Etappe 10/Part 1 Im Auge des Nordatlantiktiefs

Manchmal kann man sich getrost dem Schicksal überlassen. Nachdem ich gestern Abend hin und her überlegt hatte, wie die weiteren Reisetage verlaufen sollen und irgendwie keine Lösung fand – mal waren die Etappen zu lang oder zu kurz, mal war die Unterkunftsfrage schwer lösbar – sorgte der morgendliche Blick auf den Wetterbericht für heute für die Lösung. Ab 14 Uhr, so verkündete er, ergiebige Regenfälle und stürmischer Wind aus West. Nicht gerade das Wetter, bei dem man auf dem Rad sitzen möchte, und auch nicht das Wetter, bei dem man in einem ziemlich kleinen Zelt auf einem windumtosten Campingplatz hocken möchte. Da ich zudem das Gefühl hatte, meinem Körper könnte ein freier Nachmittag mal guttun, fiel die Wahl des Tagesziels auf das Örtchen Lanark, so rund 20 Kilometer südlich der Stadtgrenze von Glasgow.

Lanark lag ohnehin fast auf dem Weg und schien mir groß genug, um problemlos ein nettes B&B zu finden, in dem ich den Naturgewalten trotzen konnte. Und so wurden aus den eigentlich vorgesehenen 135 Kilometern lediglich 65, die es dennoch in sich hatten. Denn der Wind zog schon am Morgen an, und unter dem silbergraumelierten Himmel war es mit vielleicht acht Grad ziemlich frisch. Dafür, dass ich vor 36 Stunden noch sonnenbadend in Keswick gefrühstückt hatte war das ein ganz schöner Schocker. Hinzu kam diese endlos öde Piste direkt neben der Autobahn, auf der ich gestern schon unterwegs gewesen war und die immer wieder vom böigen Seitenwind überfallen wurde. Zusätzlich anstrengend wurde es durch den Asphalt, den man vielleicht als „plattgewalzte off-road-Piste“ bezeichnen konnte, keinesfalls jedoch als tempoförderndes Geläuf. Es fühlte sich wirklich an wie auf einer off-road-Piste irgendwo in Afrika, und so wurde ich ordentlich durchgeschüttelt. Der Zustand der Straßen ist hier in Schottland jedenfalls auffällig schlecht, und ich habe schon viele Menschen stöhnen hören, die sich trübe Gedanken über den Gesamtzustand des Königreiches machen. Heute war ein Artikel im „Guardian“, in dem die Generation der 20-jährigen klagte, dass sie quasi nicht mehr bei den Eltern ausziehen können, weil die Mieten durch die aufgeblähte Immobilienblase ins Unermessliche gestiegen sind.

Straßenbelag in Schottland. Auf dem Radweg (links) und der eigentlichen Straße sieht es ziemlich ähnlich aus.

Und geflickt wird dann so: Teer drauf, kurz mal plattkloppen und weiter zum nächsten Loch.

Nach rund 50 Kilometern hatte ich den Abzweig nach Lanark erreicht, wo es zunächst ziemlich bergan ging ehe ich auf einer Straße landete, auf der mich der Westwind mit Freude und rasantem Tempo Richtung Ziel trieb. Zehn Kilometer im Reisetempo von durchschnittlich 50 km/h später landete ich bereits vor den Toren von Lanark und kiebitze bange auf die aus dem Westen kommenden Wolkenungetüme, die den angekündigten ergiebigen Regenfall im Gepäck hatten. Der Rest hätte eigentlich ganz einfach werden sollen – im Tourismusbüro ein paar Infos über Unterkünfte finden und das passende aussuchen -, war es aber nicht. Denn das Tourismusbüro von Lanark hat dicht gemacht, und eine Alternative gibt es nicht. Also musste ich mich durchfragen, nachdem eine kleine Exkursion durchs Zentrum lediglich ein einziges B&B-Schild ergeben hatte, bei dem niemand öffnete.

Mehrere Taxifahrer, zwei knöllchenverteilende Polizisten sowie diverse Kneipenwirte konnten wenig weiterhelfen. Es schien, als sei das Tourismusbüro geschlossen worden, weil es in Perth einfach keine Touristen mehr gibt. Ergo auch keine B&B. Erst in einem Cafe wurde ich fündig. Eine der Bedienungen kümmerte sich ganz rührend um meinen Fall und telefonierte sogar ein bisschen herum. Et voila – plötzlich hatte ich drei Adressen! Wunderbares Schottland!

In einer dieser Adressen residiere ich nun, während das Bike gemeinsam mit dem Campingkram in der Garage das Ende des Sturms abwartet. Denn spätestens als das Tief um 15 Uhr ankam war klar, dass es eine weise Entscheidung gewesen war, die ich dann natürlich mit einem erneuten Besuch in dem wunderbaren Info-Cafe krönte und mir zur Belohnung ein Stück Möhrenkuchen spendierte.

Lanark ist ein bisschen deprimierend. Das liegt sicher auch am trüben Himmel und dem Regen, doch irgendwie wirkt es wie eine vergessene, aufgegebene Stadt. Unablässig quält sich der Autoverkehr durchs Zentrum und staut alles zu, während nicht nur die Touristeninfo zu ist, sondern eine Menge anderer Läden ebenfalls. Dafür gibt es die beliebten „Poundstretcher“ und Co. (also Kategorie „kik“ bzw. 1-Euro-Läden bei uns), sind diverse Häuser mitten im Zentrum schon regelrecht zerfallen. Auch meine B&B-Gastgeberin verlässt nun Lanark – sie sitzt bereits auf gepackten Kartons, und vielleicht war ich ihr letzter Gast im Haus. „Hier wohnt man nur noch“, meinte sie, „das Leben findet in Glasgow statt“.

