Monat: August 2014

Im Wechselbad der Gefühle

Ich habe ja schon einige verrückte Sachen auf dem Fahrrad angestellt, aber das hier, das toppt alles. Selbst die Tour d’Afrique kommt mir im nachherein betrachtet manchmal als, ich zitiere einen Mitfahrer von damals, „gemütliche Radtour entlang der Mosel“ vor.

Afrika gab uns immer mal wieder Atempausen, Passagen der Erholung, in denen sich der Körper ein wenig entspannen konnte. Hier? Nix mit Erholung! Dazu kommen die im Vergleich zu Afrika völlig anderen klimatischen Herausforderungen. Nehmen wir nur mal die letzten vier Tage. Start in Huaraz bei leicht bewölktem Himmel und ungefähr 20 Grad. Abends Bushcamp auf 4.200 Höhenmetern. Wir trugen alles am Leibe, was die Koffer hergaben und rüttelten in der Nacht ordentlich an den Wärmegrenzen unserer Schlafsäcke. Während die zumeist hielten, was sie versprachen (zumindest meiner tat es), schüttelten wir morgens Eisblöcke aus unseren Trinkflaschen und blätterten Tau von unseren Zeltwänden. Der Tag führte uns dann hinauf bis auf 4.883 Höhenmeter – das war zugleich der höchste Punkt, den wir während The Andes Trail erreichen werden. Dort oben lauerten düstere Wolken, denen ich gerade eben noch entgehen konnte, während sich langsamere Fahrer im Schneetreiben (…) wiederfanden. Nach dem Gipfelsturm ging es hinab bis auf 3.500 Meter, wo uns ein feiner und unnachgiebiger Nieselregen das Leben schwer machte – gefühlt war das fast noch kälter als auf 4.200 Metern.

Auf 4.883 Metern - ich weiß, es sieht ziemlich unspektakulär aus. War aber trotzdem ein großer Moment ;-)

Auf 4.883 Metern – ich weiß, es sieht ziemlich unspektakulär aus. War aber trotzdem ein großer Moment 😉

Gestern nun kletterten wir zunächst auf 3.900 Meter zurück, um abermals auf Regen zu treffen, was auf einer derartigen Höhe natürlich immer auch unangenehme Kälte bedeutet. Anschließend stand noch ein spektakuläre Talfahrt ins auf 1.900 Metern gelegene Huánuco an, die sich über 50 Kilometer zog und am Abend vorher noch für erfreute „Juchheißa“-Rufe im Camp gesorgt hatte. Davon war nun nichts mehr zu hören, denn bei sintflutartigen Regenfällen eine steile, unendlich kurvenreiche und zudem extrem schmale Straße hinunterzuradeln ist pure Arbeit. Über zweieinhalb Stunden brauchte ich für die Strecke und war fix und fertig, als ich endlich im Tal ankam. Dort herrschten dann übrigens um die 35 Grad – Huánuco ist die Schnittstelle zwischen den Anden und Amazonas. Binnen vier Tagen von Schneetreiben zu Saunatemperaturen – das soll erstmal jemand nachmachen!

In Huánuco steht nun ein Pausentag an, ehe es morgen zurück in die Höhen geht. Ziel ist Cerro de Pasco, eine grimmige Minenstadt, die zu den höchstgelegenen Städten der Welt gehört. In meinen Notizen vor der Tour habe ich geschrieben „dort herrschen Temperaturen wie im Kühlschrank“. Da wird wohl morgen die Badehose wieder durch die Wollmütze ersetzt werden.

Pausentag in Huánuco. Oder „Rest day“, wie es im englischen Camp-slang heißt. Mit „rest“ ist es hier aber nicht weit her. Denn Huánuco ist die Hauptstadt des Lärms. In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht in einer derart lauten, hektischen und chaotischen Stadt gewesen. In Dreierreihen fahren die zweitaktbetriebenen und entsprechend knatternden TukTuks durch die Straßen und verpesten die Luft. Als Fußgänger muss man stets einen Blick für die Lücke haben, um die Straßen überqueren zu können. Zum motorisierten Klangteppich gesellen sich Musik aus allen Richtungen, die handelsüblichen Alarmanlagen, Fernsehgeräte in Überschalllautstärke aus nahezu jedem Restaurant sowie Gehupe von allem, was fährt. Eine Kakophonie des Lärms, die ehrlich gesagt kaum erträglich ist. Zumal unser Hotel inmitten des Zentrums liegt und seinem Namen „Real Hotel“ in keinster Weise gerecht wird. Es ist nämlich eine Bruchbude mit pompösem Anstrich, in dem überall der Schimmel aus den Ecken lugt und in dem vor allem die Fenster nur einfachverglast sind – der ganze Lärm gelangt also quasi ungefiltert in die Zimmer.

Nachdem ich gestern nachmittag nach meiner Ankunft in Huánuco vergeblich versucht hatte, ein wenig Erholung in diesem Lärmbad zu finden, machte ich mich auf die Suche nach der Stille Huánucos – und fand nach längerem Suchen tatsächlich eine kleine Oase der Ruhe inmitten dieses wilden Molochs. Ein kleines Hostel in einer Seitenstraße, in dem ich mich für 30 Soles die Nacht – knapp acht Euro – in einem zwar fensterlosen, dafür aber auch krachisolierten Einzelzimmer einquartiert habe. Ein wenig Ruhe und Entspannung sind notwendig, denn die letzten Tage haben ziemlich am Körper gearbeitet. Der gestrige Ritt durch die Dauerregen verstopft gegenwärtig die Nase, die extremen Schwankungen in der Höhe haben ihre Spuren im Kreislauf hinterlassen und die langen Kletterpartien auf teilweise extremen Pisten den Muskeln einiges zugemutet.

Es geht hoch, es geht runter, und manchmal geht es mitten durch die Herden.

Es geht hoch, es geht runter, und manchmal geht es mitten durch die Herden.

Mit dem Hotelwechsel hatte ich immerhin die äußeren Bedingungen für einen erholsamen Erholungstag geschaffen, wobei auf der Liste der zu erledigenden Dinge immer noch eine Menge Punkte standen. Ganz oben fand sich eine neue Kassette. Für nicht-Radler: das ist nicht etwa eine Musikkassette aus vergangenen Tagen, sondern dieses Teil mit den vielen Zähnen, was sich am Hinterrad eines Fahrrades findet. Damit kann man quasi die „Leichtigkeit“ der Vorwärtsbewegung steuern. Je größer das zähnenbesetzte Blatt ist, desto einfacher lässt es sich kurbeln.

Ich war ja recht optimistisch mit meinem 28er Oma-Gang nach Südamerika gekommen (28 = 28 Zähne). Den habe ich auch am Rennrad, und damit bin ich bislang überall gut hochgekommen – auch Herausforderungen wie beispielsweise die Dreifachbefahrung des Mont Ventoux. Hier aber stieß ich damit ständig an meine Grenzen. Auf Schotter oder rauer Steinpiste einen 14 Prozent-Anstieg hinaufzukommen, der zudem auf über 4.500 Metern Höhe liegt (wo die Luft wirklich SEHR dünn ist) erwies sich in Einzelfällen sogar schlicht und einfach als nicht zu bewältigen. Ich musste also abstiegen und schieben. Vor ein paar Tagen habe dann mal geschaut, was die anderen Fahrer so montiert haben und habe immer mindestens 34, meistens sogar 36 oder gar 38 Zähne gezählt. Da musste ich mich also nicht wundern, wenn ich an derartigen Passagen nicht nur stehengelassen wurde, sondern sogar absteigen musste.

Gestern fragte ich unseren peruanischen Monteur Lucho, ob er glaube, ich könne hier eine entsprechende Kassette bekommen. Er grinste mich nur an und meinte „ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann Du kommst und mich das fragst. Mit Deiner Übersetzung ist das hier Selbstmord“. Okay, das war also geklärt. Nun ist es aber nicht so einfach, eine entsprechende Gerätschaft in einer peruanischen Kleinstadt wie Huánuco zu bekommen. Und da kommt James ins Spiel. US-Amerikaner, ein lustiger Junge und nebenbei Spitzenreiter von The Andes Trail. Als er von meinem Problem hörte, bot er mir seine im Gepäck befindliche Ersatzkassette an und bat lediglich darum, möglichst rasch für Ersatz zu sorgen. Ein phantastisches Angebot, das ich natürlich dankbar annahm, zumal Lucho sogleich einen Freund in Lima anrief und ein entsprechendes Ersatzteil auf den Weg schicken ließ, das ich James nun spätestens in Cusco zurückgeben kann.

James, mein edler Hedler mit den nötigen Ersatzteilen für den Kassettenwechsel.

James, mein edler Helfer mit den nötigen Ersatzteilen für den Kassettenwechsel.

Das war aber nur der erste Teil des Projektes. Der zweite war noch schwieriger. Denn es galt, eine Rennradschaltung mit einer Mountainbikeschaltung zu kombinieren. Wer sich damit auskennt, weiß Bescheid, wer nicht, dem sei gesagt, dass das echte Frickelarbeit ist. Satte vier Stunden brauchten wir, ehe die ganze Geschichte halbwegs funktionierte. Na ja, nicht ganz, denn ausgerechnet den kleinsten Gang kriege ich nämlich nicht rein. Für Experten: das liegt daran, dass ich den 105er Käfig nehmen musste, weil ich Rennrad-Schalthebel fahre. Damit konnten wir mit dem langen MTB-Käfig weder die zwei innersten noch die äußersten Ritzel ansteuern. Nun habe ich also eine echte Selfmadeschaltung am Rad, die mir immerhin Übersetzungen von 32-34 bzw. 34-36 liefert. Damit sollten auch die steileren Abschnitte deutlich leichter zu bewältigen sein – es gibt also keine Ausreden mehr.

Neben Lucho, der fast verzweifelt wäre an dieser Aufgabe und der dennoch nie aufgab, bin ich vor allem James dankbar, der mir bereitwillig sein Ersatzteil zur Verfügung stellte und nun mit einem gewissen Risiko weiterfährt. Bitte drückt alle die Daumen, dass er keine technischen Probleme bekommt!

