Pavé

Durch die „Hölle des Nordens“

Richtungsweisend.

Richtungsweisend.

Rationales Handeln geht uns Fahrrad-Weltenbummlern ja häufig ab. Sonst wäre es auch kaum möglich, mal so richtig ins Unbekannte aufzubrechen. Und es muss nicht immer gleich eine Viermonatstour über einen ganzen Kontinent sein. Auch bei kleinräumigen und zeitlich übersichtlichen Projekten ist es mitunter notwendig, dem rationalen Handeln einen Riegel vorzuschieben. Nehmen wir das letzte Wochenende. Da habe ich für insgesamt 1.200 Kilometer im Auto gesessen, nur um mit meinem Fahrrad über ziemlich übles Kopfsteinpflaster fahren zu dürfen. Rational? Nö! Jenseits der Komfortzone? Ganz bestimmt!
Mein Ziel war Roubaix. Diese leicht heruntergekommene einstige Industrieperle im Norden von Frankreich. Direkt an der Grenze zu Belgien. Seit vielen Jahrzehnten leidet Roubaix still und unscheinbar im Schatten des ungleich schillernden Nachbarn Lille. Eine schwierige Gemengelage in der lokalen Einwohnerschaft, zusammengebrochene Industrielandschaften. Roubaix ist wahrlich kein Glückspilz. Einziger Faustpfand, der von der ruhmreichen Vergangenheit noch geblieben ist: der legendäre Straßenklassiker Paris-Roubaix.

Trikot, Startnummer und Straßenplan - auf geht es ins Abenteuer.

Trikot, Startnummer und Straßenplan – auf geht es ins Abenteuer.

Der fand am Sonntag den 12. April zum 113. Mal seit 1896 statt. Doch mein Ziel war nicht das Profirennen am Sonntag sondern die tags zuvor ausgetragene Paris – Roubaix Challenge. Seit Jahren lockt Roubaix am Samstag vor dem Tagesklassiker Jedermänner und –frauen aus aller Welt, um über 139 Kilometer in einer etwas entschärften Form auf den Spuren des Klassikers zu wandeln. Um selbst zu erfahren, wie es sich anfühlt, durch die gefürchtete „L’envers du Nord“ („Hölle des Nordens“) zu pedalieren. Schon seit Jahren wollte ich daran teilnehmen. Das scheiterte jedoch regelmäßig am frühen Termin. Anfang April bin ich eben normalerweise in meiner Trainingsvorbereitung noch im Zustand von „Winterspeck runterkurbeln“.
Diesmal war alles anders. Mit 11.000 Südamerika-Kilometern kam ich Ende Dezember nach Deutschland zurück und konnte mir den mühsamen Konditionsaufbau sparen. Stattdessen spazierte ich regelrecht in die Saison hinein. Noch im Januar war die Anmeldung für das Jedermann-Challenge Paris – Roubaix rausgegangen. Am Freitag nun machte ich mich bei geradezu sommerlichen Temperaturen auf den weiten Weg nach Nordfrankreich, um am eigenen Leibe zu erfahren, was an diesem Klassiker denn so klassisch ist.

OPtimismus vor dem Start.

Trotz Wolken und Feuchtigkeit: Optimismus vor dem Start.

Ein Abenteuer mit erhöhter Herzschlaggarantie. Das geht schon am Startplatz los. Für die Jedermänner beginnt das Rennen nämlich nicht in Compiègne (in Paris wird schon seit 1977 nicht mehr gestartet), sondern in Roubaix. Im Rundkurs geht es von dort über all diese sagenumwobenen Pavé-Abschnitte, ehe das Abenteuer stilvoll im Vélodrom von Roubaix endet. Allerdings sind die Straßen nicht abgesperrt, muss man also mit dem Autoverkehr konkurrieren. An den wichtigsten Kreuzungen stehen freilich Hilfskräfte, die den Verkehr ein wenig kontrollieren. Und außerdem sind die Franzosen Radverkehr mehr als gewohnt.

