Friedensnobelpreis geht nach Afrika

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Der diesjährige Friedensnobelpreis geht nach Afrika, was ich für eine großartige Entscheidung halte. Äthiopien hat unter Ministerpräsident Abiy Ahmed eine gute Entwicklung genommen, die Hoffnung macht. Für den gesamten Kontinent.

Zugleich erinnert mich die Entscheidung an die Tour d’Afrique 2011, die auch durch Äthiopien führte. Wir haben das Land damals als bizarre Mischung aus wunderbar und schrecklich empfunden. Oder wie man es auch sagen kann: Äthiopien ist ein südsaures Radreiseland.

Nachstehend ein Auszug aus meinem Buch über die Tour, das zwar längst vergriffen ist, von dem ich aber noch ein paar Exemplare am Lager habe. Wer ein Exemplar haben möchte (15 Euro) wird hier fündig.

27. Tag, 22. Etappe. 10. Februar. Metema – Bush Camp. 95 Kilometer

Als ich am nächsten Morgen erwache, halten mich Müdigkeit und Erschöpfung im Schlafsack fest. Es kostet unendlich viel Mühe, mein Zelt abzubauen. Der siebte Fahrtag in Folge. Seele, Kopf und Körper schreien nach Pause. Es stehen zwar nur übersichtliche 95 Kilometer an, die ziehen sich jedoch über 1.000 Höhenmeter. Schon im ersten Dorf finden zudem meine Vorurteile neue Nahrung. Ich bin Schlusslicht einer Gruppe aus fünf Fahrern, als plötzlich ein Hund aus einem Hauseingang rast und mich kläffend verfolgt. Kaum habe ich ihn abgehängt, radelt mir ein Einheimischer mit provozierendem Grinsen auf der falschen Straßenseite entgegen und bespuckt mich. Von überall brüllen Kinder, fliegen Steine, müssen wir Ziegen und Hunden ausweichen. Als endlich die Dorfgrenze erreicht ist, gucken wir uns sprachlos an. „Mein Gott, was war das denn?“, stöhnt ein Mitradler. „Welcome to Ethiopia“, gebe ich bissig zurück.

Mit angespannten Schultern radel ich weiter, zucke an jeder Ortsgrenze zusammen. Überall dasselbe: Kinder paradieren „you, you“, Steine fliegen, Ziegen und Hunde stolpern über die Straße, Erwachsene senden Wut und Abneigung aus. In Koki, einer staubigen Kleinstadt, tobt das Chaos. Ich muss höllisch aufpassen, nicht überfahren oder von einem Tier umgerannt zu werden. Stinkende Busse und LKW rumpeln rücksichtslos über die Straße. Die fremde und ungastliche Welt setzt mir zu. Völlig damit beschäftigt, in dem ganzen Wirrwarr nicht vom Rad geholt zu werden, bleiben mir keinerlei Konzentrationsreserven, um das um mich herum tosende Leben zu durchschauen. Oder gar zu verstehen. Genervt kurble ich zum Ortsausgang, wo der Verkehr endlich etwas nachlässt.

Als es in den ersten Anstieg geht, ist der Zugang zu meinen Kraftdepots versperrt. Ich bin viel zu überdreht und gereizt, um die Aufgabe entspannt und ökonomisch anzugehen. Erst als ich anhalte, mir ein Power-Riegel die Energiespeicher füllt und eine Atemübung den Puls beruhigt, geht es besser. Die Furcht vor Dorfdurchquerungen bleibt zwar, aber immerhin finde ich meinen Rhythmus und pedale entschlossen bis zum Lunchstopp bei Kilometer 60.

