Monat: Dezember 2012

Weihnachten 2012

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Buchbesprechungen: Rad-Abenteuerreisen

>Schon vor meiner Afrikatour war ich leidenschaftlicher Leser – doch Bücher von Radabenteuerern hatten immer etwas theoretisches. Seit der Tour verschlinge ich sie geradezu. Ein paar Perlen habe ich schon gefunden:

Afrika. Mit dem Fahrrad in eine andere Welt

Joachim Held

afrika_held Reisen ohne zeitliche Begrenzung und ohne konkretes Ziel ist eine Sache, die nicht jedem liegt. Sie eröffnet Zufällen die Tür, und sie führt zu ungewöhnlichen Herausforderungen.
Als Joachim Held im August 2008 irgendwo bei Tübingen am Neckar auf sein Fahrrad stieg, wollte er eigentlich nach Asien. Vorher wollte er aber noch mal kurz in Afrika vorbeischauen – und blieb schließlich dort. In zwei Jahren pedalierte er rund 33.000 Kilometer, reiste an der Westküste von Marokko bis Kamerun, wagte sich in die DR Kongo, radelte in Richtung Süden bis nach Kapstadt – und fuhr über Lesotho und Mosambik wieder hinauf bis nach Tansania, wo er als abschließenden Höhepunkt noch den Kilimandscharo hochkletterte, ehe er nach Hause flog.
Ein tolles Abenteuer, über das der Journalist in seinem Buch auf 384 Seiten anschaulich und spannend berichtet.
Held schreibt mit einer erfrischenden Offenheit, die bisweilen an Naivität grenzt, dadurch aber hautnahe Einblicke in sein Abenteuer ermöglicht. Obwohl sein Rad mit rund 45 Kilo Gepäck bepackt ist, kommt er zügig voran und erreicht Mitte September Nordafrika, wo ihm die politischen Wirren und die Anwesenheit von Al-Qaida-Kämpfern Sorgen bereitet. Held findet jedoch immer wieder Wege, sein Zelt irgendwo aufzuschlagen oder mitunter arg heruntergekommene Herbergen zu finden.
In seinen Beschreibungen über den weiteren Weg nach Süden beschränkt er sich auf die notwendigsten Informationen über Land und Geschichte der durchquerten Regionen und konzentriert sich statt dessen auf die Begegnungen und Erfahrungen, die er unterwegs macht. Wertvoll wird sein Buch vor allem deshalb, weil Held nicht als weißer Gut-Mensch durch Afrika radelt, sondern sich Launen und Ungerechtigkeiten gönnt. Er ringt mit Afrika, mit den mitunter anstrengenden Kindern, mit der Korruption, der er sich zumeist erfolgreich verweigert.
So lässt er sich einerseits ein auf diese unzähligen Eigenarten Afrikas, streift aber andererseits nie sein deutsches Wesen ab und amüsiert sich selber, wenn er an einem Grenzposten mal wieder bis ins Unendliche um ein kleines Bestechungsgeld feilscht.
Höhepunkte des Buches sind die Beschreibungen aus den Bürgerkriegsländern Sierra Leone und DR Kongo, die Held unter großen Schwierigkeiten mit dem Fahrrad durchquert. Dazu gehört Mut, und den beweist der Autor immer wieder. Held erspart dem Leser auch nicht den mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden „Afrika-Koller“, der einen, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, wahnsinnig machen kann. Privatsphäre ist in Afrika nicht zu bekommen, und das ist für uns Europäer eine schwer zu verdauende Tatsache.
Ein schlaues Buch, an Stellen sogar ein weises Buch, weil es Afrika so schildert, wie Held es wahrgenommen hat. Und weil er bei seinen Begegnungen mit den Einheimischen immer wieder hinhört, wie das Leben in Afrika wirklich ist. Held ist eben nicht auf der Suche nach einem Afrikabild, das er bereits hat. Held sucht sein Afrikabild. Und findet es. Auch wenn es aus ganz vielen höchst unterschiedlichen Afrikabildern besteht.
Etwas schade ist das an einigen Stellen nachlässige Lektorat, das zwar ärgert, den Lesespaß insgesamt aber keineswegs schmälert.
Kaufempfehlung!
Joachim Held Afrika. Mit dem Fahrrad in eine andere Welt Edition Reise-Know-How ISBN: 978-3-89662-522-9 19,50 Euro

