Monat: September 2013

Hoch und runter – oder: wie ist das mit den Meerschweinchen?

alpen-croix3Wir Rennradler sind schon eine eigentümliche Spezies. Fahren ständig Berge hoch, um auf dem Gipfel umzudrehen und gleich wieder runterzufahren. Total bescheuert, oder? Und doch tue ich seit Tagen kaum etwas anders. Keuche irgendwas zwischen zehn und 30 Kilometer mehr oder weniger steil bergauf, schau mich oben mal kurz um, streife die Windjacke über und sause im Sturzflug wieder hinab zum Ausgangspunkt. Die meisten von uns Rennradlern sind dann übrigens auch noch derart eigentümlich, dass sie nicht etwa die Abfahrt sondern die Auffahrt genießen (ich gehöre da auch zu) – weil die Abfahrt mit der ständigen Bremserei und den Autos, die oft langsamer sind als wir, an denen man aber nicht vorbeikommt, ziemlicher Stress ist.

Nicht, dass die Auffahrten nicht auch anstrengen würden. Das nun auch wieder nicht. Aber wenn man erstmal in seinem Rhythmus ist und die Kurbel in monotonem Gleichklang hebt und senkt (ziehen nicht vergessen!), dann ist das fast eine meditative Erfahrung. Nun ist aber jeder Berg speziell und hat seinen ganz eigenen Charakter. Einige lassen sich ziemlich entspannt erradeln, weil sie gar nicht soooo steil sind (betrifft alles, was im Durchschnitt unter sechs Prozent hat). Andere sind sehr gleichmäßig, und können daher mit einer gewissen Portion Gelassenheit leicht bezwungen werden. Der Alpe d’Huez, an dessen Fuß ich gerade residiere, beispielsweise ist so einer. Er geht scharf los, doch danach wird er zu einem willig zu zähmenden Drachen. Die schönen Kurven schenken wertvolle Meter der Erholung, und erst weit oben, wo die Landschaft offener wird, steht man mal vor längeren Steilstücken. Mit ein wenig Geduld und Willenskraft jedenfalls gut zu schaffen – und laut Tourismus-Büro tun das im Sommer auch täglich rund 400 Radfahrer.

alpen-croix4Der Col de la Croix de Fer, gleich nebenan, ist eine andere Geschichte. Der geht ebenfalls scharf los, doch die Straße zieht sich häufig ewig lang einfach geradeaus den Berg hinauf und man hat nichts, woran sich der Blick „festhalten“ kann, wo der Atem mal kurz Luft schnappen darf. Und das Übelste: mitten im Anstieg geht es zweimal bergab – und einmal sogar richtig steil! Das ist nun echt tödlich, denn es bricht völlig den Rhythmus. Nach beiden kurzen „Abfahrten“ warten übrigens auch gleich fette Rampen von bis zu zwölf Prozent. Auf der Rückfahrt hat die Geschichte ebenfalls ihren „Reiz“. Da ist man kilometerlang mit 70 und mehr km/h den Berg herabgesaust und muss sich plötzlich auf dem „Rettungsring“ eine steile Rampe hochquälen …

alpen-croix-1Landschaftlich ist der Croix de Fer aber einer meiner absoluten Lieblinge in den französischen Alpen. Eine traumhafte Gegend! Erst passiert man ein an den Felsen klebendes und völlig verhuschtes Dörflein, dann liegt rund 300 Meter unterm Gipfel ein herrlicher Stausee und schließlich ist der Blick von oben schier unschlagbar. Nur DAFÜR fahren wir Rennradler natürlich die Berge hoch 😉

Ich bin aber nicht nur zum Rennradeln in den Alpen, sondern auch zum Mountainbiken. Das ist ja ein „Erbe“ der Tour d’Afrique, auf der ich die Herausforderungen auf Naturpisten schätzen gelernt habe. Leider bin ich etwas spät unterwegs, so dass die Seilbahnen am Alpe d’Huez bereits abgestellt sind. Also muss ich mir jede Downhillfahrt schwer erarbeiten. Auf über 2.000 Metern sieht die MTB-Welt übrigens ganz schön anders aus, und technisch sind echte Herausforderungen dabei (zumindest für Hobbymountainbiker wie mich). Viele steile Rampen, die von Steinen übersät sind, immer wieder sumpfige Mulden und/oder Bäche, das Ganze teilweise auf einem irrwitzig schmalen Trail, der zudem direkt in einen steilen Abhang übergeht – da kommt einiges an Nervenkitzel zusammen. Der Hammer jedoch ist eine völlig ausgelutschte Piste, die über drei Kilometer talwärts schießt und jeden Funken Aufmerksamkeit verlangt, damit man nicht aus dem Sattel fliegt. Blöd ist daran nur der ewig lange und viel zu steile Rückweg…

alpen-mtb2Hoch und runter – das wird mich ab August 2014 auch in den Anden erwarten. Allmählich lese ich mich etwas in die Länder und den Kontinent ein und entwickle erste Vorstellungen. Und stelle Fragen. Beispielsweise die, wie ich als Vegetarier wohl in Ländern wie Ecuador und Argentinien zurechtkommen werde. Über Argentinien und seine Steak-Affinität muss ich wohl nix sagen. In Ecuador gehören derweil Meerschweinchen zu den Delikatessen in den Restaurants – und zwar, wie ich gelesen habe, „ganz“ – also mit Krallen, Ohren und sogar Zähnen. Ich vermute, da wird auch der der eine oder andere Fleischesser zum Vegetarier. Ne, nun mal im Ernst. Hat jemand eine Ahnung/Tipps, wie man als Vegetarier durch Südamerika kommt? Hinweise sind sehr willkommen: hallo at hardy-gruene.de