Wirklich „lustig“ ist die Begegnung mit der schottischen Interpretation der englischen Sprache. Wow! Oder besser: Wuua. Inzwischen habe ich mich ein bisschen eingehört und gluckse schon glücklich auf, wenn ich mal einen ganzen Satz lang jedes einzelne Wort dechiffrieren kann. Aber die Schotten nehmens lustig und grinsen mich immer an, wenn ich um Wiederholung bitte. Wobei sie an ihrer Aussprache dann natürlich kein bisschen ändern und auch genauso schnell sprechen 🙂

Die Wettervorhersage für morgen ist deutlich freundlicher (aber unverändert frisch mit Temperaturen um 10 bis 12 Grad) und so werde ich zunächst den Rest der heutigen Etappe fahren (die nach Dumbarton/Alexandria am Loch Lomond gehen sollte) und dann wohl noch ein kürzeres Stück der darauffolgenden Etappe bis zum Camping in Luss. Ich tauche also ein ins Schottland der Lochs, und ich bin schon ziemlich gespannt wie es dort wohl so aussieht. Und irgendwie rückt dieses Ziel John O’Groats da ganz oben im Nordosten ja auch langsam mal in Sichtweite.

in diesem Sinne, your hardy cyclist, today eher ein „soft cyclist“

Grad eben aufgenommen: das macht Hoffnung!

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Neunte Etappe: Welcome to Scotland

Moffat also. Schon mal von gehört? Ich ehrlich gesagt nicht. Und das ist auch nicht verwunderlich, denn die große Party geht hier nicht ab. Seit Stunden sind die Bügersteige hochgeklappt, hört man nur noch den permanenten Durchgangsverkehr. Gerüchten zufolge soll es hier immerhin einen der größten Süßigkeitenläden des Landes geben – der, den ich fand hatte allerdings schon zu.

Moffat

Nochmal Moffat

Die letzten anderthalb Tage waren ziemlich ungewöhnlich, ihr habt es gemerkt. Reuben, ein Profifotograf, fuhr ab Slaidburn mit dem Auto voraus und machte unterwegs immer wieder Fotos, die dann irgendwann mal im Tour-Magazin erscheinen werden. Eine spannende, aber auch durchaus anstrengende Angelegenheit, denn es brauchte immer wieder genauer Absprachen und diverse Male durfte ich auch 500 Meter zurückfahren, um den Schuß nochmal zu machen. Die Bilder werden sicher grandios sein, und es war auch eine große Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Wie ich ein Freelancer, und da hatten wir schon mal genügend Gespächsstoff über all das, was im Medienbereich grade so abgeht. Aber auch von den Lebensphilosophien waren wir uns sehr ähnlich, und so ergaben sich reichlich spannende Diskussionen und Gespräche, die die Zeit verstreichen ließen.

Reuben and me

Ansonsten hatten es die beiden Etappen von Slaidburn nach Keswick (gestern) und Keswick nach Moffat (heute) ziemlich in sich. Großartige Lanschaften, von denen ich nie geglaubt hätte, sie in England finden zu können, aber auch ein ziemlich herausforderndes Terrain mit jeder Menge Anstiege und rasanter Abfahrten. Dazu kam der Urlaubsverkehr, denn hier war bis gestern verlängertes Wochenende mit dazugehörigem Bombenwetter. Das trübte leider vor allem das Vergnügen Lake Distrikt, den ich ziemlich ernüchternd fand. Unfassbare Autokolonnen wälzten sich durch eine der schönsten Landschaften Englands, und statt gemütlich-entspannter Urlaubsstimmung gab es überall Hektik, Krach und Gestank. Ich hatte ja in einem früheren Beitrag schon mal moralapostelt über unser Verhältnis zum Individualverkehr, muss ich sicher nicht nochmal machen 😉

Was mich wirklich mitreisst ist der unglaublich schnelle Wechsel der Landschaft. Eben noch im saftigsten Grün steht man hinter einem Anstieg plötzlich in einer steppenartigen Mondlandschaft. Dazu kommt diese unglaubliche Geschichtsträchtigkeit fast jedes Baumes, jeder Mauer, jedes Hauses und jedes Straßenschildes. Heute fuhr ich auf der alten Straßen zwischen Keswick nach Carlisle, da brauchte es kaum Fantasie, um sich die Postkutschen vorzustellen, die da vor Ewigkeiten unterwegs waren. Vieles scheint zeitlos, einfach belassen, von der Zeit und den Elementen verwittert, als Zeugnis der Vergangenheit. Und dann natürlich überall diese Schafe. Ich glaube, seit dem Start in Land’s End habe ich keine 20 Kilometer ohne Schafe gesehen. Dass grade klitzekleiner Nachwuchs da ist, der nun wirklich zuckersüß ist, macht es nicht einfacher – ständig stehe ich am Straßenrand und mache Fotos.

So, nun aber zum Radeln. Zwei Etappen mit jeweils um die 112 Kilometer, die mit ihren kernigen Anstiegen ziemlich in die Beine gingen. Heute morgen ging es zunächst auf 300 Meter hinauf (das ist hier hoch), ehe die Straße in wilden Wellen jedes Taleinkerbung mitnahm und mich zurückbrachte in die Achterbahn. Hoch mit 5 km/h, runter mit 65+ km/h, und das im ständigen Wechsel, mindestens zehn Mal auf zehn Kilometern. Man hasst irgendwann jede Abfahrt, weil klar ist, dass es danach gleich wieder brutal steil hochgeht. Da muss auch das Schalten geübt sein, denn allzu viel Zeit zwischen rasanter Talfahrt und abruptem Anstieg bleibt nicht. Mir sprang einmal in der Talsohle die Ketter runter und raubte mit den Schwung, was die Kletterei noch übler machte.

