Tour d’OSTalgie, Etappe 11

Boah, hab ich geflucht! Auf den Verkehr! Auf den Regen! Auf die Laster, die gefühlt in zehn Zentimeter an mir vorbeirauschten und mich mit Spritwasser vollsauten. Vor allem aber über die Verkehrspolitik hier oben, die es schafft, entlang der B109 zwischen Torgelow und Anklam weder einen Radweg zu bauen noch irgendwelche Alternativrouten anzubieten. Es ging einfach nicht anders, mein Strecke führte entlang der höllisch befahrenen wichtigsten Bundesstraße.

Spaß machte das nicht, schon gar nicht bei Regen. Irgendwann kurz hinter Torgelow ging es los, bekam der ausgedörrte Boden die dringend benötigte Flüssigkeit von oben. Und ich war mitten drin. Als Kollateralschaden sozusagen. Erst kurz vor Anklam tauchte endlich eine Nebenstraße auf, dünnte zudem der Regen aus, konnte ich tatsächlich trocken übersetzen auf Usedom, wo die erste von mehreren Tour d’OSTalgien dann endete. Usedom ist übrigens wellig. Also mal so richtig wellig! Da kommt ordentlich was an Höhenmetern vorhanden, zumal die Radwege der wellien Topografie folgen, während für die Bundesstraße daneben die ganzen Huppel glattgebügelt wurden.

Zwei Wochen am Stück Galasommer und ich komm ans Meer, das frisch und bewölkt ist und Regen präsentiert. Muss man auch erstmal schaffen, oder? War jedenfalls ne ganze schöne Umstellung von „so wenig Kleidung wie nötig“ zu „so viel Kleidung wie möglich“. Trotzdem: insgesamt natürlich perfektes Wettertiming!

Ebenso die Technik. Gestern sah ich kurz vor dem Ziel, dass mein Hinterrad eiert. Als ich mich heute morgen mit einem Speichenspanner an die Arbeit machte, sah ich das Maleur: die Hinterradnabe ist gebrochen! Materialermüdung nach zu vielen aüdamerikanischen und albanischen Bergen sowie rauen ostdeutschen Kopfsteinpflaster-Holperstrecken. Aber auch da: perfektes Timing!

Ansonsten brachte die letzte Etappe wenig Erzählenswertes. Sie war vor allem geprägt vom nervigen Verkehr und Regen, was mir die Urlaubsstimmung zeitweise doch ein bisschen trübte. Highlight des Tages war eines der vermutlich Hunderten von Waldstadien, die wir in Deutschland haben. Es befand sich (logischerweise) im Wald neben einer kleinen Siedlung, die eine besondere Geschichte hat. Drögeheide liegt kurz vor Torgelow und gehört zu einem riesigen Truppenübungsplatz mitsamt gewaltigem Kasernengelände. Teile davon stehen leer, und Namen wie „Ernst-Thälmann-Siedlung“ verraten den vorherigen Besitzer, andere Teile wurden von der Bundeswehr übernommen und sind noch/wieder im Betrieb. Überall wuselte es olivgrün und erinnerte mich an weichenstellende 15 Monate vor langer Zeit in meinem Leben.

Auch nicht übernommen von der Bundeswehr wurde das Waldstadion Drögeheide, in dem von 1984 bis 1989 die Armeeelf der ASG Vorwärts Drögeheide Drittligafußball spielte. Die goldenen Zeiten des Armeesports in der DDR. Das Areal liegt herrlich und ist bestens gepflegt. Der dafür Verantwortliche stand zufällig im Plausch mit einem Passanten vor den Stadiontoren und war nur zu begeistert, mir alles zu zeigen. Und stolz über den sattgrünen Rasen von B-Platz wie Hauptplatz zu schwärmen, den er in diesem sandigen und trockenen Gelände nur deshalb hinbekommt, weil eine Berieselungsanlage eingebaut ist.

Gespielt wird nur noch Jugendfußball. Trotz hoher Soldatendichte gibt es keine Männermannschaft mehr, seitdem der letzte Geldgeber „Volkssolidarität“ abgesprungen ist. Und so ist das Waldstadion Drögeheide ein wunderbares Areal mit hohem Romantikpotenzial aber ohne Heimelf. Trotzdem: wer in der Gegend ist sollte mal im vergessenen Waldstadion von Drögeheide vorbeischauen!

Torgelow wiederum ist eine Stadt mit langer Geschichte, die ein schön anzusehende Zentrum hinterlassen hat und eine Eisengießerei, die zu DDR-Zeiten den Namen „Max Matern“ trug. Es war auch Namens- sowie Geldgeber der örtlichen Fußball-BSG war, die lange „Liga“ spielte und heute in der Oberliga unterwegs ist, also das klassenhöchste Team im äußersten Nordosten stellt. Heute heißt man Torgelower FC Greif und spielt im Spartacusstadion. Der Platzwart in Drögerheide war übrigens ganz im Schwarz-Gelb des Greifs gekleidet, hatte aber nicht allzu viel positives über dessen Zukunftsaussichten zu berichten. Das alte Problem: kein Geld, dazu die zwar attraktive Lage nahe der Küste, aber eben auch ganz schön weit weg von vielem.

