The Andes Trail

Buch zur Südamerika-Tour erscheint am 12. November

12140968_506454506189852_221056573166894652_oDie Plakate gedruckt, die Seiten in der Druckerei – mein Reisebericht „Jenseits der Komfortzone – 11.000 Kilometer Radrennen durch Süamerika“ nimmt allmählich Konturen an!

Nun steht auch der offizielle Buchpräsentationstermin: am Donnerstag, 12. November werde ich ab 19 Uhr im Stadion Speckstraße in Göttingen ein wenig über die Tour plaudern und ein paar Auszüge aus dem Buch lesen. Danach gibt es natürlich die Möglichkeit, das Buch zu erwerben (19,90 Euro,Infos zum Buch: http://www.werkstatt-verlag.de/?q=node/801).

Der Eintritt ist frei, Anmeldung ist nicht nötig (aber via Facebook möglich: https://www.facebook.com/events/1690153641219332/)

Bis zum Veröffentlichungstermin läuft auf meiner Facebook-Seite (www.facebook.com/hardygruene) zudem ein Countdown, bei dem ich jeden Tag ein Foto mit einem kleinen Textauszug poste. Um die Artikel zu sehen, muss man NICHT bei Facebook angemeldet sein.

Also, hasta pronto?

Euer hardy cyclist

P.S.: Das Buch kann natürlich auch ab sofort vorbestellt werden. Bitte einfach Mail an hallo@hardy-gruene.de

Coyhaique in Bildern

Ich weiß ja nicht, was für ein Eindruck von Coyhaique mein „New-York-Vergleich“ bei Euch hinterlassen hat, aber ich habe den Nachmittag mal genutzt, um ein paar Aufnahmen von der realen Welt hier zu schießen. Ziemlich unspektakulär, ich weiß, aber so ist es nunmal ab und an mit der Wahrheit: sie ist unspektakulär.

Ich hingegen werde mich jetzt spektakulär dem Hopperdietzel-Ale „Goldene Jahre“ widmen (Hopperdietzel, das war der aus Puyuhuapi) und sende einen schönen Gruß in die Heimat.

Beginn der Einkaufsmeile "Paseo Horn".

Beginn der Einkaufsmeile „Paseo Horn“.

Kommerz überall.

Kommerz überall.

Und hier ist der Commerz en detail

Und so sieht der Comercial aus der Nähe aus.

Eine der Seitenstraße von der Haupteinkaufsmeile.

Eine der Seitenstraße von der Haupteinkaufsmeile. Wie man sieht, können sich 50.000 Einwohner ganz schön verlaufen…

Meine Heimat für die letzten beiden Tage.

Meine Heimat für die letzten beiden Tage.

Auf die "Goldenen Jahre". Salud!

Auf die „Goldenen Jahre“. Salud!

 

Si no lo sientes, no lo entiendes!

logo-anden Kopie„Ich bewundere Deinen Mut“, bekomme ich dieser Tage hin und wieder zu hören. ich bin dann immer ganz verwirrt, denn das klingt, als würde ich in ein gefährliches Abenteuer starten. Dabei fahre ich nur ein bisschen Fahrrad. Okay, ein bisschen weiter weg und vielleicht auch etwas länger als gewöhnlich. Aber Mut? Es kommt wohl auf die Perspektive an. Von außen betrachtet mögen 11.000 Kilometer auf dem Fahrrad gewaltig sein und eine Menge Mut erfordern. Von innen betrachtet sind es 108 Tage à etwa 100 Kilometer auf einem Fahrrad – eigentlich nix aufregendes also.