Das Ganze hat allerdings große Teil des Tages gekostet, so dass die Erholung schlussendlich etwas unter den Tisch gefallen ist und mir etwas graut vor dem morgigen Tag. Das ist nämlich einer der heftigsten der gesamten Tour. 2.611 Höhenmeter auf 105 Kilometern hört sich satt an, zumal lediglich 60 Prozent auf Asphalt gefahren werden. Aus diesem Grunde muss die ausführliche Beschreibung der Geschehnisse der letzten Tage diesmal ein wenig unter den Tisch fallen. In drei Tagen haben wir aber erneut einen Pausentag, und wenn da nicht wieder ungewöhnliche Herausforderrungen anstehen, halte ich Euch nachträglich noch ein wenig auf dem Laufenden (und außerdem will ich ja im Buch, was im September 2015 erscheint, auch noch ein bisschen was zu erzählen haben 😉 )

Zumindest ein paar Bilder der letzten Tage sollen Euch aber ein wenig Eindruck von dem vermitteln, was wir so durchgemacht/durchfahren haben.

Hasta luego, Euer hardy cyclist

Was soll man dazu sagen? Es ist in der Tat so schön. Vielleicht sogar noch schöner!

Was soll man dazu sagen? Es ist in der Tat so schön. Vielleicht sogar noch schöner!

Wechselbad der Gefühle

Im Wechselbad der Gefühle

Die Jungs (und Mädels) werden allmählicher frecher :-D

Die Jungs (und Mädels) werden allmählicher frecher 😀

Pampa. Alles Pampa hier.

Pampa. Alles Pampa hier.

Fußball zu Ehren des Dorfheiligen - nebenan spielte eine Blaskapelle.

Fußball zu Ehren des Dorfheiligen – nebenan spielte eine Blaskapelle.

Habe mich mal kurz unter die Zuschauer des Spiels gemischt.

Habe mich mal kurz unter die Zuschauer des Spiels gemischt.

Mal wieder auf dem Weg ins Hinterland der Berge.

Mal wieder auf dem Weg ins Hinterland der Berge.

So sieht es auf 4.880 Metern aus.

So sieht es auf 4.880 Metern aus.

Ein Traum, nicht wahr? Zum Befahren allerdings ein Alptraum...

Ein Traum, nicht wahr? Zum Befahren allerdings ein Alptraum…

Auf dem Weg in den Nationalpark Huascaran

Auf dem Weg in den Nationalpark Huascaran

Ich bin Euch ja auch noch den Ausgang der Trikotsuche schuldig, nicht wahr? Da kommt dann José Raimundo und sein kleiner Shop im Markt von Huaraz ins Spiel.

Ich bin Euch ja auch noch den Ausgang der Trikotsuche schuldig, nicht wahr? Da kommt dann José Raimundo und sein kleiner Shop im Markt von Huaraz ins Spiel.

Es wurde dann doch nicht Allianza, sondern Universitario - die Farbgebung war schlicht unwiderstehlich.

Es wurde dann doch nicht Allianza, sondern Universitario – die Farbgebung war schlicht unwiderstehlich.

 

Von 0 auf 3.000 in vier Tagen

Tagesaufgaben am Freitag (links), Samstag (mitte) und Sonntag (rechts), Freitag und Samstag waren überwiegend off-road.

Tagesaufgaben am Freitag (links), Samstag (mitte) und Sonntag (rechts), Freitag und Samstag waren überwiegend off-road.

Ich hatte es ja gestern schon in meinem Kurzbeitrag geschrieben: the only way is up!

Vier Tage lang haben wir gegen die Schwerkraft angekurbelt und uns dabei von Meereshöhe bis auf 3.084 Meter hinaufgeschraubt, wo die Luft doch spürbar dünner ist. Das hatte Folgen, denn die letzten 30 Kilometer nach dem heutigen Lunch gingen doch ziemlich in die Beine, und als ich endlich im Hotel in Huaraz ankam, war ich kreuzkaputt. Das immerhin verschaffte mir die günstige Gelegenheit, endlich mal einen Coca-Tee auszuprobieren, der in der Tat akklimatisierungsunterstützende Wirkung hat. Danach konnte ich nämlich flugs zu einem kleinen Spaziergang durch das Zentrum von Huaraz aufbrechen und entdeckte ein ziemlich lebhaftes Städten, in dem auch am Sonntagnachmittag ordentlich was los ist.

Erste scheue Blicke in Richtung der einheimischen Kleidungsverkäufer nach einem Trikot von Alianza Lima – Team des „Volkes“ hier in Peru und Gegenspieler von Universitario Lima („La U“), das als Verein der Gebildeten und der Mittelschicht gilt – gingen allerdings bislang ins Leere. Im Vergleich zu Ecuador ist man hier in Peru in Sachen Fußball deutlich zurückhaltender. Wo es in Ecuador quasi an jeder Ecke Trikots (und Tassen…) zu kaufen gibt, habe ich in Peru bislang lediglich vereinzelt ein paar Jerseys hängen sehen – und wenn, dann auch nur von der Nationalmannschaft. Da wird der morgige freie Tag wohl zum Abenteuertag werden, wenn ich mich in das Getümmel des hiesigen Marktes stürzen und mein Glück (ver-)suchen werde. Ich halte Euch auf dem Laufenden!

Ansonsten spielt Fußball hier aber eine immense Rolle. In wirklich jedem noch so kleinen Dorf gibt es einen mehr oder weniger staubigen Fußballplatz, auf dem die Dorfjugend mit Gebrüll und Juchheißa fröhlich um die Wette pöhlt. In den größeren Örtchen findet sich derweil stets ein regerechtes Stadion, in dem zumeist ein Kunstrasen verlegt ist – das hilft natürlich enorm, die hiesigen Wetterkapriolen zu bewältigen. Deutschland steht in Sachen Fußball übrigens hoch im Kurs. Regelmäßig sehe einheimische Passanten im Jersey der DFB-Elf – gerade eben beispielsweise lief mir bei meiner Marktbekundung ein „Lukas Podolski“ über den Weg, der allerdings kaum 1,50 m maß und pechschwarzes Haar hatte…

Schluss mit Fußball, her mit dem Radelspaß! Und ein Spaß war es, fürwahr. Am Donnerstag brachen wir bei recht frischem und sehr diesigem Wetter in Huanchaco auf, um uns auf den Weg zurück in den Anden zu machen. Der erste Tag war zugleich der (endlich!) letzte auf der vermaledeiten PanAmericana, die wir alle zu „hassen“ gelernt hatten. Noch einmal flogen für knapp 100 Kilometer die Trucks, Busse und PKW regelrecht an uns vorbei, bekamen wir vor jedem Ort Polizeischutz, damit wir auch ja wohlbehalten passieren konnten. Es war Stress pur, den wir abermals im Peleton bewältigen, was allerdings auch wieder mit Stress verbunden ist, denn man muss halt, wie schon mal geschrieben, ständig auf seinen Vordermann achten und bekommt nicht allzuviel von seiner Umgebung mit. Alleinradeln war diesmal übrigens keine Option, denn die örtliche Polizei bat uns inständig, stets im geschlossenen Konvoi zu radeln, da sie sich um unsere Sicherheit sorgte. So ganz ungefährlich ist Peru für radelnde Touristen nämlich nicht. Das liest sich auch in den Reiseberichten von Südamerikaradlern, in denen im Zusammenhang mit Peru überproportional häufig von Problemen in Form von Überfällen, Diebstählen und Abzockerei die Rede ist.

Die Polizei stoppte uns immer wieder, um uns zum Gruppenfahren aufzufordern.

Die Polizei stoppte uns immer wieder, um uns zum Gruppenfahren aufzufordern.

Als wir nach rund 100 Kilometern die PanAm verließen und auf eine rumpelige Schotterpiste abbogen, waren diese Sorgen vergessen. Vor uns öffnete sich eine braun-graue Mondlandschaft, die uns in den berühmten Cañón del Pato – „Entenschlucht“ – bringen sollte. Ich brauchte keine fünf Minuten, da hatte ich den Off-Roader in mir wiedererweckt, mit dem ich schon in Afrika so viel Spaß gehabt hatte. Es ist aber auch ein Heidenvergnügen, in möglichst hohem Tempo über eine Piste zu peitschen, die alle Naselang eine neue technische Herausforderung liefert. Mal Wellblech, mal Sand, mal lockerer Schotter mal betonhart gebackener Lehmboden, mal steinig, mal abschüssig. Eine permanente Herausforderung für den Geist, der in Sekundenbruchteilen die richtige Fahrspur entdecken und anlenken muss. Viel zu schnell waren die 15 Kilometer bis zum Bushcamp in „the middle of nowhere“ vorbei, schleppte ich mein Zelt in die Einsamkeit und versank später am Abend in eine der Welt entrückte Stimmung, als ich, von leicht kühlem Wind begleitet, vor meinem Zelt saß und in den sternengefluteten Himmel blickte. Was braucht es mehr zum glücklich-sein?

Tags darauf standen zunächst weitere 20 Kilometer auf der leicht zu befahrenden Piste an, ehe es nach einer Flussüberquerung auf deutlich rigiderem Terrain weiterging. Viel Wellblech, dazu scharfe Anstiege und eine Sonne, die mit ganzer Kraft die Energie aus unseren Körpern saugte. Schweigend keuchten wir uns die Abhänge hinauf und versanken immer tiefer in einer geradezu surrealen Schlucht. Auf der einen Seite die Cordillera Negra, auf der anderen Seite die Cordillera Oriental, dazwischen ein lehrbuchartiger Cañón, in dessen Mitte das zahme Flüsslein Río Santa plätscherte und der an einigen Stellen so schmal war, das man mit ausgestrecken Armen beinahe beide Cordillera-Seiten berühren konnte. Ein Blick nach oben zeigte derweil schier unendliche Felsformationen, die bis zu 3.000 Meter gen Himmel ragten und uns klein und verletzlich vorkommen ließen. Mein alter Geographie-Professor Kuno Priessnitz, der einst an meinen etwas beengten geologischen Vorstellungskräften verzweifelte, wäre jedenfalls hin und weggewesen von der Vielzahl dieser Formationen, die zu finden sind!P1060569

Technisch war die Piste mehr als anspruchsvoll, zumal sie von zahlreichen mehr oder weniger langen Tunneln flankiert war, in denen es wirklich stockdunkel war. Ich hatte zwar meine Camping-Kopflampe dabei, doch deren Leuchtkraft glich einer Funzel, und so musste ich mich vorsichtig durch die Dunkelheit tasten und hoffen, dass nicht ausgerechnet einer der zahlreichen Busse angerast kommt, während ich den Tunnel befuhr. Während ich von dieser Erfahrung verschont blieb, erwischte es andere Mitreisende, die sich abends prompt ziemlich schockiert über das Erlebnis äußerten und empört erzählten, dass „die Busfahrer nicht einen Sekunden den Fuß vom Gas nahmen“ und sie „mit dem Rücken zur Felswand standen, als das Geschoss vorbeiraste“.