Zunächst ging es zum Einfahren über zwar schnurrige aber auch recht eintönige Asphaltstraßen durch den ländlichen Raum. Nordfrankreich pur: wenig fürs Auge, null Arbeit für den Höhenmesser. Immerhin im „klassischen“ Wetter, denn aus dem schönen Sommertag war am Samstagmorgen eine dichte Wolkendecke, feiner Nieselregen sowie böiger Wind geworden. Ich war zunächst mit einer kleinen Gruppe Engländer unterwegs und kämpfte mich gemeinsam mit ihnen gegen den strengen Westwind. Überhaupt waren unglaublich viele Briten am Start. Ist ja auch praktisch: kurz mal über den Kanal hüpfen und einem Mythos nachspüren. Insgesamt sollen 4.500 Radler teilgenommen haben. Enorm!

In der Trouée d‘Arenberg stand dann zum ersten Mal Pavé an. Aufgeregt hüpfte das Herz, glühten die Augen, als dieser magische Stein mit der Sektorenbezeichnung am Straßenrand auftauchte. Dann knallten auch schon die Erschütterungen auf Lenker und Sattel. Mit meiner frischen Südamerikaerfahrung blieb mir der tiefe Schock, den die Engländer erlitten, zwar erspart, es rüttelte aber auch bei mir derbe an Mensch und Maschine. Wohlweislich hatte ich bei der Materialauswahl Vorsicht walten lassen und einen pannensicheren 28er Durano plus aufgezogen, dem ich sechs Bar auf die Kiemen gab. Die perfekte Mischung, um halbwegs „gefedert“ über das Kopfsteinpflaster zu rumpeln und gleichzeitig eine Panne zu verhindern. Andere hatten weniger Glück. An nahezu jedem Pavé-Abschnitt standen die Pannenpechvögel und mussten sich mit Durchschlägen herumplagen.
Wenn man im Zusammenhang mit Paris-Roubaix von Kopfsteinpflaster spricht, darf man sich übrigens nicht das vorstellen, was in so manch deutscher Innenstadt liegt. Ich hatte vorher extra ein wenig in Göttingen getestet. Das gibt es einige sehr schöne alte Abschnitte. Im Vergleich zu denen in Nordfrankreich waren die jedoch geradezu komfortabel. Denn bei Paris-Roubaix trifft man auf wirklich uralte und wirklich ausgelutschte Pisten. Die Steine unterschiedlich groß und vor allem in unberechenbar kunterbunter Vielfalt aus dem Boden ragend. Da gibt es schon mal Höhenunterschied von zehn und mehr Zentimetern, die dann wie Boxhiebe auf den Radler prügeln. Außerdem haben sich die Pisten über die Jahrzehnte extrem abgesenkt und bilden mitunter tückisch kleine Bögen. Es gibt übrigens eine regelrechte Punktwertung für die Pavé-Sektionen. Ein Sternchen ist „einfach“, fünf der höchste Schwierigkeitsgrat. Die meisten der bis zu drei Kilometer langen Kopfsteinpflastersektionen haben zwei bis fünf Sternchen.

Kopfsteinpflaster à la Paris-Roubaix.

Kopfsteinpflaster à la Paris-Roubaix.

Das Ganze war ein Erlebnis jenseits jeglicher Vernunft. Eigentlich hieß es nur „Augen zu und durch“. Ein Patentezept existiert nicht. Meistens fährt man am besten ganz oben auf dem Scheitelpunkt. Dort sind aber auch die größten Lücken zwischen den über Jahrzehnte auseinandergerutschten Steinen. Dann gibt es wieder Passagen, da ist der Scheitelpunkt derart uneben, dass man runter muss in die vom Autoverkehr ausgelutschten Seitenbereiche. Tempo machen ist im Grunde genommen angesichts der Holperei unmöglich. Als Spitzentempo verbuchte ich Geschwindigkeiten zwischen 18 und 22 km/h. Wenn es richtig zur Sache ging, sackte das Tempo aber ruckzuck auf unter 10 km/h ab. Das Dauergerüttel geht nicht nur auf die Knochen sondern kostet vor allem enorm viel Kraft. Zwei Kilometer Pavé fühlen sich an wie 20 Kilometer Asphalt. Und da sämtliche Pavé-Abschnitte erst auf der zweiten Tourhälfte kamen, konnte ich regelrecht zuschauen, wie meine Energiereserven abgesogen wurden.
Der goldene „Höhepunkt“ war der Carrefour de l’Arbre. Ein Fünf-Sterne-Klassiker. Dort hatte ich vor Jahren mal als Zuschauer beim Profirennen gestanden. Insofern war es nun besonders aufregend, dort selbst durchzukurbeln. Es ist einer der spektakulärsten Abschnitte von Paris-Roubaix. Überall standen bereits Wohnmobile mit Fans vor allem aus Belgien, die sich für den nächsten Tag beim Profirennen einen guten Platz gesichert hatten. Am Jedermannvergnügen zeigten sie leider nicht allzu viel Interesse. Publikum stand quasi keins an der Piste. Insofern fühlte es sich ein wenig an wie eine Strafarbeit.

