Tour d’OSTalgie, Etappe 10

Heute hat mich der Goldene Reiter gejagt! Am Vormittag war noch alles prima. Während meiner Mittagspause am Penkuner See traf dann eine Radlerin aus Freiburg ein. Wir genossen Essen und Aussicht gemeinsam, verquatschten ein bisschen die Zeit. Bis dahin war das Wetter schwül, leicht bewölkt und nicht ganz so heiß gewesen wie gestern. Ein leichter Wind kam aus Nordwest, meine Zielrichtung. War aber okay. Nichts, um sich Sorgen zu machen.

Mittagspause am Penkuner See

Als ich nach ner Stunde wieder aufbrach hatte der Goldene Reiter sein Tagewerk gerade begonnen. Tief im Westen (nein, nicht dort, wo Grönemeyer singt) hatte er den Horizont in tiefes Blau getaucht. Starke Winde sorgten dafür, dass die ausgedörrten und staubtrockenen Felder zu kleinen Sandstürmen wurden, die über die Straßen fegten.

Ich hatte noch etwa 54 Kilometer zu fahren, die ich eigentlich gemütlich abpedalieren wollte um noch einen Zwischenstopp an einem Badestrand kurz vor dem Etappenziel Pasewalk machen wollte. Das alles fegte der Goldene Reiter nun davon. Aus einem flotten 23er Schnitt wurde ein mit Mühen gehaltener 20er, und wann immer ich im Wind stand schien es, als bewege sich die Tachonadel gar nicht mehr. Währenddessen wurde es in Richtung meine Zielortes dunkler und dunkler. Der Goldene Reiter erwartete mich offensichtlich direkt in Pasewalk.

Irgendwann kam ich mal kurz ins Internet und sah die frohe Botschaft auf dem Regenradar: südlich von Pasewalk zwischen 14 und 17 Uhr 20 mm Niederschlag. Wer mit diesen Werten nicht so vertraut ist: es gallert mal so richtig, und dabei mit dem Fahrrad unterwegs zu sein ist alles andere als lustig.

Was tun? Ich befand mich in einem weitestgehend dorfentleerten Raum, Unterstellmöglichkeiten waren also rar. Und irgendwo Warten fand ich sinnlos. Also Gas geben und langsam vorwärtstasten. Immer mit dem Blick an den Himmel im mal wieder internetlosen Raum. Einmal, so etwa 30 Kilometer vor dem Tagesziel, hatte er mich fast eingeholt, der Goldene Reiter. Versprühte seine Gischt, zeigte mir, was er im Gepäck hatte. Doch ich konnte ihm den Stinkefinger zeigen, denn meine Route ging rechts ab und damit zurück ins Trockene.

Dann erreichte ich Brüssow, wo ich eigentlich den Nachmittag am Strand hatte verbringen wollen. In der Strandbar hieß es, in Parchim sei Land unter. Straßen geflutet und so. Drei ältere Einheimische schauen für mich abschätzend in den Himmel: „In ner knappen Stunde geht es los“, war einhellige Meinung. Ich hatte noch 18 Kilometer, darunter ein langer Anstieg (nebenbei: wer behauptet, die Uckermark sei flach war hier nie mit dem Rad unterwegs!).

Mit Karacho schoss ich los, bereit zum Duell mit dem Goldenen Reiter. Fünf Kilometer vor Pasewalk nasse Straßen. Er war da gewesen! Und lauerte noch immer dunkelblau am Himmel. Der Verkehr in Pasewalk zermürbend. Wieder eine von diesen Städten, in denen der Autoverkehr alle Rechte und der Rest keine Rechte hat. Meine Unterkunft, die mitten im halb brachliegenden alten Lokschuppen lag, zu finden, kostete weitere Nerven. Doch noch immer war es trocken. Erst als ich mein Rad abstellte und ins Büro des Lokschuppens marschierte, tauchte der Goldene Reiter auf. Vergoss ein paar Tränen der Enttäuschung, weil er gegen the hardy cyclist verloren hatte. Schüttelte sich einmal, als ich schon meinem Abteilzimmer lag, dann zog er enttäuscht von dannen!