Einer von vielen Tunnels

Einer von vielen Tunnels

Der Verkehr ist aber insgesamt rüder geworden. Der Sicherheitsabstand aus Ecuador ist in Peru unbekannt, und ein Radfahrer lediglich ein lästiges Übel auf der Piste. Auf einer tückischen Schotterpiste ist das natürlich alles andere als ungefährlich, und so war im Grunde genommen stets die beste Entscheidung, einfach zu stoppen, sobald sich ein LKW/Bus röhrend ankündigte und ihn passieren zu lassen. Zumal die von ihm verursachte Staubwolke ohnehin derart dicht war, dass an Weiterfahren nicht zu denken war.

So sideht es aus, nachdem ein Bus vorbeigefahren ist - erst nach ner knappen Minute kann man weriterfahren.

So sieht es aus, nachdem ein Bus vorbeigefahren ist – erst nach ner knappen Minute kann man weriterfahren.

Staubwolke… Nie zuvor habe ich ein derart arides Flusstal gesehen! Selbst die Handvoll tapferer Kaktusse hatte große Mühe, genügend Flüssigkeit aus dem Boden zu ziehen, um ihre Stacheln zu entwickeln. Dementsprechend war die gesamte Gegend in einen grau-braunen Farbton getaucht, der nur durch unterschiedliche Gesteinsformationen – ich sah vulkanisches Gestein, Sandstein, Schiefer und natürlich Sedimente – unterbrochen wurde. Richtig spektakulär wurde es dann am zweiten Tag. Zunächst stand ein steiler Anstieg um 400 Meter an, der uns die beim Frühstück aufgenommene Energie im Handumdrehen verbraten ließ. Es war ein Mordsknüppelei, auf der wellblechgespickten Steinpiste Steigungsraten von über zehn Prozent zu überwinden, zumal man quasi gar nicht aus dem Sattel gehen kann, da dann sofort das Hinterrad durchdreht. Nach dem Anstieg öffnete sich die Schlucht schlagartig, und tatsächlich waren plötzlich auch ein paar Pflänzchen am felsigen Flussufer zu erkennen, aus denen wenig später sogar regelrechte landwirtschaftliche Felder wurden. Mitten drin dann ein gewaltiger Stromproduktionskomplex mitsamt wuseligem Örtchen, in dem alles, wirklich alles, dem Erzeugen von Strom gewidmet war. Leider versagte meine Kamera in dem Moment zum ersten Mal, sodass ich keine Bilder liefern kann.

immer noch Entenschlucht

Entenschlucht

Nach dem Lunch kam das spektakulärste Stück Cañón del Pato. Aber vielleicht sollte ich vorab mal ein paar Worte über den Namen „Entenschlucht“ verlieren. Der ist offenbar von der Tatsache abgeleitet, dass da früher viele Enten rumliefen. Dem ist heute nicht mehr so. Außer streunenden Hunden haben wir eigentlich keine Lebewesen gesehen. Nicht einmal Vögel konnte ich hören. Lediglich in einem dieser raren und staubigen Dörfchen entlang der Piste schlugen ein paar Gänse Alarm, als ich vorbeipedalierte, und im zweiten Bushcamp erhielten wir dann zudem Besuch von einem niedlichen kleinen Skorpion, den wir aber bereitwillig an anderer Stelle wieder der Natur übergaben.

Nach dem Lunch ging es zunächst in Serpetinien über mehrere Kilometer auf 1.800 Meter hinauf, ehe sich die Piste spektakulär an der Flanke der Cordillera Oriente entlangschlängelte und sich durch zahlreich Tunnel über rund 35 Kilometer in Richtung Caraz wand. Inzwischen waren wir mehrere hundert Meter oberhalb des Flusses, und es war plötzlich eine dieser PIsten, auf die ich mich bei der Vorbereitung zu The Andes Trail so gefreut hatte. Auf der einen Seite ging der Fels über hunderte von Meter senkrecht hinauf, auf der anderen Seite gähnte über hunderte von Metern der Abgrund. Leitplanken oder andere Sicherungen gab es nicht, und vor allem, wenn ein Bus oder LKW kam, wurde es ganz schön kribbelig. Zudem ging es beständig aufwärts, und weil die Sonne inzwischen schon wieder mit Kräften deutlich jenseits der 30 Grad-Marke wütete wurde die ganz Angelegenheit allmählich ein wenig zur Qual.

Entenschlucht

Immer noch Entenschlucht

Dann war sie vorbei, die Entenschlucht, und vor uns lagen noch 30 halbwegs gemütliche Kilometer auf Asphalt bis nach Caraz. Dort wartete die nächste Herausforderung auf mich. Meine Kamera hatte inzwischen komplett den Geist aufgegeben. Der Autofocus konnte nicht mehr scharfstellen, und soweit ich das verstand, hatte sich im Inneren durch Rüttelei auf der Off-Road-Piste wohl einiges gelöst und damit für die Probleme gesorgt. An eine Reparatur war jedenfalls schon aus Zeitgründen nicht zu denken – denn wir sind ja jeden Tag an einem anderen Ort – und so blieb nur der Erwerb eines Neugeräts. Ein echtes Erlebnis! Mit meinem Stotterspanisch tastete ich mich durch die Technikläden von Caraz, fand tatsächlich drei Tiendas, die Kameras verkaufen und stand alsdann vor der schwierigen Aufgabe der Auswahl des richtigen Gerätes. Meine Wahl fiel schließlich auf eine Canon Power Shot SX150IS, die immerhin 14,1 Mio. Megapixel bietet und vor allem über einen zwölffachen Zoom verfügt – das unterschied sie sie von allen anderen Modellen, die bestenfalls auf einen Sechsfachzoom kamen. Nachdem sie für 419 Soles – rund 110 Euro – den Besitzer gewechselt hatte, nutzte ich die Gelegenheit und probierte sie an der Verkäuferfamilie gleich mal aus. Vor allem der Sohnemann war nämlich äußerst hilfsbereit und pfiffig gewesen, auch wenn uns eine ziemlich fette Sprachbarriere getrennt hatte. Aber wir hatten viel Spaß und ich habe einige neue Wörter gelernt.

kann ich wärmstens empfehlen - den "alles-mögliche-an-Haushaltgeräten-vom-Herd-über-Kühlschränke-bis-hin-zu-Kameras" Yataugo in Caraz mit der formidablen Familie Yataugo!

kann ich wärmstens empfehlen – den „alles-mögliche-an-Haushaltgeräten-vom-Herd-über-Kühlschränke-bis-hin-zu-Kameras“-Shop in Caraz mit der formidablen Familie Yatago!

Heute ging sie dann erstmals mit auf die Reise – von nun an allerdings in der Trikottasche, wo die Erschütterungen weniger sind und das sensible Gerät nicht so durchgeschüttelt wird. 70 Kilometer und 1.200 Höhenmeter auf Asphalt standen an. Das „Highlight“, wenn man es so nennen darf, war der Ort Yungay, der 1970 beim schwersten Erdbeben in der Geschichte Perus völlig begraben wurde. Lediglich 300 Kinder, die im höhergelegenen Stadion gewesen waren, überlebten. Yungay hatte über 20.000 Tote zu beklagen. Heute ist der Ort nebenan neu aufgebaut, erinnert ein Friedhof mit den Resten der alten Kapelle an die Katastrophe. Paradox: Direkt dahinter blitzt der Huascarán, der 6.768 Metern zu den höchsten Bergen der Erde zählt und dessen Gletscherkleid gut zu erkennen war. Von ihm waren damals die Geröllmassen gekommen, die Yungay unter sich begraben hatten.

Ohnehin sind wir umgeben von schneebedeckten Gipfeln, und nächste Woche geht es auch prompt auf den mit 4.800 Metern höchsten Punkt der gesamten Tour. Zuvor aber steht noch ein erholsamer Pausentag (na ja, mit aufwändiger Radpflege nach den drei Tagen im „dirt“…) in Huarez an, eine wuselige 110.000-Einwohnerstadt auf 3.000 Metern Höhe, die ich morgen wie angekündigt auf der Suche nach einem Alianza-Lima-Trikot durchstreifen werde.

Ihr hört von mir – und das ist keine Drohung. Hasta la vista!

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On the road – auf dem Anstieg am zweiten Tag der Entenschlucht.

Diesieger Abschied vom Meer, das wir erst in Ushuaia wiedersehen.

Diesieger Abschied vom Meer, das wir erst in Ushuaia wiedersehen.

So sieht es aus beim Lunch, immer ungefähr auf der Hälfte der Strecke und bestens versorgt von unserem österreichischen Begleiter Walter.

So sieht es aus beim Lunch, immer ungefähr auf der Hälfte der Strecke und bestens versorgt von unserem österreichischen Begleiter Walter (im hellen Shirt und blauer Kappe).

Bushcamp!

Bushcamp in einer Sandgrube – danach war alles von feinem Sandstaub bedeckt…

Das Mahnmal an die Opfer des Erdbebens von 1970 in Yungay - im Hintergrund sieht man den Huascarán glitzern.

Das Mahnmal an die Opfer des Erdbebens von 1970 in Yungay – im Hintergrund sieht man den Huascarán glitzern.

Im Hintergrund der Huascarán.

Auf dem Weg nach Huaraz – umgeben von schneebedeckten Gipfeln.

The only way is up

Hola, hier meldet sich Caraz zum Mini-Kurzticker von The Andes Trail. Ein niedliches Örtchen inmitten der peruanischen Anden, auf ungefähr 2.200 Metern gelegen und umgeben von schneebedeckten Bergriesen.

In den letzten drei Tagen hieß das Motto ausnahmslos: the only way is up. Als wir am Mittwoch in Huanchaco starteten, stand mein Höhenmesser auf exakt 0 – wir waren auf Meereshöhe. Die erste Nacht verbrachten wir dann im Bushcamp auf 300 Meter, die zweite Nacht im Bushcamp auf etwas über 1.000 und nun die dritte (im Hostel) auf 2.200 Metern. Morgen geht es weiter in den Pausentag in Huaraz, das auf etwas über 3.000 Meter liegt.

Aber was war das für eine Kurbelei! Heute zum Beispiel standen 1.600 Höhenmeter an, von denen die meisten zudem auf „dirt“ – bzw. „off-road“ zu bewältigen waren – eine ziemlich kraftraubende Angelegenheit. Dafür wurden wir von einem Naturschauspiel entschädigt, das uns allen den Atem raubte. Stundenlang kurbelten wir im Canon del Pato, der sogenannten „Entenschlucht“, die zwischen den beiden Bergketten Cordillera Negra und Cordillera Oriental verläuft. Ein trockenes, heißes und augenwonniges Abenteuer, von dem ich übermorgen am freien Tag ein wenig mehr berichten werde.

