Autor: hardygruene

Nach der Tour d'Afrique 2011 steht 2014 das nächste große Radabenteuer an: Vom 1. August bis zum 14. Dezember werde ich über 11.000 Kilometer von der ecuarodischen Hauptstadt Quito bis ans Ende der Welt nach Ushuaia in Südpatagonien radeln. Das alles erneut ihm Rahmen eines Radetappenrennens, und das alles vermutlich abermals "Jenseits der Komfortzone".

Countdown #UKChallenge2018: noch einen Monat

Symbolbild Winter 2017/18 – Tour-Vorbereitung

Heute in einem Monat geht es los. Heute in einem Monat werd ich in Land’s End stehen und endlich ins nächste Abenteuer starten. Ziel ist das rund 1.600 Kilometer entfernte Dörfchen John O’Groats ganz oben rechts in Schottland. Dazwischen liegen ein Land im Brexit, fahrradtückische Ballungsräume wie Manchester und Glasgow und vermutlich der eine oder andere Regentropfen. #UKChallenge2018 läuft!

Wobei – läuft? Bislang lief bei mir vor allem die Nase. Wenn ich mal wieder komplett durchgefroren und leicht genervt von einer Kurbel-Trainingseinheit heimkehrte und diesen endlosen Winter verfluchte. Ganze zweimal durfte ich bislang in so etwas wie „Frühlingsgefühlen“ fahren. Fröhliche Vorbereitung geht anders. Aber es hilft ja nix. Wenn ich am 30. April nicht schon kurz hinter Land’s End schlappmachen will, muss jetzt gearbeitet werden. Also klettere ich seit rund sechs Wochen zwei- bis dreimal pro Woche auf den Renner oder den Crosser, um den weihnachtlichen Jan-Ulrich-Effekt loszuwerden und stattdessen ein bisschen Puste auf die Rippen zu bekommen.

Nebenbei laufen die Planungen, und die sind auch nicht ohne. Wie immer herrscht überall Unsicherheit. Da hilft auch nicht die Erfahrung von zwei Kontinentdurchquerungen – jede Tour ist ein neues Abenteuer, und das hat seine eigenen Gesetze. Schärfstes Thema: das Wetter. Der Mai gilt als einer der perfektesten Monate für End to End. Halbwegs trocken, angenehm temperiert, lange Tage. Doch eine Großbritanniendurchquerung ohne Niederschläge? Im Grunde genommen ist doch nur die Frage, wann es mich erwischt. Und für wie lange…

Die Routenführung steht noch immer nicht so ganz. Bis zum Großraum Manchester/Liverpool ist alles klar, warten so wunderbare Abschnitte wie das Dartmoor, das Wye-Valley in Wales und das wunderschöne Herefordshire auf mich. Cyclists Paradies! Bezüglich der großen Entscheidungen wie Lake District oder Yorkshire Dales? (Favorit sind die Dales) und vor allem Loch Lomond/Loch Ness oder Highlands? (Favorit: Highlands) läuft der Entscheidungsprozess noch. Aber es ist ja auch noch Zeit. Dafür sind andere Sachen geklärt: am 13. Mai komme ich in John O’Groats an, drehe dort mangels vernünftiger Bahnreisemöglichkeiten gleich wieder um und kurble die 200 Kilometer bis nach Inverness aus eigener Kraft zurück (immerhin auf anderer Strecke). Erst dann geht es in die Bahn und nach Warrington (nahe Liverpool), wo der letzte Abschnitt von #UKChallenge2018 ansteht – eine großzügige Schleife durch meinen alten Urlaubsliebling Wales mit Snowdonia und den Brecons. Und wenn ich DA keinen Regen kriege verstehe ich die Welt nicht mehr 🙂

Stay tuned on this challenge, your hardy cyclist!

Rückenwind wär nicht schlecht. Und wenn mich dann ein Blitzer einfängt – so what!

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UK Challenge 2018

Wie kommt das eigentlich, dass man zum Jahresende immer irgendwie in den Abenteuermodus schaltet? Das nasskalte Wetter? Die kurzen Tage? Die Lust auf Bewegung in lockerer Kleidung? Der Drang nach Begegnung mit spannenden Menschen und anderen Kulturen?