Nach 30 Kilometern war dann Schluss, ging es rasent schnell nach Carlisle runter, nebenbei der nördlichste Ort, in dem ich bislang im UK gewesen war. Als der wilde Stadtverkehr mich wieder ausgeworfen hatte blieb nur noch eine Richtung: Norden. Zwischenzeitlich war es ziemlich (seiten) windig geworden, zogen zudem düstere Wolken auf. Ein Blick aufs Wetterradar machte deutlich: heute wird wohl die Regentaufe kommen. Sie begann exakt in jenem Moment, in dem ich am „Scotland welcomes you“ hielt, um ein Foto zu schießen. Danke, Schottland, das wär nun doch nicht nötig gewesen!

Carlisle

Klare Ansage

Die nächsten zweieinhalb Radelstunden zählen zu den unschönsten, die ich je gefahren bin. Eine pottlangweilige und schnurgerade Straße, die direkt neben der Autobahn nach Glasgow läuft und proppenvoll mit fetten Trucks war. Dazu ein fies rauer Straßenbelag, auf dem das Rad ziemlich holperte und der ziemlich Tempo wegnahm. Na, und dann der Regen. Gosh, hat das gegallert! Dazu plumsten die Temperaturen übel runter und es wurde insgesamt ziemlich unangenehm auf dem Rad. 54 Kilometer standen zu dem Zeitpunkt noch als „Restdistanz“ auf dem Tacho – das las sich unter diesen Umständen erschreckend ernüchternd.

Es war nüchterne, durchaus harte Arbeit. Immerhin traf ich unterwegs auf Luis, einen Schotten, der ebenfalls End to End radelt und mit Jogginghose und Turnschuhen unterwegs war, außerdem konnte ich in einem Örtchen namens Lockerbie, von dem einige sicher schon mal gehört haben, endlich die bislang noch fehlende Bahnpassage für die Rückfahrt nach Inverness buchen.Und machte Bekanntschaft mit der schottischen Interpretation der englischen Sprache. Das jedenfalls wird noch lustig werden!

Nach zweieinhalb Stunden im Dauerregen endlich angekommen

Morgen geht es weiter an den Loch Lomond, wobei ich mitten durch Glasgow kurbeln werde. Für den Nachmittag ist übrigens wieder Regen angesagt. Und abends spielt Celtic gegen Kilmarnock. Mal gucken, wie der Tag so läuft 🙂 Ohnehin kann ich die ganze Sache inzwischen etwas entspannter angehen. Zum einen hatte ich einen Puffertag für Notfälle eingebaut, zum anderen funktioniert die angedachte Rückradelei von John O’Groats nach Inverness zeitlich nicht; muss ich den Zug nehmen. Insgesamt habe ich dadurch zwei Tage „über“, die ich nun je nach Wetter und Ortslage verbraten werde. Die Ankunft in John O’Groats verschiebt sich dadurch auf den 15. Mai, und ich glaube, mein Körper freut sich bereits auf den einen oder anderen weniger intensiven Radeltag – immerhin war heute der neunte Radeltag in Folge, stehen bereits 955 Kilometer auf dem Tacho.

Hier noch die Route für morgen, einmal mitten durch Glasgow an den Loch Lomond. Es lebe der Radsport!

your hardy cyclist

Morgendliches Ritual

Stage 8: Vorläufiger Kurzbericht

Liebe Leute, heute gibt es kein richtiges Update im Blog. Ich bin ja grad mit einem Profifotografen für die „Tour“-Reportage unterwegs, und der Kerl ist dermaßen nett, das ich lieber gemütlich mit ihm im Pub über Gott, die Welt und das Radfahren plaudern möchte statt meinen Kopf in dieses Gerät mit Wischeffekt zu verstecken. Versteht ihr sicher, oder? 🙂

Kurze Zusammenfassung der heutigen achten Etappe: heiß, steil, teilweise sehr stressiger Verkehr (Lake District). Gut angekommen im Zielort Keswick, 841 von 1.560 Kilometern sind im Sack, morgen gehts nach Schottland! Regen für Nachmittag angekündigt…

Etappe 7: from hell to heaven

Die siebte Etappe war die, vor der ich den meisten Respekt hatte. Nicht wegen Steigerungen oder wegen Länge, sondern weil sie mitten durch den Ballungsaum „Greater Manchester“ führte. Wenn ihr auf die Landkarte guckt seht ihr kaum etwas grünes. Nur Straßen, Häuser, Städte. So ein bisschen wie das Ruhrgebiet. Aber so wie im Ruhrgebiet gibt es natürlich auch hier ein paar Schleichwege, die neben der allergrößten Hektik vorbeiführen und zudem ein paar schöne Landschaften zeigen. In dieser Beziehung vertraute ich voll auf den End-to-End-Führer, der mich bislang nur selten im Stich gelassen hat. So auch heute nicht, denn er führte mich wirklich vorzüglich durch den Moloch und ließ mich sogar ein paar grüne Grashalme hier und da entdecken.

Stressig war es trotzdem. Ständig vor roten Ampeln warten, ständig in den Abgaswolken, ständig röhrende Autos links und rechts, ständig auf einen dieser gewaltigen Roundabout einfahren und sich als kleiner Fisch im Aquarum der großen SUVs behaupten. Ich war schon sehr froh, als ich die ersten Erfahrungen hinter mir hatte und ein Gefühl dafür bekam, wie das Abenteuer gut zu überstehen ist. Die größte und wichtigste Unterstützung lieferte natürlich mein Navigationsgerät, ohne dass ich wohl hoffnungslos verloren wäre. Insofern könnt ihr euch meinen Schock vorstellen, als mich plötzlich kurz hinter Warrington auf einer dicht befahrenen zweispurigen Schnellstraße nach etwa 20 Kilometern plötzlich ein blanker Bildschirm anguckte und ich nicht mehr wusste, wo lang. Irgendwann kam eine Parkbucht.Das Gerät fuhr zwar wieder hoch, fand aber keinen Satelliten mehr. Okay, da wurde ich dann doch nervös. Ortswechsel, dachte ich, das könnte helfen. Also fuhr ich erstmal nach Buch, was ziemlich nervig ist, weil man ständig anhalten und nachlesen muss. Nach knapp 10 Kilometern blieb dann die Satellitenverbindung endlich konstant, stürzte das Navi nicht sofort wieder ab, sobald ich die Strecke lud. Und blieb stabil. Uff, war ich erleichtert.