Ungefähr 90 Kilometer nach Hunachaco trafen wir (endlich!) auf die erste dirt-Strecke - der Spass konnte beginnen

Ungefähr 90 Kilometer nach Hunachaco trafen wir (endlich!) auf die erste dirt-Strecke – der Spass konnte beginnen

Denn heute überraschte mich ein unschönes Problem, das eine sofortige Lösung bedurfte, was wiederum einiges an Zeit in Anspruch nahm: Meine Kamera. Sie hatte in den letzten Tagen schon immer mal ein wenig gemuckt, ehe sie heute Nachmittag endgültig den Geist aufgab. Und die Kamera gehört nun wohl zu einem der wichtigsten Utensilien, die man hier dabei hat. Also machte ich mich am Nachmittag auf den Weg ins wuselige Stadtzentrum von Caraz und checkte die Lage in Sachen Kameras. Drei tiendas („Läden“) mit jweiligen sehr überschaubarem Angebot fand ich, und tatsächlich war ein Modell dabei, das mir nun hoffentlich bis zum Ende der Reise ein treuer und verlässlicher Begleiter sein wird.

Inzwischen ist es hier aber bereits Abendessenzeit, und weil morgen schon wieder 70 Kilometer (natürlich nur bergauf) anstehen, gibt es jetzt nur noch ein paar Bilder von unterwegs, ehe am Pausentag am Montag dann der Bericht folgt – de acuerdo, compañeros?

Hasta luego!

Für jeden Geologen - und auch Nichtgeologen - ein traumhafte Landschaft.

Für jeden Geologen – und auch Nichtgeologen – ein traumhafte Landschaft.

In der "Entenschlucht" durften wir zig von diesen "unheimlichen" Tunneln durchqueren.

In der „Entenschlucht“ durften wir zig von diesen „unheimlichen“ Tunneln durchqueren.

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Das Terrain, auf dem wir über weite Strecken unterwegs waren – nicht ganz einfach zu fahren, zumal immer wieder Wellblechabschnitte dazukamen.

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Mein Zelt in der Einsamkeit des ersten Bushcamps.

 

Im Express durch Nordperu

Im Peletonexpress durch die nordperuanische Wüste.

Im Peletonexpress durch die nordperuanische Wüste.

Wie man die Welt wahrnimmt, ist immer auch eine Frage des Standpunktes und des Standortes. Neben eigenen Werten sind es eben auch die äußeren Umstände, die das Weltbild schaffen bzw. prägen. Heute morgen las ich in meiner Facebook-Timeline über einen Fall aus Berlin, wo ein Autofahrer eine Kamera an seiner Windschutzscheibe installiert und damit einen Unfall gefilmt hatte. Vor Gericht wurde das Film-Material jedoch nicht als Beweismaterial anerkannt, und im Anschluss entspann sich eine lustige Diskussion, wie man mit derlei Fällen zu verfahren hat. Tendenz: „Kameraufnahmen erlauben“.

Hier in Peru würde man eine derartige Diskussion wohl nur mit ungläubigem Kopfschütteln verfolgen. Das beginnt schon damit, dass so etwas wie „feste Regeln“ im Straßenverkehr unbekannt sind. Es gibt lediglich „Empfehlungen“. Zum Beispiel, auf der rechten Straßenseite zu fahren, dem Gegenverkehr Raum zu lassen und auf Fußgänger und Radfahrer Rücksicht zu nehmen. Passt das aber nicht mit den eigenen Zielen zusammen, können diese „Empfehlungen“ ignoriert und eigene Regelungen aufgestellt werden. Besonders im Vorteil sind dabei die Fahrer dieser zahlreichen gigantischen sechsachsigen Trucks, die ihre schiere Präsenz und Wucht gerne dazu nutzen, die Regeln nach eigenen Vorstellungen auszulegen. Im Klartext heißt das beispielsweise, dass sie einfach überholen, wenn sich ihnen ein langsamer rollendes Hindernis stellt (wie beispielsweise ein Radfahrer) – ohne größere Rücksicht auf den Gegenverkehr (der wird nur beachtet, wenn er ähnlich groß und wuchtig ist). Für den weniger einflussreichen Gegenverkehr heißt das, flugs Reißaus auf den staubigen und holprigen Seitenstreifen zu suchen und erst auf die Straße zurückzukehren, wenn der Brummer vorbeigerauscht ist.
Wie wohl ein peruanisches Verkehrsgericht entscheiden würde, würde jemand eine solche Szene mit einer Autokamera filmen und sie als „Beweis“ vorlegen, um „Recht“ zu bekommen?

Auf die Plätze, fertig, los!"

Auf die Plätze, fertig, los!“

Wir The-Andes-Trail-Radler sind den diversen verkehrstechnischen Herausforderungen der letzten Woche zumeist als geschlossenes Peleton entgegengetreten. Das gab uns eine ähnliche Länge und Größe wie einem dieser Trucks, und auch wenn wir natürlich nicht annähernd so furchteinflößend auftraten, verschaffte es uns doch zumindest ein klein bisschen Respekt. Mitunter aber half auch das nichts, blieb auch uns nur die Flucht in den Straßengraben, wenn ein von hinten nahender und fieberhaft hupender Truck deutlich machte, nicht bremsen zu wollen – oder zu können? – um Rücksicht auf uns zu nehmen.

Seit knapp 600 Kilometern kurbeln wir nun durch Peru, und vieles ist seitdem komplett anders. Aus wilden Berg- und Talfahrten in lieblicher Andenlandschaft wurden schnurgerade und zumeist flache Rennstrecken durch eine eintönige und fast depressive Wüste bzw. Steppe. Aus einsamer Kurbelei gegen die Schwerkraft wurde synergienbindendes Gruppenfahren in rasantem Tempo. Aus ehrfurchtsvollem Bestaunen der Landschaft wurde der Drang, so schnell wie möglich ins Camp zu kommen, um die drückende Tristesse der Ödnis hinter sich zu lassen.

Fangen wir von vorne an. Als wir heute vor einer Woche Loja verließen, lagen noch knapp 200 Kilometer bis zum peruanischen Grenzstädtchen Macará vor uns. Sie waren gespickt von diversen Hügeln und zahlreichen Wetterkapriolen. Loja, das sich am Pausentag lieblich und sonnig präsentiert hatte, drohte schon am Start mit Regen, der auch tatsächlich wenig später einsetzte. Und so quälten wir uns bei zunehmendem und unangenehm feinem Nieselregen einen 20-Kilometer-Abhang hinauf, in der Hoffnung, dass dahinter schönes Wetter auf uns warten würde. Leider vergeblich. Der Gipfel hüllte sich in ebenfalls ein dichtes Regenkleid, was die folgende 30 Kilometer-Abfahrt zu einem alles andere als ungefährlichen Balanceakt machte. Dosiertes Bremsen und umsichtiges Fahren bei Spitzengeschwindigkeiten von um die 60 km/h auf 28 mm-breiten Reifen waren angesagt, und so waren wir alle ziemlich erleichtert, als der Regen weiter unten im Tal langsam ausdünnte und schließlich ganz aufhörte – um einer Sonnenstrahlung Platz zu machen, die uns sämtliche regenschützende Kleidungsschichten sofort abwerfen und flugs die megastarke Sonnencreme auftragen ließ.

"Sing(k)ing in the rain"

„Sing(k)ing in the rain“

Und so ging es den ganzen Tag über weiter. Bergauf zumeist Sonne pur. Je näher der Gipfel kam, umso wolkiger wurde es, und die Abfahrten waren fast immer garniert mit Regen in mehr oder weniger epischem Ausmaß. Immerhin ging es im letzten Drittel der Etappe nach Chulucanas weitestgehend bergab, so dass wir fast gemütlich ins Ziel rollen konnten – das allerdings wiederum als letztes Bonmot eines turbulenten Tages auf einem äußerst mühsam zu erklimmenden Berg lag. Chulucanas präsentierte sich als kleines Universitätsörtchen mit vielen jungen Leuten und einer sehr neugierigen Gemeinde. Noch dominierte die bereits mehrfach erwähnte Zurückhaltung der Ecuadorianer, doch es wurde langsam spürbar, dass sich die Mentalität der Menschen änderte und sie offener und „forscher“ wurden. Im Ziel waren wir erstmals umringt von neugierigen Augenpaaren, und als unser Tross sich am nächsten Morgen auf den Weg machte, stand erstmal ein regelrechtes Spalier auf den Bürgersteigen und verfolgte – teils mit den Handys filmend – unsere Abfahrt.
Der letzte Tag in Ecuador begann mit einer rasanten 25 Kilometer-Abfahrt von 1.900 auf 900 Meter, die viel zu schnell beendet war und an die sich eine wellige Landschaft anschloss, ehe wir beim Lunchtruck mit 700 Höhenmetern den bislang tiefsten Punkt der Tour erreichten. Für den Nachmittag stand dann ein steiler Anstieg zurück auf 1.200 Meter an, der nicht nur gewohnt bissig (8 – 11 Prozent) war sondern der zudem in der prallen Sonne lag. Ein echter Krafträuber. Schon nach wenigen hundert Metern spürte ich, wie mir nicht nur der Schweiß aus den Poren quoll, sondern vor allem die Energie schwindete. Mein Tacho warf mir ein anklagendes „43 Grad Celsius“ entgegen, während ich bei wohlwollend 7 bis 9 km/h die Kurbel drückte und mich Millimeter für Millimeter bergauf wuchtete. Nichts von all den Anstrengungen der ersten Wochen waren vergleichbar mit dieser Tortour, die einfach nicht enden wollte. Als ich nach knapp 20 Kilometern endlich oben war, war ich alle. Komplett alle. Da half auch ein Coke-Stopp kaum, und nur das Wissen um einen Downhill bis ins Ziel ließ mich nicht vom Rad fallen.

Der letzte Anstieg "killte" mich.

Der letzte Anstieg „killte“ mich.

In der darauffolgenden Nacht bezahlte ich mit schweren körperlichen Entladungen sowohl oben als auch unten für diesen (über)fordernden Parforceritt. Diagnose: Sonnenstich. Schnelle Genesungsmöglichkeiten: keine. Es war, als hätte jemand den Stecker zu meinen Energiereserven gezogen. Nur im Zeitlupentempo konnte ich mich bewegen, und dass ich in keinem Fall auf dem Rad würde sitzen können, war im Grunde genommen schon während der Nacht klar geworden. Mit größter Kraftanstrengungen wuchtete ich somit mein Gepäck auf den Truck, verschwand in dessen Inneren und ließ mich über die peruanische Grenze bis ins 127 Kilometer entfernte Chulucanas transportieren.