Und was tut man dagegen? Vor dem Fernseher hocken, Bier trinken, Chips essen und in Phantasiewelten entschwinden natürlich! Über Weihnachten durfte ich die ersten vier Folgen von Harry Potter gucken. Nicht lachen, denn das war tatsächlich eine Premiere. Bislang hatte ich mich diesem Produkt der Traumwelt entzogen. Nicht absichtlich oder aus gar aus Protest, sondern schlicht aus Desinteresse. Gut, dass es junge Menschen gibt, die den alten Knackern der Welt zeigen, was sonst so los ist im Universum. Und ja, ich hab es durchaus genossen. Vor allem die Quidditch-Spiele, die wunderbar viele Anspielungen an tatsächlich existierende Sportarten haben.

Und so ein fliegender Besen hat ja auch was nettes (zumindest solange einem nicht ein Drache auf den Fersen ist). Mein fliegender Besen wedelt mir schon seit Monaten ungeduldig vor der Nase herum und will endlich wieder auf Reisen gehen. So richtig, also nicht nur mal 300 Kilometer kurz an die Nordsee, sondern mit weit weg sein, mit übernachten müssen, mit jeden Tag ein neues Abenteuer vor der Nase haben und Strecke machen. Seit Herbst war ich im Gärungsprozess, nun sind die Pläne halbwegs festgezurrt. Ja, „Pläne“ im Plural, denn sowohl für 2018 als auch für 2019 sind die Dinge ins Laufen gekommen.

2018 erfülle ich mir zunächst einen alten Traum und der heißt „End to End“. Als langjähriger England-Freund habe ich schon oft mit dem Gedanken gespielt, mal die komplett britische Hauptinsel von Land’s End ganz unten im Südwesten in Cornwall bis hinauf nach John O’Groats ganz oben an der nordöstlichen Spitze von Schottland zu durchkurbeln. Rund 1.000 Meilen, also etwa 1.600 Kilometer. Macht 14 Etappen à durchschnittlich 120 Kilometer.

Am 30. April geht es los. Hinein in den britischen Frühsommer, mit leichtem Gepäck, Minizelt, Regenklamotten und einem Sack voller fröhlicher Neugierde auf ein Großbritannien, das mitten im Brexit steckt. Denn das ist auch ein Ziel meiner kleinen Reise: ich will dieses Land, in das ich mich vor über 30 Jahren so blitzartig verliebt habe, endlich mal richtig kennenlernen. Deshalb werde ich auch gerne auf kleinen bis sehr kleinen Straßen unterwegs sein, um zu spüren, wie es sich dort anfühlt; auch im Vergleich zu den dichtbesiedelten Gebieten, durch die ich ja zwangsläufig komme.

Meine Tour(en): rote Strecke = Land’s End to John O’Groats (und zurück nach Inverness), blaue Strecke = kleiner Schlenker durch Wales bis nach Bristol.

Die Route festzulegen ist der (bislang) schwierigste Teil der Tour. Bei „End to End“ stehen eigentlich nur zwei Dinge fest: es geht los in Land’s End und es endet in John O’Groats. Wie man die Strecke überwindet, ist völlig egal. Und es gibt unfassbar viele Möglichkeiten.

Oben in Schottland ist es noch am Einfachsten, da gibt es einfach nicht so viele Straßen und Wege. In Südwest- und Mittelengland aber bleibt die Qual der Wahl. Das geht schon in Cornwell los. Über Plymouth und Exeter durch das Dartmoor hinauf nach Bristol? Oder zunächst entlang der Westküste und dann durch so lustige Ortsnamen-Siedlungen wie Nomansland, Tiverton und Cheddar? Nördlich von Bristol dann die große Frage: rüber über die Severn und ein bisschen Wales mitnehmen oder entlang der Severn (und der M5…) gen Norden? Beide Routen führen schließlich zur selben Frage, nämlich wie den Großraum Liverpool/Manchester/Preston durchqueren? Diese dichtbesiedelten Gebiete werden ohnehin die größte Herausforderung sein, denn alleine die vielen Ampelstopps dürften das Durchschnittstempo bedrohlich verringern – abgesehen vom Stress der Stadt und dem nicht ungefährlichen Dasein eines Radlers auf dichtbefahrenen Metropolstraßen. Diesbezüglich war Afrika vermutlich wesentlich überschaubarer.