Kurzbesuch bei den Blackburn Rovers

Die Ausfallstraßen wollten gar nicht abreißen, und all die Orte, die ausgeschildert waren gaben ein Zeugnis der englischen Fußballgeschichte ab. Liverpool, Manchester, Wugan, Bolton, Darwen, Blackburn, Accrington, Bury – you name it. Mitten drin dann schlagartig ein Stück Naturwunder: das Dingle Reservoir. Fast unvorstellbar in diesem undendlichen Meer an Häusern, Straßen und Autobahnen. Auch das ist eben England: der Wechsel ist mitunter abrupt. Und dieser war ganz besonders abrupt. Eben noch in Bolton, wo man übrigens zeitgleich den Klassenerhalt in der Championship feierte, dann kurz den Berg hoch, an einem bekannten Pub vorbei und schwupps im Wunderland.

Zugleich hieß dies die Rückkehr der bissigen Steigungen. Auch hier gilt: unter zehn Prozent machen wir keine Steigung. Bei den heutigen Temperaturen, mit 25 Grad gab es einen echten Hochsommertag, eine durchaus schweißtreibende Angelegenheit. Jedenfalls habe ich zum ersten Mal auf dieser Tour so richtig geschwitzt. Das setzte sich dann hinter Blackburn fort. Links ab, hinauf in den Forest of Bowland und hinein in ein weiteres Naturspektakel, das mich vollends mitriss. Liebliche Örtchen mit sonntäglichem Ausflugsverkehr, saftig grüne Wiesen, überall grasende Schafe und auch beachtlich viele Pferde, dazwischen immer wieder größere Höfe – großartig! Mein Durchschnittstempo sank dramatisch ab, weil ich ständig anhalten und weitere Fotos machen musste.Besonders bemerkenswert: die Hecken sind weg, dafür tauchen die Steinmauern auf. Es geht nordwärts! Das hört man übrigens auch am Akzent der Leute, der sich im Gegensatz zu gestern noch einmal dramatisch verändert hat.

Die letzten 20 Kilometer waren herausfordernd. Hoch und runter, wie in Cornwall, steil auf beiden Seiten, eine heiße Nachmittagssonne und eine aufgrund des langsamen Reisetempos nur langsam fallende Zahl der noch zu bewältigenden Kilometer. Acht Kilometer vor dem Ziel kam noch mal ein richtiger Scharfrichter. Bestimmt zwei Kilometer zwischen 12 und 18 Prozent – das war echte Schwerstarbeit mit dem ganzen Gepäck. Ich bin echt gespannt, wie sich das Fahren in der Heimat nfühlt, wenn ich mal wieder ohne Gepäck unterwegs sein werde. Das eine oder andere Kraftkörnchen dürfte ich von hier wohl mitbringen.

Slaidburn ist am Arsch der Welt. Hier gibt es noch nicht mal Telefonempfang. Ausnahmsweise bin ich in einer Jugendherberge, weil Unterkünfte hier rar sind. Internet kennt man dort noch nicht, und mein Zimmernachbar ist spezialisiert auf Farmhäuser aus dem 16 Jahrhundert nach schnarcht hoffentlich nicht. Wish me luck!

Morgen steht das nächste Highlight an. Der Lake Distrikt. 111 Kilometer durch eine der touritisch aktivsten Regionen Englands. Und ich bin diesmal nicht alleine untwegs. Reuben, ein Profifotograf aus Schottland, begleitet mich die nächsten zweieinhalb Tage um Fotos für die Reportage im „Tour“-Magazin zu machen. Wird eine ganz neue Erfahrung sein, immer wieder „erwartet“ zu werden und zudem nicht mehr alleine zu radeln. Wir haben aber unsere ersten Pints schon intus und funken ziemlich auf einer Wellenlänge, es wird also gut werden.Soviel für den Moment, wie immer gäbe es so viel mehr zu erzählen (z.B. aus Blackburn mit seiner ethnischn Mischung), aber das gibt es dann später im Buch und im Vortrag. Ich verschwinde jetzt gleich in der Koje und finde heraus, ob der Farmhausspezialist ein ruhiger Nachgenosse ist.

Habt einen guten Wochenstart, hier ist morgen Feiertag mit viel Sonnenschein.

Your hardy cyclist

Hier noch die Strecke für morgen: https://connect.garmin.com/modern/course/17839453

Stage 6: Im Land der wunderbaren Leute

Was für ein großartiger Radeltag. Herrlichstes Wetter mit heimeligem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen, eine tiefenentspannte Landschaft und gleich ein ganzer Haufen großartiger Menschen, die mir den Tag versüßten und verzuckerten. England/Wales at its best!

Das ging schon heute morgen los als meine Nachbarn auf dem Zeltplatz sofort erkannten, wonach mir war: heißem Kaffee. Noch nicht ausgesprochen stand er schwupps schon vor mir! Begleitet von einem strahlenden Lächeln und einer Einladung zu bacon and sausages, die ich freilich wegen des allzu ausgeprägten Fleischgehalts ablehnen musste. Gemütlich war unsere kleine Frühstücksrunde trotzdem, zumal die Sonne langsam am Horizont hochkletterte und der ganze Camping um kurz vor sieben bereits im wärmenden Sonnenlicht gebadet war. Punkt 9 saß ich auf dem Bike, ein bisschen mit Respekt vor den 123 Tageskilometern und den gestern doch etwas müden und unwilligen Beinen.