Wie das genau vor sich ging, kann ich leider nicht wiedergeben, denn irgendwie habe ich die gesamte Zeit wie in Trance verbracht. Den Grenzübergang mit der Visastempelei und großen Hektik durch das Auftauchen von 40 Radfahrern. Das schnurgrade Asphaltband, das sich in Peru durch die schlagartig auftretende tristbraune Steppe/Wüste zog. Die erbärmlich armseligen Hütten und Dörfer, an denen wir vorbeifuhren. Die massive Wahlwerbung, die an quasi jede noch so heruntergekommene Hütte gepinselt war. Die hochmodernen und kunterbunten Kirchen, die inmitten dieser Dörfer der Hoffnungslosigkeit sowohl Halt als auch Respekt gaben und Macht ausstrahlten. Die notdürftig zusammengezimmerten Fußballtore, die das in jedem Dorf vorhandene Spielfeld markierten. Die Mototaxis – Motorräder mit einem kleinen „Anhänger, in dem bis zu drei Menschen sitzen können“ – die plötzlich überall herumwuselten und den Eindruck vermittelten, als sei Peru eine Melange aus Äthiopien und Kambodscha oder Vietnam.

Harsche Realität in Nordperu.

Harsche Realität in Nordperu.

In Afrika galt ein Grenzübertritt als ein Wechsel der Welt. Das scheint auch für Südamerika zu gelten, denn die Unterschiede zwischen Ecuador und Peru sind frappierend. Erst in der Retrospektive wird nun deutlich, wie organisiert, entwickelt und zukunftsgerichtet Ecuador eigentlich ist. Mit dem Grenzübertritt verschwanden beispielsweise schlagartig fast sämtliche Privatfahrzeuge, wurde sie ersetzt von den erwähnten TukTuks, Kleinbussen und Lastwagen, auf deren Ladefläche Menschen stehen, um von A nach B zu kommen. Die reichhaltig sortieren Läden Ecuadors, in denen man eigentlich alles kaufen konnte, was das Herz begehrte, wurden ersetzt von übersichtlich sortierten kleinen Länden, die nicht selten zu Privatwohnungen gehören und direkt in die Wohnzimmer/Küchen ihrer Betreiber übergehen. Sie führen nur das Notwendigste, und auch das nur in begrenzter Stückzahl. Es ist wie eine schlagartige Rückkehr nach Afrika und den dortigen Lebensverhältnissen. Pikant hier zudem: die meisten Läden kann man gar nicht selbst betreten. Vor ihnen ist ein fettes Gitter, an dem man seine Bestellung aufgibt. Ware und Geld wechseln alsdann durch das Gitter die Besitzer.

Straßenszene in Chulucanas.

Straßenszene in Chulucanas.

Im Nachherein verstehe ich nun viel besser all das, was mir mein Spanischprofessor anfangs über diesen „ecuadorianischen Traum“ erzählt hat und kann erkennen, wie gut er tatsächlich bereits funktioniert. Damit will ich nicht sagen, dass Peru ein Land ist, das nicht funktioniert. Denn es funktioniert! Aber eben auch nur das. Statt dessen die üblichen Insignien einer korrupten Gesellschaft. Überall wird der Müll abgekippt, kümmert sich niemand um Gemeingut, um Natur, um Landschaft. Häuser und Gehwege zerfallen, während die an die Wände gepinselten Wahlparolen in frischer Farbe erblühen. Auf den Straßen das Prinzip der Einschüchterung. Insgesamt herrscht eine Aura des „jetzt“, des Moments. Denn wer weiß schon, wie das „Morgen“ ist…

Nun haben wir bislang natürlich nur einen (kleinen) Teil von Peru gesehen, und das war zudem die schwer zu beherrschende Wüste im Nordwesten. In anderen Teilen des Landes mag es – wird es – anders aussehen. Und auch in diesem kleinen Kosmos, den wir über nunmehr rund 600 Kilometer durchquert haben, gab es immer wieder kleine Oasen der Hoffnung. Es sind die Kontraste, die frappierend sind. Wie beispielsweise eine im Bau befindlichen Neubausiedlung mitten im tristen Grau der Wüste. Umgeben von Schuttabladungen, Bergen von Plastikmüll und dem pausenlos tosenden Panamericana-Highway entsteht da ein Haufen Häuschen, die ein bisschen wie das typische deutsche Reihenhaus aussahen und sich eng aneinander drängeln. Das ganze Areal umgeben von einer dicken Mauer, an deren Eingang ein schwerbewaffneter Soldat wacht. Auf dem Werbeschild für potentielle Käufer stand derweil geschrieben „vive mejor“, zeigte ein Bild, wie es künftig aussehen soll in dieser Oase des „besseren Lebens“ inmitten der endlosen Wüste: grüne Kleingärten, lachende Kinder, Automobile vor den Häusern. Ich muss sagen, es war ein enorm surreales Bild.

Leider kann ich nur wenige Bilder von unterwegs liefern. Aufgrund meiner körperlichen Unpässlichkeit habe ich zwei Tage auf dem Truck verbracht und konnte keine Fotos machen. Und als ich endlich wieder aufs Rad klettern konnte war Pelotonfahren angesagt, denn die schurgerade Piste gen Süden lag im Gegenwind, und da ist Gruppenfahren nun mal deutlich ökonomischer. Das heißt aber eben auch, erhöhte Aufmerksamkeit auf die eigene Fahrspur zu richten, denn sonst kann es rasch zum Massencrash kommen. Und da bleibt eben nur wenig Zeit für gemütliche Fotos entlang der Piste.

Frische Farbe wird hier zumeist für Wahlwerbung verwendet.

Frische Farbe wird hier zumeist für Wahlwerbung verwendet.

Gestern nun kamen wir im Surfer- und Badeparadies Huanchaco an, das wiederum eine Oase der westlichen Welt inmitten der südamerikanischen Lebensrealität ist. Gringos überall! Vor allem Backpacker und Surfer, denn hier gibt es coole Strände und großartige Wellen. Eigentümlich, plötzlich überall weiße Haut zu sehen, die Menschen gehört, die nicht zur eigenen Reisegruppe zählen. Und natürlich gibt es dabei auch witzige Begegnungen. Heute Morgen beispielsweise traf ich beim Frühstück einen jungen Franzosen, der sich als „Merlus“ entpuppte – für Nichteingeweihte: das ist ein Fan des bretonischen Klubs FC Lorient und damit ein Rivale von En Avant Guingamp! Während wir mit dem Rad durch die Anden reisen, macht er sich mit dem Rucksack und zu Fuß auf die Reise. Respekt! Ein bisschen Fachsimpeln über Fußball war natürlich in unserem Gespräch auch dabei, ebenso wie dieses einzigartige bretonische Lebensgefühl des Stolz auf die eigene Kultur, die im Fußball stets problemlos auch Vereinsgrenzen überwindet. Zum Abschied gaben wir uns ein fröhliches „Kenavo“ mit auf den Weg und versprachen, beim nächsten Duell FC Lorient gegen En Avant Guingamp mal im gegnerischen Block zu schauen, ob der jeweils andere vielleicht dabei ist. Vive la Bretagne, vive les Bretons!

Mit Guillaume, dem merlus aus Lorient.

Mit Guillaume, dem merlus aus Lorient.

Genug gefaselt für den Moment. Hier in Huanchaco stehen nun zwei Pausentage an, die auch dringend benötigt werden. Für den Körper, für die Seele, für die Kleidungspflege, für die Radpflege. Und um das alles mal ein bisschen sacken zu lassen, was wir hier tun. Na und auch, um uns auf das vorzubereiten, was in den kommenden sechs Radtagen auf uns zukommt: Der Aufstieg vom Meeresspiegel bis auf 4.800 Höhenmeter. Gestern habe ich mal in den dicken Ordner mit den Tagesprofilen gelinst und war ziemlich erschrocken. Demnach geht es diesmal wirklich NUR in eine Richtung: aufwärts. Und das sechs Tage lang, über rund 350 Kilometer und auf über weite Strecken nicht asphaltierten Pisten. Ich glaube, das Abenteuer nimmt langsam Fahrt auf…

Bis die Tage, nuestro „hardy cyclist“

Ist schon etwas älter, bekam ich aber heute von einem Mitradler: meine Zieleinfahrt am neunten Tage auf der hammerharten Etappe hinauf nach Ingapirca.

Ist schon etwas älter, bekam ich aber heute von einem Mitradler: meine Zieleinfahrt am neunten Tage auf der hammerharten Etappe hinauf nach Ingapirca.

Mit meinem Zimmergenossen Alfred im Strandhotel von Pacasmayo.

Mit meinem Zimmergenossen Alfred im Strandhotel von Pacasmayo.

In Pacasmayo gab es vor dem Start eine Ansprache durch den örtlichen Bürgermeister.

In Pacasmayo gab es vor dem Start eine Ansprache durch den örtlichen Bürgermeister.

Erstes Bushcamop nahe Motupe

Erstes Bushcamop nahe Motupe

In Pacasmayo

In Pacasmayo

Mmmh, lecker!

Mmmh, lecker!

A room with a view

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Soll ich euch alle mal neidisch machen? Also, nach 118 ziemlich langweiligen Kilometern durch eine dröge nordperuanische Wüste sind wir nun in Pacasmayo, wo sich dieser Ausblick bietet. Die Sonne scheint, der Wind drückt die Temperatur auf angenehme 30 Grad (geschätzt) und nach dem endgültigem Verschwinden sämtlicher körperlicher Fehlfunktionen (:-) ) schmeckt auch das gekühlte Bier wieder sehr süffig. Klingt wie Urlaub, oder?

Die Tagesetappen war optisch wie angedeutet eher langweilig und körperlich erfreulich schonend, zumal wir sie in einem Riesenpeleton von bestimmt 25 Leuten abgeradelt sind. Fast wie ein Sonntagsausflug – na ja, und der war es ja nun auch 🙂 morgen nochmal 110 Kilometer nach Huanchaco, wo dann wirklich zwei radelfreie Strandtage anstehen – die aber auch für Rad- und Klamottenpflege sowie körperliche Entspannung genutzt werden müssen. Haben es alle bitter nötig nach sieben Tagen on the road.

Hasta luego und guten Wochenstart euch allen!

Heruntergefallen vom schmalen Grat

Another country? Another planet? Another world? - in Peru ist irgendwie alles ganz anders. Dazzu gehört auch Peletonfahren auf schnurgerader Straße gegen den Südwind.

Another country? Another planet? Another world? – in Peru ist irgendwie alles ganz anders. Dazu gehört auch Peletonfahren auf schnurgerader Straße gegen den Südwind.

