Monat: Dezember 2014

Notizen vom Ende der Welt

Die Party möge beginnen.

Die Party möge beginnen.

Das Ankommen geht dann ganz plötzlich. Erst sind es immerhin noch 100 Kilometer, dann nur noch 50, 30, 20, 10 und eine Kurve später steht man auf einmal vor diesem Schild: USHUAIA.

Viereinhalb Monate nach dem Start von The Andes Trail am Äquator in Quito sind wir in der südlichsten Stadt der Welt angekommen. Es gibt noch eine kleine Piste, die ein paar Kilometer weiter in den Westen führt, und einen Hauch weiter südlich liegt das chilenische Puerto Williams, doch außer das „südlichste Postamt der Welt“ hat man dort nicht allzu viel zu bieten. Zudem befindet sich eine Menge Wasser dazwischen…

Die letzten beiden Fahrtage waren noch einmal intensiv und leider auch mit einem dicken Schatten versehen. Am ersten Tag nämlich wurde unsere Mitradlerin Michelle von einem Auto angefahren. Sie hatte jedoch einen tollen Schutzengel an der Seite, denn außer jede Menge Prellungen ist ihr „nichts“ passiert. Wenn man sich ihr Fahrrad anschaut, scheint das unglaublich. Sie war auf der rechten Fahrbahnseite unterwegs, als ein PKW überholte und dabei viel zu nah an ihrer Fahrspur fuhr. Der Fahrer erwischte ihr Hinterrad, Michelle flog im hohen Bogen durch die Luft, knallte auf die Windschutzscheibe und landete wundersamerweise ohne auch nur einen einzigen Knochenbruch im Straßengraben. Ihr Unfall war ein Schock für uns alle, der uns noch einmal deutlich machte, auf welch dünnem Grat wir hier wandeln. Zumal auf Feuerland plötzlich wieder diese Autofahrerseuche des ohne-Abstand-überholen aufgetaucht ist, die wir seit Bolivien nicht mehr gehabt hatten. Auch mir stockte in den letzten beiden Tagen so manches Mal der Atem, wenn ein Auto oder ein Laster in wahrlich greifbarer Nähe an mir vorbeirauschte. So gingen unsere Gedanken gestern am letzten von 140 The-Andes-Trail-Tagen zu Michelle, die immerhin auf dem Truck mitfahren konnte und von uns auf einem Fahrrad sitzend über die Zielgerade geschoben wurde.

Michelles total zerstörtes Rad.

Michelles total zerstörtes Rad.

Abgesehen davon gab es diverse weitere Andrenalinschocker. Die Abfahrt aus Río Grande wurde zum Sturmspektakel. Wütend rüttelte der ewige Wind an unseren Rädern, und weil es auf den ersten 15 Kilometern direkt in Richtung Westen – und damit in den Wind – ging, stand zunächst harte Arbeit an. Fast anderthalb Stunden brauchte ich für die Distanz, ehe die Straße den ersehnten Knick machte und der Wind fortan leicht seitlich von hinten kam. Schlagartig wechselte meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km/h auf 30 km/h, flogen die Kilometer mal wieder nur so vorbei. Wir pedalierten am Atlantik entlang durch eine recht unspektakuläre Landschaft, die den Augen wenig Abwechslung bot. Die brachte dann nach dem Lunch eine erneute Kurve, die uns frontal in den Seitenwind führte und abermals zu erhöhtem Arbeitsaufwand zwang. Zudem wurde die Landschaft welliger, gab es einige Höhenmeter zu sammeln – das hatten wir auch schon lange nicht mehr. Im Ziel an einem herrlichen See nahe Tolhuin tobte sich der Wind dann noch einmal mit voller Kraft aus und ließ uns alle gehörig mit unseren Zelten kämpfen, die wohl am liebsten zu Drachen geworden wären. Nachdem es mir gelungen war, meinen „Drachen“ zu zähmen und am Boden zu verankern, bezog ich zugleich Zuflucht darin, denn der Wind war wahrlich eisig. Patagonien eben.

Und weiter ging die Reise durch das Land der letzten Dinge. Das letzte gemeinsame Abendessen, das letzte gemeinsame Frühstück, zum letzten Mal das Zelt einpacken und vor allem: zum letzten Mal auf die Fahrräder. Uns allen war ziemlich euphorisch-mulmig zumute, als diese in viereinhalb Monaten so tief eingeschliffene Routine dafür sorgte, dass wir pünktlich um 8.30 Uhr zum letzten Mal bereitstanden, um auf Robs „Vamos!“ zu starten. Noch 107 Kilometer, dann sollte das große Abenteuer zu Ende gehen.

Start in den letzten Tag - unser Teamchef Rob verlässt als Letzter das Camp.

Start in den letzten Tag – unser Teamchef Rob verlässt als Letzter das Camp.

Uns als ob Patagonien für die letzten Wochen etwas gut zu machen hätte, zeigte sich das Wetter ungewohnt in allerbester Laune. Strahlend blauer Himmel, ein für hiesige Verhältnisse bestenfalls als „laue Brise“ zu bezeichnender Westwind, Temperaturen, die nicht nur das Tragen von kurzen Hosen nötig machte, sondern sogar Hoffnung auf kurzärmlige Trikots im weiteren Verlauf des Tages aufkommen ließen. Auch das Profil ließ uns vergessen, dass wir in Patagonien sind. Zwei dicke Anstiege standen an, und es sah fast so aus, wie es in Ecuador und Peru tagtäglich ausgesehen hatte: erst hoch, dann runter, dann wieder hoch und noch einmal runter. Auch landschaftlich zeigte uns Patagonien ein Gesicht, das wir noch gar nicht gesehen hatten, denn zum letzten Mal bäumen sich die Anden hier unten so richtig auf, ehe sie im Gewusel des Meeres verschwinden. Dicht bewaldet, mit herrlich blauen Seen mittendrin, schneebedeckte Gipfel und lange, sanfte Anstiege – es war ein perfekter Abschluss für ein Radrennen, das über die längste Bergkette der Welt führt.

Ein Profil fast wie aus alten Ecuador-Tagen.

Ein Profil fast wie aus alten Ecuador-Tagen.

Allerdings war es auch schweißtreibend, zumal uns der blaue Himmel und die strahlende Sonne erhalten blieben, das kurzärmlige Trikot schließlich tatsächlich herausgekramt werden musste. 30 Kilometer vor Ushuaia wartete dann ein letztes Mal der Lunchtruck auf uns. Nachdem dort gegen 14:30 Uhr alle eingetroffen waren ging es im Konvoi weiter in Richtung Ende der Welt. Und dann war sie plötzlich da, die Stadtgrenze von Ushuaia. Ich sah den Namen, ich sah das Meer dahinter, in mir rief eine Stimme „du bist da!“ – doch verstehe konnte ich nichts. Es ist wohl dieses berühmte „der Weg ist das Ziel“, das bei einem Langzeitabenteuern wie diesem verhindert, dass man das Erreichen des Ziels im entscheidenden Moment tatsächlich begreift. Stattdessen sind da Leere, Erleichterung,  Wehmut, Rührung – eine Mischung, die mit Worten kaum (oder gar nicht?) zu beschreiben ist. Gottseidank war ich jedoch umringt von Menschen, die dasselbe durchgemacht haben, und so lagen wir uns alle juchzend und heulend in den Armen, nachdem wir schließlich auch noch die letzten drei Kilometer bis zum Stadtzentrum überwunden hatten und vor dem berühmten „Fin del Mundo“-Schild endlich im Ziel waren.

approaching Ushuaia...

approaching Ushuaia…

Das ersehnte „Finish“-Schild durchfahrend, stoppte mein Bikecomputer bei exakt 10.149,17 Kilometern, stieg ich zum letzten Mal vom Rad und ließ Gefühlen wie Emotionen freien Lauf. Ein kühles Bier half, das Ganze unter Kontreolle zu halten, doch nachdem sich die erste Erleichterung gelegt hatte, übernahm vollends ausgelassene Freude die Regie. Wild knipsend wuselten wir um uns herum, ließen die Gesamtbesten hochleben und uns alle sowieso, denn gewonnen hatte zwar James, gewonnen hatten aber vor allem: wir alle!

Ja!

Ja!

Der Rest des Nachmittags verlief eher nüchtern. Die organisierten Kartons für unsere Fahrräder waren entweder viel zu klein (da passten bestenfalls Kinderräder rein…) oder ziemlich kaputt, was das Verpacken unserer Velos deutlich erschwerte. Fluchtend bastelten wir uns Notbehelfe und hoffen nun, dass unsere entsprechenden Fluggesellschaften schonend genug mit dem fragilen Gepäck umgehen werden. Bezüglich meiner Kiste hoffe ich das gleich doppelt, denn in der Box lagern diverse wohlgepolsterte Kaffeebecher, die es hoffentlich ebenfalls heile heim schaffen.