Und raste ins Tal der wunderbaren Leute. Ein Kurzstopp bei einem dieser wunderbaren Community-Läden, die von Ehrenamtlern geführt werden und die Versorgung im ländlichen Raum aufrecht erhalten, führte mich zu Norman, der mit 74 Jahren voller Lust und Freude den kleinen Laden betreut. Und mit dem ich sicher Stunden über Land, Leute, Deutschland, England hätte quasseln können – wenn ich nicht kaum 3 Kilometer von den 123 erst hinter mich gebracht hätte. Und ich hatte ja ein Zwischenziel, ein wichtiges zudem: Shrewsbury, Bike Shop, Fahrradschloss – you’ll remember from yesterday. Ein bisschen Eile war geboten, denn ich hatte keine Ahnung, wann ein Fahrradladen hierzulande an einem Samstag so zumacht. Sicher ist, dass er Sonntags zuhat und diesmal auch am Montag, denn der ist hier Feiertag. Also ein bisschen aufs Tempo gedrückt, mich in der Ortschaft Hope nicht vom „kill your speed“ abschrecken lassen und bis Shrewsbury ein Durchschnittstempo von etwas mehr als 25 km/h auf die Uhr gedrückt – Rekord auf der bisherigen Tour.

There is always … ! (zugleich findet man die Wörter „hope“ und „kill“ eher selten in so enger Verbindung)

Der Laden war rasch gefunden und es war ein weiterer Glücksgriff. Bestens sortiert und mit überaus hilfsbereitem und motivierten Personal versehen. Kaum hatte ich mein Mißgeschick geschildert wurde ich angewiesen, mir ein neues Schloss auszusuchen und ansonsten entspannt Platz zu nehmen. Um den Rest (= das alte Schloss vom Gepäckträger abbekommen) würde man sich kümmern. Zehn Minuten später stand der vom nutzlosen Schloss befreite Crosser wieder vor mir, erhielt ich die frohe Botschaft, dass man gleich mal die Bremsen neu justiert (die steilen Abfahren in Cornwall haben Gummi gefressen) und den Luftdruck geprüft habe. Bezahlen musste ich nur das Schloss, der Rest sei doch selbstverständlich

Beschwingt flog ich weiter durch das sonnengeflutete, samstagmittägliche Shrewsbury, das ich von einem früheren Besuch schon angenehm in Einnerung hatte und das ich diesmal ausgesprochen einladend empfand. Wenn ihr mal hier seid fahrt vorbei – ist übrigens die Geburtsstadt von einem gewissen Charles Darwin! Dem lokalen Fußballklub Shrewsbury Town, 2007 Gegner meiner Bristol Rovers im League-1-Play-off (Rovers gewannen), drücke ich in der aktuellen Aufstiegsrunde zur Championship gerne und mit Überzeugung die Daumen.

Danach war der Zeitdruck weg und ich konnte gemütlich durch ein wirklich tiefenentspanntes Hinterland fliegen. Ja, fliegen, denn heute flogen die Kilometer nur so vorbei. Den Durchschnitt von 25 km/h konnte ich ohne große Mühe bis ins Ziel halten, und die durchstreifte Landschaft überzeugte wahrlich durch Ruhe, Gelassenheit und Unaufgeregtheit. Einziges Ärgernis waren die mitunter doch gewaltigen Löcher in der Asphaltdecke. Eigentlich muss man hier fast überall aufpassen, denn die sind schon mal so groß und tief, wie ich es noch aus Afrika kenne. Da mit hohem Tempo reinzurauschen dürfte der Tod eines jeden Fahrradrahmens sein.

Ein kleiner Zwischenstop bei einem Coop irgendwo im Nirgendwo und einer sich daran anschließenden Pause auf dem Fußboden an einer Seitenwand brachte mich in Kontakt mit einer älteren Dame, die sich sehr lobend über das Wetter äußerte und alles über meine Radtour wissen wollte. Sehr wohlwollend, sehr respektvoll, sehr britisch. Anschließend ging es im Zickzack zwischen Wales und England weiter Richtung Chester, wo der Verkehr dann deutlich zunahm und mir einen kleinen Vorgeschmack auf morgen gab, wenn ich durch diesen Riesenballungsraum Greater Manchester muss. Immerhin ist Sonntag, da dürften zumindest die fetten Laster fehlen.

Auf dem Camping in Mouldsworth ging das Bad in der Menge weiter. Kein Strom zum aufladen des Navi – kein Problem sagte der Besitzer und marschierte bittend zu einem Stammgast, von der ich zudem a nice mug of tea bekam. Der Hammer dann eben, kurz bevor ich Richtung Pub aufbrach. Meine Nachbarn kamen zurück. Düsterer Manchester-Slang, er komplett tätowiert, Frau und Tocher in pinkigen Klamotten und dem hier leider sehr üblichen ungesunden Körperumfang. Echte Engländer also! Und unsagbar freundlich. Kurzer Schnack über meine Tour, fette Bewunderung der bisherigen Leistung, kleine Radkontrolle vom durchaus radaffinen Familienvater. Und dann brach die Welle der Hilfsbereitschaft los. „Soll ich Deine Wäsche im Wohnwagen trocknen?“ (die Restsonne reichte nicht mehr). Ja, gerne! Weiter ging es: „Wir haben noch extra Bettzeug, das bekommst Du für die Nacht“. Und schon standen Tochter und Mutter mit kompletter Bettgarniert in Minion-Bezug vor mir und grinsten mich an. Ich KONNTE gar nicht nein sagen, und freue mich jetzt auf eine gemütliche Nacht in echtem Bettzeug. Sie wollten mich sogar zum Pub fahren, das hab ich dann aber abgelehnt, die etwa anderthab Kilometer tun den Beinen dann doch ganz gut. Für morgen früh hab ich aber schon ne Verabredung zum Kaffee. „Just knock on the door when you’re up“.