Hinter Preston geht es um die Entscheidung, den touristisch ziemlich vollgepropften Lake District via Windermere und Ambleside zu durchqueren oder durch die deutlich entspannteren Yorkshire Dales zu kurbeln, in denen es aber ziemlich schroff hoch und runter geht. So oder so landet man in Carlisle und damit an der Pforte zu Schottland, wo schon die nächste – und wohl schwierigste – Entscheidung ansteht: Durch Glasgow, durch Edinburgh oder mitten durch? Da es nach Glasgow überwiegend entlang der M74 geht und ich keinen allzu großen Bock habe, schöne Natur mit Autobahn-Soundtrack zu bekommen, spricht vieles für die Strecke via Edinburgh – was aber in der Konsequenz heißen würde, dass die weitere Route dann nicht entlang von Loch Lomond und Loch Ness führt sondern durch das Hochland. Beides ist ähnlich reizvoll. Schwierig.

Ab Inverness wird es übersichtlich, denn nun gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: schnurstracks gradeaus und den legendären Pub Crask Inn en route ansteuern oder über die (dichter befahrene) A9 entlang der Südostküste. Da fällt die Entscheidung nicht schwer, wird es die Route über Crask Inn sein. Nächstes Problem: die Rückkehr. Mitsamt des Fahrrads von entweder Thurso oder Wick (beide um die 10 Meilen von John O’Groats entfernt) per Bahn zu fahren ist eine kribbelige Herausforderung. Es verkehren drei Züge pro Tag, es gibt maximal sechs Radplätze, es gibt ein hohes Risiko, keinen Platz zu bekommen. Ich werde daher von John O’Groats über zwei weitere Etappen zurückradeln bis nach Inverness (kann ich gleich die Südküstenstrecke kennenlernen), wo das Leben wieder einfacher wird. Alsdann geht es mit dem Zug nach Warrington (zwischen Liverpool und Manchester), von wo aus ich dann nach Wales radeln werde, um Freunde in Blaenau Ffestiniog zu besuchen und anschließlich über drei weitere Etappen nach Bristol zurückzuradlen. Summa summarum drei Wochen Radfahren, Land, Leute und Wetter genießen, Kontakte knüpfen. UK Challenge 2018!

Ach, und ihr wollt jetzt noch wissen, was 2019 ansteht? Ne, das wird noch nicht verraten! 🙂

Vier Monate durch Afrika – als lahme Schnecke?

Bei einem Kurztripp nach Bristol stolperte ich in einem gutsortierten Buchladen über einen Titel, der sofort mein Interesse weckte: „Africa solo“. Eine Radtour durch Afrika, die ziemlich genau der Strecke folgte, die ich 2011 gefahren bin. Der große Unterschied: während ich damals vier Monate für die 12.000 Kilometer gebraucht habe, verbrachte Mark Beaumont für dieselbe Distanz lediglich 42 Tage im Fahrradsattel – ich war also eine ziemlich lahme Schnecke.
Nun war Beaumont allerdings auch auf der Suche nach dem Weltrekord für die schnellste Afrikadurchquerung, und allzu viel erlebt hat er auf seiner rasanten Tour dann auch wieder nicht. Im Buch geht es jedenfalls sehr viel um Zeitdruck, Fressorgien und Reifenpannen, denn Beaumont ist mit dünnen Rennradpeus unterwegs, um auf Asphalt möglichst viel Strecke machen zu können.
Wer es lieber gemütlich mag, kann das übrigens jetzt auch wieder in Buchform tun. Zwar ist mein Buch „Tour d’Afrique. 12.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt“ längst ausverkauft und nur noch als e-book erhältlich, ich habe aber noch ein paar Exemplare ergattern können. Für 15 Euro inkl. Porto wechseln sie gerne den Besitzer! Bitte Mail an hallo at hardy-gruene.de.
Ach ja: Planungen für die nächste Radexpedition laufen übrigens inzwischen. Demnächst mehr!

Duisburg – Bensersiel: Kurzausflug zur Nordsee

Die eigene Psyche ist schon eine echte Zicke. Vor der Tour hat sie mir eingeredet, dass diese 300 Kilometer echt heftig wären. Dass ich mich mächtig würde anstrengen müssen, und ob das mit den angedachten 25 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit nicht vielleicht doch ein bisschen zu vermessen sei. Noch auf der Zugfahrt nach Duisburg hat sie ordentlich rumgemeckert und alle möglichen Schreckensszenarien aufgeworfen, die das Abenteuer zu einem Giganten aufblähten.

