist, 37er Reifen fährt und eine Übersetzung montiert hat, die spätestens ab 15 Prozent Steigung zu schwerfälligen Kurbelumdrehungen führt und mit dem das Downhillfahren ein ziemlich kribbeligen Erlebnis ist. Wer immer also darüber nachdenkt, #TuscanyTrail zu radeln: MTB oder Fully und mindestens drei Omarettungsringe auf die Kassette packen!

Ich will mich jetzt nicht in Superlative flüchten und schon gar nicht jammern – es ist grandios, dieses Ding im wahrsten Sinne des Wortes zu erleben – aber es ist schon brutal hart. Gestern beispielsweise standen wir 800 Meter nach dem Start am ersten Anstieg. 500 Höhenmeter, alles auf steilen Rampen und rüden Pisten. Für die ersten drei Kilometer brauchen wir eine Stunde. Bis wir drüber waren, schlug die Uhr 11 – wir waren um 8 gestartet. Dann ging es schön asphaltig nach Firenze herunter, wo wir in Touristenmassen unterzugehen drohten, ehe nach Firenze die nächsten Anstiege anstanden. Inzwischem bei Sonnenschein um die 30 Grad.

Firenze!

Was es denn neben aller Jammerei schönes zu berichten gibt? Herrlich viel! Tolle Landschaften, schöne Begegnungen mit Verrückten aus aller Welt, eine traumhafte italienische Küche, viele, viele hilfsbereite Menschen und dazwischen bergeweise Touristen. Die Sprache, mit der ich mich hier zu verständigen versuche schwankt zwischen Englisch und Spanisch (wenn ich nicht aufpasse flutscht mir immer „muchas gracias“ raus statt der hiesigen Wendung), und es wird dabei viel und beständig gelacht. Tutto bene also!

Zwei Tage liegen noch vor uns. 220 Kilometer, 3.800 Höhenmeter, blendende Wetterprognosen mit 30+ Grad und jede Menge Pisten, bei denen das Höhenprofil wie eine Säge aussieht, so oft geht es hoch und runter. Ich bin echt gespannt, in was für einem Zustand ich am Mittwoch im Ziel ankomme. Mit im Übrigen deutlich größerer Reisezeit als der Erste, der gestern nach nur 34 Stunden im Ziel eintrudelte. Da kühlten wir noch unsere müden Wade von den ersten 200 Kilometern.

Gehabt euch wohl, richtige Eindrücke gibts erst nach der Tour, die Beine liegen schon hoch und die Augenlieder sind schwer.

Your hardy cyclist!

Siena!

Und hier noch ein paar Pisteneindrücke:

Tuscany Trail Tag 1

Manchmal lacht man ja, wenn man eigentlich weinen möchte – oder besser: muss. Alles hing mir bereits in den Kniekehlen und das nahe Vinci war als der Ort ausgeguckt, wo die heutige Etappe enden sollte, als die toskanischen Landschaftsbauer einen letzten Gruß an unsere Reisegruppe schickten. Man sah ihn schon von weiten und er war wunderschön. Mit 18 bis 20 Prozent stieg er steil aus der Landschaft hinauf und grinste mich feist an. In mir schrie alles. Sämtliche Körnchen waren verbraucht, die Sonne knallte mit diebischer Freude auf (in?) meinen Rücken. Die Toskana hat mich geschafft. Und doch zockelte ich im Schneckentempo auch dieser Erhebung hoch und widmete diesem Wahnsinn TuscanyTrail ein weiteres Kapitel. Oben drauf war übrigens ein Weingut, wo man uns durstige Seelen mit elegantem Roten huldigte.

Massa, 7:40 Uhr, heute morgen. Etwa 700 Radverrückte treffen sich zum gemeinsamen Durchdrehen.