Dort hockt eine größere Gruppe Racer, von denen einige sehr mitgenommen aussehen. „Seit zwei Tagen habe ich Durchfall, kann nichts essen“, erzählt mir Scott, der trotzdem weiterfährt. „Ich will den EFI nicht verlieren.“ Noch schlimmer ergeht es Peter, dem fidelen Morgensänger aus Südafrika. Er ist ungewöhnlich wortkarg und sieht ziemlich gezeichnet aus. „Durchfall“ – auch er. „Es geht wohl ein Virus rum“, informiert mich Medizinmann Mathias. „Wir haben im Moment sieben bis acht Fahrer mit Durchfall.“

Nach dem Lunch werden die Rampen allmählich steiler. Vorher ging es selten mal mit mehr als drei Prozent hinauf. Nun stemmt sich uns die Straße auch schon mal mit zehn Prozent entgegen. Und wie angekündigt geht es pausenlos hoch und runter. Dafür ist die Gegend traumhaft schön. Sie erinnert mich an mein Lieblingstrainingslager am Mont Ventoux in Frankreich. Grüne Hügel, riesige Bäume, Sandsteinfelsen und schroffe Bergketten begleiten uns auf unserem Weg Richtung Osten. Die Straße ist für äthiopische Verhältnisse regelrecht einsam. Nur gelegentlich kommen uns Trucks oder Busse entgegen. 20 Kilometer vor dem Ziel erreiche ich das Örtchen Nagara Chehib und stoppe für eine Cola. Setze mich zu einer Gruppe von Fahrern, die umrundet ist von neugierigen Kindern. Die meisten von ihnen sind in Lumpen gekleidet. Wenige tragen Schuhe. Einige haben von Fliegen überhäufte Wunden im Gesicht, blicken uns aus traurigen Augen an. Wir erzählen ein wenig von unserem Abenteuer, zeigen ihnen unsere Räder und brechen wieder auf.

Unmittelbar hinter dem Ortsausgang schraubt sich die Straße in steilen Serpentinen gen Himmel. Die brennende Sonne im Rücken schnaufe ich wie in Zeitlupe hinauf. Meine Kraftreserven sind längst aufgebraucht. Ich will nur noch ins Camp, in den Schatten, mich ausruhen. Drei weitere Anstiege folgen, dann habe ich es endlich geschafft. Doch das Camp ist eine Katastrophe. Direkt an einem Ortsrand gelegen, ist es umlagert von Kindern und Erwachsenen. Mit einem Seil wurde ein Areal abgesteckt, auf dem wir unsere Zelte aufschlagen können. Das unebene Feld ist übersät mit Kuhfladen. Überall droht dorniges Gebüsch den zarten Zelthäuten, und der Boden ist knochenhart. Dicht an dicht kauern sich die Zelte, ist es schwierig, einen Weg durch das Gewirr von Spannseilen und den herumliegenden Fahrrädern zu finden.

Über allem brennt eine unbarmherzige Sonne. Der einzige Schattenplatz unter der LKW-Plane ist überfüllt. Neben Radfahrern hockt dort auch eine Gruppe junger Frauen aus dem Dorf, die über mit Getränken gefüllten Wassereimer herrschen. Für zehn Birr nehme ich ihnen eine lauwarme Cola ab und lasse mich auf einen Schemel fallen. Doch Entspannung ist nicht zu finden. Neben uns werden Kühe mit Stroh versorgt. Feiner Strohstaub weht hinüber und bringt uns zum Niesen. Genervt ziehe ich weiter. Kaum habe ich einen schattigen Platz unter einem Baum gefunden, bin ich umringt von Kindern, die mich mit ihrem dumpfen „you, you“-Chor zum Wahnsinn treiben. Geschlagen kehre ich zum LKW zurück, schlucke lieber wieder Strohstaub.

Meine Stimmung nähert sich unaufhaltsam dem Nullpunkt. Stumpf starre ich vor mich hin, kann die Heldengeschichten meiner Mitradler plötzlich nicht mehr ertragen. Vor allem unter den Racern geht es häufig nur um die gerade beendete oder die bevorstehende Etappe. Andere Themen haben keine Chance. Schlagartig fühle ich mich einsam, gleite in einen tristen Tümpel aus klebrigem Weltschmerz. Und es kommt noch dicker. Vor dem Abendessen verrät Tour-Leiterin Sharita, dass „einer der härtesten Tage der gesamten Tour auf Euch wartet“. Erschüttert höre ich, dass auf dem Weg in die alte Königsstadt Gondar über 2.500 Höhenmeter auf uns warten. „Und die Kinder unterwegs sind schrecklich. Bereitet Euch auf Steinwürfe vor. Manche sind sogar mit Peitschen unterwegs. Ach ja, und es Mando-Day.“ Pflichttag für Rennfahrer.

