Monat: Juni 2014

Si no lo sientes, no lo entiendes!

logo-anden Kopie„Ich bewundere Deinen Mut“, bekomme ich dieser Tage hin und wieder zu hören. ich bin dann immer ganz verwirrt, denn das klingt, als würde ich in ein gefährliches Abenteuer starten. Dabei fahre ich nur ein bisschen Fahrrad. Okay, ein bisschen weiter weg und vielleicht auch etwas länger als gewöhnlich. Aber Mut? Es kommt wohl auf die Perspektive an. Von außen betrachtet mögen 11.000 Kilometer auf dem Fahrrad gewaltig sein und eine Menge Mut erfordern. Von innen betrachtet sind es 108 Tage à etwa 100 Kilometer auf einem Fahrrad – eigentlich nix aufregendes also.

Natürlich braucht es Mut, um einen Trip wie The Andes Trail anzugehen. Wobei ich lieber von „Hunger“ sprechen möchte. Hunger nach Neuem, nach Ausbruch, nach unbekannten Wegen, fremden Sprachen, anderen Lebensentwürfen. Es ist ein Hunger nach dem, was „Jenseits der Komfortzone“ liegt. Der Hunger, die Annehmlichkeiten des hiesigen Alltags mal unwiderruflich hinter sich lassen, um sich den Herausforderungen eines Alltags zu stellen, der sich fremd anfühlt und in dem ganz andere Fragen gestellt werden. Also zum Beispiel eine Speisekarte vor der Nase zu haben, deren Offerten seltsam namenlos wirken und die zugleich reizvoll erscheinen. Um dann mutig die alles entscheidende Frage in den Raum zu werfen, ob die Lokalität denn auch auf einen Vegetarier vorbereitet ist.

andes-1Insofern erfüllen mich gegenwärtig statt Mut eigentlich vielmehr die Ungeduld und die Vorfreude, aus diesen statischen Strichen und Punkten auf der eindimensionalen Landkarte „South America The Andes 1:4,500,00“, die ich nun seit über einem Jahr regelmäßig anstarre und in Träume verwandle endlich (er)fahrbare und brodelnde Straßen und Städte zu machen, die Märkte zu riechen, die Speisen zu kosten, die Kinder zu hören, die Hunde zu fürchten, das Leben zu spüren.

 

Äthiopien und seine unschlagbaren Kinder.

Äthiopien und seine unschlagbaren Kinder.

Mut nehme ich natürlich mit. Zum Beispiel für das Abenteuer, mich als Spanisch-Novize in den lateinamerikanischen Alltag zu stürzen. In gut drei Wochen werde ich mit einem sperrigen Fahrradkarton, einem vollgestopften Rucksack und etwas Handgepäck auf dem Flughafen von Quito ankommen und vor meinem ersten Ernstfall in Sachen Spanisch stehen. Eine Aufgabe, vor der ich durchaus Respekt habe. Denn als Erwachsener eine neue Sprache zu lernen ist eine Herausforderung. Es fehlt die spielerische Leichtigkeit der Jugend, und es fehlt vor allem die Geduld. Unruhig steht man da, einen klaren (deutschsprachigen) Gedanken im Kopf, der sich mühsam durch einen Filter von rudimentären Vokabeln quälen muss, um schließlich als enttäuschend lückenhaftes Gestotter den Mund zu verlassen. Viel zu häufig endet die hektische Suche nach den richtigen Worten oder Deklinationen sogar in Leere und Ratlosigkeit. Eine frustrierende Erfahrung, gerade für einen Sprachhandwerker wie mich. Es heißt, 2.000 Wörter würden genügen, um die Welt zu erobern. Ein paar davon muss ich wohl noch lernen. Ansonsten helfen aber hoffentlich auch freundliches Lächeln und unschuldiges Achselzucken. Und natürlich die Zuversicht, das alles gut wird.