Tuscany Trail hat seinen gefürchteten Namen alle Ehre gemacht. Nach 20 Kilometern flach durch wilden italienischen Verkehr ging es steil hoch, und dabei blieb es. Bis zum Schluss im heutigen Etappenziel Vinci (jeder entscheidet übrigens, wann und wo man stoppt/übernachtet). Die Anstiege sind ruppig und wild, die Abfahrten oft noch ruppiger und noch wilder. In den flachen Strecken führen riesige Salzpfannen das Regenwasser der letzten Wochen (wir haben Glück: statt Dauerregen haben wir gleißende Sonne), und jedes Mal, wenn wir auf ein Stückchen Asphalt treffen beginnt der Kampf mit den Blechlawinen.

Mit anderen Worten: geile Tour!

Ich bin ehrlich gesagt zu platt für einen längeren Report, zumal wir morgen zum Frühstück gleich den steilsten Anstieg der ganzen Tour serviert bekommen (800 Höhenmeter auf etwa 12 Kilometer, und nicht etwa auf Asphalt), so dass gleich mal die Äuglein zufallen werden. Insofern gibts erstmal ein paar Handbilder, dann könnt ihr zumindest visuell schon mal mitfahren beim wilden TuscanyTrail, der defintiv keine launige Sommerrunde durch eine tiefenentspannte Landschaft ist.

Tutto va bene, Euer hardy cyclist!

Der Abzweig ins Gelände fängt ganz harmlos an.

Und wird bald wild und steil

Immerhin: schöne Aussicht von oben

Wieder runter

Tückische Salzpfannen in der Ebene

Kleiner Pfad mit 18 Prozent. Sieht so einfach aus, nicht wahr?

Toskana

Noch mehr Toskana

Von alten Träumen und jungen Wilden

Vor dem Start

Das ist Alberto. Alberto kommt aus Milano und ist mein Nachbar auf dem Campingplatz hier in Caldonazzo. Er ist 71 und begeisterter Rennradler. Und er hat einen Traum: Noch einmal den Passo Brocon hoch. Das ist einer der Klassiker der Region, der auf knapp 1.700 Metern liegt. Zuletzt war Alberto 2014 mit seinem Rad dort oben. Als er mir von seinem Traum erzählte und meinte, er suche jemanden, der den Anstieg mit ihm gemeinsam fahre, war ich sofort dabei. Zumal Alberto sich einen ganz feinen Rundkurs ausgedacht hatte, der nach dem Brocon noch einen zweiten Gipfel sowie eine technisch anspruchsvolle Talfahrt vorsah. Insgesamt 140 Kilometer geballte italienische Südalpen. Eine ganz schöne Hausnummer. Da muss man nicht mal 71 Jahre alt sein.

Sonntag um 9 ging es los. Während Europa die Wahlstuben stürmte (und hier in Italien in fataler Häufung sein Kreuzchen bei fatalen Personen machte) stürzten wir uns ins Abenteuer. „Es wird wohl das letzte Mal für mich sein“, meinte Alberto vor dem Start und grinste mich mit einem leicht melancholischen Blick an. So langsam begriff ich, was das für ein Tag werden sollte. Vor allem für Alberto. Einfach machte es uns der Radfahrgott nicht. Nach knapp 30 Kilometern auf dem flachen Radweg durchs Tal standen wir kurz vor Beginn des Anstiegs vor einer Brückensperrung. Also acht Kilometer zurück, dort über die nächste Brücke und dann wieder acht Kilometer in die Originalrichtung. Schon waren wir bei geplanten 156 Tageskilometern und hatten eine Dreiviertelstunde verloren.

Auf dem Radweg durchs Tal.

In Stringo begann der Anstieg. Und wie! Wie immer hier in der Gegend fackelte er nicht lange rum. Zack, schlug der Bordcomputer auf 10 Prozent aus, und einstellige Zahlen sollten fortan eine ferne Erinnerung sein. Dazu kam ziemlich dichter Verkehr, und weil die italienischen Autofahrer es mit der Kunst des Abstandhalten nicht so haben (alles über 30 Zentimeter gilt hier als Komfortzone) floss der Schweiß schneller die Stirn herunter als wir uns den Abstieg hochwuchteten. Irgendwann nach gefühlten Ewigkeiten dünnte der Verkehr endlich aus und wir konnten ein wenig durchatmen. Bis dahin hatten Alberto und ich ein großartiges Team abgegeben und ich war voller Hochachtung, mit was für einer Ausdauer und Kontinuität der Kerl die Kurbel in Schwung hielt. Wenn ich mit 71 noch so fit bin habe ich alles richtig gemacht!