Ich bin fassungslos. Sieben Tage kurbeln wir nun schon ohne Unterlass unter extremen Bedingungen. Alle sind am Limit, viele krank. Und jetzt kommt noch ein extra schwerer Mando-Day, 2.500 Höhenmeter auf 107 Kilometern, zwei schwere Anstiege. Zuviel für mich. Ich kann regelrecht zuschauen, wie ich innerlich zusammenbreche. Suche Trost bei Dennis und Horst, die mich jedoch achselzuckend zurecht stauchen. „Was hast Du erwartet“, blafft Dennis, als ich schimpfe, das Programm sei unverantwortlich, „eine Fahrt entlang der Mosel?“ Feindselig stiere ich ihn an, verschwinde zeternd in meinem Zelt, schimpfe in mein Tagebuch „die spinnen doch, wie soll man das denn schaffen, acht Tage hintereinander und dann so ein Abschluss.“

28. Tag, 23. Etappe. 11. Februar. Bush Camp – Gondar. 107 Kilometer

Sorge soll ja auf den Magen schlagen. Und ob es nun meine angeschlagene Psyche oder mein geschundener Körper ist – plötzlich explodieren meine Eingeweide. Ich schaffe es gerade noch aus dem Zelt und entleere mich unter einem Baum. So geht es die ganze Nacht. Fünfmal muss ich raus. Am Ende kommt nur noch Wasser. Völlig erledigt schleppe ich mich am Morgen zu unseren medizinischen Begleitern. Als Mathias mich sieht, will er mich gleich an einen Tropf anschließen. Ich winke ab, kriege irgendwelche Pillen und ein Beutelchen mit Dehydrationspulver, das ich vor seinen Augen einnehmen muss. Anschließend stopfe ich ein paar Löffel Müsli in mich rein, baue schweißgebadet mein Zelt ab. Propfe alles in mein Schließfach, gebe mein Rad bei der Tourleitung ab und klettre auf den Truck. Der ist schon voll mit weiteren Fahrern. Acht sind wir insgesamt, und den meisten geht es ähnlich wie mir. Der Virus erobert das Fahrerfeld. Nun hat er auch mich eingefangen.

Während ich stöhnend auf dem LKW verschwinde, sind andere Teilnehmer deutlich härter gegen sich und ihre Körper. Peter Lamond hat eine ähnliche Nacht wie ich hinter sich. Bisweilen haben wir uns im Duett übergeben. Im Gegensatz zu mir Hobby-Abenteurer krabbelt er jedoch auf sein Rad. Unserer Medizinmann Mathias schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Ich habe ihm gesagt, er soll es bleiben lassen. Mehr kann ich nicht tun. Ich kann es ihm nicht verbieten.“ Peter wird das Sorgenkind des Tages sein. Erst kurz vor Sonnenuntergang taucht er im Ziel auf. Begleitet vom „Sweeper“. Das ist ein Mitglied des Organisationsteams, das die Tagesstrecke ganz zum Schluss per Rad abfährt. So ist garantiert, dass kein Fahrer verloren geht.