„Wir wandeln alle auf einem sehr schmalen Grat“, weissagte vorgestern einer unserer stärksten Racer, mein Zimmergenosse Alfred. Ich hörte es nur mit halbem Ohr, denn ich lag auf dem Bett und versuchte, meine Müdigkeit von „Walking on sunshine“ aus den Beinen und aus dem Körper zu schütten.

Allein – vergeblich. Denn die Diagnose war harsch und verheerend: akuter Sonnenstich, und der nicht zu knapp. Der knüppelharte Aufstieg in der prallen Sonne hatte seinen Preis gefordert. Bzw. die Tatsache, dass wir binnen weniger Stunden von eher unangenehm kühlen 12 Grad auf unerträglich heiße 40+ Grad gekommen waren. Eine hohe Umstellungsherausforderung für viele Körper, darunter auch meinem. Nach einer unruhigen Nacht und blitzartigen Körperentladungen sowohl „oben“ als auch „unten“ erwachte ich am nächsten Moment völlig erledigt und hatte schon Mühe, mich überhaupt aus dem Bett zu erheben – geschweige denn, aufs Rad zu klettern. Futsch war der EFI, und es gab auch keine größere Diskussion zwischen eigenem Willen und eigenem Körper, der die Entscheidung für den Truck unmissverständlich einforderte.

„Wir wandeln alle auf einem sehr schmalen Grat“…

Zwei Tage verbrachte ich auf dem Laster. Den ersten verpasste ich fast komplett, weil mir sofort die Augen zufielen, sobald ich irgendwo saß und ich mich ansonsten nur in Zeitlupe bewegen konnte. Ich hatte nie zuvor einen Sonnenstich, aber nun weiß ich, wie sich das anfühlt: als hätte jemand den Stecker gezogen und die komplette Energieversorgung abgekappt. Es geht: nichts. Nur in Trance erlebte ich den Grenzübergang von Ecuador nach Peru und den damit verbundenen kompletten Wechsel der Welten. Nur in Trance erlebte ich das erste Bushcamp auf der Reise, ein eher ungünstig getimter Auftakt, denn zumindest der Darm wusste sich auch gestern noch nicht wieder so richtig auf „Normalbetrieb“ einzustellen. Und mit einer Rolle Klopapier durch ein ausgetrocknetes Flussbett zu marschieren, in dem lauter Zweige und Äste mit irre langen Dornen liegen, die sich durch die Schuhsohlen bohren, um einen gemütlich Platz für die blitzartige Darmentleerung zu finden, ist … nun ja, sprechen wir es aus: Scheiße!

Heute morgen war ich endlich wieder „back on the bike“ und konnte dank eines fantastischen 14-Personen-Peleton die 76 Kilometer vom Bushcamp nahe Motupe in die wuselige Kleinstadt Lambayeque in etwas über zweieinhalb Stunden überwinden – alle rennfixierten Leser dieses Blogs werden aber trotzdem verfolgen müssen, dass ich mit den 2 x 12 Stunden „Strafzeit“ für zwei Trucktage deutlich zurückgefallen bin im Klassement. Aber das „wir wandeln alle auf einem sehr schmalen Grat“ gilt ja für alle, und abgerechnet wird eh erst zum Schluss. 😉

Schluss mache ich auch jetzt, denn ich will die Zeit zur weiteren Erholung nutzen. Noch zwei Tage, dann lockt der nächste freie Tag, und da werde ich ein bisschen erzählen aus Peru, diesem Land, das uns im Vergleich zu Ecuador wie eine andere Welt – beinahe  Planet – vorkommt. Und nun drückt bitte alle die Daumen, dass mein Darm seine Normalform zurückfindet. Muchas gracias!

Walking on sunshine

P1060407Wenn gestern „Singing in the rain“ angesagt war, hieß es heute „Walking on sunshine“. Und was für ein „sunshine“ das war! Nach der herrlichen 20-Kilometer-Abfahrt zum Auftakt fanden wir uns erstmals seit dem Start von The Andes Trail auf unter 1.000 Metern wieder, und die Luft dort „unten“ war ganz schön „griffig“ und hitzig. Es ging alsdann durch eine recht karge und trockene Natur, die mich sehr an mein Lieblingsradelrevier Provence erinnerte – aber eben immer noch auf rund 1.000 Metern lag…

Doch es gibt ja diesen Spruch von wegen „you wanna play – you have to pay“. Nach dem Mittagessen in einem Flusstal auf 700 Metern stand ein megasteiler Anstieg zurück auf fast 1.300 Meter auf dem Programm, und bei Temperaturen von bis zu 43 Grad und der Sonne direkt im Rücken war das alles andere als ein vergnüglicher Sommerausflug. Unser Transpirationsausstoß war rekordverdächtig hoch, die Bidons leerten sich mit rasantem Tempo und der Anstieg wollte und wollte einfach nicht enden. Ich muss sagen, dass diese 20 Kilometer mich mehr geschlaucht haben als alles andere zuvor. Dabei bin ich normalerweise ein Sommer-Sonnen-Fahrer – aber von den teilweise zu kühlen Temperaturen in der Höhe quasi aus dem Nichts in diese Sauna zu kommen war wohl auch für den Körper eine mächtige Herausforderung. Immerhin stand am Ende der Quälerei noch eine schicke Abfahrt ins auf 500 Metern gelegenen Macará an, wo ich nun bei geradezu tropischen Temperaturen mit relativ wenig Kleidung am Körper im Schatten sitze.

Weil das Rennen heute neutralisiert war, herrschte eine sehr entspannte Atmosphäre. Selbst die Racer nahmen es leicht, machten überall Fotos und schwatzten miteinander. Hat mir gut gefallen, und ich habe die Chance genutzt, um mal ein paar Fotos von typischen Dingen entlang der Straße zu machen, die euch vielleicht einen Eindruck vermitteln, wie es hier so aussieht. Morgen geht’s dann nach Peru, wo das erste Bushcamp ansteht. Camping rules, okay!

Coke-Stop!

Coke-Stop!

:-)

🙂

Typische Einfahrt in eine Kleinstadt.

Typische Einfahrt in eine Kleinstadt.

Immer wieder Warnschilder, mit der Natur vorsichtig umzugehen.

Immer wieder Warnschilder, mit der Natur vorsichtig umzugehen.

Wahlwerbung a la Ecuador.

Wahlwerbung a la Ecuador.

Panne? Der ADAC Ecuadors kommt!

Panne? Der ADAC Ecuadors kommt!

Warten auf den ADAC?

Warten auf den Servico de Gruas?

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Landwirtschaft auch an schwer zugänglichen Ecken.

Landwirtschaft auch an schwer zugänglichen Ecken.

Roadkill. Überall.

Roadkill. Überall.

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Leider ein ziemlich regelmäßiges Bild auf den wilden Straßen Ecuadors.

Leider ein ziemlich regelmäßiges Bild auf den wilden Straßen Ecuadors.

Polizeiposten entlang der Straße.

Polizeiposten entlang der Straße.

Netter Service: kommt so ein Schild, wird die Aussicht kurz danach grandios.

Netter Service: kommt so ein Schild, wird die Aussicht kurz danach grandios.

Singing in the rain

P1060361Motto der heutigen 96-Kilometer-Etappe (2.273 Höhenmeter) von Loja nach Catacocha: Singing in the rain. Kaum hatten wir Loja verlassen und kletterten 600 Höhenmeter hinauf bis auf 2.400 Meter wurden wir von garstigem Nieselregen empfangen, der uns auch auf dem anschließenden rund 20 Kilometer langen Downhill hinunter auf 1.200 Meter nicht verließ. Was eine Aufregung, mit 50 und mehr km/h eine pitschepatschenasse Straße hinunterzuheizen…

Wie es sich für die Anden gehört stand nach dem Downhill natürlich abermals ein Aufstieg an (von 1.200 zurück auf 2.400 Meter), und wie es der Zufall wollte, war auch danach der Regen ein nur mäßig geliebter Begleiter…

Nun residieren wir auf 1.900 Metern in dem niedlichen (und sonnenbeschienenen!) Catacocha und staunen über die üppige Vegetation, die schlagartig veränderte Mentalität der (sehr aufgeschlossenen!) Menschen, die Wärme, die auf diesen „Höhen“ herrscht und die Fliegen, die plötzlich überall rumschwirren. Morgen gehts weiter Richung Peru! Hasta luego.

P.S.: Noch ein Nachschlag zum gestrigen Zwischenfazit: letzte Woche marschierte übrigens erstmals der Durchfall-Teufel durchs Camp und ließ bei der Abfahrt aus Cuenca gleich elf Teilnehmer auf die Begleitfahrzeuge klettern. Ich habe ihn bislang erfolgreich abwehren können und darf daher stolz verkünden, dass ich noch immer auf EFI bin – also jeden Millimeter seit Quito auf dem Rad verbracht habe. Was das Rennen betrifft, habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, wo ich stehe. So wirklich ernstgenommen wird das ohnehin nur von den Racern. Heute bin ich jedenfalls als Neunter eingetroffen, insgesamt denke ich, liege ich irgendwo zwischen Platz neun und zwölf.

P.P.S.: Nachtrag vom Nachtrag: auf bike-dreams.com wird tatsächlich ein Ranking geführt! Demnach lag ich nach sieben Etappen auf Platz neun 🙂 http://www.bike-dreams.com/AN/2014/Ranking.php?language=EN

P1060375

Schöne Überraschung bei der „after-tour-soup“ – als einziger Vegetarier im Team bekam ich von unserer superben Köchin Ellen eine, wie soll ich sagen?, Extrawurst 🙂

 

Aufwärts, immer aufwärts. Bis zum Himmel

Gerade mal zwei Tage gefahren und schon wieder ein Pausentag. Klingt wie Erholungsurlaub, nicht wahr? Ist es aber nicht! Gestern Nachmittag kamen wir in Loja in Südecuador an und mussten uns alle erstmal in einen dieser herrlich bequemen Sessel in der Hotelrezeption fläzen. Ein Tag in der Achterbahn lag hinter uns. Nach dem Start in dem süßen Andenörtchen Oña war es zunächst für satte 600 Meter steil bergab gegangen, ehe eine 15 Kilometer lange und hübsch steile Auffahrt von rund 2.200 auf 3.150 Meter anstanden. Eine Quälerei mit Ausblick, denn wie immer in den Anden zog sich die Straßen eng am Berghang entlang und bot zur einen Seite schroffen Felsen und zur anderen weite Aussicht. Erstaunlich übrigens, was hier auf Höhen von über 3.000 Metern noch so alles wächst – es ist gritzegrün, überall lümmeln sich Hüttchen und manchmal sogar kleine Dörfchen auf Höhen, in denen in Europa nur noch nackter Stein zu finden ist. Was den Geografen in mir übrigens begeistert ist der viele Sandstein, der hier oben zu finden ist. Vermutlich ein Resultat der Erdplattenverschiebung, durch die einstiger Meeresboden auf diese gewaltigen Höhen gedrückt wurde. The Andes Trail ist eben auch ein „Lehrpfad“!

