Tour d’OSTalgie, Etappe 9

Über weite Strecken war ich heute als Hochgeschwindigkeitszug in der Bratröhre unterwegs. Fast 40 Grad in der quasi nie zu vermeidenden Sonne, ein autofreier Radweg entlang des Oderdamms und unterstützender Rückenwind machten es möglich. Es war eine Etappe des Kilometerschruppen, denn so schön der autofreie Radweg auch war, und so urzeitlich der Oderbruch daherkam: bei der brütenden Hitze war kaum etwas anderes möglich. So standen am Ende 136 Kilometer auf dem Bordcomputer, weil ich einen Campingplatz weiterfuhr, denn der hatte im Vergleich zum ursprünglich ausgesuchten einen unschlagbaren Vorteil: einen Badesee mit Strand.

Überhaupt: ist diese Industrie-und-Fußballkultur-Tour nicht längst zu einer gemütlichen Reise entlang der Badeseen geworden? Seit Weißwasser, also seit Donnerstag, hab ich nur eine Nacht nicht an einem Badesee gecampt: in Cottbus, da gibt es nämlich keinen Camping. Und auch keinen See.

Ich hab sie lieben gelernt, diese Wasserlandschaften, die in vielerlei Hinsicht wie ein Ausflug ans Meer erscheinen. Vor allem der Helene-See letzte Nacht mit einem kilometerlangen Sandstrand und echtem Meeresflair. Nicht nur diesbezüglich hat sich mein Bild über den Osten in den letzten Wochen übrigens kräftig revidiert! Wurde echt Zeit, mal mit dem Reisen im eigenen Land anzufangen!

Was ich aber auch sehe, sind verbrannte Landschaften. Die Region leidet unter unfassbarer Trockenheit. Ganz schlimm war es zwischen Hoyerswerda und Senftenberg, wo sich regelrechte Steppe ausbreitet. In einem Dorf habe ich mal jemanden gefragt, ob das normal sei, und er meite, das wäre seit einigen Jahren oft so. Und mein Stadtführer in Brieske, dort geboren und aufgewachsen, ergänzte, dass die Seen, entstanden aus den Abraumhalden des Tagebau, mit verantwortlich seien: sie bilden eine regelrechte Wetterscheide, die Regen verhindert.

Heute war es wieder karg entlang der Strecke, zumindest nördlich von Frankurt. Und hier am Parsteiner See ist dee Wasserlevel auf Rekordtief. Frankfurt hatte dann übrigens auch etwas damit zu tun, dass ich auf dem Oderbruch etwas mehr Gas gab, denn es kostete reichlich Zeit, dort durchzufahren. Zumal ich ja meine eigentümlichen Besuchsziele habe, wie das Fritz-Lesch-Stadion, in dem einst die BSG Halbleiterwerke (HFO) auftrat und natürlich das Stadion der Freundschaft, wo man früher Europapokal spielte. Zwei Grounds mit eigenem Flair. Das eine – das der BSG HFO – mitten im Plattenbauwald, an dem sich gerade ein Neubaugebiet für alterstgereches Wohnen anschließt. Das andere direkt an der Oder, wo Frankfurts einstige Pracht als Ruinen verkümmert.

Zu Besuchbei HFO
Und beim FCV

Mit Frankfurt bin ich noch nicht „durch“, so wie es aussieht. Irgendwie verstanden wir uns nicht so recht. Ich nicht die Verkehrsführung, Frankfurt nicht meine Wünsche. Die Atmosphäre fand ich vielschichtig. Im Supermarkt ruppig, traurig, resigniert, auf der herrlichen Oder-Insel Ziegewerder großartig. Vor dem Supermarkt (am HFO-Stadion) kam ich mit einem Herren ins Gespräch, der nicht viel Hoffnung für die Zukunft hat. Für den Nachfolger der BSG HFO allerdings noch weniger, denn „da geht niemand mehr hin“.

Ruine am Stadion

Hinter Frankfurt wurde es einsam, weit und zeitlos. Die totale Entspannung. Ein naturräumliches wildes Gebiet, in vielfacher Hinsicht Grenzland und Land zwischen den Welten. Ideal, um die gestresste Seele mal baumeln zu lassen. Zumindest bis die Hitze dann allmählich unerträglich wurde, denn eins ist hier echt rar: Schatten. Anhalten und Luftholen war kaum möglich, und so hangelte ich mich irgendwann nur noch von Einkehrmöglichkeiten zu Einkehrmöglichkeiten. Kippte alles, was flüssig und kühl war, in mich hinein, traf jede Menge andere Radler (sehr viele Polen!) und durchstreifte den aufgeheizten Raum, um am Ende in den Parsteinersee springen zu können. Leben kann so einfach sein!

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..