Monat: Juni 2017

Duisburg – Bensersiel: Kurzausflug zur Nordsee

Die eigene Psyche ist schon eine echte Zicke. Vor der Tour hat sie mir eingeredet, dass diese 300 Kilometer echt heftig wären. Dass ich mich mächtig würde anstrengen müssen, und ob das mit den angedachten 25 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit nicht vielleicht doch ein bisschen zu vermessen sei. Noch auf der Zugfahrt nach Duisburg hat sie ordentlich rumgemeckert und alle möglichen Schreckensszenarien aufgeworfen, die das Abenteuer zu einem Giganten aufblähten.

Als es dann am Samstag frühmorgens um 4:30 Uhr in Duisburg los ging, war sie ganz ruhig. Hatte alle Bedenken über Bord geworfen und linste angriffslustig zu den Jungs und Mädels rüber, die sich bei höheren Durchschnittsgeschwindigkeiten als jenen 25 km/h eingeordnet hatten, auf die wir uns geeinigt hatten. Als der Startschuss fiel, waren wir wieder eine Einheit, und einmal mehr durfte ich die herrliche Erfahrung machen, dass Adrenalin ein wirklich geiles Zeug ist. Die Sportler unter euch wissen, was ich meine.

Es war noch immer stockdunkel, als wir losradelten und ich war ziemlich froh, dass einige Mitradler an Lichtanlagen gedacht hatten. Im Großpeloton von 462 Startern rauschten wir durch die menschenleeren Straßen des friedlichen Duisburger Samstagmorgens, scherten uns um kein rotes Ampellicht und erreichten schon nach knapp 20 Minuten die Stadtgrenze und damit Ruhrpottgrenze. Dort erwarteten uns Ortschaften wie Hiesfeld und Schermbeck, die wohl nur den Fußballverrückten unter euch etwas sagen. Als die Sonne langsam am Horizont hochkletterte, waren die ersten 50 Kilometer fast im Sack und die Euphorie brodelte über. Wie ein Uhrwerk stampften die Beine auf die Pedale, sausten wir als Gruppe von rund 20 Fahrern fast im 40er Schnitt durch die Landschaft. Das war leichter als gedacht, das war berauschender als erhofft. Um 6:18 Uhr war der erste Verpflegungsstopp in Raesfeld erreicht. So konnte es weitergehen!

4:30 Uhr am Samstagmorgen. Auf gehts!

Duch die dunklen Gassen von Duisburg

Und so ging es weiter. In Raesfeld bildete sich eine neue Gruppe, die perfekt miteinander harmonierte. Wie ein Pfeil schossen wir an ländlichen Gehöften vorbei, wo langsam das Leben erwachte. Im Morgenrock die Türen öffnende Einwohner guckten uns erschrocken nach, als wir als buntbefleckte Radlercombo durch ihre Vorgärten heizten. Sie müssen sich wie in einem schrägen Traum gefühlt haben. Epe, wo die erste 100-Kilometermarke fiel, lockte mit einem üppigen Frühstück mitten im Stadtzentrum. Längst waren wir alle im Flow, berauscht von Geschwindigkeit, Gruppenharmonie und unbändiger Lust auf den Tag und auf das Abenteuer. Es war in Epe, als ich wusste, ich werde die 300 Kilometer nicht nur schaffen, ich werde sie genießen, ich werde sie schneller schaffen als gedacht und ich werde sie lieben. Meine Psyche und ich, wir waren endgültig „one Team, one Dream“.

Die Landschaft machte es nicht leicht. Als Niedersachsen irgendwo bald hinter Epe Nordrhein-Westfalen ablöste wurden die Straßen lang und gerade. Bis zum Horizont verlor sich das Asphaltband. Neben uns rauschte der Autoverkehr, in uns rauschte die Geschwindigkeit. Nordhorn bremste uns etwas runter und ließ uns kurz sogar die Richtung verlieren bzw. im „städtischen“ Verkehr untergehen, dann nahm uns die Einsamkeit wieder auf und leitete uns zur Mühle Georgsdorf.

Dort: Halbzeit. 150 Kilometer. Und kein Internet. Denn Georgsdorf liegt wahrlich „in the middle of nowhere“. Weiter ging es. Geradeaus. Geradeaus. Geradeaus. Wer die Gruppe anführte musste “Kurve” brüllen, wenn es mal nicht ganz so schnurgerade zuging. Ansonsten wären wir Hinterherfahrenden wohl von der Fahrbahn abgekommen. Ein wilder Husarenritt im irren Tempo durch den Nordwesten der Republik. Als Neudersum bei Kilometer 200 auftauchte, war das Ziel gefühlt bereits erreicht. „Mich hält heute niemand auf“, wusste ich! Noch nicht einmal ein schmerzhafter Hintern.