Für mich geht es morgen weiter nach Buenos Aires, wo ich den ersten Stadionbesichtungstag einlege und hoffe, Huracán, Racing, Independiente, Boca Juniors und Arsenal an einem Tag besuchen zu können. Donnerstag geht es über den Río de la Plata nach Montevideo, wo ebenfalls Spurensuche in Sachen Fußball ansteht. Und zum Jahresende lockt dann auch die winterliche (?) Heimat wieder, auf die ich mich schon sehr freue.

Ich melde mich in den nächsten Tagen sicher noch einmal mit ein paar abschließenden Gedanken, will aber die Gelegenheit nutzen und mich ganz herzlich bei allen Leserinnen und Lesern für Eure Aufmerksamkeit und die zahlreichen Rückmeldungen zu bedanken. Mir hat es jedenfalls ordentlich Spaß bereitet, Euch von unseren hiesigen Erlebnissen zu berichten und Euch ein klein bisschen von dem zu vermitteln, was wir so „durchmachten“ bzw. genoßen. Ein paar Geschichten habe ich Euch übrigens noch gar nicht erzählt – die kommen dann im Buch zur Tour, das im Herbst beim Verlag Die Werkstatt erscheinen wird. Danach werde ich auch wieder mit einer Bilder- und Videoreise unterwegs sein. Fix sind bereits Termine in Dresden, Chemnitz (beide Dezember), Hamm/Westfalen (noch nicht terminiert), Göttingen (Fernwehfestival im Januar) sowie Duderstadt (November). Vielleicht sieht man sich da ja!

Bis die Tage, Euer hardy cyclist

so eine Tour ist auch eine Quelle der Freundschaft - hier mit Barry aus Australien

So eine Tour ist auch eine Quelle der Freundschaft – hier mit Barry aus Australien

... mit Kristin und Hilde von "Team Norway"

… mit Kristin und Hilde von „Team Norway“

... beim Abschlussbier mit Buck

… beim Abschlussbier mit Buck

mit meiner Sister ("the second and only) Michelle

…mit meiner Sister („the second and only“) Michelle

und mit James vor dem Nationalpark Torres del Paine.

…und mit James vor dem Nationalpark Torres del Paine.

Verkehrstote bekommen auf Feuerland einen Stern...

Verkehrstote bekommen auf Feuerland einen Stern…

Im Land der letzten Dinge

Heulend jagt der Wind durch alle Gassen und über sämtliche Plätze. Überall klappern lockere Blechdächer, haben sich in Bäumen verfangenen Plastiktüten in unfreiwillige Wetterfahnen verwandelt. An einigen Straßenkreuzungen ist der Wind so stark, dass man kaum zu Fuß noch vorwärtskommt. Der Wuchs der wenigen Bäume zeigt die Hauptwindrichtung an: Westen.

Der Himmel ist zwar an einigen Stellen blau, doch durch den Wind ist es kalt. Die Menschen eilen mit hochgeschlagenen Krägen und eingemummelt in dicke Winterjacken durch die Straßen. Sie suchen Schutz vor dem ewigen Wind und drängeln sich entlang der Häuserwände. In den Cafés bollern die Heizungen volle Pulle, und selbst die Banken halten ihre Räumlichkeiten mit den Geldautomaten stets beheizt. Auf den breiten, an Wolfsburg erinnernde, zweispurigen Boulevards sind überwiegend Pick-ups und SUVs unterwegs. Aus ihren Fenstern schauen blasse Gesichter, fast jeder trägt eine Pudelmütze, einige Handschuhe.

Willkommen an einem Sommertag in Río Grande, Tierra del Fuego, Patagonia, Argentinia.

Das stolze Río Grande.

Das stolze Río Grande.

Willkommen in einem 50.000-Seelen-Ort, der in meiner persönlichen Rangliste der „schrecklichsten Orte, an denen ich je gewesen bin“, von nun an direkt hinter „Nordhausen unmittelbar vor der Wendezeit im Frühjahr 1989“ rangieren wird. Seitdem wir in Patagonien sind frage ich mich immer wieder aufs Neue, wie die Menschen hier wohl leben (können/wollen). Und vor allem warum. In Río Grande überfällt mich diesbezüglich wirklich Ratlosigkeit. Zumal hier auch noch alles verhältnismäßig teuer ist – selbst für patagonische Verhältnisse. In der einzigen Pizzeria vor Ort verlangte man 75 Pesos für einen Liter Bier, das sind stolze 7,20 Euro. Nicht einmal in den Edeltouristenhochburgen Bariloche und El Calafate war das Leben derart teuer.

Noch schwerer fällt mir die Vorstellung, wie es hier wohl im Winter aussehen mag. Denn wenn das hier der Sommer ist, möchte ich den Winter wahrlich nicht erleben müssen. Wenn die eisigen Stürme über den Boden fegen, die Sonne sich nur ein paar Stündchen am Tag zeigt und der Regen den Boden tränkt.

Und damit willkommen zum vermutlich letzten Blogeintrag vor dem großen Finale am Sonntag in Ushuaia. Rund 220 Kilometer müssen noch pedaliert werden, dann haben wir das Ende der Welt erreicht. Neben der Erleichterung, bald am Ziel zu sein, und der Herausforderung, seit nunmehr sechs Wochen mit Wind, Regen und Kälte gekämpft zu haben, ist es auch eine emotionale Aufgabe, die zu bewältigen ist. Ich muss zugeben, dass mir fast Tränen in den Augen standen, als wir vor zwei Tagen mit der Fähre von Punta Arenas in Porvenír und damit auf Feuerland anlegten. Tierra del Fuego, das Land der Feuer! Ein uralter Traum meinerseits, dort einmal vorbeizuschauen. Und nun rollte ich auf meinen schmalen Radreifen auf eben jenes Stückchen Land, mit dem so viele Mythen verbunden sind. Die Gedanken gingen zurück nach Quito, wo ich am 1. August unter dem Monument des Mitad del Mundo gestanden hatte. Und zu all jenen Kilometern, Anstiegen, Hitzetagen, Regenfällen, Orkanböen und Menschen, die mir unterwegs begegneten. Auf meinem Weg nach Feuerland, zum Ende der Welt.

Die ersten Meter auf der Tierre del Fuego.

Die ersten Meter auf der Tierre del Fuego.

Die beiden Fahrtage seit Punta Arenas waren verhältnismäßig leicht. Rund 260 Kilometer standen an, und weil zwei Etappen wie berichtet zusammengefasst wurden, waren es recht lange Etappen. Zudem hatten wir einen späten Start, denn als die Fähre am Mittwoch um halb 1 mittags in Porvenír anlegte, hatten wir noch 85 Kilometer auf einer Schotterpiste vor uns, die tüchtig hoch und runter ging. Doch sie war gut zu befahren, und auch der Wind stand günstig, denn wir fuhren zumeist nach Osten. So konnten wir uns an einer einmal mehr zauberhaften Landschaft erfreuen und pedalierten über weite Strecken direkt am Meer entlang. Einem Meer, das direkt in Richtung Antarktis führt – auch etwas, was man sich immer mal wieder vor Augen halten musste. Anfangs hemmten steile Rampen von bis zu 14 Prozent und ein bisschen Seitenwind noch das Tempo, doch als wir nach rund 60 Kilometern rechts abbogen, fielen endgültig jegliche Temposchranken. Mit dem Wind nun direkt im Rücken jagte ich mit durchschnittlich 55 km/h über die Schotterpiste, was sowohl eine heikle Herausforderung war (man musste blitzschnell die beste/ungefährlichste Fahrspur finden und ansteuern) als auch ein Heidenspaß. Ich war derart schnell unterwegs, dass ich sogar die Fahne, die unser Camp ankündigte, übersah und einfach weiterraste. Gottseidank war Barry hinter mir und schaffte es, mir durch den heulenden Wind hindurch eine Warnung zuzurufen.

Am Meer entlang Richtung Osten.

Am Meer entlang Richtung Osten.

Durchaus schwieriger war es dann, in dem garstigen Wind das Zelt aufzustellen und vor allem dafür zu sorgen, dass es anschließend auch an Ort und Stelle blieb. Erst zum Abend flaute der Wind ein wenig ab und erlaubte mir einen kleinen Ausflug zum nahegelegenen Strand, an dem vermutlich noch nie ein sonnenbadender Schwimmer gesehen worden ist – das Wasser war wirklich eisekalt. So hatten die Möwen das Gelände für sich und faszinierten mich mit ihren gewagten Flugmanövern.