Natürlich braucht es Mut, um einen Trip wie The Andes Trail anzugehen. Wobei ich lieber von „Hunger“ sprechen möchte. Hunger nach Neuem, nach Ausbruch, nach unbekannten Wegen, fremden Sprachen, anderen Lebensentwürfen. Es ist ein Hunger nach dem, was „Jenseits der Komfortzone“ liegt. Der Hunger, die Annehmlichkeiten des hiesigen Alltags mal unwiderruflich hinter sich lassen, um sich den Herausforderungen eines Alltags zu stellen, der sich fremd anfühlt und in dem ganz andere Fragen gestellt werden. Also zum Beispiel eine Speisekarte vor der Nase zu haben, deren Offerten seltsam namenlos wirken und die zugleich reizvoll erscheinen. Um dann mutig die alles entscheidende Frage in den Raum zu werfen, ob die Lokalität denn auch auf einen Vegetarier vorbereitet ist.

andes-1Insofern erfüllen mich gegenwärtig statt Mut eigentlich vielmehr die Ungeduld und die Vorfreude, aus diesen statischen Strichen und Punkten auf der eindimensionalen Landkarte „South America The Andes 1:4,500,00“, die ich nun seit über einem Jahr regelmäßig anstarre und in Träume verwandle endlich (er)fahrbare und brodelnde Straßen und Städte zu machen, die Märkte zu riechen, die Speisen zu kosten, die Kinder zu hören, die Hunde zu fürchten, das Leben zu spüren.

 

Äthiopien und seine unschlagbaren Kinder.

Äthiopien und seine unschlagbaren Kinder.

Mut nehme ich natürlich mit. Zum Beispiel für das Abenteuer, mich als Spanisch-Novize in den lateinamerikanischen Alltag zu stürzen. In gut drei Wochen werde ich mit einem sperrigen Fahrradkarton, einem vollgestopften Rucksack und etwas Handgepäck auf dem Flughafen von Quito ankommen und vor meinem ersten Ernstfall in Sachen Spanisch stehen. Eine Aufgabe, vor der ich durchaus Respekt habe. Denn als Erwachsener eine neue Sprache zu lernen ist eine Herausforderung. Es fehlt die spielerische Leichtigkeit der Jugend, und es fehlt vor allem die Geduld. Unruhig steht man da, einen klaren (deutschsprachigen) Gedanken im Kopf, der sich mühsam durch einen Filter von rudimentären Vokabeln quälen muss, um schließlich als enttäuschend lückenhaftes Gestotter den Mund zu verlassen. Viel zu häufig endet die hektische Suche nach den richtigen Worten oder Deklinationen sogar in Leere und Ratlosigkeit. Eine frustrierende Erfahrung, gerade für einen Sprachhandwerker wie mich. Es heißt, 2.000 Wörter würden genügen, um die Welt zu erobern. Ein paar davon muss ich wohl noch lernen. Ansonsten helfen aber hoffentlich auch freundliches Lächeln und unschuldiges Achselzucken. Und natürlich die Zuversicht, das alles gut wird.

Was ich mir in den kommenden gut fünf Monaten von mir selbst erhoffe sind Leichtigkeit und Offenheit. Das sind, ich weiß es noch aus Afrika, zwei durchaus anspruchsvolle Vorhaben. Denn die Psyche zickt gerne mal, wenn sie nicht das bekommt, was sie gewohnt ist. Wenn sie auf Grenzen stößt, die sich als unüberwindlich erweisen und zwingen, Umwege zu gehen oder gar gänzlich neue Wege zu erschließen. Dann zetert sie und verlangt eingeschnappt nach den gewohnten Drogen. Ein kühles Bier, ein Tütchen Gummibärchen, eine gemütliche und angenehm klimatisierte Lokalität, einen netten Menschen. Und man selbst steht plötzlich da und ist erfüllt von einem beißend schlechtem Gewissen, weil man sich da etwas zumutet, was tatsächlich nichts anderes als eine Zumutung ist.

scooter1Reisen heißt Herausforderung. Nichts bricht die Routine so konsequent, wie den heimatlichen Hof für einen Weile zu verlassen. Nichts bricht radikaler mit Gewohnheiten, Routinen und Annehmlichkeiten als das Einlassen auf Unbekanntes. The Andes Trail ist weder Erholungsurlaub noch Pauschalreise. Nichts ist hier „all-inclusive“. Niemand wird auf den 11.000 Kilometern zwischen Quito und Ushuaia vorweggehen und uns die Unannehmlichkeiten aus dem Weg räumen, damit wir unsere Wohlstandskörper und -geister sorgenfrei durch fremde Kulturen schieben können. Wir müssen uns selbst reinstürzen. Wie früher im Auto-Scooter auf der Dorfkirmes, wenn der Plastikchip verschwand, die Kiste zum Leben erwachte und man schwankte zwischen dem Bedürfnis, möglichst kollisionsfrei seine Runden zu drehen und der Lust auf Kollision mit seinen Mitmenschen.