Meinen Lohn für den Husarenritt bekam ich später. Erst erwies sich Pasewalk als eigentümliche architektonische Mischung aus uralter Bausubstanz, sowjetischen Einflüssen und funktionaler Platte. Alles wild durcheinandergewürfelt, sehr bizarr. Dann gab es lediglich drei Döner-Buden im Ort, die Essen offerierten. So semioptimal. Erst nach ein bisschen Rumfragen bei der Handvoll Passanten auf dem Marktplatz erfuhr ich von einer Pizzeria in einer Nebenstraße. Und was soll ich sagen: es war die beste Pizza seit dem Start meiner Tour! Supernett, ein echt cooler Koch und essen wie in bella Italia. Wenn ihr mal in Pasewalk seid: Pizzeria Donna Isabella!

Bis Schwedt hatte ich am Morgen die letzten Kilometer auf dem Oder-Neisse-Radweg verbracht und nahm ein bisschen traurig Abschied davon. Ab sofort hieß es normale Straßen mit normalem Verkehr. Schwedt war ein bisschen erschreckend. Am Hafen alt und hübsch, sonst Platte. Das Viertel, in dem das Stadion liegt, heißt übrigens „Neue Zeit“. Nun, die ist ja nun auch seit 30 Jahren schon wieder vorbei, die Neue Zeit. Schwedt war zu DDR-Zeiten die Erdölstadt des Landes. Hier kam das schwarze Gold aus der Pipeline in die UdSSR an, hier wurde es veredelt. Die Betriebsportgemeinschaft trug anfangs den Namen BSG Erdöl, ehe sie später zur BSG Chemie PCK wurde. Das Petro Chemische Kombinat war Hauptarbeitgeber der Region, und es ist noch immer gigantisch. Meinen Plan, es einmal zu umrunden, gab ich schon nach wenigen hundert Metern auf, denn es ist nicht nur riesig, es stinkt ungemein nach Öl und es ist umgeben von einem wild wuselnden LKW-Verkehr.

Das „neue“ Stadtzentrum ein Klassiker der sozialistischen Lebenstheorie. Kaufhaus, kleine Kaufläden, ein bisschen Grün, ganz viel kalter Beton und ein paar Kunstwerke. Voila, fertig ist die sozialistische Wohnstadt. Ob es sich gut leben lässt? Mein kurzer Eindruck war: geht so. Auch Schwedt braucht noch einen zweiten Blick, zumal ich dort bislang niemanden gefunden habe, der mir ein bisschen vom gestern erzählt.

Nun bin ich also in Pasewalk im Lokschuppen. Eigentlich sollte er abgerissen werden, doch eine Initiative wusste das zu verhindern. Und verwandelte das das darniederliegende Areal in ein Museumsgelände mit Übernachtungsangebot in original DDR-Schlafwagen. Da kam dann durchaus die Erinnerung auf an eine Zugfahrt von Dresden nach Bukarest im Sommer 1990, als die Grenzen plötzlich offen waren und die Bahnpreise unfassbar billig.

Morgen geht meine erste Tour d’OSTalgie mit einem Ausflug an die Ostsee langsam zu Ende. Zwei Tage am Strand, ein Ausflug nach Peenemünde und einer nach Świnoujście stehen noch an, ehe es Samstagmorgen per Bahn zurück ins Südniedersächsische geht. Als erstes Fazit kann ich schon sagen, dass ich viel gelernt, einiges verstanden und ganz viel sehr genossen habe. Fußball war wie immer eine grandiose Brücke zu Menschen und Vergangenheit, und die Kombination aus Fußball- und Industriekultur ist wahrlich eine spannende. Da gibts noch viel zu entdecken, und ich freu mich drauf. Aber erstmal gibts morgen ja noch den letzten Tour-Report. Mal gucken, ob der Goldene Reiter sich bis dahin endgültig verzogen hat.

Eins hab ich noch zum Schluss, und das macht mich ratlos. Überall in der Region finde ich diese Denkmäler, für die „Helden“, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg „fielen“. Dass die ausgerechnet in der DDR offenbar weitergestanden haben und ebenso offenkundig nach der Wende aufwändig restauriert wurden überrascht mich. Falls jemand nähere Hintergünde zum Umgang mit den Erinnerungstafeln zur DDR-Zeit hat bitte gerne mal melden!

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