Als es dann am Samstag frühmorgens um 4:30 Uhr in Duisburg los ging, war sie ganz ruhig. Hatte alle Bedenken über Bord geworfen und linste angriffslustig zu den Jungs und Mädels rüber, die sich bei höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten als jenen 25 km/h eingeordnet hatten, auf die wir uns geeinigt hatten. Als der Startschuss fiel, waren wir wieder eine Einheit, und einmal mehr durfte ich die herrliche Erfahrung machen, dass Adrenalin ein wirklich geiles Zeug ist. Die Sportler unter euch wissen, was ich meine.

Es war noch immer stockdunkel, als wir losradelten und ich war ziemlich froh, dass einige Mitradler an Lichtanlagen gedacht hatten. Im Großpeloton von 462 Startern rauschten wir durch die menschenleeren Straßen des friedlichen Duisburger Samstagmorgens, scherten uns um kein rotes Ampellicht und erreichten schon nach knapp 20 Minuten die Stadtgrenze und damit Ruhrpottgrenze. Dort erwarteten uns Ortschaften wie Hiesfeld und Schermbeck, die wohl nur den Fußballverrückten unter euch etwas sagen. Als die Sonne langsam am Horizont hochkletterte, waren die ersten 50 Kilometer fast im Sack und die Euphorie brodelte über. Wie ein Uhrwerk stampften die Beine auf die Pedale, sausten wir als Gruppe von rund 20 Fahrern fast im 40er Schnitt durch die Landschaft. Das war leichter als gedacht, das war berauschender als erhofft. Um 6:18 Uhr war der erste Verpflegungsstopp in Raesfeld erreicht. So konnte es weitergehen!

4:30 Uhr am Samstagmorgen. Auf gehts!

Duch die dunklen Gassen von Duisburg

Und so ging es weiter. In Raesfeld bildete sich eine neue Gruppe, die perfekt miteinander harmonierte. Wie ein Pfeil schossen wir an ländlichen Gehöften vorbei, wo langsam das Leben erwachte. Im Morgenrock die Türen öffnende Einwohner guckten uns erschrocken nach, als wir als buntbefleckte Radlercombo durch ihre Vorgärten heizten. Sie müssen sich wie in einem schrägen Traum gefühlt haben. Epe, wo die erste 100-Kilometermarke fiel, lockte mit einem üppigen Frühstück mitten im Stadtzentrum. Längst waren wir alle im Flow, berauscht von Geschwindigkeit, Gruppenharmonie und unbändiger Lust auf den Tag und auf das Abenteuer. Es war in Epe, als ich wusste, ich werde die 300 Kilometer nicht nur schaffen, ich werde sie genießen, ich werde sie schneller schaffen als gedacht und ich werde sie lieben. Meine Psyche und ich, wir waren endgültig „one Team, one Dream“.

Die Landschaft machte es nicht leicht. Als Niedersachsen irgendwo bald hinter Epe Nordrhein-Westfalen ablöste wurden die Straßen lang und gerade. Bis zum Horizont verlor sich das Asphaltband. Neben uns rauschte der Autoverkehr, in uns rauschte die Geschwindigkeit. Nordhorn bremste uns etwas runter und ließ uns kurz sogar die Richtung verlieren bzw. im „städtischen“ Verkehr untergehen, dann nahm uns die Einsamkeit wieder auf und leitete uns zur Mühle Georgsdorf.

Dort: Halbzeit. 150 Kilometer. Und kein Internet. Denn Georgsdorf liegt wahrlich „in the middle of nowhere“. Weiter ging es. Geradeaus. Geradeaus. Geradeaus. Wer die Gruppe anführte musste “Kurve” brüllen, wenn es mal nicht ganz so schnurgerade zuging. Ansonsten wären wir Hinterherfahrenden wohl von der Fahrbahn abgekommen. Ein wilder Husarenritt im irren Tempo durch den Nordwesten der Republik. Als Neudersum bei Kilometer 200 auftauchte, war das Ziel gefühlt bereits erreicht. „Mich hält heute niemand auf“, wusste ich! Noch nicht einmal ein schmerzhafter Hintern.