Nein, es ist nicht anstrengend. Gar nicht.

Nein, es ist nicht anstrengend. Gar nicht.

Aber zurück zum Radfahren bzw. Radkriechen. Mit durchschnittlich 9 bis 10 km/h hinauf und weit über 60 km/h hinab war auch gestern Motto des Tages, zumal die Aufgabe darin bestand, nach Überquerung des Passes umgehend zurück auf die Ausgangshöhe von 2.200 Metern zu rasen – um hinter einer kleiner Flusstalüberquerung prompt abermals 15 Kilometer bergauf bis auf 3.068 Meter zu pedalieren. Kurz nach der zweiten Passüberquerung gab es Lunch, und als mir Freddy Mercury dort just bei meinem Eintreffen seine berühmten Zeilen „Is this the real life? Is this just fantasy?“ entgegenhauchte, wurde mir die Absurdität meines Tuns schlagartig deutlich. No, I never would have fantasied a real life like this one…

Hinauf, hinauf. Bis zum Himmel.

Hinauf, hinauf. Bis zum Himmel.

Der Abstieg wurde begleitet von einigen diversen giftigen Gegenanstiegen, die mehr als nur den Schwung nahmen sowie unheilvoll drohenden Regenwolken. Schon am Vortag hatten wir es mit Regen zu tun bekommen. Regen ist – neben Wind – wohl der Hauptfeind des Radfahrers. Er hatte weit vor der Passgrenzen auf ungefähr 2.600 Metern eingesetzt und uns ruckzuck bis auf die Haut durchnässt. Bei Temperaturen von wohlwollend acht Grad keine schöne Sache, und so froren wir nach Überquerung des 3.400-Meter-Gipfel wenig später beim Lunch alle wie die Schneider und drängelten uns in ein verlassenes Gebäude, das wir mit unserer Körperwärme nur wenig erhitzen konnten. Glücklicherweise war nach dem Pass mit Regen Schluss, und dass das offenbar öfter so ist konnte man prima anhand der Vegetation erkennen. Die war nämlich auf der Regenseite tiefgrün, und auf der anderen Seite gelblich-braun und leicht verdörrt. Wie verrückt und unvorhersehbar das Wetter in dieser Höhen und diesem Teil der Welt ist zeigte sich dann am Nachmittag, als ich im Quartier in Oña die dickste Sonnencreme, die ich im Gepäck habe, auftragen musste, um in den herrlich wärmenden Sonnenstrahlen nicht zu verbrennen. „In den Anden hast du drei Jahreszeiten an einem Tag“, heißt es.

Tagesaufgabe Ona - Loja.

Tagesaufgabe Ona – Loja.

Regen macht die Auffahrt doppelt schwer

Regen macht die Auffahrt doppelt schwer

Nun residieren wir in Loja, einem süßen kleinen Universitätsstädtchen nicht weit von der Grenze zu Peru. Zwei Tage noch pedallieren wir durch Ecuador, dann steht der erste Grenzwechsel an. In Peru verlassen wir dann auch endlich diese vermaledeite PanAmericana, die uns mit ihrem heftigen Verkehr zum Wahnsinn treibt. Vor allem die Busse und Lastwagen flößen weiterhin Respekt ein. Gestern raste ein vollgepackter Bus den Berg hinunter und lag in der Kurve dermaßen quer, dass ich befürchtete, er kippt gleich um und reißt mich mit sich in den Abgrund. Nach wenigen Sekunden war er jedoch auf allen Vieren vorbeigerast und mein Herzschlag konnte sich wieder beruhigen. Außerdem wird es (endlich!) mal nicht den ganzen Tag bergauf oder bergab gehen, denn in Peru radeln wir Richtung Meereshöhe und Pazifik, wo ein gemütlicher Strandtag lockt. Zuvor aber müssen wir noch zwei weitere Tage kräftig in die Pedale treten und uns dem Motto „hinauf, immer hinauf, bis zum Himmel“ hingeben.

Neun Tage auf der Straße, das gibt mir die Gelegenheit für ein kleines Zwischenfazit bzw. einen kleinen Vergleich mit der Tour d’Afrique. Die war – zumindest in den ersten Wochen – deutlich „leichter“. Damals sind wir 2.000 Kilometer fast nur flach gefahren, ehe es in Äthiopien erstmals in die Berge ging. Diesmal sind wir vom ersten Tag an kräftig gefordert gewesen, und auch wenn sich bei vielen das Gefühl einstellt, durch die enormen Herausforderungen und Anstrengungen insgesamt durchaus stärker geworden zu sein (auch bei mir) war es eine Heidenanstrengung, die mit der in Afrika keinesfalls zu vergleichen war. Allerdings begann Afrika auch im Januar und damit mitten im deutschen Winter – wenn ich vor The Andes Trail nicht einen intensiven Trainingsfrühling mit rund 3.000 Kilometern und u.a. einer Mont-Ventoux-Befahrung gehabt hätte, wäre ich an dem einen oder anderen Anstieg hier vermutlich zusammengebrochen.
Vieles ist ähnlich/gleich: das Gruppengefühl, der tägliche Wechsel der Übernachtungsstätte mitsamt den dazugehörigen Herausforderungen in Sachen Gepäck, der unbeschreibliche Flow, auf dem Fahrrad einen ganzen Kontinent zu durchqueren, die erschöpften Gesichter beim Lunchtruck, der enorme Appetit, der uns bergeweise Nahrung in uns reinschaufeln lässt, das Naturerlebnis, der direkte Kontakt mit den Einheimischen. Das frühe Zubettgehen (8.30/9 Uhr), das frühe Aufstehen (6.20). Das Eintauchen in eine uns fremde Kultur, das Spüren der eigenen Fremdheit in dieser Kultur, die hier zuhause ist.

Vieles ist aber auch anders als in Afrika. Bezüglich der Unterkunft beispielsweise residieren wir auf der ersten Hälfte der Reise ja zumeist in Hotels oder Hostals. Das können echte Bruchbuden sein (wie in Ingapirca), manchmal (wie hier in Loja) sind es aber auch durchaus ansehnlich Behausungen, in denen man sich wie ein Urlauber fühlt. Ich muss sagen, dass ich die Bushcamps von Afrika durchaus vermisse, denn dadurch konnte man noch tiefer eintauschen in das Erlebnis und auch sich selbst. Nun ist Südamerika allerdings auch nicht Afrika, zumal wir dort quasi in der Einsamkeit starteten (ägyptische bzw. nubische Wüste) und wir hier in einem dichtbesiedelten Raum entlang einer dichtbefahrenen Straße radeln. Das gibt völlig andere Eindrücke und auch Herausforderungen. Gleichzeitig bin ich froh, nicht in Bushcamps übernachten zu müssen, denn angesichts der Wetterkapriolen bleibt uns da sicherlich einiges erspart.

Manchmal sind unsere Hotels „very basic“

Manchmal sind unsere Hotels „very basic“

Was die Eindrücke und die Intensität betrifft, verhält sich The Andes Trail quasi umgekehrt zur Tour d’Afrique. Während wir in Afrika von einer urwüchsigen „exotischen“ Einsamkeit langsam in die „Zivilisation“ radelten (begann erstmals in Kenia und dann von Botswana), ist es hier andersherum. Schon Peru dürfte deutlich „wilder“ sein, Bolivien gilt als ausgesprochen ursprünglich und in Patagonien tauchen wir dann vollends in die Natur und die Wildnis ein.

Was definitiv unterschiedlich ausfällt ist das Wetter. In Afrika war in den ersten beiden Monaten eigentlich nur die Frage, WIE heiß es wohl werden wird. Und ob man dementsprechend früh auf die Straße kommt. Hier regieren die angesprochenen „drei Jahreszeiten an einem Tag“. Gestern Morgen zum Beispiel: Zum Frühstück um 7 Uhr strahlender Sonnenschein. Also kurzärmliges Trikot anziehen, Sonnencreme auftragen, Regensachen beiseite packen. Eine halbe Stunde später drohte der Himmel schon wieder mit düsteren Wolken. Also langärmliges Trikot drunterziehen, Regensachen wieder aus dem Gepäck wühlen. Ich muss auf jeder Etappe sicher drei- bis viermal stoppen, um eine Jacke an oder auszuziehen, das Trikot zu wechseln oder die lange Leggings überzustreifen. Dazu kommt natürlich der ständige extreme Höhenwechsel, denn während es ab 2.800 Meter unter Wolken empfindlich kalt ist (5 bis 8 Grad), wird man im Tal bei 30 und mehr Grad regelrecht gebacken.

In Afrika haben wir uns über weite Strecken quasi einem Schatten zum nächsten gerobbt. Schlussendlich war das beinahe einfacher, denn das hiesige Wetter stellt schlicht die größeren Herausforderungen an uns Fahrer. Man muss quasi auf alles vorbereitet sein. Vorgestern zum Beispiel war ich nach dem Regenguss am Anstieg regelrecht durchtränkt und hatte noch rund 50 Kilometer bei bewölktem Himmel und mit diversen Abfahrten vor mir. Eine Erkältung ist da quasi vorprogrammiert, wenn die Ausrüstung nicht lückenlos ist. Ich habe übrigens stets zwei Plastiktüten im Gepäck, die ich bei Regen einfach über meine Socken stülpe, um zumindest die Füße trocken zu halten.

Der drohende Regen kündigt sich an.

Der drohende Regen kündigt sich an.

Auch was die Begegnungen mit den Einheimischen betrifft sind Afrika und Südamerika (bislang) höchst unterschiedlich. In den Städten sind wir hier nichts Ungewöhnliches. Klar, wenn wir als Konvoi losfahren zücken die Menschen auch in Cuenca oder Loja ihre Handys und filmen diese seltsamen Gestalten auf ihren seltsamen Rädern. Aber nirgendwo haben wir bislang vergleichbare Aufruhre verursacht wie das in Afrika oft der Fall war. Dafür sind die Ecuadorianer aber auch viel zu zurückhaltend. Die Kinder winken nur zaghaft, die Erwachsen flüstern ein zögerliches „Buenos Diaz“, und wenn man irgendwo stoppt, ist man nicht automatisch umringt von einer schnatternden Menschenmenge. Tut gut.