Am nächsten Tag standen 158 Kilometer an, davon rund 80 auf der Schotterpiste. Regen zum Frühstück ließ düsteres erahnen, doch als wir erstmal auf unseren Rädern saßen, flogen die Kilometer dank des Westwindes erneut nur so vorbei, verflog auch der Regen. Mitleid hatte ich derweil mit einigen entgegenkommenden Radtouristen, die sich mit vollem Gepäck im Schritttempo durch den Gegenwind kämpften. Ich schätze, unter diesen Bedingungen sind täglich nicht mehr als 50 bis 80 Kilometer möglich (nehmen wir mal einen Schnitt von 8 km/h an), und die Versorgungssituation unterwegs ist karg. Dagegen ist unsere Reise wahrlich eine Vergnügungsfahrt…

Ich hingegen kam mit einem flotten 30er Schnitt nach knapp zwei Stunden an der chilenisch-argentinischen Grenze in San Sebastián an und durchschritt meinen letzten Grenzübertritt auf The Andes Trail. Ohnehin sind wir ja gegenwärtig so ein bisschen im „Land der letzten Dinge“ unterwegs. Frühmorgens hatten wir schon zum letzten Mal unsere Zelte in einem Bushcamp abgebaut und das letzte Mal Annelots famosen Porridge genossen. Nun war es der letzte Grenzübertritt, und ganze 14 Kilometer später stand erneut ein „letztes Mal“ an – nachdem die Schotterpiste in eine Asphaltstraße übergegangen war, war nämlich (endlich!) auch Schluss mit off-road-Pisten. Bis Ushuaia radeln wir nun ausnahmslos auf Asphaltstraßen!

Auf jenen blieben uns noch 78 Kilometer bis Río Grande, doch weil die Straße einen Knick nach Süden machte, war nun Schluss mit dem fördernden Westwind. Stattdessen kam er als leichter Rückenwind von der Seite, und weil er unverändert kräftig blies, trug er uns des Öfteren auf die Gegenfahrbahn, eierten wir mal wieder regelrecht über die Straße. Insgesamt aber blieb das Tempo hoch, und so tauchten rasch die ersten Ausläufer von Río Grande auf, die einen ersten Eindruck von der „Schönheit“ dieses Ortes vermittelten. Dicke Industrieanlagen, Öltanks allerorten, brummende LKW auf den Straßen – Río Grande ist eine Stadt der Arbeit. Kurz vor der Ortsgrenze wurde das triste Potpourri dann von einem garstigen Seitenregen ergänzt, der es aber nicht mehr schaffte, mich wirklich durchzunässen, ehe ich in unserem Pausentagquartier ankam.

Dort stellte sich rasch Endzeitstimmung ein. Zum letzten Mal nahmen wir unser Gepäck für einen Pausentag entgegen, zum letzten Mal standen wir vor der Herausforderung, uns in einem unbekannten Ort selbst zu versorgen. Ein erster kleiner Spaziergang führte zum eingangs aufgezeichneten Eindruck, und auch am Pausentag selbst wurde das Bild von Río Grande nicht wirklich freundlicher. Obwohl der Himmel blau ist und der Wind nicht ganz so mächtig bläst, bleibt es ein Ort, an dem man sich nicht wirklich heimisch fühlt. Triste, farblose Gebäude ohne jegliches Flair, die breiten Autoboulevards und der ewige Wind lassen wenig Raum für Freude und Wärme. Die Straßen tragen hier Namen wie „Avenida Heroes de Malvinas“, am Ortseingang nehmen zwei Jagdflieger und ein Panzer die Funktionen von Denkmälern ein und vor dem örtlichen Carrefour-Supermarkt haben Streikposten Position bezogen und lassen niemanden hinein. Das Leben findet in den Gebäuden statt, und die Frage, wie man unter derartigen Umständen seinen Alltag gestaltet bleibt (bislang) unbeantwortet. Río Grande, eine Stadt am Ende der Welt.

Jeder findet für sich selbst seine eigene Hoffnung - auch in Río Grande.

Jeder findet für sich selbst seine eigene Hoffnung – auch in Río Grande.

Genau das steuern wir nun ab morgen Vormittag endgültig an. 123 Kilometer bis Tolhuin, wo wir zum letzten Mal unsere Zelte aufschlagen, und dann am Sonntag die letzten 97.000 Meter bis nach Ushuaia, jener Stadt, die sich selbst als „Ende der Welt“ bezeichnet. Ich darf morgen zudem noch einen ganz besonderen Moment feiern: nach 63 Kilometern werde ich meinen 10.000 Kilometer auf diesem Trip gefahren haben! Eine mächtige Zahl, deren Dimensionen mir selbst nicht wirklich klar ist. Es ist eher so, wie es 2011 schon in Afrika war, dass sie sich aus 109 Einzelzahlen (= Etappen) zusammensetzt und das gesamte Ausmaß des Abenteuers ungreifbar ist.

Aber egal – wenn ich mich wiedermelde, werde ich am Ende der Welt sein!

Bis dahin, Euer hardy cyclist

Unser letztes Bushcamp. Im Hintergrund das Meer.

Unser letztes Bushcamp. Im Hintergrund das Meer.

Auf der Tierra del Fuego!

Auf der Tierra del Fuego!

Eigentümliche Tiere, vor denen hier gewarnt wird.

Eigentümliche Tiere, vor denen hier gewarnt wird.

Auf der Isla Magdalena Part 1

Auf der Isla Magdalena Part 1

Auf der Isla Magdalena Part 2

Auf der Isla Magdalena Part 2

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Tienda in Povenír.

 

Ohne Kommentar :-)

Ohne Kommentar 🙂

 

Land in Sicht!

Quasi umme Ecke, nicht wahr?

Quasi umme Ecke, nicht wahr?

Nach 259 dank des kräftigen Westwindes ziemlich rasenden Kilometern Río Grande und damit den Atlantik erreicht. Dort steht nun ein außerplanmäßiger Pausentag an, denn wegen einer ungeklärten Unterkunftsituation in San Sebastian wurden die Etappen 105 (61 Kilometer) und 106 (97 km) kurzerhand zusammengefasst und heute in einem Stück geradelt.

Obwohl es fast zur Hälfte über eine Schotterpiste ging trudelte ich nach 5:05:05 (keine Lüge, siehe Bild unten!) im windumtosten Río Grande ein, was einen hübschen 31er Schnitt auf 158 Kilometern bedeutete. Phasenweise flogen wir mit mehr als 60 km/h über die allerdings auch gut zu befahrende Schotterpiste und ließen uns vom Wind regelrecht über die Piste tragen – famos! Mehr gibts morgen.

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Altnazis, Orkane und das Ende der Welt

IMG_3182Kann mich mal bitte jemand kneifen? Seit zwei Tagen fahren wir auf einer Straße, die sich „Ruta del Fin del Mundo“ nennt und die uns heute nach Punta Arenas, der südlichsten Großstadt der Welt geführt hat. Ushuaia, das Ziel der Reise, ist nun wirklich nur noch einen Katzensprung entfernt – es liegt keine 200 Kilometer weiter südlich. Am Mittwoch werden wir frühmorgens um neun auf eine Fähre rollen, über die Magellan-Straße schippern und auf Tierra del Fuego – Feuerland – unsere Pedalarbeit noch für vier weitere Tage bzw. 700 Kilometer fortsetzen, ehe das große Abenteuer mit einem Schlag vorbei sein wird. Unfassbar, unvorstellbar, unbeschreiblich.

Und damit willkommen zur neusten Ausgabe von „Jenseits der Komfortzone“, in genau der wir in den letzten sieben Tagen mal wieder reichlich unterwegs waren. Dominierendes Thema auch diesmal: das Wetter bzw. der Wind. Zunächst lief alles prima. Am Dienstagmorgen verließen wir bei angenehmen Sonnenschein, der sogar das Tragen von Radelshorts und einem kurzärmligen Trikot erlaubte (!), El Calafate und wurden vom wohlgesonnenen Westwind regelrecht über die Ruta 40 gepustet. Nach einer guten Stunde standen bereits knapp 40 Kilometer auf dem Tacho, und selbst ein 1.000-Meter-Anstieg ließ sich unter diesen Umständen ziemlich angenehm bewältigen. Auf der anschließenden Abfahrt gab es dann endgültig zumindest eine kleine Entschädigung für die Qualen der letzten Wochen, als wir dank Windunterstützung ohne einen Handschlag tun zu müssen über rund acht Kilometer mit durchschnittlich 55 km/h segelten! Der Spaß endete nach ziemlich genau 100 Kilometern, als es rechtsab auf eine Schotterpiste ging, auf der erneut die Arbeitshandschuhe ausgepackt werden mussten. Immerhin blieb uns der befürchtete Gegenwind erspart, mussten wir uns nur mit allerlei groben Schotter sowie einer Oberfläche herumquälen, die ein bisschen an das mittelalterliche Kopfsteinpflaster in vielen Städten Deutschlands erinnerte. Nach weiteren 30 Kilometern war die Tagesaufgabe bewältigt, schlugen wir unsere Zelte auf einer gewaltigen Wiese ohne jeglichen Windschutz auf.