Der erste Dämpfer kam bei einem Trinkstopp in Bieno. Als wir einen Einheimischen nach der geplanten Rundroute fragten schüttelte er mit dem Kopf. „Mon dio, no possibile!“ meinte er mit weit aufgerissenen Augen. „Da oben liegt noch Schnee, da gibt es kein Durchkommen!“ Immerhin, den Passo Brocon, den könne man erreichen. „Aber das ist hart“, meinte er und schaute Alberto fest in die Augen. Der grinste nur, meinte „va bene“ und bedeutete mir mit schelmischem Kopfnicken, dass wir weiterkurbeln.

Immerhin: der Pass zum Brocon war schon geöffnet

Spitzkehren. Radlers Träumchen!

Der Anstieg ein Traum. Landschaftlich. Ansonsten eher ein Alptraum. Nichts unter 10 Prozent. Meistens irgendwo im Bereich 12 bis 13. Über 26 Kilometer. Als wir um 14:20 Uhr oben ankamen waren die Körnchen ziemlich aufgebraucht. Der Ausblick entschädigte für alles. Freie Sicht auf die Catena die Lagorai, eines der ursprünglichsten Naturgebiete im Trentino, wie Alberto stolz dozierte. Schneeüberzuckerte Hügel sonnten sich stolz unter blauem Himmel. Die Welt hier oben alpin. Dauerbimmelnde Kuhherden, ebenso einsame wie einladende Albergos und die Zeitlosigkeit einer Region, die sich zwischen beendetem Wintertourismus und noch nicht begonnenem Sommertourismus erholt. Doch so gutmütig uns der Pass begrüßte, so garstig wurde er bald. Kaum hatten wir ein bisschen durchgeschnauft zogen düstere Wolken auf. Regen mit einer Konsistenz verdächtig nahe am Gefrierpunkt tröpfelte auf uns herab. Lange blieben wir nicht oben.

Rast an einer frühjahrspausierenden Herberge auf 1.630 Metern

Die Talfahrt ein Traum. Nun aber wirklich! 26 Kilometer bergab. Beim Pässefahren ist es eigentlich immer so, dass man erst beim Runterfahren realisiert, was man da eigentlich hochgefahren ist. Es war ein nicht enden wollendes Asphaltband, das sich in die Tiefe stürzte und uns mitriss. Also liefen die Bremsen heiß, und mit ungefähr dem zehnfachen Tempo des Anstiegs flogen wir förmlich hinab ins Tal, wo uns die stickige Hitze eines schwülwarmen Frühsommertages erneut den Schweiß aus den Poren jagte. 90 Kilometer standen zu diesem Zeitpunkt auf dem Tacho – bis ins Ziel fehlten uns noch rund 35. Ein epischer Tag bahnte sich an.

Wind und Wetter sind hier im Valsugana völlig unberechenbar. Ein ganz spezielles Wettergebiet, in dem das Mikroklima Pingpong mit den Gefühlen spielt. Zunächst schob uns der Südwind sanft nach Norden und machte Hoffnung auf eine frühzeitige Heimkehr. Dann tauchten am Nordhimmel urplötzlich bitterdüstere Wolken über den Gipfeln des Tals auf. Dort, wo wir unseren Campingplatz vermuteten, goss es offenbar wie aus Eimern. Zugleich drehte der Wind und stand uns nunmehr im Gesicht. 30 Kilometer hatten wir noch, und die Laune sackte spürbar ab. Verbissen kämpften wir uns vorwärts, wobei ich die Lokomotive spielte und mit kaum 15 km/h den strengen Gegenwind zu durchschneiden versuchte. Im Schlepptau Alberto, dessen Blick eine klare Aussage hatte: „Bring mich heim!“ Als wir um halb sechs am Camping ankam, war der Jubel groß. 119 Kilometer hatten wir abgespult und dabei 1.800 Höhenmeter bezwungen. Wenn ich das mit 71 auch noch schaffe bin ich echt glücklich.

