Tour d’OSTalgie, Etappe 7

Heute hatte ich den ganzen Vormittag über mit Frauen zu tun. Erst die ein wenig in die Jahre gekommene Erika, dann Marga, die wunderschöne, formvollendete, und zwischendurch ständig mit Ilse, die in ein schwarzes Korsett gekleidet war und ziemlich hitzig daherkam.

Erika hatte ich gestern schon mal getroffen, doch da trieb uns das anrauschende Gewitter auseinander. Weil sie mir nicht aus dem Kopf ging, bin ich heute morgen gleich nochmal zu ihr geradelt. Erika heißt übrigens heute Laubusch und ist die Schwester von Marga, die wiederum inzwischen Brieske heißt und später in die Senftenberg-Dynastie heiratete.

Und Ilse? Ilse ist der Grund, warum Erika und Marga überhaupt da sind. Bzw. waren, sie heißen ja jetzt anders.

Alles verstanden? Nicht? Also gut: Erika, Marga und Ilse sind Namen der Töchter von Unternehmern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Jene Unternehmer ließen sogenannte Gartenstädte anlegen, in denen Wohnen, Arbeiten und Freizeit auf engstem Raum stattfanden. Benannt wurden die Siedlungen und Gruben nach den Töchtern. Also „Grube Erika“ und „Grube Marga“. Mithin heute Laubusch und Brieske. Wohnstädte für das malochende Volk.

In Marga, also Brieske, traf ich mich mit einem 81-jährigen Herren, der dort sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat. Als wir auf dem Marktplatz standen, sagte er, hier gab es alles, was man brauchte. Die Kirche, die Post, den Metzger, das Kaufhaus und die Kneipe. Heimelige Welt der Arbeiter aus den 20er Jahren. Gelebt haben dort damals übrigens viele Polen und Polnischstämmige. So wie in Gelsenkirchen zu Zeiten von Kuzorra und Szepan. Viele waren Junggesellen, blutjung und noch ganz roh in der Lebenserfahrung. „Es gab auch ein Ledigenhaus, das war auf dem Werksgelände“, bemerkte mein Gesprächspartner.

Mit einem echten Briesker Jung auf dem Marktplatz von Brieske, also Marga
Entwicklung von Erika zu Laubusch
Erika, resp. Laubusch

Bleibt noch Ilse, nicht wahr? Ilse war die Krönung, die Chefin, der Kopf des ganzen. Das ganze Unternehmen nannte sich Ilse, und vor allem war sein vornehmstes Produkt mit Ilses Namen bedruckt: Feuerbriketts, geformt aus dem schwarzen Gold der Lausitz. Das übrigens gar nicht so einfach herzstellen war, denn der Wassergehalt der Braunkohle in der Region war viel zu hoch und musste in einem aufwändigen Verfahren verringert werden. Dazu wurde die Kohle zertrümmert, mit Hitze entwässert und zu Brikets gepresst. Die dann Ilse hießen.

In den 1950ern war vor allem Brieske eine große Nummer im Fußball. Urklub SV Marga, in königsblau auflaufend, hatte es schon in den 1930ern in die Gauliga, damals Fußball-Oberhaus, geschafft. Und musste zu Auswärtsspielen ständig nach Berlin. Gut, dass da die Bahn da war, die auch die Brikettstücke von Senftenberg nach Berlin verfrachtete, wo Ilse die Wohnstuben erhitzte. Dann, zu DDR-Zeiten, inzwischen im Schwarzgelb von Aktivist unterwegs, wurde Brieske sogar Vizemeister. Und zeigte Bezirkshauptstadt Cottbus den Stinkefinger.

Fand man dort gar nicht gut, weshalb die Oberligmannschaft mal flugs nach Cottbus delegiert wurde. Ihre Nachfolger haben heut Nachmittag übrigens mit 1:2 gegen Lichtenberg 47 verloren. Noch so ein Arbeiter-Fußballtrupp, aber das ist ne andere Geschichte.