Braucht es dazu Mut? Ja, ganz unbedingt! Aber wer neugierig genug ist, muss sich über Mut sowieso keine Gedanken machen.

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Als Fußballfan werde ich in Südamerika mit einem Fußball-Motto unterwegs sein: „Si no lo sientes, no lo entiendes“ – „wenn du es nicht spürst, wirst du es nicht verstehen“. Es ist das Motto des bolivischen Rekordmeisters The Strongest La Paz und es begleitet mich, seit ich es vor einigen Monaten zum ersten Mal gehört habe. Und jetzt mal ehrlich: mit dem Motto eines Klubs namens „The Strongest“ ins Abenteuer zu radeln kann doch eigentlich gar nicht falsch sein, oder?

„Es zu spüren, um es zu verstehen.“ Das ist exakt das, auf was man sich einlassen muss, will man über die Anden radeln. Nur wer spürt, versteht. Die Belohnung kommt postwendend in Form von exzessiver Lebendigkeit. Es waren die schwierigen Momente, die ich in Afrika zugleich gefürchtet und geliebt habe. Als ich im Sudan auf einer ruppigen Piste von zwei aggressiven Hunden eingeklemmt wurde und alles aus mir herausholen musste, um ihnen zu entkommen. Als mir in Äthiopien das unablässige „you, you“ der Kinder die Nervenenden förmlich entzündete und mich intolerant sowohl den Kindern als auch mir gegenüber machte. Oder als ich in Kenia durch die Steinwüste stolperte. Mit fünf Stundenkilometer unter sengender Sonne, das Ziel Stunden entfernt, die Vernunft wütend an den Pforten der inneren Wahrnehmung trommelnd. Im Schlepptau aggressive LKW, deren Fahrer mich von der Piste zu drängeln drohten. Momente, für die ich heute unendlich dankbar bin. Und Erinnerungen, die es zu einer spielerischen Leichtigkeit machen, erneut den Mut aufzubringen und aufzubrechen.

Si no lo sientes, no lo entiendes!

 

In Kenias Steinwüste und Backofen.

In Kenias Steinwüste und Backofen.

Reisen ist zeitlos. Die Vergangenheit kommt als mehr oder weniger sperriges Paket mit, die Zukunft liegt im vagen (oder muss es heißen „im wagen“?). Ich werde in Südamerika niemanden mit vergangenen Texten oder Taten beeindrucken können. Sobald ich auf dem Fahrrad sitze, 11.000 unglaubliche Kilometer bis Patagonien vor der Nase, zählt nur noch der Augenblick. Zählt nur das, was in jedem Moment an Herausforderung bewältigt werden will. Werden muss. Reisen als Konfrontation mit der Gegenwart. Und auch die Zukunft wird – wie schon in Afrika – nur ein vages Konzept sein. Sicherheit zum Beispiel ist auf Expeditionen wie „The Andes Trail“ nur schwer zu bekommen. Um das auszuhalten, braucht es Vertrauen. Vertrauen in sich, Vertrauen in den Lauf der Dinge, in die Mitmenschen. Und die Bereitschaft zu Risiko und Opfer, denn oft genug wird das Vertrauen gebrochen oder gar missbraucht. Und da hilft dann kein Jammern oder Anruf bei der Vollkaskoversicherung, da hilft nur akzeptieren und arrangieren.

Eigentlich müsste man Warnschilder auf Abenteuer wie The Andes Trail oder Tour d’Afrique kleben: „Diese Reise kann Sie das Leben spüren lassen und zu schwerwiegenden Veränderungen in der Selbstwahrnehmung führen!“.

 

Das Leben kann sehr übersichtlich sein auf einer längeren Fahrradtour.

Das Leben kann sehr übersichtlich sein auf einer längeren Fahrradtour.