Nach 119 Kilometern und 1.800 Höhenmetern: zwei stolze Radler

Die Erfahrung, mit Alberto unterwegs zu sein war großartig. In einem Gemisch aus Englisch, Spanisch und Italienisch tauschten wir uns über Gott und die Welt aus. Ich erfuhr, wie es sich anfühlt, wenn die Körperspannung nachlässt und der Radius kleiner wird. Eine vor allem mentale Herausforderung, zumal das Kunststück darin besteht, den schmalen Grat zwischen „was ist noch möglich?“ und „welche Grenze darf ich keinesfalls überschreiten“ zu finden. Alberto tat dies mit viel Humor, einer fetten Portion Sarkasmus und einem Ehrgeiz, für den ich ihn bewundere. Älter werden ist wahrhaftig ein mächtiges Abenteuer.

Damit könnte ich nun quasi direkt zur Wahl zurückschalten und an Frau Kramp-Karrenbauer und ihre Problemchen mit der digitalen Welt überleiten. Aber lassen wir das, wiewohl auch die große Politik natürlich Thema während unserer Radeltour war. „Italia kaputt“, war Albertos resigniertes Resümee zur aktuellen Lage seiner Heimat. Das lasse ich mal so stehen.

„So stehen“ wiederum ist ein gutes Stichwort für einige andere Ausflüge, die ich in den letzten Tagen hier unternommen habe. Denn „am Berg stehen“ gewinnt im Trentino eine ganz besondere Note. Am Freitag hatte ich mich in den Anstieg zum Monte Panarotta gemacht, 2.002 Meter hoch, direkt gegenüber des Campings gelegen. Auf der Karte lachten mich wunderschöne Spitzkehren an. Das Höhenprofil versprach eine Menge Kurbelarbeit. Auch hier wieder: der Anstieg beginnt abrupt (nämlich fast auf Seehöhe in Livico Terme mit 15 Prozent) und hört dann nicht mehr auf. Gar nicht mehr. Wie ein Boxer, dem der entscheidende Schlag zum K.O.-Sieg fehlt, tänzelte der Panarotta vor mir herum und versuchte, mich mit ständigem Rhytmuswechsel zu ermüden. Hoch mit 17 Grad über mehr als zwei Kilometer. Runter auf gnädige 13 Prozent. Dann Baustelle mit Baumarbeiten (im Herbst hat ein Sturm hier ein Desaster hinterlassen). Danach wieder hoch auf 17 Prozent, und das auf einer irrwitzig langen Geraden, die bei einem Tempo von 5 km/h schier nicht aufhören wollte. Spöttisch grinste der Berggott mich an, tänzelte fröhlich vor mir herum und neckte mit einem provozierenden „dass schaffst Du nie“.

Für 12 Kilometer brauche ich im Flachen so um die 20 bis 25 Minuten. Am Panarotta brauchte ich fast drei Stunden. Und darf leicht beleidigt hinzufügen: Spaß gemacht hat das nicht! Die Kletterei war über weite Strecken jenseits der „Okay, es ist hart, aber ich schaffe das“-Grenze, und die pausenlose Steigung bei ständig wechselndem Neigungsgrat zehrte ziemlich an den Nerven. Einen Rhytmus zu finden war kaum möglich. Was mich hochtrieb war eigentlich nur die Aussicht, ab Samstag auf dem Tuscany Trail damit genau jene Höhenmeter in mir zu haben, die mir alle Experten ans Herz gelegt haben. Knapp 8.000 habe ich übrigens in dieser knappen Woche hier unten angesammelt – bin gespannt, ob es reicht…

Die letzten Tage bis zur Weiterreise zum Startort Massa am Freitag werden ruhiger verlaufen. Zum einen ist das Wetter aktuell echt rau – viel Regen -, zum anderen will ich mir den Hunger auf Anstiege bis zum Start am Samstagmorgen nicht verderben. Morgen geht’s aber nochmal mit dem mit komplettem Gepäck ausgestatteten Crosser ins Gelände, wobei ich nur wissen will, ob die Gepäckverteilung stimmt und wie sich diese wahnwitzig steilen Downhills auf Schotterpiste mit voller Kapelle fahren lassen.