Schnurgerade mit Bäumen

Schnurgerade mit Windrädern

Schnurgerade mit Klappbrücke

Nach Leer pedalierten wir in einer Dreiergruppe. Das Fahrerfeld war inzwischen völlig zerfasert. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf. Mit dem inneren Schweinehund, mit dem maladen Hintern, mit den schweren Beinen. Wir vereinbarten einen 31er Schnitt und „langsam angehen lassen“. Der sanfte Südwind machte sämtliche Pläne zunichte. Er schob uns mit 35+ km/h ins Land der Windräder, die plötzlich überall aus dem Boden ploppten. Auf dem Himmel tauchten unterdessen graue Wolkenbordüre auf, die jedoch keinen Regen trugen. Kurz vor Leer klappte die Jann-Berghaus-Brücke vor unserer Nase hoch. Steil ragte sie in den Himmel. Atemlos standen wir davor, ungeduldig, bis der kleine Schlepper endlich durchgezockelt war und wir Leer erreichten, wo es Kaffee und Kuchen gab. 60 Kilometer noch. Langsam wurde das Megaabenteuer zur Kaffeefahrt.

In Leer wartet zudem Christoph, mein Lieblingslektor vom Verlag Die Werkstatt, der so wunderbar Hand an „Jenseits der Komfortzone. 12.000 Kilometer Radrennen in Südamerika“ gelegt hat. Er wollte mitpedalieren bis nach Bensersiel. Worauf er sich eingelassen hatte wurde ihm schlagartig klar, als er unsere Gruppe sah. Schwer motiviert, mit überkochender Lust und nach 240 Kilometern auf der Straße im Hamsterrad-Automatikmodus. Wir starteten gemütlich („31er-Schnitt, okay?“), als uns eine Zweiergruppe überholte und irgendjemand „mitgehen“ brüllte. Sofort ging der Tacho auf 40 km/h, schnellte der Puls in die hellrosa Bereiche. Dort blieb er bis Aurich, das wir in Rekordzeit erreichten. Unglaublich, was nach acht Stunden im Sattel alles noch an Körnchen in den Beinen steckt!

Um 15:47 Uhr verließen wir Aurich. 30 Kilometer bis nach Bensersiel lagen noch vor uns. Meine ursprünglich angedachte Ankunftzeit von 19 Uhr war längst eine Episode aus der Vergangenheit. Bin ich geflogen? Meine Psyche räkelte sich im Adrenalinbad und grinste wonnig. Sie hatte es immer gewusst. Über Nebenwege pirschten Christoph und ich uns zu zweit über die finalen Kilometer. Nun drohte der Himmel doch mit Niederschlag. Kurz vor Esens ging es los. Regen, wie es ihn nur an der Nordseeküste gibt. Wirre grinsten wir uns an. Zehn Kilometer vor der Endstation Sehnsucht plötzlich pitschenass. Auch egal!

Die letzten Kilometer zwischen Esens und Bensersiel waren wieder trocken, und dann stand da plötzlich dieses Ortsschild: „Bensersiel“. Ein Kreisverkehr, zwei Kurven und schon brandete der Jubel auf. „Sie haben ihr Ziel erreicht!“ Eine Mischung aus Stolz, Erleichterung und geballter Energie flutete den Körper. Der Bordcomputer warf eine Fahrtzeit von 10 Stunden und 12 Minuten für exakt 305 Kilometer (inkl. Verfahrer) aus. Ein Traumtag endete mit einer persönlichen Fabelzeit.

Im Ziel sah ich nur stolze und glückliche Gesichter. 95 Prozent der 462 in Duisburg gestarteten Teilnehmer kamen tatsächlich in Bensersiel an. Der erste Fahrer war schon um 14:13 Uhr da, der letzte trudelte um 23:12 Uhr ein. Gerade vor denen, die lange brauchten, habe ich einen enormen Respekt, denn ihr Tag war ungleich schwieriger und natürlich auch viel länger als beispielsweise meiner. Und dann war da noch ein Fahrer aus der Spitzengruppe, der in Bensersiel ankam, kurz was futterte, sich wieder auf sein Rad setzte und zurück nach Duisburg fuhr. And I call myself the „hardy cyclist“…

Insgesamt war es ein tolles Erlebnis, auch wenn es schlussendlich deutlich sportlich ambitionierter war, als ich es erwartet hatte.

Zum Schluss noch ein Veranstaltungshinweis, denn ich bin mal wieder mit meinen Afrikabildern unterwegs. Am Freitag, den 23. Juni gastiere ich im Kulturforum Steinfurt und erzähle ein paar Geschichten zu den Bildern bzw. lese aus meinem Buch „Tour d’Afrique. 11.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt“. Los geht es um 19:30 Uhr im Heimathaus Borghorst.