Schnurgerade mit Bäumen

Schnurgerade mit Windrädern

Schnurgerade mit Klappbrücke

Nach Leer pedalierten wir in einer Dreiergruppe. Das Fahrerfeld war inzwischen völlig zerfasert. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf. Mit dem inneren Schweinehund, mit dem maladen Hintern, mit den schweren Beinen. Wir vereinbarten einen 31er Schnitt und „langsam angehen lassen“. Der sanfte Südwind machte sämtliche Pläne zunichte. Er schob uns mit 35+ km/h ins Land der Windräder, die plötzlich überall aus dem Boden ploppten. Auf dem Himmel tauchten unterdessen graue Wolkenbordüre auf, die jedoch keinen Regen trugen. Kurz vor Leer klappte die Jann-Berghaus-Brücke vor unserer Nase hoch. Steil ragte sie in den Himmel. Atemlos standen wir davor, ungeduldig, bis der kleine Schlepper endlich durchgezockelt war und wir Leer erreichten, wo es Kaffee und Kuchen gab. 60 Kilometer noch. Langsam wurde das Megaabenteuer zur Kaffeefahrt.

In Leer wartet zudem Christoph, mein Lieblingslektor vom Verlag Die Werkstatt, der so wunderbar Hand an „Jenseits der Komfortzone. 12.000 Kilometer Radrennen in Südamerika“ gelegt hat. Er wollte mitpedalieren bis nach Bensersiel. Worauf er sich eingelassen hatte wurde ihm schlagartig klar, als er unsere Gruppe sah. Schwer motiviert, mit überkochender Lust und nach 240 Kilometern auf der Straße im Hamsterrad-Automatikmodus. Wir starteten gemütlich („31er-Schnitt, okay?“), als uns eine Zweiergruppe überholte und irgendjemand „mitgehen“ brüllte. Sofort ging der Tacho auf 40 km/h, schnellte der Puls in die hellrosa Bereiche. Dort blieb er bis Aurich, das wir in Rekordzeit erreichten. Unglaublich, was nach acht Stunden im Sattel alles noch an Körnchen in den Beinen steckt!

Um 15:47 Uhr verließen wir Aurich. 30 Kilometer bis nach Bensersiel lagen noch vor uns. Meine ursprünglich angedachte Ankunftzeit von 19 Uhr war längst eine Episode aus der Vergangenheit. Bin ich geflogen? Meine Psyche räkelte sich im Adrenalinbad und grinste wonnig. Sie hatte es immer gewusst. Über Nebenwege pirschten Christoph und ich uns zu zweit über die finalen Kilometer. Nun drohte der Himmel doch mit Niederschlag. Kurz vor Esens ging es los. Regen, wie es ihn nur an der Nordseeküste gibt. Wirre grinsten wir uns an. Zehn Kilometer vor der Endstation Sehnsucht plötzlich pitschenass. Auch egal!

Die letzten Kilometer zwischen Esens und Bensersiel waren wieder trocken, und dann stand da plötzlich dieses Ortsschild: „Bensersiel“. Ein Kreisverkehr, zwei Kurven und schon brandete der Jubel auf. „Sie haben ihr Ziel erreicht!“ Eine Mischung aus Stolz, Erleichterung und geballter Energie flutete den Körper. Der Bordcomputer warf eine Fahrtzeit von 10 Stunden und 12 Minuten für exakt 305 Kilometer (inkl. Verfahrer) aus. Ein Traumtag endete mit einer persönlichen Fabelzeit.

Im Ziel sah ich nur stolze und glückliche Gesichter. 95 Prozent der 462 in Duisburg gestarteten Teilnehmer kamen tatsächlich in Bensersiel an. Der erste Fahrer war schon um 14:13 Uhr da, der letzte trudelte um 23:12 Uhr ein. Gerade vor denen, die lange brauchten, habe ich einen enormen Respekt, denn ihr Tag war ungleich schwieriger und natürlich auch viel länger als beispielsweise meiner. Und dann war da noch ein Fahrer aus der Spitzengruppe, der in Bensersiel ankam, kurz was futterte, sich wieder auf sein Rad setzte und zurück nach Duisburg fuhr. And I call myself the „hardy cyclist“…

Insgesamt war es ein tolles Erlebnis, auch wenn es schlussendlich deutlich sportlich ambitionierter war, als ich es erwartet hatte.

