Tour de Shipëria, Etappe 20

Etappe 20, Elbasan – Tirana

Ich geb gerne zu, ich hatte Respekt vor dem Krrabë-Pass. Meine Beine waren müde nach 19 Fahrtagen, und die Seele wollte auch ankommen. Es half nicht, dass man mir in Elbasan süffisant verkündete, der Pass sei viel heftiger als der Llagora und ich würde mächtig arbeiten müssen, um ihn zu überwinden.

Aber das Geheimnis beim Passfahren besteht nun mal aus einer ganz simplen Taktik: Immer schön eine Kurbelumdrehung nach der nächsten machen und geduldig sein. Zudem bekam ich ein wunderbares Frühstück in meiner Unterkunft, dargereicht von einer pensionierten Französischprofessorin, die meine Sprachwahrnehmung nach drei Wochen zwischen Englisch, Albanisch, Deutsch und Italienisch mächtig auf die Probe stellte. Ich glaube, die meiste Zeit sprach ich wohl eher Spanisch mit französischem Einschlag denn irgendwas einer Sprachprofessorin gegenüber würdigem. ☺

Franzosisches Frühstück in Elbasan

Dann gings auf die Piste. Vorbei an dem riesigen Eisenkombinat, das über Jahrzehnte die Luft in Elbasan verpestete (und noch verpestet) hinauf zum Kreisel der Entscheidung. Erste Ausfahrt: Autobahn nach Tirana mit langem Tunnel unter dem Pass durch. Zweite Ausfahrt: hoch auf 809 Meter über den Pass hinüber. Das war meine.

Ich machs mal kurz: der Krrabë ist ein angenehmer Bursche. Er steigt meistens mit 6 bis 8 Prozent an, hat herrliche Serpentinen und erfreut die Seele mit grandiosen Ausblicken auf Elbasan und vor allem das alte Eisenwerk, das ich noch lange unten im Tal brummen hörte. Wie Gelsenkirchen, nur mit echtem Berg statt Abraumhalde.

Nach rund zwei Kilometern im Anstieg fiel dann langsam meine Anspannung ab und ich fand meinen Frieden mit dem Pass. Der blieb sanft, schenkte mir auf 600 Metern ein schönes Dörfchen (siehe Video) und zog sich dann gemächtlich auf seine finalen 809 Meter. Einziges „Problem“: er hat keinen richtigen Gipfel, denn oben geht es auf rund 800 Metern wellig auf und ab, ehe er sich nach ein paar Kilometern entschließt, wieder ins Tal zu gleiten.

Dort oben traf ich dann auch meine ersten abanischen Rennradler, die auf ihren schmalen 25er Slicks im Alurenner aus Tirana hochgekurbelt waren. Und wie so oft gab es eine Verbindung nach Deutschland, denn einer von Ihnen arbeitet in einem Gasthaus in Sindelfingen und war nur zu Besuch in der Heimat. Es ist schon eine vielschichtige Geschichte mit Deutschland und Albanien.

Zum Rennradeln ist der Pass übrigens großartig, denn die Straße ist in besten Zustand, seit Eröffnung der Autobahn aber quasi nicht mehr befahren. Entsprechend entspannt raste ich ins Tal und stieß erst 15 Kilometer vor Tirana wieder auf Verkehr, als der hauptstädtische Speckgürtel begann. Der allerdings war wie üblich in nicht ganz so wohlhabenden Länder eher ein „Hungergürtel“.

Das anschließende Verkehrschaos in Tirana war mit nichts auf dieser Reise vergleichbar. Überall zugestaute Straßen, Gestank und wildes Gewusel, bei dem man als Radler schon eine gehörige Portion Frechheit braucht, um überhaupt durchzukommen. Doch das hab ich schon in Afrika gelernt: wenn ich darauf warte, dass mir jemand Platz machte, warte ich vergeblich. Erkämpfe ich mir meinen Platz jedoch ist alles gut, denn dann wird er mir auch zugestanden. Klingt für unsere Ohren gräßlich, ist aber in vielen Gegenden der Welt so. Hilf also nix, den Kopf zu schütteln oder zu meckern.

Tirana ist heißer, stickiger, lauter, chaotischer und wuseliger als alles andere, was ich in den letzten drei Wochen durchquert habe. Nun gut, etwa 600.000 der 2,8 Millionen Albaner leben in der Hauptstadt, da wirds natürlich eng und hektisch. Die Stadt hat ihren urbanen Reiz, denn das Leben hier ist komplett anders als in Städten wie Kukës oder Peshkopi, aber sie hat auch etwas anstrengendes.

Ich bin ja eh nicht so der Metropolenmensch (nehmen wir mal Buenos Aires raus, das fand ich auch als Metropole spannend), weshalb ich heute nach einem Tag in der städtische Hektik auch gleich mal beschlossen habe, dass es morgen noch eine 21. Etappe geben wird! Ziel ist Kavajë, eine eher unscheinbare Kleinstadt südlich von Durrës (50 km von Tirana), die zu kommunistischen Zeiten als Rebellenhochburg galt. Was das mit Fußball zu tun hat erzähl ich dann später.

Zum Fußballderby will ich an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren. Auch dazu gibt es ein je nach Standpunkt schreckliches oder „normales“ Video sowie die heute langsam durchgesickerte Info, dass im Gästeblock offenbar drei Sprengsätze versteckt waren, die per Fernzünder gezündet werden sollten. Weil die Polizei früh genug dahinterkam wurde die Katastrophe verhindert und es kam „nur“ zum Platzsturm. Selbst hier, wo doch einiges anders läuft als bei uns und man sich über manches nicht aufregt, ist man aktuell geschockt und empört.

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Aus alten Tagen

Tirana eben

Fanmarsch der Fanatics von Tirona

Volles Haus beim Tirana-Derby

Bitte nicht die hiesige Situation mit der in Deutschland vergleich. Geht nicht nur im der Fankultur nicht

Gemütliche Kollegenrunde nach dem Derby

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