Mit anderen Worten: ich bin startklar!

Im Tal der Höhenmeter

„Höhenmeter machen. Jeder trainierte Höhenmeter hilft Dir auf der Tour.“ Das kriegte ich bei meiner kleinen Umfrage unter früheren Tuscany Trail-Teilnehmern letzten Monat von jedem zu hören. „Die ersten 20 Kilometer sind noch okay. Dann geht es in den ersten Anstieg, und da merkst sofort, ob Du genug Höhenmeter in den Beinen hast. Wenn nicht, dann viel Spaß“…

Lago di Caldonazzo im abendlichen Nieselregenkleid

Höhenmeter also. Und genau die sammle ich nun in einem herrlichen Tal südlich des Lago di Caldonazzo im Trentino en gros an. Heißt im Klartext: Im Kriechgang die bis zu 12-Prozenter hoch, oben umdrehen und wieder runterrasen. Ein bisschen flachfahren und ab in den nächsten Anstieg. Wieder den Schweiß aufs Oberrohr fließen lassen, dem Tacho beim Melden von widersprüchlichen Zahlen folgen (Geschwindigkeit: 6 km/h, Steigung 12 Prozent) und hoffen, dass wirklich jeder Höhenmeter zählt, wenn es ab dem 1. Juni ernst wird.

Es ist nicht so, dass es kein Vergnügen bereiten würde. Vor allem heute, wo die Sonne endlich Regen und Wolken verdrängt hat und mit ihrer Lichtkraft die Bergkulisse geradezu malerisch ausleuchtete. Sah ausgesprochen schick aus, insbesondere dort, wo die Niederschläge des Wochenendes als Schnee runtergingen und kleine lustige Käppchen auf den Gipfel hinterlassen haben.

Aber auch sonst passt es. Denn hier im Tal gibt es ein fantastisches Radwegenetz, das vorzüglich ausgeschildert ist und reichlich Kilometer zum flachen Einfahren liefert. Quasi autofrei, durch Weinberge, Apfelplantagen und zumeist entlang des Fiume Brenta, einem kümmerlichen Rinnsal, das als letzte Erinnerung an die Wassermassen, die das Tal vor Millionen von Jahren modellierten, geblieben ist.

Je weiter südlicher man kommt, desto mehr beruhigen sich dann auch die am Lago noch dichtgedrängten Bergmassive ins Tal und schauen leicht versnobt hinunter auf die tosenden Massen von Autos, Lastern, knatternden Mopeds und schwitzenden Radlern, die sich durch die Ebene Richtung Padova quälen und ihre Energie für so sinnlose Dinge wie Fortbewegung verbrauchen.
Wer zu ihnen hochwill, der muss bereit für einen mächtigen Schweißzoll und sich den Zugang zu den mit Zement und Gottvertrauen in die Hänge geklammerten Weiler und winzigen Orte wortwörtlich erarbeiten.

Aktueller Formcheck: Auch wenn die Beine nur mühsam und vor allem schleppend in die Stampfrythmus kommen bin ich zuversichtlich, dass die abgeplagten Höhenmeter ihre Wirkung haben werden.

Olle ist ein Ortsname, der mich als im Ruhrgebiet Aufgewachsenen erstmal an altersunweisen Ehemännern erinnert. Hier liegt am Fuß einer dieser heldenhaften Serpentinenstrecken, denen ich mich stellte.

Im Zentrum des Wahnsinns: Tuscany Trail 2019

543 Kilometer.

9.200 Höhenmeter.

65 Prozent off-road bzw. Singletrails.

Maximal acht Tage Zeit.

