Monat: September 2020

Tour d’OSTalgie, Etappe 12

Als Fußballfan ist man ja schon ein bisschen meschugge. Hängt sein Herz an ein Konglomerat mehr oder weniger begabter bzw. interessierter Männer oder Frauen. Und ich hatte wahrlich ein ganz besonderes Talent für die Perlen im großen Vereinsmeer. Aufgewachsen in Dortmund wählte ich Göttingen 05 und überlebte meinen Verein, der 2003 das Zeitliche segnete.

Als Radfahrer ist man ähnlich meschugge. Steigt in einen Zug, der nach Suhl fährt, wo man hinwill. Steigt aber 60 Kilometer vorher aus, um dann nach Suhl zu radeln, wobei natürlich ein klitzekleiner Höhenzug namens Rennsteig dazwischen liegt. Flach kann ja jeder! Der Anstieg nach Oberhof war lang, heiß, manchmal (nicht immer) steil und vor allem wundervoll. Schön im Schatten gelegen, eingemummelt in üppige Natur, verkehrsfrei weil als Forstweg deklariert und schön serpentinig. So liebt es der meschugge Radler, da zieht er seine Energie und seinen Lohn raus!

Zwischen Rudisleben und Suhl liegen etwa 52 Kilometer und rund 750 Höhenmeter, die meisten von ihnen konzentriert auf etwa 20 Kilometer. Gemütlich entspannt ging es zunächst entlang der Wilden Gera, die sich ein schönes Tal gegraben hat, das dem Radler viel Freude beschert. Toller, verkehrsfreier Radweg, Dörfer ohne Zeitschema und mit tückischem Kopfsteinpflaster, Kleinstädte mit Namen, die ich noch nie gehört habe. Wie schön ist eigentlich Deutschland?!

Ich hatte heute übrigens noch einen weiteren Wesensanteil im Gepäck: den Nostalgiker. Der wollte schon seit Ewigkeiten nach Rudisleben. Weshalb das mit dem frühen Aussteigen aus der Bahn überhaupt erst in Erwägung gezogen wurde. Denn beim Blick auf die Karte zeigte sich, dass der Umsteigebahnhof Neudietendorf ziemlich nahe an eben jener Traumstadion Rudisleben liegt. Und was soll ich sagen – es lohnte sich! Einsam und vergessen steht dort eine herrliche alte Holztribüne aus dem Jahr 1954 und wird nicht müde, von der glorreichen Vergangenheit zu erzählen. Als die Ränge noch voll war und der Rasen gemäht. Seit Ewigkeiten ist beides nicht mehr der Fall, wartet die ehemalige Manfred-von-Brauchitsch-Kampfbahn der ehemaligen BSG Motor Rudisleben-Ichtershausen (die aus dem Zusammenschluss von BSG Nafa Ichtershausen und BSG Podjomnik Rudisleben entstand, mal ehrlich DDR-Namen SIND doch pure Poesie, oder?) auf ihren Abriss. Zigfach schien es schon soweit zu sein, zigfach waren die Bagger startklar. Aber sie steht noch immer und versucht, in ihrem tristen Zustand stolz wie eh und je auszusehen. Was ihr durchaus gelingt. Fast wünscht man sich, dass die Stadtverwaltung von Arnstadt, wozu Rudisleben gehört, doch noch ein Einsehen haben möge und das Kunstwerk rettet. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch wenn sie nicht berechtigt ist.

Zum Anstieg nach Oberhof habe ich mich schon geäußert. Oberhof selbst fand ich so lala. Viel zu viel (Schwer-) Verkehr nach dem entspannten Radwegradeln, viel zu viel Beton und viel zu wenig Charme. Vielleicht lags daran, dass ich exakt null geöffnete Kneipen gefunden habe (gefühlter Hochsommer, 15 Uhr), aber ich bin ziemlich fix wieder auf der anderen Seite runtergerollt und habe mich in eine Talfahrt gestürzt, die es in sich hatte. 13 Prozent und mehr, da richtet die Schwerkraft schon einiges an! Mich spülte sie nach Zella-Mehlis, das nicht ganz so romantisch war wie es sich anhört. Irgendwie hatte ich es heute mit Schwerlastverkehr…

Dann Suhl. Die Hauptstadt der Plattenbauten. Die Heimat des Verlegenheits-DDR-Oberligisten BSG Motor. Und natürlich, ich hör den Aufschrei unter euch Hammer- und Sicheljüngern, der legendären Simson-Werke. Alles nicht mehr da. Platte wurde mächtig abgerissen, weil von 68.000 Suhlern und Suhlerinnen nach der Wende nur 38.000 blieben. Die BSG Motor wurde zum Suhler SV 06 gewendet, die Simson treuhänderisch abgewickelt. Von 8.000 Arbeitsplätzen blieben zunächst noch ein paar hundert, heute gibt es nur noch ein Museum und die Sehnsucht nach früher.