An den Menschen merkt man, dass ich dem Norden langsam näherkomme (gosh, I’m close to Manchester!). Die Sprache hat sich geändert, der Umgang ist rauer und freundlicher zugleich. Ein bisschen wie in meinem geliebten Ruhrgebiet. England ist hier weniger „posh“ als unten im Süden, weniger aufgesetzt, weniger „showing off“. Irgendwie ehrlicher. Da freue ich mich doch sehr auf morgen, wenn es u.a. nach Blackburn und damit tief in die hiesige Industriegeschichte geht. Und das am 200. von Karl Marx!

Den Spielplan für morgen (Ziel ist das 111 Kilometer entfernte Slaidburn) gibt es hier.

Alsdann, see you tomorrow!

P.S.: Es gibt, wie schon mal gesagt, reichlich Fotos zu allem (Norman, die Leute im Bikeladen, die Nachbarn mit der Minion-Bettwäsche) – aber eben auf der „richtigen“ Kamera, deren Bilder ich mit dem Handy nicht in den Blog kriege (sie sind schlicht zu groß). Was hier an Bildern auftaucht mache ich im Laufe des Tages nebenbei mit dem Handy nur für euch 😉

Stage 5: Aston ohne Villa

Vom ersten Tag an störte mich ein Detail an meinem Trip: mein Fahrradschlüssel. Ein winziges Teil, das ich an einem der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände befestigt hatte, die ich dabei habe: den Bierflaschenöffner. Das machte ihn kaum größer, und eigentlich hatte ich vom ersten Tag an Schiss, dass ich ihn irgendwann verlieren würde – obwohl er, wie alles, sofort seinen festen Platz zugewiesen bekam. Nun ist es passiert. Als ich eben auf dem Weg zum Pub abschließen wollte war er nicht, wo er sein sollte. Und das blöde: ich habe keine Ahnung, ob ich ihn heute morgen in Monmouth nicht eingesteckt habe oder ob er hier vor Ort irgendwie aus der Tasche gefallen sein könnte. Weg ist er jedenfalls, und irgendwie habe ich durchaus Glück im Unglück, denn zum einen ist der Camping hier ziemlich cool und damit sicher für ein Bike auch ohne Schloss, zum anderen pedaliere ich morgen in Shrewsbury direkt an einem Fahrradgeschäft vorbei, wie die Internetrecherche ergab. Nur das mit dem süßen kleinen und superleichten Flaschenöffner muss ich dann wohl noch irgendwie lösen.

Diese Zeilen entstehen übrigens in Aston-on-Clun, also quasi Aston ohne Villa; jedenfalls gibt es hier keine Villa. Wer das nun nicht versteht bitte den Fußballfan im Umfeld um Aufklärung bitten 😉 Das kleine Örtchen liegt etwa auf Höhe Birmingham in Shropshire, mitten in einer zauberhaft grün-gelben und von Landwirtschaft geprägter Landschaft, die mal wieder ziemlich wellig daherkommt. Jedenfalls spulten die Höhenmeter erneut in rasantem Tempo ab, ging es am morgen aus Monmouth in rasanter Neigung erst kurz runter und dann lange hoch, ehe die Wellen etwas flacher aber dafür zahlreicher wurden. „Rolling hills“ haben wir in Afrika dazu gesagt. Da können auch 82 Kilometer ganz schön lang werden.

Mit 40 runter mit 4 wieder hoch…

Höhepunkte?

Eher wenige. Die Landschaft kam ausgesprochen gemütsberuhigend daher und brillierte an vielen Stellen in rapsgelb, was auch den dominierenden Geruch ausmachte. Nun, das kenne ich zwar auch von Südniedersachsen in dieser Zeit, schön aussehen tut es natürlich trotzdem. Die Beine waren heute ganz schön schwer, und das Gepäck muss irgendwie über Nacht an Gewicht zugenommen haben, obwohl es theoretisch ja leichter sein müsste, weil doch Duschgel und Zahnpastatube nicht mehr so gefüllt sind wie am ersten Tag. Ich war doch ziemlich froh, mit 82 Kilometern einen recht kurzen Tag zu haben und kam auch schon um 14 Uhr auf dem Camping an. Dass kurz danach die Sonne rauskam, nachdem es unterwegs ziemlich grau war, passte natürlich perfekt und trug erheblich zur Erholung bei. Ob es was gebracht hat werde ich morgen sehen.

Ziemlich nervig einmal mehr die größeren Orte. Heute: Hereford. Wahrlich keine Weltstadt, und doch vom Ortseingang bis zum Ausgang komplett zugestaut. Und mit so engen Aus- bzw. Einfallstraße, dass ich am Stau nicht vorbeikam. Doch irgendwie war mir nicht nach Stop-and-go im Abgashimmel, also düste ich über den ohnehin quasi unbenutzten Fußweg und war vermutlich schon wieder draußen, als jene Autos, die mit mir reingefahren waren, noch nicht einmal das Stadtzentrum erreicht hatten. Ätschibätsch!