 

 

Up the bike!

Sportlerfrühstück!

Vor dem Start

In die aufgehende Morgensonne

Duch die aufgehende Morgensonne

Rotlicht-Stopp in Irgendwo

Von wegen, in Ostfriesland gibt es keine Steigungen!

Frühstück in Epe

200 Kilometer geschafft. Es wird gemütlich

Aurich! Noch 30! Motivationsgetränk!

Kollegiale Begleitung ab Leer

 

Kleiner Strandausflug auf dem Rad

Wochenende, Sonnenschein, Nordseestrand. Das Leben ist ein Fest. Wenn da nur die Kleinigkeiten nicht wären. So zum Beispiel die Frage, wie man von Göttingen zum Nordseestrand kommt. In meinem Fall über Duisburg. Liegt zwar eigentlich nicht auf der Strecke, ist aber der Startort für die Ruhr2NorthSea-Challenge, die morgen früh über 300 Kilometer ansteht. Und von Duisburg an die Nordsee geht. Ich bin dabei und schon sehr gespannt, wie es sich anfühlt, mal eben mit dem Rad durch ein Viertel der Republik zu kurbeln.

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226456 - gerne winken, wer mich unterwegs sieht.

Was mich erwartet, weiß ich nicht. Laut Vorhersage immerhin nettes Wetter mit Sonnenschein, radfahrfreundlichen Temperaturen in den angenehmen 20ern, wenig Regenwahrscheinlichkeit und leichter Wind aus Süd bzw. Südwest. Kein Grund zur Klage also. Aber eben auch keine Entschuldigung, wenn es nicht so klappt. Die große Unbekannte ist die Kondition des Sitzfleisches. Bei einem 25er Schnitt fällt eine Gesamtfahrtzeit von 12 Stunden an. 12 Stunden Dauerkurbeln, denn es ist flach zwischen Duisburg und Bensersiel, wo bei Kilometer 301 das Ziel aufgebaut ist. Im Gegensatz zu hügeliger Landschaft mit Auf- wie Abfahrten also kaum Abschnitte der Entspannung, denn sobald ich aufhöre zukurbeln, droht mir unweigerlich Stillstand. Erinnert mich an die Endlosetappen in Botswana, wo ich manchmal Angst hatte, vor lauter Langeweile einzuschlagen und die Oberschenkel nach Erholungspausen lechzten…

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Die Hardware ist jedenfalls bereit.

Wir starten um 4:30 Uhr in der früh vor dem einstigen Wedaustadion in Duisburg. Etwa 450 Radbekloppte, die nichts Besseres zu tun haben als den ganzen Tag im Sattel zu sitzen um eine Distanz zu überbrücken, die man mit dem Auto bequem an einem Vormittag hinter sich bringt. Aber wer will schon mit dem Auto an die Nordsee? Fahrrad ist doch viel schöner, entspannter, volknäher! Man sieht, spürt, schmeckt und riecht die Landschaft, trifft unterwegs immer wieder auf lustige Einheimische und ist den ganzen Tag an der frischen Luft. What a beautiful day!
Okay, ein bisschen Kondition muss man mitbringen, wer 300 Kilometer in einem Rutsch kurbeln will. So viel Rad gefahren wie in den letzten vier Wochen bin ich zuletzt in Südamerika. Locker 1.500 Kilometer sind dabei zusammengekommen in der südniedersächsischen Schichtstufenlandschaft. Ob es was gebracht hat? Das werde ich dann wohl morgen herausfinden…
Wer mag, kann meinem kleinen Strandausflug via Facebook folgen. Alle 50 Kilometer ist ein Verpflegungspunkt, und von dort werde ich immer mal einen kurzen Zustandsbericht mitsamt Bild posten. Erwartet keine Romane, denn mir steht nur die Handytastatur zur Verfügung und außerdem muss ich ja weiter, immer weiter, bis zum Ziel, bis nach Bensersiel. Um meine Facebook-Seite aufrufen zu können müsst ihr übrigens nicht bei Facebook angemeldet sein! Einfach auf http://www.facebook.com/hardygruene/ gehen, etwas runerscrollen und nach den neuesten Einträgen schauen.
In diesem Sinne: auf Rückenwind und Sonnenschein für alle Pedalisten dieser Welt und morgen gerne auch für mich!
Euer hardy cyclist

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Im Bretagne-Jersey in der südniedersächsischen Schichtstufenlandschaft.

