Tour d’OSTalgie, Etappe 8

Gut durchgebraten, aber ein bisschen sehnig. Das dürfte mein Zustand sein heute. Vom Start weg suchte ich bei bis zu 35 Grad oft vergeblich den Schatten, und dann gab es mit 121 Kilometern den bisherigen Tourrekord. Was dann wieder mit dem absurden Plan zu tun hat, Radfahren und Fußball/Industriekultur miteinander zu verbinden. Da kommt halt was zusammen…

Deshalb gibts heute auch nur einen Kurzbericht, zumal ich ja mein ausgemachtes Date in Eisenhüttenstadt verbockt hatte und selber auf Entdeckungstours gehen musste. Und aus Guben, der Station vorher, hatte sich leider niemand gemeldet. Nun ist der Vor-Ort-Besuch auch ohne Reiseführer durchaus bereichernd, denn er macht aus einem theoretischen Wissen praktische Realität. Guben beispielsweise habe ich immer eher mit Düsterkeit verbunden. Völlig falsch! Schon alleine die Anreise von Cottbus durch eine stressentleerte Landschaft und am Kraftwerk Jänschwalde vorbei war ne Wucht. Ach, ich such gar nicht erst Worten und komm gleich mit Bildern um die Ecke…

Was ich immer wieder bewegend finde auf dieser Tour sind die offenen Grenzen in „geteilten“ Städten wie eben Guben. Ein paar Kurbelschläge, und ich bin in Polen. Offene Grenzen, das ist sicher eine der größten Errungenschaften unserer Zeit und wir sollten alles dafür tun, dass es dabei bleibt.

Nach Guben kam ich zurück auf den Oder-Neisse-Radweg, der hier zwar längst nicht mehr so spektakulär wie vor allem zwischen Zittau und Görlitz ist, aber dennoch ein sehr entspanntes Radeln ermöglicht. Auf ihm erreiche ich dann auch Fürstenberg, das bis Anfang der 1950er Jahre einsam und gemütlich an der Oder lag. Dann kamen wilde und große Pläne, begann der Bau von Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt. Während Fürstenberg wirklich hübsch ist, zeigt sich „Hütte“ nicht zuletzt durch die aufeinanderprallenden (politischen) Baustile spannend. Im Kern vom Stalinismus der Gründertage geprägter Stil mit viel Schnörkeleien, durchaus schön anzusehen. Dann, ab den 70ern, die klassische Platte, die dann nicht mehr ganz so schön ist.

Eisenhüttenstadt ist Ostblock in Reinkultur, wie ich es aus Moskau kenne, und, das hat mich überrascht, eine autogerechte Stadt wie Wolfsburg. Zweispurige Verkehrsachsen schaufeln die Autos hinein, obwohl es früher wohl nicht allzu viele waren und heute nicht mehr so viele sind. Denn Eisenhüttenstadt hat seit der Wende gut die Hälfte der Einwohner eingebüßt und steht aktuell bei 27.000.

Die Bausubstanz ist übrigens ein Problem, wie ich beim Stopp in einem gemütlichen Café in Fürstenberg erfuhr: vieles ist ziemlich marode und die Renovierung ist teuer. Dazu passt dann wieder dieses sehr erbauliches Buch zur Alltagsgeschichte in der DDR, das sehr hilfreich beim Einordnen ist.

Was den Fußball betrifft muss ich den Experten nix über Hütte erzählen. Im Stadion der Hüttenwerker wurde einst Europapokal gespielt! Heute herrscht Trisstesse. Die Fusion zum FCE hat nicht gezündet, das Stadion vergammelt, mit Dynamo ist eine frische Alternative in der Stadt am Start und was den großen Fußball betrifft, ist „Hütte“ offenbar Hansa-Stadt. Überall sind jedenfalls Koggen-Graffitis zu sehen.

Inzwischen war es halb vier und ich hatte bei dauerhaft 35 Grad im Sattel einige Lust, am Zielort anzukommen. Das war nämlich der Helenesee mitsamt Badestrand. Auf dem Weg dorthin nahm ich fix noch Finkenheerd mit, wo jedoch kaum noch was vom alten Energiewerk steht, und machte noch einen letzten Schlenker dorthin, wo nur Bekloppte wie ich hinradeln: nach Groß Lindow. Warum? Ein Jahr spielte die dortige BSG Traktor zu DDR-Zeiten zweitklassig und ziert bis zum jüngsten Tag den letzten Platz der Ewigen Tabelle der Liga. Die Loosertruppe der DDR – da musste ich dann doch mal vorbeifahren. Unfassbar, dass damals auf einer besseren Wiese ohne Ausbau zweitklassig gespielt wurde.

Dann gings endlich zum Helenesee und damit zu einer weitere Entdeckung. Drei Kilometer feinster Sandstrand, Stimmung wie an der Ostsee und ein Sonnenuntergang zum Träumen. Ach, macht schon Spaß dieser kleine Ausflug. 😁

Der Fußball-Content wird nun übrigens dünner, weil die Geschichte des Industrie-Fußballs nördlich von Frankfurt schlagartig ausdünnt. Nur Schwedt steht diesbezüglich noch auf dem Programm; allerdings erst am Dienstag.

Ihr hört von mir, the hardy cyclist!

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