Zum Schluss noch ein Veranstaltungshinweis, denn ich bin mal wieder mit meinen Afrikabildern unterwegs. Am Freitag, den 23. Juni gastiere ich im Kulturforum Steinfurt und erzähle ein paar Geschichten zu den Bildern bzw. lese aus meinem Buch „Tour d’Afrique. 11.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt“. Los geht es um 19:30 Uhr im Heimathaus Borghorst.

 

 

Up the bike!

Sportlerfrühstück!

Vor dem Start

In die aufgehende Morgensonne

Duch die aufgehende Morgensonne

Rotlicht-Stopp in Irgendwo

Von wegen, in Ostfriesland gibt es keine Steigungen!

Frühstück in Epe

200 Kilometer geschafft. Es wird gemütlich

Aurich! Noch 30! Motivationsgetränk!

Kollegiale Begleitung ab Leer

 

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Kleiner Strandausflug auf dem Rad

Wochenende, Sonnenschein, Nordseestrand. Das Leben ist ein Fest. Wenn da nur die Kleinigkeiten nicht wären. So zum Beispiel die Frage, wie man von Göttingen zum Nordseestrand kommt. In meinem Fall über Duisburg. Liegt zwar eigentlich nicht auf der Strecke, ist aber der Startort für die Ruhr2NorthSea-Challenge, die morgen früh über 300 Kilometer ansteht. Und von Duisburg an die Nordsee geht. Ich bin dabei und schon sehr gespannt, wie es sich anfühlt, mal eben mit dem Rad durch ein Viertel der Republik zu kurbeln.

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226456 - gerne winken, wer mich unterwegs sieht.

Was mich erwartet, weiß ich nicht. Laut Vorhersage immerhin nettes Wetter mit Sonnenschein, radfahrfreundlichen Temperaturen in den angenehmen 20ern, wenig Regenwahrscheinlichkeit und leichter Wind aus Süd bzw. Südwest. Kein Grund zur Klage also. Aber eben auch keine Entschuldigung, wenn es nicht so klappt. Die große Unbekannte ist die Kondition des Sitzfleisches. Bei einem 25er Schnitt fällt eine Gesamtfahrtzeit von 12 Stunden an. 12 Stunden Dauerkurbeln, denn es ist flach zwischen Duisburg und Bensersiel, wo bei Kilometer 301 das Ziel aufgebaut ist. Im Gegensatz zu hügeliger Landschaft mit Auf- wie Abfahrten also kaum Abschnitte der Entspannung, denn sobald ich aufhöre zukurbeln, droht mir unweigerlich Stillstand. Erinnert mich an die Endlosetappen in Botswana, wo ich manchmal Angst hatte, vor lauter Langeweile einzuschlagen und die Oberschenkel nach Erholungspausen lechzten…

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Die Hardware ist jedenfalls bereit.

Wir starten um 4:30 Uhr in der früh vor dem einstigen Wedaustadion in Duisburg. Etwa 450 Radbekloppte, die nichts Besseres zu tun haben als den ganzen Tag im Sattel zu sitzen um eine Distanz zu überbrücken, die man mit dem Auto bequem an einem Vormittag hinter sich bringt. Aber wer will schon mit dem Auto an die Nordsee? Fahrrad ist doch viel schöner, entspannter, volknäher! Man sieht, spürt, schmeckt und riecht die Landschaft, trifft unterwegs immer wieder auf lustige Einheimische und ist den ganzen Tag an der frischen Luft. What a beautiful day!
Okay, ein bisschen Kondition muss man mitbringen, wer 300 Kilometer in einem Rutsch kurbeln will. So viel Rad gefahren wie in den letzten vier Wochen bin ich zuletzt in Südamerika. Locker 1.500 Kilometer sind dabei zusammengekommen in der südniedersächsischen Schichtstufenlandschaft. Ob es was gebracht hat? Das werde ich dann wohl morgen herausfinden…
Wer mag, kann meinem kleinen Strandausflug via Facebook folgen. Alle 50 Kilometer ist ein Verpflegungspunkt, und von dort werde ich immer mal einen kurzen Zustandsbericht mitsamt Bild posten. Erwartet keine Romane, denn mir steht nur die Handytastatur zur Verfügung und außerdem muss ich ja weiter, immer weiter, bis zum Ziel, bis nach Bensersiel. Um meine Facebook-Seite aufrufen zu können müsst ihr übrigens nicht bei Facebook angemeldet sein! Einfach auf http://www.facebook.com/hardygruene/ gehen, etwas runerscrollen und nach den neuesten Einträgen schauen.
In diesem Sinne: auf Rückenwind und Sonnenschein für alle Pedalisten dieser Welt und morgen gerne auch für mich!
Euer hardy cyclist

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Im Bretagne-Jersey in der südniedersächsischen Schichtstufenlandschaft.