„Nach der Wende haben sich alle gefreut, doch dann ist alles weggeworfen worden, was war. Das war schon bitter“, erzählte mir ein Zeitzeuge im Gespräch beim Suhler SV 06, wo ich fachkundig und überaus freundlich empfangen wurde. Zu den Spielen kommen heute übrigens noch knapp 100, wo es in den 80ern bis zu 12.000 waren. Fatal: die alte Industrie ist abgewickelt, dafür kam neue aus dem Westen, die in Suhl jedoch nur Dependancen betreiben. Der sportliche Leiter des SSV 06: „Wenn wir denen unser Konzept mit Jugendarbeit vorstellen dann finden die das ganz toll, sagen aber am Ende doch, ne, wir investieren in unseren Heimatverein im Westen.“

Suhl selbst ist ne spannende Stadt. Bis 1945 ein kleines Regionalzentrum mit schicker Innenstadt. Dann zur Bezirkshauptstadt hochgejazzt und zur Hauptstadt der Platte geworden. Hier standen (stehen) die prächtigsten und größten Plattendenkmäler der DDR-Geschichte. Direkt am Stadion gab es auch so ein Prachtstück. „Wohnscheibe“ war sein Kosename. „1.600 Leute wohnten da“, erfuhr ich beim Verein, „die hatten am Spieltag immer viel Besuch.“

Suhler Kontraste

Es ist, wie ich es schon oft erlebt habe: Erleichterung über die Wende, Wehmut über das, was danach passierte. Realismus, Pragmatismus. Beim Suhler SV 06 hoffen sie vor allem auf eine grundlegende Sanierung der Sportanlagen, denn „das hier ist alles noch aus den 80ern, seitdem ist da nichts passiert.“

In diesem Sinne, bis morgen zur nächsten Etappe, die mich ins legendäre Kaffeetälchen führen wird. Es lebe der Radsport, es lebe der meschugge Lebenswandel.

Ach, und auch das ist natürlich „Tour d’OSTalgie“…

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Tour d’OSTalgie geht weiter!

Herrlicher Spätsommer, ein gepacktes Fahrrad und wunderbare Ziele vor Augen. Was könnte schöner sein? Meine kleine (große) Tour d’OSTalgie geht auf die nächsten Etappen, wobei es aus Zeitgründen diesmal nur drei sind, denn am Donnerstag wird meine Expertise in der Heimat gebraucht.

Aktuell sitze ich im Zug von Leinefelde nach Neudietendorf. Das ist bei Erfurt, vor allem aber bei Arnstadt. Und da steht die erste Station meiner Reise an: Die Besichtigug der schon mehrfach für „jetzt wird sie aber endgültig abgerissen“ uralten Holztribüne in Rudisleben. Ein Highlight gleich zu beginn, das mir Schwung geben wird für 50 folgende und ziemlich hügelige Kilometer über Oberhof und Zella-Mehlis nach Suhl. Eigentlich müsste ich ja mit nem Simson-Zweirad nach dorthin unterwegs sein, doch die abgasfreie Variante ist mir dann doch lieber. Suhl ist Etappenstation, und ich bin schon sehr gespannt auf Stadt, Stadion und Verein, der sich sehr engagiert hat, mir einen Gesprächspartner zu organisieren.

Ab morgen wird die Tour d’OSTalgie dann ein bisschen zur Tour de Kali. Das war sie im Übrigen letzte Woche schon mal, als ich Bischofferode und Bleicherode besuchte, die in gemütlicher Etappendisstanz zur Heimat liegen. Die Kali-Geschichte ist ja ein ganz eigenes Kapitel DDR-Industriegeschichte, und gerade Bischofferode mit dem großen Hungerstreik 1993 und dem eklatanten Versagen namentlich der Treuhand stehen sicher düster herausragend dafür.

Bleicherode wiederum hat schwer gelitten seit der Wende, versucht aber dennoch, sich brav herauszuputzen. Wie ihr an den Bildern weiter unten sehen könnt eine schwierige Herausforderung, denn die alte Kali-Region Nordthüringen ist schon erschreckend strukturschwach.

Kali? Thüringen? Werra-Radweg? Na, da fällt der Groschen, wo die weitere Reise nach Suhl hingeht, oder? Endlich! Endlich dieses sagenumwobene Kaffeetälchen in Tiefenort sehen und diese vertückten Menschen treffen, die dort Geschichte mit Gegenwart verbinden. Kerr watt freu ich mich!

Mittwoch gehts dann über Eisenach zurück, womit ich das angekündigte Sommerhoch schön auskosten kann. Berichte und Bilder kommen natürlich, hier schon mal einiges von der Bischofferode/Bleicherode-Tour.

Bleicherode Zentrum
Richtung Bischofferode
Bischofferode mit seiner Abräumhalde
Fußballkultur der Region