Über Nacht setzte Regen ein, und so war es am nächsten Morgen bitterkalt, als wir zurück auf unsere Räder kletterten. 30 weitere Kopfsteinpflasterkilometer standen auf dem Programm, ehe wir endlich wieder auf Asphalt stießen und auf einer moderaten gewellten Ruta 40 beschaulich gen argentinisch-chilenische Grenze kurbelten. Der Himmel war zwar tristgrau, und überall lauerten Regenwolken herum, über weite Strecken blieb es jedoch bei der Drohung, und wir konnten im Trockenen pedalierten. Kalt war es allerdings – so acht bis neun Grad, die sich durch den Wind zudem deutlich frischer anfühlten. Und am Nachmittag kam dann, worauf wir alle schon mit Bangen gewartet hatten. Nach einer weiteren Rechtskurve ging es nicht nur zurück auf Schotter, es war zudem Schluss mit dem schönen „der-Wind-ist-mein-Freund“, das uns seit fast 200 Kilometern begleitet hatte. Nunmehr stand er uns frontal im Gesicht, was die Reisegeschwindigkeit abrupt und spürbar verringerte. Das taten allerdings auch die Grenzformalitäten, zumal uns unmittelbar vor der argentinischen Grenzstation ein dicker Reisebus überholte und plötzlich 50 Leute vor uns in der Schlange standen. Pech gehabt.

Interessanterweise liegen zwischen Argentinien und Chile übrigens acht Kilometer „Niemandsland“, die offenbar zu keinem der beiden Nationen gehören. Jedenfalls waren wir in Argentinien schon längst ausgestempelt, als wir nach besagten acht Kilometer schwerster Kurbelarbeit endlich auch in Chile ankamen. Und „natürlich“ stand die Besatzung des besagten Reisebusses auch diesmal wieder vor uns in der Warteschlange! Zudem stellte sich heraus, dass es sich um eine deutsche Reisegruppe handelte, zu der auch ein älterer Herr gehörte, der Deutschlands Ruf offenbar mit nicht zeitgemäßen Werten in die Welt tragen möchte. Jedenfalls blaffte er unseren peruanischen Radelmonteur Lucho böswilligst auf Deutsch an, was Lucho natürlich nicht verstand – wohl aber ich! So kam es zu einem kleinen verbalen Austausch, bei dem besagter Herr keineswegs nur nicht-zeitgemäße Werte zum Besten gab, sondern zudem einen wahrlich abscheulichen Rassismus an den Tag legte, der ihn als übelen Altnazi outete. Auf meine Frage, ob er sich eher den 1945 nach Südamerika getürmten SS- und SA-Männern oder den Mitgliedern der Colonia Dignidad zugehörig fühlen wurde, wusste er dennoch keine Antwort, sondern stürmte stattdessen lauthals schimpfend von dannen. Von den anderen Mitgliedern der Reisegruppe erfuhr ich alsdann, dass sein Verhalten regelmäßig für Aufsehen sorgt. Mir war es jedenfalls Lucho gegenüber extrem peinlich, und ich hoffe, dass meine Spanischkenntnisse ausreichten, um ihm klarzumachen, dass es in Deutschland zwar ein paar echte Deppen gibt, die meisten von uns aber ganz okay sind.

Willkommen in Chile.

Willkommen in Chile.

Wenig später errreichten wir das hübsche Örtchen Cerro Castillo, und wie schon bei unserem letzten Chile-Kurzausflug verliebte ich mich auch diesmal sofort in die Landschaft. Gritzegrüne Wiesen, weichgeformte Hänge, eine tiefe Ruhe – Chiles Patagonien ist schon ein besonderes Fleckchen Erde. Zum Nachmittag kam dann sogar die Sonne heraus, und weil unser Campingplatz windgeschützt lag, wurde es ein herrliche Abend, zumal die Sonne in dieser Ecke der Welt nicht vor 22 Uhr untergeht.

Am nächsten Tag stand jedoch wieder Radfahren an, und das Ziel war der Nationalpark Torres del Paine, wo bereits der nächste Pausentag auf uns wartete. Ich hatte ehrlich gesagt vorher noch nie etwas von den Torres del Paine gehört und war umso erstaunter, als ich mich den Steingebilden näherte und eine wahrlich famose Landschaft entdeckte. Überall liefen Guanacos herum, an einer Stelle trafen wir sogar eine ganze Herde mit vielen Jungtieren, die Landschaft war unbeschreibbar schön und nur die vielen Busse und Kleinbusse, die säckeweise Touristen ankarrten, störten ein wenig, zumal die Straße in den Park eine technisch nicht einfache Schotterpiste war.

Stolze Guanuca-Familie im Nationalpark Torres del Paine.

Stolze Guanuca-Familie im Nationalpark Torres del Paine.

An dieser Stelle mal ein paar Worte über Chile, das mir schon bei unserem letzten Kurzbesuch als eine Mischung aus Deutschland, Schweiz und Südamerika vorkam. So auch diesmal wieder. Alles ist hier irgendwie deutlich geordneter und „gesitteter“ als in Argentinien. Die Menschen sind zurückhaltender, konservativer. Werte, Regeln und Normen stehen weitaus höher als in Argentinien, wo sich das Leben eher „frei“ bewegt. In Chile wartet man als Fußgänger an einer roten Ampel, auch wenn kein Verkehr kommt. In Argentinien würde das niemand tun. Und in Argentinien kann mal als Radfahrer auf Schotterpisten ohne Probleme auch auf der linken Spur fahren, wenn die denn einfacher zu befahren ist. Entgegenkommende Autofahrer benutzen dann einfach die rechte Spur. In Chile – geht das offenbar nicht. Jedenfalls wurde ich für mein Vergehen mehrfach angehupt und einmal sogar ziemlich lautstark angemacht, weil ich mich nicht an die Regel gehalten habe. Irgendwie werde ich aus Chile bislang noch nicht so ganz schlau…

Auf dem Weg in den Nationalpark Torres del Paine.

Auf dem Weg in den Nationalpark Torres del Paine.

Lasst mich an dieser Stelle sogleich gestehen, dass ich den Pausentag im Nationalpark mit Faulenzen verbracht habe. Während andere Mitglieder unserer Reisegruppe sich auf den Weg zum 2.000 Höhenmeter entfernten Aussichtspunkt machten – eine anstrengende Wanderung, für die zwischen fünf und neun Stunden veranschlagt wurden – genoss ich die warme Sonne und einen lauen Wind, um Glieder und Seele endlich einmal so richtig baumeln zu lassen. Ein seichter und dennoch spannender Roman half, den Tag über die Runden zu bekommen, und nachdem ich zum Abend noch einen kleinen Spaziergang („ich muss mich mal bewegen“) über einen sehr schönen Naturlehrpfad absolviert hatte, fiel ich hundemüde und zugleich tief erholt in meinen Schlafsack.

Frühmorgens im Nationalpark Torres del Paine.

Frühmorgens im Nationalpark Torres del Paine.

Gottseidank, denn uns standen zwei Tage bevor, die unvergessen bleiben. Es begann mit herrlichem Sonnenschein zum Frühstück, der Lust auf einen entspannten Tag machte. Der allerdings war schon angesichts von 131 Kilometern überwiegend auf sehr welligem Terrain und auf Schotterpisten kaum vorstellbar. Es begann mit phantastischen 14%+-Passagen durch den Nationalpark, der uns mit seinen schroffen Rampen allerdings auch ganz schön forderte. Noch strahlte die Sonne, noch war der Wind zwar spürbar, aber kein Problem.

Das änderte sich nach ziemlich genau 22 Kilometern. Ein bergaufführende Rechtskurve ließ uns in einen Wind hineinsteuern, wie ich ihn selten zuvor erlebt habe und in dem ich ganz bestimmt noch nie versucht habe, Fahrrad zu fahren. Mächtige Böen spielten regelrecht mit uns, versuchten uns von den Rädern zu werfen, ließen ein Weiterfahren nicht zu. Selbst die stärksten Fahrer mussten absteigen und schieben. Das war anfangs immerhin noch möglich, ehe selbst das Laufen im Laufe der Zeit immer schwieriger wurde. Mitunter hatte ich Probleme, überhaupt auf den Beinen zu bleiben und mein Fahrrad nicht wegfliegen zu sehen, derart kräftig tobte der Wind. Anfangs war es noch lustig, doch nachdem ich mehrfach fast umgeflogen wäre, verlor die Angelegenheit ihren Reiz, zumal der Wind auch immer wieder Schottersteinchen aufwirbelte und uns frontal in die Gesichter schleuderte. Nach fünf Kilometern, die ich überwiegend gehend überwand, fragte ich mich zum ersten Mal, wie ich die 131 Tageskilometer schaffen sollte, denn inzwischen war es bereits kurz vor halb elf – wir waren mal wieder erst um neun Uhr losgefahren… Auf meiner Facebook-Seite habe ich ein kleines Video gepostet, das Euch vielleicht eine bessere Vorstellung gibt. Ihr müsst nicht bei Facebook angemeldet sein, um die Seite besuchen zu können: https://www.facebook.com/hardygruene

Schieben im Wind.