Was ich mir in den kommenden gut fünf Monaten von mir selbst erhoffe sind Leichtigkeit und Offenheit. Das sind, ich weiß es noch aus Afrika, zwei durchaus anspruchsvolle Vorhaben. Denn die Psyche zickt gerne mal, wenn sie nicht das bekommt, was sie gewohnt ist. Wenn sie auf Grenzen stößt, die sich als unüberwindlich erweisen und zwingen, Umwege zu gehen oder gar gänzlich neue Wege zu erschließen. Dann zetert sie und verlangt eingeschnappt nach den gewohnten Drogen. Ein kühles Bier, ein Tütchen Gummibärchen, eine gemütliche und angenehm klimatisierte Lokalität, einen netten Menschen. Und man selbst steht plötzlich da und ist erfüllt von einem beißend schlechtem Gewissen, weil man sich da etwas zumutet, was tatsächlich nichts anderes als eine Zumutung ist.

scooter1Reisen heißt Herausforderung. Nichts bricht die Routine so konsequent, wie den heimatlichen Hof für einen Weile zu verlassen. Nichts bricht radikaler mit Gewohnheiten, Routinen und Annehmlichkeiten als das Einlassen auf Unbekanntes. The Andes Trail ist weder Erholungsurlaub noch Pauschalreise. Nichts ist hier „all-inclusive“. Niemand wird auf den 11.000 Kilometern zwischen Quito und Ushuaia vorweggehen und uns die Unannehmlichkeiten aus dem Weg räumen, damit wir unsere Wohlstandskörper und -geister sorgenfrei durch fremde Kulturen schieben können. Wir müssen uns selbst reinstürzen. Wie früher im Auto-Scooter auf der Dorfkirmes, wenn der Plastikchip verschwand, die Kiste zum Leben erwachte und man schwankte zwischen dem Bedürfnis, möglichst kollisionsfrei seine Runden zu drehen und der Lust auf Kollision mit seinen Mitmenschen.

Braucht es dazu Mut? Ja, ganz unbedingt! Aber wer neugierig genug ist, muss sich über Mut sowieso keine Gedanken machen.

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Als Fußballfan werde ich in Südamerika mit einem Fußball-Motto unterwegs sein: „Si no lo sientes, no lo entiendes“ – „wenn du es nicht spürst, wirst du es nicht verstehen“. Es ist das Motto des bolivischen Rekordmeisters The Strongest La Paz und es begleitet mich, seit ich es vor einigen Monaten zum ersten Mal gehört habe. Und jetzt mal ehrlich: mit dem Motto eines Klubs namens „The Strongest“ ins Abenteuer zu radeln kann doch eigentlich gar nicht falsch sein, oder?

„Es zu spüren, um es zu verstehen.“ Das ist exakt das, auf was man sich einlassen muss, will man über die Anden radeln. Nur wer spürt, versteht. Die Belohnung kommt postwendend in Form von exzessiver Lebendigkeit. Es waren die schwierigen Momente, die ich in Afrika zugleich gefürchtet und geliebt habe. Als ich im Sudan auf einer ruppigen Piste von zwei aggressiven Hunden eingeklemmt wurde und alles aus mir herausholen musste, um ihnen zu entkommen. Als mir in Äthiopien das unablässige „you, you“ der Kinder die Nervenenden förmlich entzündete und mich intolerant sowohl den Kindern als auch mir gegenüber machte. Oder als ich in Kenia durch die Steinwüste stolperte. Mit fünf Stundenkilometer unter sengender Sonne, das Ziel Stunden entfernt, die Vernunft wütend an den Pforten der inneren Wahrnehmung trommelnd. Im Schlepptau aggressive LKW, deren Fahrer mich von der Piste zu drängeln drohten. Momente, für die ich heute unendlich dankbar bin. Und Erinnerungen, die es zu einer spielerischen Leichtigkeit machen, erneut den Mut aufzubringen und aufzubrechen.

Si no lo sientes, no lo entiendes!

 

In Kenias Steinwüste und Backofen.

In Kenias Steinwüste und Backofen.