Jedenfalls musste man in Brieske ganz unten neu anfangen, marschierte ziemlich fix die Liga hoch und hielt sicht. Doch die große Zeit war vorbei. Womit es auch das große Stadion für 30.000 Neugierige nicht mehr brauchte, das man in der Gartenstaft Marga (resp. Brieske) zwischenzeitlich aus dem Boden gestampft hatte. Nach der Wende wurde es geschliffen, kamen Neubauten, deren Postadresse nun „Im alten Stadion“ lautet.

Das heutige Gelände, das altehrwürdige Glückauf-Stadion, harrt unterdessen auf dringend nötige Erweiterungen. Eine Rasenplatz und ein Kunstrasen ist alles, was man seinen Mitgliedern anbieten kann. Viel zu wenig. Der Aschenplatz hinterm Tor ist ebenso verschwunden wie die Trainingshalle und das Funktionsgebäude mit Sauna und Entmüdungsbecken. Stattdessen ein paar Container zum Umziehen („maximal sechs Jahre, hieß es damals, die sechs Jahre waren 2019 vorbei“, sagte man Gesprächspartner). Einen Tag vor mir war der mdr da und drehte für einen Bericht über die Briesker Platzprobleme. Hoffen wir, dass er Wirkung zeigt.

Zum Abschluss ging es dann aufs alte Betriebssgelände, wo der Denkmalschutz jedoch nur zwei Gebäude vom Abriss bewahrte. Wie es weitergeht, weiß niemand. Marga ist zum Problem geworden.

Das war in Großräschen etwas anders. Über eine autofreie Strecke mitten durchs alte Revier war ich nach einer halben Stunde vor Ort. Fand sofort das in gutem Zustand und sehr ddr-rige Stadion, auf dem ebenfalls Liga gespielt wurde. Und nahm mein Mittagessen auf der Aussichtsplattform über der gefluteten Abraumlandschaft ein. Großräschen hat verdrängt, was den Ort einst reich und auch im Fußball erfolgreich machte.

Großräschen

Danach begann ein leichtes Zaudern mit den hiesigen Verkehrsplanern. Dass der Radweg zwischen Großräschen und Welzow, meinem nächsten Ziel, gesperrt war, stand nicht etwa am Anfang in Großräsche , sondern erst kurz der Sperrung. 20 Kilometer Umweg oder zurück und an der dichtbefahrenen Bundesstraße entlang waren die Möglichkeiten. Ich nahm die schnurgerade Bundesstraße und übergab mich meinem Schicksal, das mich heile am Abzweig nach Welzow kommen ließ.

Dort war die Suche nach dem Besucherbergwerk vor allem deshalb frustrierend, weil es keinerlei Hinweisschilder gab und sich ganz Selzow offenbar in einem persönlicken Lockdown befand. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Irgendwann erfuhr ich, dass mein Ziel der alte Bahnhof war. Nach einem Mühen fand ich ihn und erhielt de endgültigen Knockout, als ich erfuhr, dass es kein Informationszentrum im eigentlichen Sinne ist, sondern dass von dort lediglich die Touren ins jetzt noch aktive Abräumgebiet der Region gingen.

Das mit der Beschilderung (der fehlenden) sollte sich fortsetzen. Ob, und wenn ja, in welchem „Zustand“ es einen Radweg nach Cottbus gibt war lange nicht klar. Tatsächlich gab es einen, der teilweise uralt, teilweise nagelneu war und meistens entlang der rappelvolle Bundesstraße verlief. Da kam Sehnsucht nach der friedvollen Entspannung des Oder-Neisse-Radwegs auf.

Morgen kehre ich auf ihn zurück, doch dummerweise hat mir meine Dummheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein gebürtiger Hütter und Stahler wollte eigens füe meinen Besuch aus Berlin anreisen und mir alles zeigen. Dumm nur, dass wir uns für Montag verabredet hatten, ich aber am Sonntag in Hütte bin. Und nix umplanen kann wegen der coronaverschärften Unterkunftsfrage, die Vorausbuchung erfordert

Also gibts den Alleinbesuch ins alte Fürstenberg und neue Eisenhüttenstadt, zu Stahl und Dynamo, in das Kukës der DDR, das mal Stalinstadt hieß. Ich werde berichten!

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