Cycling home from Siberia

Rob Lilwall

cycling_siberia_lilwall Durch Afrika radeln ist eine Herausforderung? Da wird Rob Lilwall anderer Ansicht sein! Der Engländer radelte nicht nur insgesamt 30.000 Meilen (48.000 Kilometer) und damit viermal die Distanz Kairo-Kapstadt, er startete auch noch in einem der unwirtlichsten Orte der Welt: Magadan, Sibirien.
In seinem Buch „Cycling home from Siberia“ berichtet er von einem dreijährigen Rad-Abenteuer, das ihn durch Sibirien, China, die Philippinen, Papua Neu-Guinea, Australien, Malaysia, Thailand, Vietnam, Tibet, Indien, Pakistan, Afghanistan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Türkei, Griechenland, Italien, Schweiz, Frankreich und Belgien zurück nach London führte.
Der schiere Wahnsinn, eine derartige Mammuttour ausgerechnet in Sibirien zu starten, wird noch erhöht, weil Lilwall zudem im sibirischen Winter startete. Temperaturen von bis zu – 40 Grad haben nichts mehr von einem lustigen Radausflug und bescheren Probleme, die dem gewöhnlichen Weltenbummler erspart bleiben. Zum Beispiel, einen Reifenpanne bei – 35 Grad zu flicken und den Kleber dazu zu bringen, bei diesen Temperaturen auch am Gummi haften zu bleiben – nachdem man den steifgefrorenen Mantel von der Felge bekommen hat…
Lilwall startete in Magadan allerdings nicht allein. Er traf dort seinen Freund Al Humphrey, der bereits seit einiger Zeit auf einer Weltumradelung war und dem unerfahrenen Lilwall mit seiner Erfahrung eine wichtige Stütze in vielerlei Hinsicht war Allerdings zeigte sich zugleich, dass der unterschiedliche Fitness-Stand zwischenmenschliche Probleme heraufbeschwor, und so trennten sich die beiden nach der Sibiriendurchquerung. Lilwall radelte somit ab Japan alleine weiter.
Das Buch lebt von einer lebendigen und bildhaften Schreibe, die es leicht macht, Lilwalls Erlebnisse nachzufühlen. Mit typisch englischem Humor nimmt sich der Autor regelmäßig selbst auf den Arm und erzählt in beinahe amüsantem Ton von schwierigen bis lebensbedrohenden Herausforderungen wie Zeltübernachtungen in der sibirischen Kälte, dem kaum zu durchdringenden Urwald in Papua Neu-Guinea oder der Tibet-Durchquerung ohne gültige Papiere.
Lilwall ist kein Sportler und – zumindest am Anfang – auch kein Abenteurer. Er ist schlicht ein halbwegs ambitionierter und recht aufgeschlossener junger Mann, der sich mit erfrischender Offenheit den Herausforderungen entlang der Strecke stellt. Das wirkt sich positiv auf das Buch aus, denn ihm fehlt die Arroganz und Selbstverliebtheit, mit der andere Radabenteurer ihre Geschichten auskleiden. Lilwall bleibt über das gesamte Buch eine Person, in die man sich leicht hineinversetzen kann – auch als „Couch-Potato“.
Das Buch liefert keine detaillierte Beschreibung seiner Reise – das wäre bei 48.000 Kilometern und drei Jahren auch gar nicht möglich. Regelmäßig rafft Lilwall daher Streckenabschnitte zusammen und konzentriert sich auf die wirklich spannenden Abschnitte. Immer wieder thematisiert er dabei auch die Frage nach der nächtlichen Unterkunft. Der gläubige Christ sucht bevorzugt Pastoren oder andere Mitglieder der Kirchen auf, um dort nach einem Übernachtungsplatz zu fragen. Das klappt fast immer, und die Unterhaltungen mit den Kirchenmännern geben Lilwall zudem schöne Einblicke in die jeweiligen Kulturen und Länder, von denen er im Buch berichtet. Weitaus abenteuerlicher allerdings die Nächte im Zelt oder Busstationen etc.
Und dann ist da noch eine Liebesgeschichte, denn in Hongkong begegnet er einer Frau, die er nach seiner Heimkehr zwei Jahre später heiraten wird. Und das hat nun wirklich das Zeug zu einem Hollywood-Klassiker!
Fazit: ein sehr lesenswertes Buch über ein ungewöhnliches Radabenteuer. Leider bislang nur auf Englisch erhältlich.
Rob Lilwall Cycling Home from Siberia Howard Books ISBN: 978-1-4516-0786-4 Kostet in den USA $ 14,99