Reisen ist zeitlos. Die Vergangenheit kommt als mehr oder weniger sperriges Paket mit, die Zukunft liegt im vagen (oder muss es heißen „im wagen“?). Ich werde in Südamerika niemanden mit vergangenen Texten oder Taten beeindrucken können. Sobald ich auf dem Fahrrad sitze, 11.000 unglaubliche Kilometer bis Patagonien vor der Nase, zählt nur noch der Augenblick. Zählt nur das, was in jedem Moment an Herausforderung bewältigt werden will. Werden muss. Reisen als Konfrontation mit der Gegenwart. Und auch die Zukunft wird – wie schon in Afrika – nur ein vages Konzept sein. Sicherheit zum Beispiel ist auf Expeditionen wie „The Andes Trail“ nur schwer zu bekommen. Um das auszuhalten, braucht es Vertrauen. Vertrauen in sich, Vertrauen in den Lauf der Dinge, in die Mitmenschen. Und die Bereitschaft zu Risiko und Opfer, denn oft genug wird das Vertrauen gebrochen oder gar missbraucht. Und da hilft dann kein Jammern oder Anruf bei der Vollkaskoversicherung, da hilft nur akzeptieren und arrangieren.

Eigentlich müsste man Warnschilder auf Abenteuer wie The Andes Trail oder Tour d’Afrique kleben: „Diese Reise kann Sie das Leben spüren lassen und zu schwerwiegenden Veränderungen in der Selbstwahrnehmung führen!“.

 

Das Leben kann sehr übersichtlich sein auf einer längeren Fahrradtour.

Das Leben kann sehr übersichtlich sein auf einer längeren Fahrradtour.

 

Erster Gepäckcheck

¡Hola compañeros!

Ausrüstung zum Radeln

Ausrüstung zum Radeln

Während Radio Nacional de España mich mit fremdartigen Worten und Sätzen beschallt und meine Zuversicht, in vier Wochen fließend Spanisch sprechen zu können, ins Wanken bringt, fiel ein erster Gepäckcheck recht hoffnungsvoll aus.

Die Erfahrungen von der Afrika-Tour halfen enorm, die (hoffentlich) richtige Ausrüstung für viereinhalb Monate in den wilden Anden zusammenzustellen. Wie in Afrika besteht die Herausforderung auch diesmal wieder vor allem aus der Aufgabe, möglichst multifunktionale Ausrüstungsgegenstände im Gepäck zu haben. Die wärmende Kopfbedeckung beispielsweise sollte sowohl unter dem Fahrradhelm als auch „frei“ im Camp getragen werden können. Die Taschenlampe muss den Weg weisen, mir abends im Zelt das Lesen ermöglichen und auf dem Rad in der Lage sein, mich sicher durch dunkle Tunnel zu führen. Denn jedes Gramm unnötiges Gepäck nervt und sorgt spätestens am Abflugtag für Probleme. Insgesamt stehen mir übersichtliche 45 Kilogramm (plus Fahrrad) zur Verfügung, die ich am 19. Juli der Fluglinie meines Vertrauens übergeben darf. Für jedes weitere Gramm werden Strafgebühren fällig, und die sind happig!

Zelten und so

Zelten und so

45 Kilo sind nicht allzu viel. Als ich 2011 mein Gepäck für Afrika erstmals zusammenpackte, kam ich auf knapp über 60. Dabei hatte ich damals eigentlich ausnahmslos Dinge eingepackt, von denen ich sicher war, dass ich sie zwingend brauchen würde. Und doch mussten 15 Kilogramm daheim bleiben – wobei ich anschließend nichts davon wirklich vermisst habe. Geht also!