Freilich hatte der gute Mann ein ganz anderes Problem. Er schaute nämlich neidisch auf mein Bike, das neben seinem Motorroller parkte. „Früher bin ich auch immer mit dem Rad von Torgelow hierher gefahren. Heute krieg ich schon nach 500 Metern Schnappatmung. Die Kondition ist weg, und ehrlich gesagt kann ich mich auch nicht mehr aufraffen. Aber ich würde schon gerne wieder Radfahren.“ Vielleicht konnte ich ihn ja doch ein bisschen motivieren, seinen Hintern wieder in den Fahrradsattel zu bekommen, denn irgendwie gefiel ihm meine kleine Osttour doch sehr gut, zumal sie ja mit seinem gelieben Fußball zusammenhing.

Nach Torgelow gings dann auf die Alptraum-109, die ich für knapp zwei Stunden bis Anklam nicht mehr verlassen sollte. Aber das hatten wir ja schon 😅

Und damit ist die erste Osttour beendet. Es wird nicht die letzte gewesen sein, denn es warten noch so viele Orte, in denen große Kombinate Bündnisse mit dem Fußball eingingen. Tiefenort natürlich, das Erzgebirge, wo die Geschichte in Aue ja so erfolgreich weiterlebt, Espenhain, Sömmerda, der ganze Raum um Halle, Leipzig und weiter bis Wolfen, Rostock mit der Fischindustrie und viele andere mehr (gebt gerne Hinweise auf weitere Ziele und meldet euch, wenn ihr Lust habt, mich anradeln zu lassen!).

Dass die DDR-Fußballgeschichte gerade in diesem Bereich so viel zu erzählen hat ist mir jedenfalls mehr als deutlich geworden, und auch, dass diese Geschichten so viel vom damaligen Alltag im Land erzählen.

Aus „Wessi“-Sicht ist die DDR-Geschichte ja oft so ein bisschen rätselhaft/kurios/unverständlich, weil „uns Wessis“ die konkrete Erfahrung mit Planwirtschaft, den Strukturen und begrenzten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, die Hierarchien und natürlich auch der Stasi fehlt. Je mehr ich abtauche in diese Welt desto „normaler“ wird sie zugleich, denn aus „Ossi“-Sicht war sie ja schlicht der Alltag, den man möglicherweise hinterfragt und (heimlich) kritisiert hat, der aber nichtsdestotrotz das eigene Lebensumfeld darstellte. Und da bin ich immer wieder voller Ehrfurcht, wie man versuchte, die in vielen Bereichen von Mangelwirtschaft geprägte Lebenswelt zu gestalten. An dieser Stelle dann gleich nochmals der Hinweis auf das bereits erwähnte Buch „Alltag in der DDR“, das mich auf dieser Tour begleitet hat und mir viele Dinge erzähle, durch die ich verstand.

Das wichtigste aber zum Schluss. Die bewegendsten Momente hatte ich immer wieder, ob in Riesa oder Zittau, in Döbern oder Brieske, bei Schwarze Pumpe oder in Drögeheide, wenn es um die Trennung und die Vereinigung ging. Die Mauer aus Europa geschafft zu haben ist eine historische Leistung von Ost wie West, und es ist etwas, was wir auch in wilden und durchaus zerstrittenen Zeiten wie diesen nie vergessen sollten. Lasst uns dieses Land gemeinsam entwickeln, mit all seinen unterschiedlichen Facetten und Menschen, seinen Vergangenheiten und Zukunften, seinen Menschen, ob es Sachsen, Sorben oder Vorpommern sind, und auch jenen Menschen, die in Deutschland gerade eine neue Heimat suchen, so, wie es in dem von mir bereisten Raum schon seit Jahrtausenden Menschen getan haben und weiter tun werden. We are the world!

Und damit „Sport frei!“, danke fürs „mitfahren“ und bis bald, euer hardy cyclist

Zum Schluss noch ein Hinweis: das Material dieser Tour wird in mehrerlei Hinsicht Verwendung finden. Zum einen in Vereinsporträts der Buchreiche „ZEITSPIEL-Legenden: Fußballvereine“, von denen der erste Band bereits erschienen ist (siehe „W“ Link unten), zum anderen im Magazin Zeitspiel und schließlich möglicherweise eines Tages in einer größeren Studie zum gesamen Komplex „Schwerindustrie und Fußball“, einem der möglicherweise spannendsten Aspekte der Fußballgeschichte.

Ach ja: das Buch zur Albanien-Tour entsteht bereits. Ob es bis Weihnachten klappt ist noch nicht sicher, ich bin aber hoffnungslos 😉

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