The Man Who Cycled The World

Mark Beaumont

beaumont Mark Beaumont hat die ganze Welt mit dem Fahrrad umkreist. Das haben schon viele gemacht, doch der Schotte schaffte das Unterfangen in der Rekordzeit von nur 194 Tagen und 17 Stunden.
Damit schlug er den bisherigen Weltrekord gleich um 81 Tage und darf sich nun selbst – und vermutlich für längere Zeit – an der Spitze der Guinness World Record-Liste sonnen.
18.297 Meilen brachte Beaumont hinter sich, nachdem er in Paris startete und über Belgien, Holland, Deutschland, Polen, die Ukraine, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Malaysia, Thailand, Singapur, Australien, Neuseeland, den USA, Portugal und Spanien nach Paris zurückkehrte. Durchschnittlich 100 Meilen pro Tag verbrachte er im Sattel – das sind 160 Kilometer für 195 Tage in Folge. Ganz alleine, ohne Begleitfahrzeug, überhaupt ohne Begleitung. Dagegen war mein Afrikaabenteuer wahrlich nur eine kleine Spazierfahrt!
Der Ritt über die Weltkugel war angesichts des angestrebten Weltrekords natürlich stets von Eile geprägt. Und das spiegelt sich auch in dem 574-Seiten-Buch, das bislang nur auf Englisch vorliegt, wider. Beaumont geht vor allem darum, Kilometer zu machen. So viele wie möglich, und so schnell wie möglich.
Beaumont beginnt seine Story beim Start in Paris. Er wirft aber schon bald einen Blick zurück auf seine persönliche Lebensgeschichte und leuchtet somit seinen Background aus. Aus alternativem und ökologisch geprägten Elternhaus stammend, wuchs Beaumont in Schottland auf und wurde wie seine beiden Schwestern zunächst von der Mutter erzogen. Beaumont wurde ein mutiger und unerschrockener  Freigeist, was ihm auf seinem Weltabenteuer immer wieder zu Hilfe kam.
Mitunter zeichnet er sich freilich durch eine fast frappierende Naivität aus, wenn er mit seinem mit vier Taschen bepackten und rund 50 Kilo schweren Rad durch die Welt pedalt. Beaumont schildert die lange Zeit vergebliche Suche nach Sponsoren, seinen schmalen Geldbeutel, der ihn mit einem gewöhnlichen Fahrrad und äußerst begrenztem Budget auf die Weltreise gehen lässt und seine entwaffnende Unbekümmertheit, mit der er sich immer wieder auch durch schwierigste Situationen navigiert -bisweilen mit Hilfe der „Home Base“, die seine Mutter an Handy und Computer in der schottischen Heimat darstellte.
Mitunter glaubt man zwar seinen Augen nicht zu trauen, wenn Beaumont zugibt „dass ich nicht wusste, dass Spanien so bergig ist“ oder darüber staunt, dass Neuseeland nicht „ebenso wie Australien ist“. Sein optimistisches Wesen lässt ihn jedoch jede Herausforderung annehmen und schließlich auch bewältigen, weshalb die lückenhafte Vorbereitung seiner Weltreise dem Leser das eine oder andere Leckerli beschert.
Etwas anstrengend beim Lesen sind die immer wieder thematisierten Zeitprobleme, die ihn an den meisten Tagen bis zu 12 Stunden im Sattel sitzen lassen, wodurch er von den Ländern nicht wirklich viel mitbekommt. Sogar als sich eine kleine Liebesgeschichte anbahnt (in Australien), verwirft er diese zugunsten seines Rekordversuches – was freilich seine Entschlossenheit, mit der er das wahnwitzige Unternehmen schließlich auch besteht, nur unterstreicht.
Auch seine Auszüg aus seinem Tour-Tagebuch sind bisweilen ein wenig störend, zumal sie häufig das zuvor Beschriebene noch einmal in statistischen Worten wiederholen.
Trotz dessen zieht Beaumont den Leser rasch in seine Gschichte rein. Man fiebert mit, man fühlt mit und man freut sich, wenn er es abends schließlich doch in ein Hotel oder einen versteckten Ort geschafft hat, an dem er heimlich sein Zelt aufbauen kann. Man leidet mit Beaumont, wenn ihn seine ständigen Speichenprobleme am Hinterrad mal wieder in den ungünstigsten Momenten einholen, oder wenn ihn seine Sitzprobleme einen aufgescheuerten Hintern bescheren und der böse Gegenwind weitere Kraft kostet.
Ein Buch für lange Winterabende vor dem Kamin. Und ein Buch über das, was ein Mensch bewältigen kann, wenn er nur den nötigen Willen aufbringt. Allerdings auch ein Buch, in dem nicht allzuviel über die Landschaft und die Menschen gesagt wird. Denn dazu war Beaumont einfach zu eilig unterwegs, richtete sich sein Interesse an den Menschen zu einseitig auf Nahrung und Unterkunft.
Aber was für ein Abenteuer!
The Man Who Cycled The World Mark Beaumont Corki Books ISBN: 978-0-552-15844-2 7,99 Pfund (englischsprachige Ausgabe)