Post office entlang der Strecke

Die Quittung kam ein paar Meilen später. „Straße gesperrt“ hieß es auf der ausgewählten Route. Ein bisschen Rumfragerei verriet mir, dass die Baustelle erst nach über zehn Kilometer kommt und ein Blick auf die Karte versprach reichlich Möglichkeiten, eine eventuell auch für Radler geltende Sperre zu umfahren. Also rein in den durch die Straßensperrung ziemlich autofreien Spass! Und das Risiko zahlte sich aus. Als ich am Baustellenanfang ankam, stand da ein ziemlich entspannter Bauarbeiter und meinte nur „no problem, just watch the lorrys“. Und schon stand ich mitten auf einer halbaufgerissenen Straße, warnte mich ein anderer Baurabeiter, auf keinen Fall auf den frischen Asphalt zu fahren (your tires will blow right away), gab es viel freundliches Gejohle. Nach knapp acht Meilen spuckte mich die Straßensperre wieder aus und es ging störungsfrei bis zum Ende.

Ansonsten ist Großbritannien grade ganz aufgeregt. Denn sie kommt wohl tatsächlich, die „Heathwave“, von der ich gestern sprach. Heute Nachmittag spürte man schon ein bisschen davon, und Sonntag sowie Montag (hier ein Feiertag) soll es richtig heiß werden. Also für britische Verhältnisse, was so um die 25 Grad bedeutet. Perfekt für’s radeln, und ich hoffe, dass meine Sonnenkollektoren auf dem Rücken dann auch endlich anspringen und mich mit frischer Energie versorgen. Bislang bin ich auf den fünf Etappen maximal zwei Stunden „oben kurz“ gefahren und musste immer gleich wieder nach den Armlingen greifen. Sich die bisherigen Etappen bei Dauerregen und kühlem Wind vorzustellen ist eine entsprechend ernüchternde Vorstellung, und ich glaube, End-to-Ender die so ein Wetter erwischen brauchen deutlich mehr Willenskraft und Energie, um das zu packen. Insofern bin ich recht dankbar, die Regensachen für die nächsten Tage ganz nach unten packen zu können.

Lustig immer wieder die wunderbaren Gespräche mit den Einheimischen, zumal ich mit meinem leider starken Akzent immer sofort als Nicht-Brite auffallen. Eine wunderbare Mischung aus Respekt und „are you crazy?“, bei dem immer auch rauszuhören ist, dass sie stolz sind auf ihr Land und sich freuen, dass da jemand aus Germany kommt, um es zu durchradeln. Reisen ist eben immer noch die beste Art der Völkerverständigung und wischt, wenn man es mit offenen Augen und Herzen tut, so ziemlich jedes Vorurteil weg. Und die, die dann noch bleiben, sind meistens recht süß – hier im Pub ist jedenfalls ziemlich was los und jeder labert einfach los. Ach England, my England!

Morgen steht ein langer Tag mit 123 Kilometern an, geht es an den Rand des Großraums Liverpool/Manchester, den ich dann am Sonntag durchkurbeln werde. Danach bin ich schon im Norden. Unfassbar, ich bin doch grade erst losgefahren… Anyway, wer morgen wieder mitfahren möchte, hier ist die Route. Der Radladen in Shrewsbury liegt übrigens bei der Beule oben direkt am Fluss. Bin gespannt, ob ich ihn finde.

Alsdann, genießt die eigene Wärmewelle, die ja wohl viele von euch erwartet und stay tuned to your hardy cyclist!

A campsite with a view

Vierte Etappe: In another Land

Auf dem End-to-End-Guide, der mir eine wertvolle Hilfe ist, wird als erster Ort nach Land’s End Monmouth angegeben. Das liegt in Wales, etwa 420 Kilometer nördlich vom Startpunkt. Und genau da bin ich nun, womit bereits ein Viertel des Gesamtstrecke im Sack ist. Läuft also!

Heute lief es allerdings zunächst ziemlich zähflüssig. Aus Glastonbury raus merkte ich schnell, dass ich die falsche Strecke nach Wells ins Navi eingegeben hatte und nun vor der Wahl stand, mich entweder auf der abgasverpesteten A39 durchzukämpfen oder nach Gefühl über kleine Nebenstraßen zu fahren. Natürlich habe ich mich auf das Gefühl verlassen und musste es auch nicht bereuen, denn es war eine wunderbar grüne Somerset-Landschaft mit allerlei bunter Beigabe in Form von Kühen, Schafen und anderen Lebewesen. Die Navigation kostete allerdings durchaus ihre Zeit.

Wegweiser auf der Old Wells Road

In Wells gings auf die großartige Old Bristol Road (statt der nun noch dichter befahrenen A39, die ich ohnehin oft genug mit dem Auto gefahren bin), und schon war ich zurück im England der Nebenstraßen. Und der bissigen Anstiege. 22 Prozent hatte ich irgendwann auf dem Tacho stehen. 22%! Für einen echter Stimmungskiller sorgte dann ein Paketzustellerauto. Das kam mir in Höllentempo entgegen und mangelte direkt vor meinen Augen einen aus dem Gebüsch kommenden Fasan um. Ich war fassungslos. Über das Tempo, über die Rücksichtslosigkeit. Denn er hätte nur mal kurz auf die Bremse treten müssen, dann wäre der Fasan auf der anderen Seite verschwunden. Und er hatte wahrlich genug Zeit gehabt, denn die Situation war gut einsehbar.

Irgendwie brachte mich das zum Nachdenken, denn eins hat sich auf den ersten vier Etappentagen immer stärker für mich herauskristallisiert: Individualverkehr ist ein Luxus, für den wir einen hohen Preis zahlen. Hier sind wirklich überall Autos, selbst auf den winzigsten Straßen. Und reichlich Paketzusteller. Auch England lässt sich ja gerne von der Internetmoderne verwöhnen. Irgendwie entkommen wir uns wohl selbst nicht mehr.