Schieben im Wind (der Schieber in der Mitte bin übrigens ich).

Nach 35 Kilometern machte die Piste dann einen Knick, und es wurde leichter, doch als wir bei KIlometer 40 auf eine andere Piste abbiegen mussten, ging der Spaß von vorne los. Nun lagen rund drei Kilometer schnurgrade und übelste Schotterpiste vor uns, auf der ein unsagbar heftiger Seitenwind tobte. Wie besoffen kurbelten wir über die Piste, mussten alle naselang aufpassen, nicht auf selbige zu fallen und kamen schließlich nach insgesamt weit über vier Stunden Fahrzeit im an Kilometer 49 platzierten Lunchstopp an. Es war nicht nur kaum mehr möglich, weiterzufahren, es war schlicht und einfach gefährlich. Niemand hatte sein Rad mehr unter Kontrolle, und angesichts des verhältnismäßig dichten Auto- und Busverkehrs musste man verdammt aufpassen, nicht wortwörtlich unter die Räder zu kommen. Ganze acht Teilnehmer entschieden für sich, dennoch weiterzufahren – sie kamen schließlich auch heil abends um sieben im Camp an. Der Rest quittierte den Tag – und stürzte ins nächste Chaos. Denn ausgerechnet der Organisationsleiter war ungeachtet der unzumutbaren und gefährlichen Situation vom Lunch aus mit der allerersten Gruppe weitergefahren, obwohl offensichtlich gewesen war, dass es ein Tag mit massiven Problemen werden würde. Dadurch war er nicht erreichbar – und weil ohne ihn niemand wirklich in der Lage war, Entscheidungen zu treffen, saßen wir zunächst ziemlich fest und waren ratlos. Ein in meinen Augen bedenkliches Krisenmanagement, das ziemlich hätte ins Auge gehen können. Immerhin ging alles gut, kamen wir alle irgendwann im Camp in Puerto Natales an, wo es dann gegen 20.30 Uhr auch für die letzten Eintreffenden Abendessen gab.

Auf der drei Kilometer langen Gerade "ging" dann endgültig nichts mehr.

Auf der drei Kilometer langen Gerade „ging“ dann endgültig nichts mehr.

Puerto Natales überraschte unterdessen durch ein Autocorso mit Hupkonzert. Ein genauerer Blick offenbarte eine Menge rotz-blauer Fahnen, und rasch war klar – „La U“ – bürgerlicher Gegenspieler von Volksverein Colo Colo – hatte gerade die Apertuda-Meisterschaft gewonnen, was die Menschen auch fernab von Santiago erfreute und begeisterte. Leider hatte ich keine Kamera dabei, deshalb gibt es kein Fotodokument der außergewöhnlichen Szene.

Die nächste Katastrophe wartet schon am Himmel - Regen auf dem Weg zwischen Puerto Natales und Punta Arenas.

Die nächste Katastrophe wartet schon am Himmel – Regen auf dem Weg zwischen Puerto Natales und Punta Arenas.

Am nächsten Tag ging der Spaß im Wind weiter. Unter dichtbewölktem Himmel und wohlwollenden sieben Grad Celsius kletterten wir auf unsere Räder und stellten uns erneut dem Orkan. Diesmal – das wussten wir schon – kam er allerdings für die ersten 100 von 148 Kilometern von hinten rechts, war uns also eher freundlich gesonnen. Und so schossen wir zumeist in den hohen 40ern durch die Landschaft, ließen den immer mal wieder einsetzenden und eiskalten Regen über uns ergehen und erreichten nach etwas mehr als anderthalb Stunden den Lunchtruck, wo wir uns ein wenig aufwärmen konnten. Es folgten 40 Kilometer direkt nach Westen, was hieß, dass ich quasi ohne einen Pedalschlag tun zu müssen mit durchschnittlich 55 bis 60 km/h durch die Landschaft rauschte. Ein wahnwitziges Gefühl! Sobald mich eine Bö erwischte, fühlte es sich an wie Windsurfing. Eine ungeheure Kraft schob mich dann ruckartig nach vorne und ließ meinen Radcomputer in für eine flache Gerade niemals zuvor erreichte Dimensionen (bis zu 72 km/h) vorstoßen. Immer im Kopf das Wissen, dass wir bei Kilometer 100 rechts abbiegen und dann im Seitenwind stehen würden.

Und dann kam dieser ominöse Kilometer und die Welt stand Kopf. Ich hatte noch keine zehn Meter nach der Abbiegung überwunden, als ich das erste Mal auf die Gegenfahrbahn geblasen wurde. Keine Chance, das Rad unter Kontrolle zu bekommen! Es war ein orkanartiger schräger Seiten-Rückenwind, der mich gleichzeitig von der Straße zu wischen versuchte UND mir gehörig Tempo verschaffte. Eine wahrlich beängstigende Kombination, und nachdem ich einmal erst kurz vor einem LKW zum Stillstand kam, hockte ich mich mit pochendem Herzen an den Straßenrand und versuchte, in dem schreienden Wind meine Gedanken zu sammeln. Allein mein Fahrrad flach auf den Boden zu legen kostete enorme Anstrengungen, und im Grunde genommen war es fahrlässig, weiterzufahren. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, wagte ich dennoch einen neuen Start, und nach einer Weile hatte ich den Bogen raus, wie man mit derartigen Herausforderungen umzugehen hat. Und so taumelte ich wie ein Besoffener über die windgepeitschte Überlandstraße, versuchte, die Böen möglichst vorauszuahnen und ließ mich zeitgleich von dem kraftvollen Wind gen Ziel transportieren. Zu dem Adrenalinshocker gesellt sich später noch Regen, der angesichts des starken Windes als Seitenregen niederging. So war ich an der rechten Seite bald klatschnass, während meine linke Körperhälfte völlig trocken blieb. Patagonien blows you away!

So sieht es aus, wenn man gegen den Seitenwind radelt.

So sieht es aus, wenn man gegen den Seitenwind radelt.

Dann lag das Ziel endlich vor meinen Augen und wir waren alle froh, mit heilen Knochen angekommen zu sein. Jeder hatte seine persönliche Story zu erzählen, von Beinahelandungen in Gebüschen, von Fast-Crashs mit Autos, von Versuchen, wieder in Fahrt zu kommen, nachdem man aus irgendwelchen Gründen hat stehenbleiben müssen. Das nämlich ist eine echte Herausforderungen – solange die Räder rollen, sorgt die Bewegung für Stabilität, während man beim Anfahren im Wind wirklich mit der geballten Kraft des Windes kämpfen muss.

Der nächste Tag ließ uns unter deutlich beruhigteren Bedingungen nach Punta Arenas radeln, der mit Abstand größten Stadt hier unten, in der aber aufgrund eines nationalen Feiertages dennoch alle Bürgersteige hochgeklappt und Läden zu waren. Durch die Straßen des Ortes zu spazieren vermittelt wahrlich das Gefühl eines „Explorers“. Der Wind pfeift durch die Gassen, der Himmel wechselt im Minutentakt sein Bild und die Menschen laufen in dicker Winterkleidung herum. Es ist Sommer hier unten, und meine Phantasie reicht nicht aus, mir vorzustellen, wie es hier wohl an einem unangenehmen Wintertag aussehen mag. Ein gastlicher Ort, ja, aber dennoch ein ungastlicher Ort. Nebenbei interessant: es gibt eine sehr große kroatische Gemeinde in Punta Arenas – in den 1870er Jahren sind wohl einige Kroaten vom Goldrausch angelockt worden und haben die Wurzeln zu „kroatisch-Chile“ gelegt. Ansonsten ist Punta Arenas Ausgangspunkt für diverse Expeditionen in den Region. Darunter ist ein Ausflug zu einer Pinguinkolonie auf der Isla Magdalena, den ich mir am Nachmittag gönnen werde. Weitere Abenteuer, die gleichfalls spannend klingen, sind leider aus Zeitgründen nicht möglich.

Denn morgen früh klettern wir zurück auf unsere Räder, um die letzten 700 Kilometer von The Andes Trail anzugehen. Zunächst wird die Reise per Fähre über die Magellanstraße nach Porvenír führen, wo uns erfreulicherweise rund 400 Kilometer Richtung Osten erwarten (womit wir zugleich vom Pazifik zum Atlantik fahren!), wir bei normalen Windbedingungen also keine allzu großen Probleme haben sollten. Allerdings fahren wir auf einer Schotterpiste, und ohnehin gilt: this is Patagonia and you never know…  In Río Grande steht dann ein letzter Pausentag an, ehe wir ein letztes Mal südwärts kurbeln und schließlich in einer großen Schleife Ushuaia ansteuern.