Zum Wiegen ist es gegenwärtig noch zu früh, denn wenngleich die Ausrüstungsliste inzwischen an vielen Stellen „Grünes Licht“ aufweist, fehlen noch immer diverse Gegenstände. Immerhin kamen der Schlafsack und die Isomatte im Laufe der letzten Woche hinzu. Vor allem die Schlafsackfrage bereitete mir Probleme, sind wir in Südamerika doch im Temperaturspektrum von +30 bis -15 Grad unterwegs. Weil die Schlaftüte nicht allzu schwer und großvolumig daherkommen sollte und auch die Preisfrage eine gewisse Rolle spielte, erwies sich die Recherche als uferlos. Schlussendlich entschied ich mich für den High Peak Synergy 1500, der mit einer Mischung aus Daune/Plastik hoffentlich die richtige Wahl war. Ich werde Euch von unterwegs darüber berichten.

wird langsam grün: die Ausrüstungsliste.

wird langsam grün: die Ausrüstungsliste.

Bis zum Abflug sind es keine vier Wochen mehr, und so langsam kommt zur Vorfreude eine gewisse Nervosität. Ein Termin jagt den anderen. Besuch beim Tropeninstitut, um die Impfungen checken zu lassen. Kontrolle beim Zahnarzt, denn die Aussicht, irgendwo in Bolivien oder Patagonien an Zahnschmerzen zu leiden ist wenig verlockend. Organisation der Rückreise von Ushuaia nach Buenos Aires, wo ich nach der Tour noch zwei Wochen lang auf den Spuren der Fußballgeschichte sowohl in Buenos Aires als auch Montevideo wandeln will. Man glaubt gar nicht, was für so eine kleine Radtour durch/über die Anden alles notwendig ist!

Schön war, am Mittwoch noch einmal gemeinsam mit einem sehr interessierten ZuhöherInnenkreis in Chemnitz über die Tour d’Afrique zu philosophieren. Allein die Erinnerung an die vielen schönen Momente in Afrika lassen den Pulsschlag steigen und mich neugierig werden, wie es wohl in Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und Argentinien werden wird.

In diesem Sinne, hasta luego!

Bei Fahrrad XXL Emporon in Chemnitz

Bei Fahrrad XXL Emporon in Chemnitz

„Jenseits der Komfortzone“ gastiert in Chemnitz

Hallo Chemnitz! Ich hätte da für kommenden Mittwoch eine Alternative zu Spanien gegen Chile: eine Reise „Jenseits der Komfortzone. 12.000 Kilometer Radrennen von Kairo nach Kapstadt“. Anpfiff 20 Uhr bei Fahrrad XXL Emporon.

P1050422http://www.fahrrad-xxl.de/news-events/bilder-video-vortrag-hardy-gruene/

„Kleines“ Überraschungspaket von Schwalbe angekommen

Darf ich mal kurz umschalten zur Werbung? Danke! Also: als ich im Januar meine Bilder- und Videoreise „Jenseits der Komfortzone. Tour d’Afrique“ in Duderstadt uraufführte, saß auch ein Vertreter des Reifenherstellers Schwalbe im Publikum. Nach dem Vortrag kam er zu mir, lobte meinen Vortrag und bot mir unaufgefordert Unterstützung bei meinem nächsten Radabenteuer an.

Gestern nun traf ich ihn wieder, und tatsächlich hatte er einen fetten Karton voller Mäntel und Schläuche für meinen anstehenden Südamerikaausflug dabei. Er enthielt exakt das, was ich ohnehin mit auf die Reise nehmen wollte: zwei Sets des Durano plus 28′, einmal den Marathon plus in 32′ sowie zwei verschiedene Größen vom Marathon Mondial (37′ und 47′) – allesamt in der pannensicheren Variante. Dazu reichlich Schläuche für 11.000 Kilometer. Und weil das alles ohne jegliche Bedingungen in meinen Besitz überging, will ich die tolle Unterstützung an dieser Stelle gerne zumindest mit ein paar Fotos sowie einer „lobenden Erwähnung“ belohnen.

Auf dem linken seht ihr mich eingerahmt vom Schwalbe-Vertreter Stephan Gallinat-Leeder und meinem „Fahrradflüsterer“ Stephan Beckmann, auf dem rechten wiederum das zur Verfügung gestellte Material, auf dem ich ab August durch Südamerika gleiten werde. Danke, Schwalbe!

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