Kleiner Radausflug an die Nordsee

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Das Leinetal ist schön flach – perfekt für die Vorbereitung.

Lange nix mehr losgewesen hier. Auch einen Weltenbummler holt der Alltag eben hin und wieder ein, und irgendwie müssen diese kleinen Touren Jenseits der Komfortzone ja auch wirtschaftlich aufs richtige Gleis gebracht werden.

Nun steht (endlich) ein neues Abenteuer an! Überschaubar, kurz und doch mächtig. Von Duisburg nach Bensersiel geht es. Klingt nicht abenteuerlich? Kann ich verstehen! Wie hört es sich denn an, wenn ich hinzufügen „an nur einem Tag“?

Morgens um 4:30 Uhr fällt am 10. Juni bei der dritten Ruhr2NorthSea-Challenge der Startschuss vor den Toren der Duisburger Fußballarena, die einst Wedaustadion hieß. Heute trägt sie einen Namen, der beinahe symbolisch für die Tagesaufgabe ist: „Schau ins Land“. Über 300 Kilometer geht es über Raesfeld, Ahaus, Meppen, Papenburg und Leer bis nach Esens und von dort schließlich nach Bensersiel, wo die Nordsee eine Weiterreise (zumindest auf dem Rad) verhindert. Spätestens um Mitternacht muss dort jeder angekommen sein.

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Alle 50 Kilometer ein Verpflegungspoint, 30 Kilometer vor dem Ziel ein letzter „Motivationshalt“ bei der „Ewigen Lampe“ – ist das alles hübsch übersichtlich.

Mit mir radeln ungefähr 450 weitere Marathonisten, und dass darunter mein alter Afrika-Buddy und Ruhrpottkumpel Dennis ist, freut mich ungemein. 2011 hat er mich mit seinen absurden Motivationsangeboten („ist schließlich keine Rundreise entlang der Mosel“) immer wieder zu Spass- und auch Wutausbrüchen verführt. Seelsorgerisch bin ich also in besten Händen.

Seit ungefähr acht Wochen befinde ich mich nun im Training, und nachdem endlich die Temperaturen auf „sommerlich“ gestellt sind, klappt das auch durchaus gut. Ein erstes Jedermann-Rennen (Tour d’Energie) lief jedenfalls besser als nach einem recht radfahrarmen Jahr 2016 erwartet. Die größte Herausforderung dürfte ohnehin sein, buchstäblich im Sattel zu bleiben. Bei einem 25er-Schnitt plus zwei Stunden Pause unterwegs fallen immerhin 14 Stunden an, die das Sitzfleisch (und vor allem die Sitzknochen) durchhalten muss.

Meine bislang längste Tagesetappe ging übrigens über 202 Kilometer und führte 2011 während der Tour d’Afrique von Botswana bis an die namibische Grenze. Obwohl das nur zwei Drittel der nun anstehenden Gesamtstrecke waren, tat mir der Hintern damals mächtig weh. Aber nun gut, von nix kommt eben nix!

Ich halte Euch auf dem Laufenden!

Euer hardy cyclist

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Bei der Ruhr2NorthSea-Challenge geht es zwar ziemlich flach zu, ein paar Höhenmeter in der Vorbereitung können aber sicher nicht schaden.

 

Weiter Termine und Interview zu „Jenseits der Komfortzone“

Und die (Vortrags-) Reise geht weiter! Neuester Stopp: Hannover. Am 25. Februar dürft ihr dort gemeinsam mit mir durch Südamerika radeln. Um 19 Uhr geht es in der Vereinsgaststätte des SV Arminia (Bischofsholer Damm 119) los. Eintritt 5 Euro.

Zuvor ist übrigens auch noch am 24. Januar (13 Uhr) anlässlich des Fernwehfestivals in Göttingen die Gelegenheit, die kleine visuelle Radrundreise auf meinem (nicht vorhandenen) Gepäckträger zu unternehmen. Nähere Infos hier: http://www.fernwehfestival.de/die-anden-rad-0

Nicht vorenthalten möchte ich euch ein Interview aus einer Firmenzeitung, das ihr hier nachlesen könnt:

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