Noch vier Tage auf dem Rad, noch fünf Tage bis zur Ankunft in Ushuaia. Kann mich mal bitte jemand kneifen?

Ein sehr schönes Bild für "gegen den Wind fahren", nicht wahr?

Ein sehr schönes Bild für „gegen den Wind fahren“, nicht wahr?

Im Nationalpark Torres del Paine.

Im Nationalpark Torres del Paine.

Wer sagt eigentlich, Patagonien sei flach?

Wer sagt eigentlich, Patagonien sei flach?

Abenteuer im Abenteuer: Ausflug zum Perito-Moreno-Gletscher am Pausentag in El Calafate.

Abenteuer im Abenteuer: Ausflug zum Perito-Moreno-Gletscher am Pausentag in El Calafate.

Mit meinem lieben Radelfreund James am Perito-Moreno-Gletschder.

Mit meinem lieben Radelfreund James am Perito-Moreno-Gletschder.

Der Wind kommt hier normalerweise nur au einer Richtung. Auch die Bäume wissen Bescheid und haben längst jeden Widerstand aufgegeben.

Der Wind kommt hier normalerweise nur au einer Richtung. Auch die Bäume wissen Bescheid und haben längst jeden Widerstand aufgegeben (es war übrigens fast windstill, als ich das Foto schoss!).

Nein, das ist nicht der Fußballplatz von Cerro Castillo! Allerdings war er es mal - ehe die Reiter das Terrain übernahmen...

Nein, das ist nicht der Fußballplatz von Cerro Castillo! Allerdings war er es mal – ehe die Reiter das Terrain übernahmen…

Sage noch jemand, in Calafate gäbe es nur Touristennepp. Im stationären Buchhandel fand ich dieses Werk, das wie geschaffen ist für jemanden wie mich: Die Geschichte aller Meisterschaften seit 1891!

Sage noch jemand, in Calafate gäbe es nur Touristennepp. Im stationären Buchhandel fand ich dieses Werk, das wie geschaffen ist für jemanden wie mich: Die Geschichte aller Meisterschaften seit 1891!

Orkan by bike part two

Mein Gott, was für ein Tag! Nach einer durchregneten Nacht lachte uns heute morgen zunächst die Sonne an und stimmte uns optimistisch, was den 131-Kilometer-Tag auf fast komplett Schotter betraf. Die ersten 20 Kilometer waren auch ganz nett, wenn auch sehr hügelig (nach 50 Kilometern standen 1.667 Höhenmeter auf dem Computer).

Dann ging es los. Orkanböen, wie ich sie auf dem Fahrrad noch nie erlebt habe. Na ja, AUF dem Fahrrad habe ich sie dann auch nur selten erlebt, denn die meiste Zeit war Schieben angesagt, und was da mitunter mit unseren Bikes passierte, zeigt Alfred auf dem Bild beispielhaft. Wenn die richtige Bö kam, riss sie einem das Rad förmlich aus der Hand, und mitunter war es selbst zu Fuß unmöglich, vorwärts zu kommen. Am Schlimmsten war jedoch der umherfliegende Schotter, der einem mit voller Wucht ins Gesicht knallte.

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Nach 35 Kilometer bogen wir dann etwas gen Süden ab, und die Lage verbesserte sich leicht. Aber nur kurz, denn schon bald flogen wir wieder von unseren Rädern, und bei Kilometer 50 war klar – es geht nicht weiter. Damit begann das nächste Martyrium, denn das Krisenmanagement des Veranstalters war, nun ja, „verbesserungswürdig“. Nach Stunden des Wartens wurden wir schließlich abgeholt, doch die Bilanz eines unvergesslichen Tages ist verheerend: insgesamt konnten ganze acht Fahrer von 40 die gesamten 131 Kilometer fahren, und von den sechs Teilnehmern, die heute morgen noch immer auf 100 % gefahrene Strecke waren, verloren zwei heute diesen Status – sieben Tage vor dem Tourende…

Against the Wind

Weite und Wind - Patagoniens Pampa

Endlose Weite und ewiger Wind – Patagoniens Pampa

Stellt Euch eine asphaltierte Straße vor, die sich schnurgerade und flach am Horizont verliert. Links seht ihr steppenähnliche Felder bis zum Horizont. Rechts dieselben steppenähnlichen Felder. Ebenfalls bis zum Horizont. Am Himmel jagen sich Wolken, und von rechts kommt ein kalter und starker Wind. Ein sehr starker Wind. Ohne Pause, ohne Gnade.

Eure Beine pedalieren mit höchster Kraft, doch auf dem Tacho tauchen trotzdem nur Werte zwischen 11 und 13 km/h auf. Eure Arme arbeiten mit höchster Kraft, um den Lenker gegen den Seitenwind zu stemmen und halbwegs die Spur zu halten. Jede Bö bläst Euch auf die Gegenfahrbahn, aber das ist okay, denn Autos fahren hier nur höchst sporadisch vorbei. Ihr habt noch 60 Kilometer bis zum Ziel. Bei durchschnittlich 12 km/h sind das weitere fünf Stunden reine Fahrzeit.

Am Ende erwartet Euch ein trostloses Fleckchen Erde, in dem Ihr erneut mit dem Wind kämpfen müsst, um Euer Zelt aufzubauen. Duschen gibt es keine, anstelle von Toiletten marschiert Ihr hinter irgendein umliegendes Gebüsch und der Traum von einem kühlen Bier bleibt ein Traum, denn zu kaufen gibt es hier nichts.

Willkommen in der Pampa von Patagonien!

Ich hatte viel gehört und gelesen vom Wind in Patagonien. Wie stark er sei, wie gnadenlos, wie ruhelos. Alles bloße Theorie, denn nichts hat mich wirklich auf das vorbereiten können, was die Wirklichkeit für uns bereithielt. Auf das Gefühl, am Morgen bei eisigen Temperaturen auf mein Fahrrad zu steigen und zu wissen, in den kommenden Stunden nichts anderes als diesen Wind zu hören, ihn zu bekämpfen, ihn zu hassen.

Wind muss man akzeptieren, sonst zerbricht man an ihm. Der Wind hier jedoch hat etwas verdammt würdeloses. Wie eine Katze mit einer erwischten Maus spielt er zunächst mit einem, ehe er zum finalen Schlag ansetzt. Denn er ist mächtig, und er ist hier zuhause. Und genau das lässt er einen spüren. Nämlich wie klein und schwach man als fahrradfahrender Mensch in diesem wilden Teil der Welt tatsächlich ist. Patagonien ist das Land der Winde. Nun habe ich endlich eine konkrete Vorstellung, was darunter wirklich zu verstehen ist. Und kann sagen: es ist unbeschreibbar.

Neun Fahrtage in Folge liegen hinter uns. Und jeder hatte seine eigene Ausprägung, seine eigenen Herausforderungen. Neun Fahrtage in Folge vor allem deshalb, weil es auf den 879 Kilometern zwischen Coyhaique und El Calafate, wo wir nun am Pausentage unsere wunden Hintern kühlen, nichts außer Pampa gibt. Die ersten beiden Nächte verbrachten wir mit Puerto Ibañez bzw. Perito Moreno noch in „Städten“, ehe es immer tiefer ins Niemandsland ging. In der dritten Nacht verdoppelten wir die Einwohnerzahl des winzigen Nestes Bajo Caracoles mit unseren 39 Teilnehmern vermutlich, und danach gab es nur noch fernab der Ruta 40 liegende einsame Estancias, von denen eine den treffenden Namen „La Siberia“ trug.

Bajo Caracoles - eine Handvoll Häuser, ein kleiner Haufen verschrobener Seelen - und ein Eintrag auf jeder Straßenkarte.

Bajo Caracoles – eine Handvoll Häuser (auf dem Bild sind ALLE zu sehen!), ein kleiner Haufen verschrobener Seelen – und ein Eintrag auf jeder Straßenkarte.

Ständiger Begleiter war der aus Westen kommende Wind, und so gingen unsere Blicke beim Austeilen der Zettel mit der Tagesaufgabe nicht mehr auf das Höhenprofil, wie eigentlich seit Quito immer, sondern zunächst auf den Straßenverlauf. Wies er nach Osten gab es Jubel, ging es nach Westen herrschte andächtiges Schweigen.

Der Wind war in der Tat der entscheidende Faktor. Es gab Tage, da erreichte ich Spitzengeschwindigkeiten von 70 km/h und mehr, um nur eine Kurve später auf derselben Straße plötzlich mit 7 km/h voranzukriechen. Hinzu kamen die unterschiedlichen Beläge, auf denen wir pedalierten. Hin und wieder war es schönster Asphalt, doch über mehr als die Hälfte der knapp 900 Kilometer kurbelten wir auf Schotterpisten, die in höchst unterschiedlicher Qualität daherkamen.