Die 2,1 Kilometer über den Carrefour de l’Arbre sind die Hölle. Kein Meter ist auch nur annähernd in einer konstanten geraden Linie zu fahren. Ständig springt der Lenker weg, rutscht einem der Helm in den Nacken, flucht die Psyche über das unerträgliche Geratter. Und der Abschnitt ist lang. Endlos lang. Dabei geht es theoretisch auch leichter. Denn neben der rumpeligen Pavé-Piste verläuft eine schmale Fahrspur auf nacktem Boden, über die sich vergleichsweise einfach rüberrollen lässt. Viele Mitstreiter nutzten die Gelegenheit. Sparten sich die knüppelharten Kopfsteinpflasterqualen und cruisten stattdessen über das schmale Erdband. Ich war versucht, es ihnen nachzutun, ließ es aber schließlich bleiben und kurbelte weiter auf dem Originaltrack. Warum? Ganz einfach: ich war nicht 1.200 Kilometer mit dem Auto angereist um das, was diesen Klassiker auszeichnet, zu schwänzen.

Hinein in den Fünf-Sterne-Rüttelkurs.

Hinein in den Fünf-Sterne-Rüttelkurs.

 

So kann man es natürlich auch machen...

So kann man es natürlich auch machen…

Kaum war der Carrefour de l’Arbre endlich vorbei, ging es weiter. Knapp 500 Asphaltmeter lagen zwischen seinem Ende und dem Beginn des Abschnitts von Gruson, der zu den härtesten der gesamten Strecke zählt. Erst danach war Schluss mit dem Dauerrütteln, ging es im gemütlichen Tempo zurück nach Roubaix, wo dann im Vélodrome tatsächlich eine kleine Zuschauerschar wartete. Und noch eine letzte Herausforderung. Es war mein erster Vélodrome-Auftritt. Insofern war ich wenig vorbereitet, als ich das erste Mal Richtung Steilkurve rollte. Und herrje, sind die steil! Ich hatte keine Ahnung, wie ich die Angelegenheit technisch angehen musste und machte insgesamt wohl einen eher jämmerlichen Eindruck. In der zweiten Kurve war ich dann deutlich mutiger und schoss in hohem Tempo durchs Ziel. Dort gab es eine kleine Plakette für jeden Teilnehmer und spärlichen Beifall.
Ich hatte die Hölle des Nordens überstanden!

Ein Resümee fällt nicht leicht. Abgesehen von den Pavé-Abschnitte war es eine stinknormales Ausfahrt, für die ich niemals eine so weite Anfahrt in Kauf nehmen würde. Und die Attraktionen waren derart anstrengend, dass sie wenig Spaß bereiteten. Und so stand am Ende zwar ein eigentümlicher Stolz, diesen Klassiker bewältigt zu haben, zugleich aber auch die Erkenntnis, dass ein Mythos wohl auch deshalb zum Mythos wird, weil vieles um ihn herum verklärt ist. Und natürlich, dass das Leben „Jenseits der Komfortzone“ irgendwie immer anstrengend ist. Und ganz schön aufregend.

Die erste Hälfte war feucht, windig und ein bisschen langweilig.

Die erste Hälfte war feucht, windig und ein bisschen langweilig.

noch Fragen?

noch Fragen?

Diese Steine stehen bei den Pavé-Abschnitten am Streckenrand.

Diese Steine stehen bei den Pavé-Abschnitten am Streckenrand.

Pavé-Alltag.

Pavé-Alltag.

Die Pausenversorgung war vorzüglich!

Die Pausenversorgung war vorzüglich!

Sieger! (na ja...)

Sieger! (na ja…)

Vor dem Pavé-Gedenkstein.

Vor dem Pavé-Gedenkstein.

Das Vélodrome von Roubaix.

Das Vélodrome von Roubaix.

Der Lohn der Mühe: eine Blechplakette am Bande :-)

Der Lohn der Mühe: eine Blechplakette am Bande 🙂