Startnummer 336.

Soweit die Eckdaten meines kleinen bevorstehenden Radabenteuers in der Toskana, das am 1. Juni losgeht.

56314700_335641210479280_6289569096312815616_nTuscany Trail ist kein Rennen, sondern ein Selbstversorgerausflug über eine vorgebene Route, bei der jeder Fahrer für sich selbst verantwortlich ist. Übernachtung, Verpflegung, Tempo, Fahrzeit usw. – alles wird selbst organisiert. Los geht es am 1. Juni in Massa, spätestens acht Tage später muss man 543 Kilometer weiter südlich in Orbetello angekommen sein. Man darf auch später eintreffen, doch dann hat das Empfangskommitee des Veranstalters seine Zelte bereits abgebaut und niemand jubelt einem beim Eintreffen mehr zu.

 

profilott19-800x250Das Höhenprofil. Ob mein Herzschlag am Ende ähnlich aussehen wird?

Während ich noch mit dem Gedanken spielte, ob ich mich dafür anmelden sollte (oder besser: wollte) fiel die Entscheidung anderswo. Ein Anruf der Redaktion des „Tour“-Magazins, bei dem wir nebenbei über den Tuscany Trail sprachen, führte zum Reportageauftrag. Nun werde ich am 1. Juni in Massa also auf den Sattel steigen, begleitet von einem „Tour“-Fotografen und mit offenen Augen und Herzen, um anschließend möglichst vielen „Tour“-Leser Lust auf die Tortour zu machen. So fallen Entscheidungen!

Das eher unvorteilhafte Frühlingswetter hat allerdings neben einem anderthalbwöchigen Ausfall wegen aktuter Fieberschübe für eine etwas mäßige Frühform gesorgt. Bei meinem Göttinger Heimatrennen, der Tour d’Energie, trudelte ich eine gute Viertelstunde später im Ziel ein als im letzten Jahr. Um das zu ändern werde ich auf dem Weg in die Toskana in Südtirol Station machen und ein paar Höhenmeter sammeln – hoffentlich in etwas sommerlichem Ambiente als bislang.

Was mich beim Tuscany Trail tatsächlich erwarten wird ist mir nicht so ganz klar. Die ersten 20 Kiometer sind flach, da sind sich alle Erfahrungsberichtler einig. Dann geht es in den ersten Anstieg, und die Kraxelei bzw. Ins-Tal-Stürzerei hört anschließend offenbar nur sporadisch mal kurz auf. Übernachtet wird irgendwo. Wenn es gut läuft auf einem Campingplatz, wenn nix in der Nähe ist irgendwo in der Landschaft. Aber Schlaf wird bei so einem Abenteuer vermutlich eh überbewertet.

Mein Gepäck führe ich selbst am Rad, und weil es viele Singletrails gibt fielen die Satteltaschen natürlich aus. Stattdessen radle ich mit Lenkerrolle, Rahmentasche und Sattelschwanztasche, in denen ein wirklich sehr, sehr übersichtliches Material vorzufinden ist. Jedes Gramm muss ja schließlich die Anstiege hochgewuchtet werden. Gefahren wird mit dem Crosser, mit dem ich 2014 auch die Anden hoch und runtergedüst bin. Ein 37er Schwalbe-Mondial gibt mir hoffentlich den richtigen Gripp, und die andentaugliche Übersetzung sollte mich über die meisten Anstiege führen. Gespannt bin ich vor allem auf die Abfahren bei 20 bis 25 Prozent…

60463056_352190368824364_2141129836591054848_n So ungefähr wirds aussehen.

Alles in allem ein Abenteuer wie gemalt für einen wunderbaren Start in den Sommer 2019! Ein bisschen Struktur (Streckenführung), ansonsten viel Raum für Spontanität und garniert mit einer dicken Portion Quälerei, Schinderei und Freiheit. Perfekt!

mappa-tt2019-800x800Sommer, Sonne, Weinfelder, Anstiege – 543 Kilometer durch die Toskana.