„There are no easy days on The Andes Trail“, wiederholt die Tourleitung bei jeder Gelegenheit, und von den neun Tagen zwischen Coyhaique und El Calafate war sicherlich kein einziger Tag „easy“. Im Gegenteil – es war einer der härtesten Abschnitte seit dem Start in Quito und möglicherweise sogar der härteste der gesamten Tour. Und ich muss zugeben, wirklich Spass gemacht hat es nicht immer.

Dafür kamen einfach zu viele Dinge zusammen. Zunächst das Wetter, ohnehin DAS beherrschende Thema auf der Tour. Regen mit Tendenz zu leichten Schneefall am ersten Tag, als es knapp 1.900 Höhenmeter zu überwinden gab. Eiskalter Wind am zweiten Tag – wobei er immerhin meistens von hinten kam und half, absurde Steigungen von bis zu 20 % zu überwinden. Keine Hilfe gab es am dritten Tag, als wir bei frischen 12 Grad 131 Kilometer vor uns hatten und aus dem anfänglichen Rückenwind nach knapp 50 Kilometern ein garstiger Gegenwind wurde, der die Durchschnittsgeschwindigkeit abrupt von beschwinglichen 35 bis 45 auf bestenfalls 12 km/h abbremste.

Tag vier ließ uns morgens um 8 in eisigen Wind aufbrechen und nach dem Lunch in einen bitterbösen Seitenwind steuern, der uns alle an den Rand des Wahnsinns brachte. Sobald man nur ein wenig den Druck vom Lenker nahm, steuerte man auf die Gegenfahrbahn, und das Vorwärtskommen wurde zur schier endlosen Qual. Erst die letzten fünf Kilometer entlohnten ein wenig für die Anstrengungen, denn die Straße machte einen Knick und ließ uns – nunmehr mit Rückenwind – förmlich ins Camp fliegen. Dort gab es zudem einen beheizten Aufenthaltsraum, in dem wir am Nachmittag unsere durchgefrorenen Knochen wärmen konnten und uns gegenseitig ob der vielfältigen und schier endlosen Anstrengungen stöhnend in den Armen lagen.

Zusammengekauerte Zelte im Camp am xxx Tag.

Zusammengekauerte Zelte im Camp am vierten Tag.

Und doch lagen noch immer vier Fahrtage bis zur nächsten Pause vor uns. Tag fünf bescherte uns 84 Kilometer. Als seien der Herausforderungen noch nicht genug, hatten die Veranstalter zu einem Paar-Zeitfahren über 48 Kilometer eingeladen. Ich ging gemeinsam mit Alfred an den Start, und aus meinen anfänglichen Bedenken, mit ihm dann wohl eher doch nicht mithalten zu können, wurde schon bald ein Riesenspass. Es brauchte nur ein paar Kilometer, dann hatten wir unseren Rhythmus gefunden und schossen in geradezu perfekter Harmonie über die flache und schnurgrade Straße. Schnell waren wir in den hohen 40ern unterwegs, und bald fielen auch die 50er, ließen wir in einem Höllentempo zahlreiche vor uns gestartete Paare hinter uns. Ein fantastisches Gefühl, in derart hohem Tempo neben- bzw. hintereinander zu kurbeln und zuzuschauen, wie die Kilometer nur so vorbei fliegen. Am Ende landeten wir mit einem für mich geradezu unfassbaren Durchschnittstempo von 46,12 km/h (gehalten über 48 Kilometer!) auf Rang drei, was mich außerordentlich stolz machte.

Schwarz auf Weiß - das Endergebnis im Paar-Zeitfahren

Schwarz auf Weiß – das Endergebnis im Paar-Zeitfahren

Bronze im Paar-Zeitfahren über 48 KIlometer!

Bronze im Paar-Zeitfahren über 48 KIlometer!

Doch der Tag war noch nicht zu Ende, denn anschließend ging es über 34 ziemlich rumpelige Kilometer auf ‚dirt‘ zu einer einsamen Estancia, bei der uns Patagonien dann endlich auch mal wieder sein freundliches Wettergesicht zeigte. Im windgeschützten Garten der Estancia wurde es unter blauem Himmel so richtig mollig warm, und erstmals seit zehn Tagen konnte ich mal wieder T-Shirt und Shorts herauskramen. Was für eine Wohltat, mal nicht im Regen bzw. Wind frieren zu müssen!

Der sechste Fahrtag schien mit 67 Kilometern und 553 Höhenmetern (allerdings komplett unasphaltiert) eine recht übersichtliche Aufgabe parat zu haben. Aber ‚there are no easy days….‘. Es begann mit böigem Rückenwind, aus dem nach knapp 20 Kilometern ein wütender Seitenwind wurde, der zumindest mich erneut an die Kapazitäten brachte. Auf der tückischen Schotterpiste blies mich der Wind immer wieder aus der Spur, das ewige Geholper auf der ruppigen Oberfläche ging auf sämtliche Knochen und die schnurgerade Piste, die sich in der Unendlichkeit am Horizont verlor, schlug aufs Gemüt. Selten waren 67 Kilometer so lang, wie an diesem Morgen, und ich war kreuzkaputt, als ich endlich am Ziel in der Estancia La Siberia ankam. Dass die mit einem nicht allzu einladenden Campingfeld und eiskalten Duschen daher kam, verbesserte meine Laune auch nicht wirklich. Immerhin ließ sich am Nachmittag für ein paar Stunden die Sonne blicken ehe der Wind wieder das Regiment überrnahm und die ganze Nacht über wütend an unseren Zelten rüttelte. There are no easy….

Schotter, Wind und Endlosigkeit...

Schotter, Wind und Endlosigkeit…

Tag sieben führte uns nach Tres Lagos, mit rund 300 Einwohner für patagonische Verhältnisse geradezu eine Großstadt. Auf den 94 Kilometern dorthin das übliche Spektakel: eisiger Wind, zumeist von der Seite, dazu bedeckter Himmel und am Ende sogar leichter Regen. Die Piste war zunächst ruppig bis technisch anspruchsvoll, ehe wir mal wieder in die scheinbar überall stattfindenden Straßenbaumaßnahmen gerieten und über knapp 50 Kilometer auf der in der Entstehung befindlichen neuen Ruta 40 pedalierten, was zumindest teilweise Asphalt hieß. Der wiederum fehlte komplett in Tres Lagos, dessen Handvoll Straßen komplett aufgerissen waren und eine neue Teerdecke bekamen. Mächtig was los im südpatagonischen Straßenbau!

Weitere Bauarbeiten bekamen wir am achten Tag zwar nicht zu sehen – die Ruta 40 ist auf diesem Abschnitt bereits asphaltiert – der Wind blieb aber ein ständiger und nur bedingt beliebter Begleiter. Immerhin zeigte sich der patagonische Himmel in seiner schönsten blauen Pracht, lachte die Sonne schon zum Frühstück und wärmte unsere von einer kühlen Nacht steifen Glieder. Kaum hatten wir jedoch die Räder erklommen und uns in den Wind gestellt, ging das Geschnatter los, half bei frischen elf Grad nur tüchtiges Pedalieren gegen den eisigen Wind, der uns den ganzen Tag über nicht loslassen sollte. Es war zwar nur eine 58-Kilometer-Etappe bis zur Estancia La Leoan, doch die führte gen Westen und damit in die Hauptwindrichtung. In einem mehr oder weniger effektiven Sechserpeleton brauchten wir satte 3:16:21 für die Distanz, was einen für flache und durchgehend asphaltierte 58 Kilometer absurden Schnitt von 17,67 km/h ergab – den Rest der investierten Energie fraß der Wind, der entweder frontal von vorne oder leicht seitlich versetzt von vorne kam. Neben dem körperlichen „Kampf“ zehrt übrigens auch die psychische Auseinandersetzung mit dem Wind an den Kräften, denn seine enorme Lautstärke geht einem schon nach kurzer Zeit ziemlich auf die Nerven – im Wind ist halt nie Ruhe.

Against the Wind...

Against the Wind…

Am neunten Tag gönnte ich mir etwas ganz besonderes: einen zusätzliche Pausentag! 107 Kilometer nach El Calafate standen an, und weil die letzten rund 35 abermals direkt nach Westen wiesen, war eine weitere Quälerei vorprogrammiert. Ein „Vergnügen“, auf das ich ausnahmsweise verzichten wollte. Und so kletterte ich auf den Truck und ließ mich ins Camp fahren, wo nun dringend notwendige Erholung ansteht.