Viele Teilnehmer müssen im Laufe des Tages aufgeben und sich vom Besenwagen ins Ziel bringen lassen. Neben der Erschöpfung und dem anstrengenden Profil sind es vor allem die Kinder, die an den Kräften zehren. Jedes Jahr im Februar kommt die Tour d’Afrique nach Äthiopien. In der Region weiß man das, und sobald die erste Radler auftauchen, rotten sich die Kinder regelrecht zu Gruppen zusammen. Die Spitzenfahrer kommen noch ungestört durch, doch dann beginnt das traurige Schauspiel. Just an den steilsten Stellen erfolgen die Attacken, die sich im Laufe des Tages immer mehr steigern. Es sind ausgerechnet die langsamsten Fahrer, die, die zum Schluss kommen, über denen sich die über den ganzen Tag angestaute Wut entlädt. „Die sind an beiden Seiten neben mir hergerannt und haben mir immer wieder mit der Peitsche eins überzogen“, erzählt eine Fahrerin kopfschüttelnd, und berichtet, dass die Kinder sogar versucht hätten, während der Fahrt ihren Rucksack zu öffnen und ihre Sachen zu klauen. Selbst der Äthiopier Amand ist ungewohnt ernst und ziemlich entsetzt über seine Landsleute. „So schlimm habe ich mir das nicht vorgestellt“, gibt er traurig zu, „die waren nicht zu stoppen.“

29. und 30. Tag, 12. und 13. Februar. Gondar. Pausentage

Das Goha Hotel, in dessen Garten wir unser Camp aufgeschlagen haben, liegt hoch über dem alten Königssitz Gondar. Der versprüht die Aura einer Märchenstadt. Wie in „Nebel von Avalon“ wird er von einer Dunstschicht umhüllt, als ich am nächsten Morgen auf der Hotelterrasse frühstücke. Nach einer durchgeschlafenen Nacht fühle ich mich spürbar besser. Mehr als 2.000 Meter über dem Meeresspiegel ist das Klima angenehm, lädt die Sonne zum erholenden Wärmebad ein. Die Stimmung im Fahrerfeld ist gelöst. Wir haben zwei Tage Pause – genug, um sich zu erholen und die Stadt zu erkunden. Bei Omelette, Toast und Kaffee schmieden wir Pläne und brechen schließlich in Kleingruppen auf in Richtung „Camelot von Afrika“, wie das unter UNESCO-Weltkulturerbe stehende Gondar mit seinen königlichen Schlössern auch genannt wird.

Eine Stadt, die begeistert. Zwar ist auch hier vereinzelt das ewige „you, you“ zu hören, doch meistens lässt man uns in Frieden. Die quirlige Universitätsstadt erinnert mich an meine Wahlheimat Göttingen. Es ist Freitagabend, und Gondar gleitet feiernd ins Wochenende. Aus kleinen Bars und Cafés scheppern Reggae und afrikanische Rhythmen, über die Straßen flanieren lachend junge Menschen. Die Stimmung ist fröhlich aufgeräumt. Junge Frauen in engen Jeans und knappen T-Shirts, die Männer mit bunten Hemden und schrillen Kappen – nach dem streng geregelten Alltag im islamischen Sudan genießen wir die freizügige Ausgelassenheit einer weniger dogmatischen Welt. Gondars positive Ausstrahlung steht außerdem in Kontrast zur depressiv-aggressiven Stimmung, die uns im ländlichen Raum begegnet ist. Die Stadt rüttelt damit an meinem bislang negativen Eindruck von Äthiopien. Werde ich dieses Land vielleicht doch noch schätzen oder gar lieben lernen?

Bereitwillig lassen wir uns anstecken von der fröhlichen Stimmung, finden ein Restaurant, das uns leckere Pizza serviert und flanieren durch die Straßen der 200.000-Einwohnerstadt. Krönender Abschluss ist eine Kaffeezeremonie mitsamt leckerem Kuchen. Italien herrschte zwar nur kurz als Kolonialherr in Äthiopien, sein kulinarisches Erbe aber ist tief verankert. Wobei der äthiopische Macchiatto besser ist als alles, was ich jemals in Italien getrunken habe. Erfüllt lassen wir uns von einem knatternden TukTuk zurückbringen, verbringen noch ein paar Minuten in der Wlan-versorgten Hotellobby und lassen uns von CNN über die Entwicklung in Ägypten aufklären, ehe wir glücklich in unsere Betten fallen.

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