Auf dem Fahrrad stresst der Autoverkehr ziemlich, zumal die Straßen hier sehr eng sind und eigentlich niemand Geduld hat. Keine Sorge, ich spiele jetzt nicht den Moralapostel, zumal ich ja selbst ein Auto habe und auf dem Land wohne, aber dieser Lebensstil, den wir führen, der kommt nicht umsonst. Und das wird mir hier ziemlich deutlich. Dazu passt die Meldung von gestern, dass wir in Deutschland die Ressorcen des gesamten Jahres schon verbraucht haben. Am 2. Mai! – ich erinnere mich, dass das vor nicht allzu langer Zeit immer erst im August passierte. Okay, das war nun wirklich moralapostelig. Sorry! 🙂

Approaching Bristol!

Also zurück aufs Bike. Nach einer Stunde Fahrtzeit hatte ich erst schlappe 16 Kilometer auf der Uhr, dafür aber mal wieder Höhenmeter ohne Ende gesammelt. Immerhin: so viele kamen bis zum Ziel in Monmouth nicht mehr dazu. Dafür stand Bristol an. Und damit innerstädtische Hektik und reichlich Orientierungsherausforderungen. Nach ein paar Fehlversuchen landete ich schließlich auf der richtigen Route und kurbelte im Severn-Tal Richtung Norden. Es gab sogar ne Radspur, was angesichts des massiven LKW-Verkehrs ne durchaus nette Sache war. Kurzer Stopp am Ground des Bristol Manors Farm FC und schon war ich in Avonmouth und damit mitten im Chaos des dortigen Ölhafens. Ziel war die Severn Bridge rüber nach Wales (die alte, falls jemand die Gegend kennt), und da wollten neben mir hunderte von Lastern rüber. Heute hatte ich es echt mit dem Verkehr…

Kaum zu erkennen: die Severn-Bridge zwischen Avonmouth (England) und Chepstow (Wales)

Auch auf der Brücke gibt es übrigens einen Radweg. Zudem blies ein ziemlich kräftiger Seitenwind, so dass die knapp zwei Kilometer ne echt wackelige Angelegenheit waren. Und dann: Wales! Zweisprachig, satt grün, urgemütlich. Ein Land, in das ich mich vor Ewigkeiten verliebte und so manchen Regenschauer erlebte. Heute nicht! Heute lachte die Sonne, auch wenn sie sich immer mal wieder hinter Wolken vesteckte. Überhaupt bin ich wettermäßig bislang ganz gut bedient worden. Zwar immer noch ziemlich frisch (10 bis 12 Grad) und meistens windig (immerhin aus West oder Südwest), dafür aber trocken. Und es soll noch besser kommen, denn die hiesige Zeitung mit den großen Buchstaben und den üblen Storys schlagzeilte heute von einer bevorstehenden „Heath Wave“. Zumindest bis zum Wochenende sollte ich also ganz gut unterwegs sein und es wird auch endlich wärmer.

Tintern in Wales

Typisches Bild für das Wye-Tal.

Wales ist echt Granate! Wer grüne, verträumte Landschaften mag ist hier so was von richtig! Entlang des Flusses Wye kurbelte ich Richtung Monmouth, kam an der uralten Abbey von Tintern vorbei, musste alle fünf Minuten anhalten und den Fotoapparat zücken, weil es einfach zu schön war. Meinem Reisetempo bekam das natürlich nicht sonderlich, doch das war mir ziemlich egal. Unterwegs traf ich dann auch noch einen weiteren End-to-Ender, der mir gestern schon mal kurz begegnet war (nicht David, der dürfte mit seinem Tempo noch ziemlich weit unten sein) und der eine fast ähnliche Route fährt. Schon schön! Ebenso übrigens wie der Respekt, den die meisten Leute einem End-to-Ender entgegenbringen. Da war es jedenfalls eine gute Idee, das Trikot anfertigen zu lassen, denn das ist eigentlich bei jedem kleineren Einkauf entlang der Route Anlass für einen kleinen Schnack. „I couldn’t do that“, kommt meistens als Reaktion zurück. und natürlich „good luck“.

Nun also Monmouth, wo ich dann im Zockeltempo doch irgendwann ankam und zudem einen ganz zauberhaften Camoing direkt im Stadtzentrum fand. Mein Platz kommt sogar mit einer Sitzhütte daher! Und wieder hatte ich Glück, denn ab morgen ist hier überall die Hölle los, wäre es wohl aussichtslos gewesen mit einem Schlafplatz. Morgen beginnt nämlich das Wye-Festival mit Musik, Tanz und was-weiß-ich-noch-alles. Zwei Wochen Party in allen Orten entlang des Flusses. Hätte schon Lust, noch ein bisschen hierzubleiben. Stattdessen habe auf der kürzesten Etappe der ganzen Tour lediglich82 Kilometer vor mir – zudem überwiegend flach. Das kommt allerdings ganz gut, denn Hintern und Beine haben ganz schön gelitten in den letzten Tagen. Wer „mitfahren“ will wird hier (https://connect.garmin.com/modern/course/embed/16996086„) bedient.

Und damit Schluss für heute, denn im Pub, in dem ich grade ein gemütliches Bierchen genieße, hat grade ein „Quiz“ begonnen, und das ist nun wieder so herrlich englisch, dass ich das miterleben will. Es sind sicher 40 Leute da, die alle Klammerbrettchen mit Fragen bekommen habe. Dazu gibt es einen Anleiter, der mit Mikro Erläuterungen zu Fragen und Antworten gibt. Zwei Beispiele? „What is the currency of Switzerland?“ oder „Which band founded Mark Knopfler?“ Irgendwie ist sich Großbritannien doch ein bisschen sich selbst treu geblieben.

All the best, your hardy cyclist

Was ist denn ne „Wikipedia Town“?

Zeltplatz mit Shed 🙂

Zweisprachiges Wales