Denn zwei Wochen vor dem Ende von The Andes Trail kann – oder muss? – ich sagen: ich bin müde. Es ist ein völlig anderes Radfahren hier unten. Das Wetter, der Wind, die Einsamkeit und die Kälte sind die dominierenden Faktoren. Es ist quasi ein Kampf mit den Naturgewalten und vor allem mit sich selbst. Zumal es nicht so einfach ist, nach rund vier Monaten nahezu täglichem pedalieren und über 9.000 Kilometern jeden Morgen die notwendige Motivation aufzubringen. Wie viele, bin auch ich vor allem mental erschöpft. Jeden Tag das Zelt ab- und aufbauen, jeden Tag an einem anderen Ort übernachten, jeden Tag dieselben 39 Gesichter sehen (und man kennt inzwischen wirklich alle Macken seiner Mitfahrer….), jeden Tag auf verranzten Klos oder gleich im Bushcamp sein ‚Geschäft‘ erledigen, jeden Tag die häufig vergebliche Hoffnung auf eine warme Dusche im Camp und natürlich jeden Tag auf dieses vermaledeite Fahrrad, egal, ob es stürmt oder schneit, regnet oder sonnig ist, um in ein Camp „jenseits der Komfortzone“ zu radeln, das in den seltensten Fällen Urlaubsstimmung aufkommen lässt, hat seine Spuren hinterlassen.

A man has to do, what a man has to do. Kollektives Abwaschen am Abend

A man has to do, what a man has to do. Kollektives Abwaschen am Abend (was der Gummihammer da zu suchen hat, kann ich auch nicht sagen…)

Vermutlich ein Zustand, der für diesen Zeitpunkt normal ist, denn das Ziel Ushuaia ist zugleich sichtbar wie unsichtbar. 1.134 Kilometer sind es noch bis zum Ende der Welt. Einerseits ein Klacks im Vergleich zu den 11.000 Gesamtkilometern, andererseits eine Zahl, die Respekt einflösst, denn vor allem das schon häufig angesprochene Wetter wird vermutlich auch weiterhin für zusätzliche Herausforderungen und/oder Überraschungen sorgen. Und fahren wir nicht auch geradewegs in Richtung Antarktis…?

Etwas, das man jeden Tag mehr spüren kann. Der Blick auf die Südamerikakarte zeigt, dass wir auf einer Höhe mit einem der größten Eisfelder der Erde sind – morgen steht eine Tour zum Perito-Moreno-Gletscher an, einem der mächtigsten Naturwunder, das die Erde zu bieten hat. Und die Lebensbedingungen hier unten sind hart. Ein Spaziergang durch die „Großstadt“ Tres Lagos ließ mich eine Welt erkunden, die mir ebenso fremd ist wie sie mir fremdartig vorkommt. Kleine, gedrungene Hütten, die so ausgerichtet sind, dass sie dem ewigen Westwind widerstehen können. Zwei kleine Supermärkte, in denen man das Nötigste – aber eben auch nicht viel mehr – erwerben kann. Für alles andere stehen Touren von deutlich über 100 Kilometern (ein Weg) an, und ich glaube auch nicht, dass Amazon und Co. großes interesse daran haben, diesen Flecken der Erde mit ihren „Wohltaten“ zu beglücken. Die wenigen Menschen auf den Straßen sind dick eingemummelt gegen den ewigen Wind, denn selbst wenn die Sonne herauskommt (was sie im Laufe des Nachmittags tat), bleibt es eisig. Die Antarktis ist eben spürbar nah.

Meine "Geheimwaffe" gegen den beissenden Wind - dicke Küchenhandschuhe über die normalen Handschuhe ziehen. Sieht albern aus, hilft aber ungemein.

Meine „Geheimwaffe“ gegen den beissenden Wind – dicke Küchenhandschuhe über die normalen Handschuhe ziehen. Sieht albern aus, hilft aber ungemein.

Lunchstopp im eisigen Wind mit heißem Feuer.

Lunchstopp im eisigen Wind mit heißem Feuer.

Im Laufe der Neun-Tage-Woche haben wir uns jeden Tag aufs Neue gefragt, wie man hier leben kann. Und nur bedingt Antworten gefunden. Auch von den Einheimischen nicht. „Patagonien“ antworten sie in der Regel, und haben dabei einen glühenden Stolz in den Augen, wenn das Gespräch auf die hiesigen Lebensbedingungen kommt. Selbst der ewige Wind wird angeführt, wenn die Vorzüge der eigenen Region aufgeführt werden. Neben Ruhe, Weite, Einsamkeit (im positiven Sinne) und Gelassenheit. Man muss wohl hier geboren und aufgewachsen sein, um es vollständig leben und spüren zu können. Jedenfalls ist mir in den neun Tagen kein einziger Mensch begegnet, der nicht aus dieser Ecke stammte sondern zugezogen ist. Sie mag es geben, sie wird es geben, aber es sind nur wenige.

Ich habe immer schon damit geliebäugelt, mal an die Kältepole dieser Welt zu reisen. Die Geschichten von Shackleton und Co. haben mich früh fasziniert, und auch Abenteurer wie Arved Fuchs bin ich gerne via Büchern und/oder TV-Dokumentationen gefolgt. Das ewige Eis hat eben auch einen ewigen Reiz, und selbst wenn wir noch weit entfernt sind vom wirklichen „ewigen Eis“, ist hier schon etwas von diesem „Besonderen“ spürbar. Und außerdem bewegen wir uns ja stetig weiter in Richtung „Ende der Welt“ – ein Abenteuer, das auf dem Fahrrad umso abenteuerlicher wird, weil man von dort aus eben eine multidimensionale Weltsicht einnehmen kann und im Gegensatz zum Auto- oder Busreisenden in vielfältigem Kontakt mit der bereisten Region steht.

Unsere Reststrecke bis Ushuaia übersichtlich auf einem Kartenblatt.

Unsere Reststrecke bis Ushuaia übersichtlich auf einem Kartenblatt.

Nun aber genug der philosophischen Gedanken, die vermutlich ohnehin eher der ennervierenden tagelangen Kurbelei in der Einsamkeit und den Belastungen bzw. Anforderungen geschuldet sind, und hin zu dem üblichen abschließenden Bilderstreifen, zum dem Ihr Euch bitte immer schön ordentlich Wind vorstellt. Am Dienstag geht die große Reise weiter und biegt zugleich auf ihre Zielgerade ein. Elf Fahrtage sind es noch Ushuaia, und wenn ich auf meine große Andenkarte gucke, kann ich zum ersten Mal sowohl meinen Startort (El Calafate) als auch meinen finalen Zielort (Ushuaia) auf einen Blick sehen! Es ist also geradezu greifbar, wiewohl wir bis dahin noch ein paar wilde Abstecher unter anderem in den Nationalpark Torres del Paine unternehmen wollen und sicherlich auch das eine oder andere Mal mit den Wetterlaunen von Mutter Natur hadern werden. Ungeachtet aller Anstrengungen und Klagen schwingt daher auch ein gehöriges Stückchen Wehmut mit, denn dieses Abenteuer, das so erfüllend wie fordernd ist, steuert unaufhaltsam seinem Ende entgegen…

(ach, und noch was ganz anderes zum Schluss: sollte Heike Hannen hier mitlesen: schick mir bitte mal ne Mail wegen Silvester: hallo@hardy-gruene.de)

Und wieder beginnt ein Tag im eisigen Wind.

Und wieder beginnt ein Tag im eisigen Wind.

GRenzübergang von Chile nach Argentinien.

Grenzübergang von Chile nach Argentinien.

Klein-Sibirien in Patagonien

Klein-Sibirien in Patagonien

Im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet

Im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet

"The Strongest" on Tour - mit meinem lieben Radelfreund Buck.

„The Strongest“ on tour – mit meinem lieben Radelfreund Buck.

Allerlei-Laden in Bajo Caracoles - leider cerrato (geschlossen)

Allerlei-Laden in Bajo Caracoles – leider cerrato (geschlossen)

Das Epizentrum der derzeit komplett bebaustellten "Großstadt" Tres Lagos.

Das Epizentrum der Macht in der derzeit komplett bebaustellten „Großstadt“ Tres Lagos.

DA ist sie, die "deutsche Pampa"!

DA ist sie, die „deutsche Pampa“!

Am Lago Buenos Aires.

Am Lago Buenos Aires.

Tankstelle in Puerto Ibanez.

Tankstelle in Puerto Ibanez.

Puerto Ibañez

Im GRenzgebiet zwischen Chile und Argentinien hatten wir absurde Steigungen von bis zu 20 Prozent zu bewältigen ...

Im Grenzgebiet zwischen Chile und Argentinien hatten wir absurde Steigungen von bis zu 20 Prozent zu bewältigen …

... um solch herrliche Ausblicke genießen zu können.

… um solch herrliche Ausblicke genießen zu können.

Yeah - einen dieser 20-Prozent-Giganten bezwungen.

Yeah – wieder einen dieser 20-Prozent-Giganten bezwungen.

Der Übergang vom bergigen chilenischen Patagonien in die flache argentinische Pampa bot uns herrliche Serpentinen.

Der Übergang vom bergigen chilenischen Patagonien in die flache argentinische Pampa bescherte uns herrliche Serpentinen.

Alles ganz schön weit weg, nicht wahr?

Alles ganz schön weit weg, nicht wahr?