Die Kontakte hier sind leiser, intensiver. Gestern stoppte ich dem kleinen Örtchen Saraguró, um ein lokales Fußballfeld zu fotografieren. Als ich meine Kamera wegpackte, kam eine ältere Dame und grinste mich fröhlich an. „De donde va?“, fragte sie – „wohin fahren sie?“. „A Loja“ entgegnete ich, und schon entspann sich ein kleines Gespräch über Ecuador und The Andes Trail, das sie mit einem fröhlichen „bueno, bueno“ und einem grinsenden Augenzwinkern kommentierte. Nach einigen Minuten verabschiedeten wir uns und ich zog beseelt weiter. Kurz darauf passierte ich übrigens das lokale Fußballstadion, in dem sich gerade zwei Mädchenmannschaften gegenüberstanden – schönes Bild!

Mädchenfußball in Saraguró.

Mädchenfußball in Saraguró.

Der Lebensstandard in Ecuador ist spürbar höher als in den meisten afrikanischen Ländern. Hier gibt es eine deutlich erkennbare Mittelklasse, sind die Läden sind voller Waren, haben die Menschen auch das Geld, um sie zu kaufen, fahren auf den Straßen moderne Autos. Mein Spanisch-Professor hatte mir erzählt, dass es recht einfach ist, an Kredite zu kommen, was den Menschen die Möglichkeit gibt, Besitz anzuschaffen und die Wirtschaft des Landes in Schwung hält. Auf der anderen Seite schafft es natürlich aber auch Abhängigkeiten, und so sieht man auf den Straßen ein durchaus geschäftiges Gebaren, versucht jeder, sein Geld auf möglichst angenehme Art und Weise zu verdienen. Gestern sah ich in Cuenca beispielsweise einen jungen (afrikanischstämmigen) Fußballer, der an der roten Ampel Kunststücke mit seinem Fußball anstellte und dafür ein paar Münzen kassierte.

Insgesamt macht Ecuador einen sehr organisierten und funktionierenden Eindruck. Vor allem in den Städten, die zwar unisono unter dem enormen Verkehr zu ersticken drohen, die aber zugleich entspannt und gut organisiert daherkommen. Dazu gehört wohl auch, dass an allen Ecken Sicherheitskräfte stehen. Eben bin ich durch den überdachten Wochenmarkt von Loja geschlendert, da kamen mir sogar schwerbewaffnete Polizisten mit Maschinengewehren im Anschlag entgegen – ein durchaus übliches Bild hier. Bei all dem habe ich aber den Eindruck, dass sich die Menschen sehr wohlfühlen in ihrem Land und sie eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlen. Sehr angenehm für unsereins ist jedenfalls das spürbar gemütlichere Lebenstempo, das einem vor allem dann auffällt, wenn man es mal etwas eiliger hat. Auf den Bürgersteigen von Quito, Cuenca und Loja wird nämlich eher flaniert als gerannt – gewöhnungsbedürftig für einen mitteleuropäischen Stresspatienten….

Auffällig zudem die große Zahl sehr junger Mütter. Ich tu mich schwer mit schätzen des Alters, aber ich vermute, die wenigsten sind über 20. Es ist meistens nur eins – oder vielleicht mal zwei – Kind(er), bezüglich der Geburtenrate scheint es also ebenfalls einen großen Unterschied zu Afrika geben. Zugleich wirkt dies wie eine Verschmelzung von traditionellen und modernen Lebensweisen. Die findet sich auch bei der Kleidung. In den Städten geht es modern zu. Enge Jeans und knappe Tops bei den Damen, Machokettchen und grelle Shirts bei den Herren. Im ländlichen Raum hingegen wird viel traditionelle Kleidung getragen. Immer dabei: der Bowlerhut, den allerdings nur die Frauen tragen. Erstaunlich ist die Vielzahl des Einzelhandels, der hier wie in Afrika nach Branchen sortiert ist. In Cuenca gab es eine ewig lange Straße, an der ausschließlich Autoersatzhändler residierte. Hier in Loja habe ich eine Straße gefunden, in der vor allem Kamerageschäfte ihre Waren anbieten und in Quito erinnere ich mich an eine Gasse, in der es nur Läden mit Fußballtrikots gab. Globale Ketten wie McD, KFC o.ä. habe ich bislang nur in Quito gesehen – es lebe der lokale Einzelhandel!

Wirtschaftlich ist hier einiges los. Vor allem die Baubranche scheint angesichts der zig Firmen, die ich entlang der PanAmericana gesehen habe, zu boomen. In den Städten sind viel Businessleute unterwegs – Männer wie Frauen im Übrigen. Das krasse Gegenteil ist die Landwirtschaft auf dem Land. Da gibt es keinerlei Maschinen, da wird alles mit Menschen- bzw. Tierkraft gemacht. Und so sieht man immer wieder ganze Familien (Oma, Mutter, Kinder) vor ihren Häusern hocken und einen Riesenstapel frischgeernteter Früchte oder Blätter Stück für Stück mit den eigenen Händen bearbeiten oder einen Bauern mit einem Esel bzw. Pferd auf dem Feld schuften. Vermutlich in direktem Zusammenhang mit diesen sehr unterschiedlichen Lebenswahrheiten hierzulande stehen die Favelas, die sich um jede größere Stadt schlängeln. Bei der Einfahrt nach Loja ging es mit den wackeligen Wellblechhütten, die häufig regelrecht an den Hängen der Berge kleben, schon gut zehn Kilometer vor dem eigentlichen Ortsschild los. Da lockt wohl der Reiz der Stadt, der sich vermutlich für viele aber zum geplatzten Traum entwickelt.

Themenwechsel: Freitag war Fußball angesagt! Deportivo Cuenca, Schlusslicht der höchsten Liga, traf auf El Nacional de Quito, Ecuadors Militärklub und in der Tabelle nicht viel besser angesiedelt. Sechs The-Andes-Trail-Fahrer fanden den Weg hinaus zum Stadion Alejandro Serrano Aguilar, und ließen sich von mir gerne eine kleine Einführung in die Befindlichkeiten des nationalen Fußballs erteilen (kennt Ihr ja alle schon 😉 ). Rund 10.000 Zuschauer säumten die Ränge im flutlichtbeschienenen Stadion und verbreiteten eine recht angenehme und stimmungsvolle Stimmung. Aus Quito war eine Hundertschaft El-Nacional-Anhänger angereist, die den gesamten Gästeblock mit Transparenten schmückten. Cuenca musste gewinnen, um aus dem Tabellenkeller herauszukommen. Der Taxifahrer, der uns zum Stadion brachte, bezweifelte allerdings, dass es dem Team gelingen würde. „Equipo no bueno“, meinte er resignierend und prognostizierte den Abstieg in die 2. Liga.

Die Heimkurve mit dem Ultra-Blog.

Die Heimkurve mit dem Ultra-Blog.

Nun, es begann schlecht für die Heimelf. Großartige Chancen wurden ausgelassen, und kurz vor dem Halbzeitpfiff gingen die technisch beschlageneren Hauptstädter mit 1:0 in Führung. So ist er eben, der Fußball: nutzt du deine Chancen nicht, darfst Du dich nicht beklagen. Nach dem Seitenwechsel wurde die Heimelf dann aber deutlich stärker und auch effektiver. Der längst verdiente Ausgleich ließ dennoch lange auf sich warten. Unermüdlich feuerten der durchsingende Cuenca-Ultrablock sowie das restliche Publikum ihre Elf mit „Qenqa, Qenqa“ an. Alles schien vergeblich zu sein, als sich die Ereignisse in den letzten Minuten förmlich überschlugen. Riesenjubel, als der Heimelf tatsächlich noch der Ausgleich gelang und damit zumindest ein Punkt auf das Konto verbucht werden konnte. Doch es kam noch besser, denn Sekunden später lag der Ball erneut im El-Nacional-Netz, eruptierte das Estadio Alejandro Serrano Aguilar vor kollektiver Freude über einen nicht mehr erwarteten 2:1-Sieg der heimischen Gladiatoren. Fazit: guter Fußball sieht zwar sicher anders aus, spannend war es aber dennoch und meine fünf The-Andes-Trailer-Begleiter – von denen zwei nie zuvor in ihrem Leben bei einem Fußballspiel gewesen waren – zeigten sich gleichfalls angetan von der Erfahrung.

Der Auswärtsblock aus Quito.

Der Auswärtsblock aus Quito.

Kleine Anekdote am Rande: Nebenbei erfuhr ich, dass einer unserer australischen Mitfahrer in Torquay aufgewachsen und leidenschaftlicher Anhänger von Torquay United ist – ein Klub, in dessen urigem Plainmoor-Stadium ich mit meinen Bristol Rovers schon des Öfteren zu Gast war. Als Dermot dann mit leicht entrüstet Blick erzählte, er sei als Jugendlicher Ende der 1960er Jahre auf dem Weg zum Stadion mal von Bristol-Skins verprügelt worden, könne sich aber nicht mehr erinnern, ob sie von C*** oder von Rovers gekommen waren, einigten wir uns rasch augenzwinkernd, dass es eigentlich nur C***-Scums gewesen sein können.

Genug gefaselt. Habt eine schöne Woche und bis die Tage – dann vermutlich bereits aus Peru. Hasta luego! Zum Schluss noch ein paar gesammelte Fotos.

Sieht man überall am Straßenrand: „Spezialitätenrestaurants“ ;-)

Sieht man überall am Straßenrand: „Spezialitätenrestaurants“ 😉

Getränkehändler entlang der Straße.

Getränkehändler entlang der Straße.

Wege der Revolution…

Wege der Revolution…

Momentaufnahme aus Oña.

Momentaufnahme aus Oña.

A room with a view – Blick von unserem Hostelbalkon auf die PanAamericana und die großartige ecuadorianische Landschaft. Auch der Regen auf der Etappe ist – tritz des herrlichen Sonnenscheins – auf diesem Bild zu erkennen.

A room with a view – Blick von unserem Hostelbalkon auf die PanAmericana und die großartige ecuadorianische Landschaft. Auch der Regen auf der Etappe ist – trotz des herrlichen Sonnenscheins – auf diesem Bild zu erkennen.

Santiago. Nicht Santiago de Chile!

Santiago de Ecuador. Nicht Santiago de Chile!

Die Natur hält sich eben nicht an die Regeln der Menschen. („Die Bäume reinigen die Luft, Nicht fällen“).

Die Natur hält sich eben nicht an die Regeln der Menschen. („Die Bäume reinigen die Luft, Nicht fällen“).