Eine andere Herausforderung wird die Höhe sein. Die Tour startet in Quito, das auf 2.850 Metern liegt. Der Col de la Croix de Fer, den ich gestern hochgestrampelt bin, kommt auf schlappe 2.067 Meter und kam mir ganz schön hoch vor. In den ersten Wochen werden wir konstant auf 3.000 und mehr Meter radeln – da ist also Akklimatisierung angesagt. Das soll nun, so heißt es, einerseits durch den Verzehr von Coca-Blätter funktionieren, andererseits durch Zeit. Da ich das mit den Coca-Blättern nicht ausprobieren möchte (ich will ja noch ein Radrennen fahren!), reise ich entsprechend früher an und will die Zeit nutzen, meine (bis dahin hoffentlich vorhandenen) Spanischkenntnisse zu verbessern. Ein Unterschied zu Afrika wird im Übrigen das Wetter sein. Auf Höhen von 3.000 + dürften wir mit so ziemlich allem rechnen können. Schnee ist auf The Andes Trail nichts ungewöhnliches, und insofern wird meine Ausrüstung ein klein wenig anders ausfallen als bei der Tour d’Afrique.

ecuador-mapIn Ecuador werden wir insgesamt elf Tage auf dem Bike sitzen. Der erste Tag ist easy – 27 Kilometer Richtung Norden bis zum Monument „Mitad del Mundo“, dem „Mittelpunkt der Welt“, dem Äquator. Dort ein paar Fotos machen, das Glas erheben und den Startschuss abwarten. Danach 27 Kilometer zurück ins Hotel, und schon ist die erste Etappe vorbei. Der Verkehr in Quito soll allerdings schrecklich sein. Ab Tag zwei geht die Kletterei dann los. Etwa 16.000 Höhenmeter in zehn Tagen stehen auf dem Programm – wobei es keineswegs immer nur bergauf geht, sondern zwischenzeitlich auch immer wieder steil bergab. In Ecuador bilden die Anden eben eine Hochebene mit tiefen Tälern. Da dürften wir als „gringos locos“ vor allem bergauf für ordentlich Belustigung bei der einheimischen Bevölkerung sorgen – insbesondere bei den Kindern. Auf dieser Karte könnt ihr den Streckverlauf in Ecuador verfolgen.

Landschaftlich und kulturell dürfte Ecuador ein prima Start sein. Nicht zu aufregend, aber aufregend genug, um neben dem Radeln etwas Abwechslung zu bekommen. Wir werden an den bekannten Inka-Ruinen von Ingapirca nächtigen, haben im Weltkulturerbe Cuenca einen freien Tag und umradeln mit dem Mount Chimborazo den mit 6.300 Metern weltweit höchsten Vulkan. Die fahrtechnischen Herausforderungen halten sich derweil (noch) in Grenzen. Überwiegend Asphalt, erst am Ende stehen ein paar Kilometer off-road an.

Aber The Andes Trail ist ja kein gemütlicher Touristenausflug, sondern ein ganzheitliches Radabenteuer. Worauf ich mich sehr freue, ist die Rückkehr in einen herrlich übersichtlichen Alltag. Morgens das Zelt abbauen, frühstücken, auf’s Rad. Tagsüber pedalieren bis zum Camp, unterwegs ein wenig von Land, Leuten und Bedingungen „schnuppern“. Das Zelt aufbauen, entspannen, sich mit den Mitreisenden austauschen. Klingt irgendwie wie bei Reinhard Meys „Über den Wolken“ („…muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste alle Sorgen, bleiben dahinter verborgen“), was dann auch insofern das „Tourlied“ sein könnte, als wir in der Tat bisweilen „über den Wolken“ radeln werden. Das alles in einer phantastischen Landschaft, mit dem (auch diesmal freiwilligem) Reiz eines Rennens und im Rahmen der Durchquerung eines Kontinents – noch Fragen, warum ich da mitradeln möchte?

Zum Schluss noch zwei Veranstaltungshinweise zum Bilder- und Videoabend „Jenseits der Komfortzone“, der am 2. Dezember in Hamm und am 19. Januar bei den „Fernwehtagen“ in Göttingen zu sehen sein wird. Würd mich freuen, den oder die eine(n) oder andere(n) dann dort begrüßen zu können.