Tour de Shqipëria, Etappe 19

Etappe 19, Lushnja – Elbasan

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und trotzdem manchmal verliert. Ich hatte für meine heutige Etappe, der vorletzten der Tour de Shqipëria, diverse Routenmöglichkeiten. Über die große Überlandstraße wollte ich nicht, und so folgte ich einfach der Empfehlung, die mir die Komoot-App auswarf. Böser Fehler!

Nach knapp zehn Kilometern stand die erste Rampe vor mir. 16 Prozent, quasi aus dem Nichts und zudem völlig unverhofft. So ging es dann weiter. Wie auf Treppenstufen kletterte ich immer höher, wobei es sich stets um scharfe Stufen um die 14 bis 16 Prozent handelte. Und das ist nun mal die Schallmauer mit Gepäck, weshalb ich auch zweimal absteigen und schieben durfte. Ja, lacht nur über mich und spottet.

Das wirklich herzzerreißende ereignete sich nach dem letzten Anstieg, als Pumpe und Beine schon voller Vorfreude auf den Downhill waren. Plötzlich war die Straße nämlich weg. Stattdessen ein Schlachtfeld aus faustgroßen Steinen, über das es viel zu steil bergab ging. Völlig verdattert stand ich da, als ein Mercedes neben mir hielt und mich zwei junge Kerle spitzbübisch angrinsten und dabei auf die Piste zeigte. Immerhin, sie erzählten was von „tetëqind metër“, dann gäbe es wieder Asphalt. Machte zwar Hoffnung, half aber nicht direkt, denn angesichts de Trümmerfeldes zog ich es vor, erneut zu schieben – diesmal hinunter.

Das mit den „tetëqind metër“ – 800 Meter – war dann deutlich zu wohlwollend, denn der Steinfriedhof zog sich über gut zwei Kilometer. Dann aber tauchte tatsächlich wieder Asphalt auf. Uff!

Was blieb, waren die wilden Wellen, die hoch und runter durch eine sehr entspannte Seen-Landschaft und durch aus der Zeit gefallene Dörfer schwappten. Mit Belsh erreichte ich schließlich einen ausgesprochen hübsch am See liegenden Ort, dessen Anblick sehr einladend daherkam. Doch meine Richtung führte woanders hin, und 15 Kilometer vor dem Tageziel in Elbasan gab es dann gleich die nächste Mutprobe bzw. Frage. Auf einer schnurgeraden Piste weiter, bei der selbst Komoot sagte, es gäbe zwischenzeitlich nur noch einen Trampelpfad, oder außen herum durch dichten Verkehr und weitere kleine An- und Abstiege?

Wieder gewann der Wagemutige – und zahlte erneut die Rechnung. Gut zehn Kilometer Buckelpiste in unterschiedlichem aber grundsätzlich schlechten Zustand kosteten Zeit, Energie und Nerven. Bereut habe ich es trotzdem nicht, denn ursprünglicher als auf diesen zehn Kilometern werde ich Albanien wohl nicht mehr erleben können – und jetzt weiß ich auch, wo diese ganzen Eselkarren, die ich immer wieder sehe, eigentlich herkommen.

Wo ist die Piste geblieben?

Um 13 Uhr, und damit eine gute Stunde später als gedacht, erreichte ich schließlich Elbasan, das mich mit marktschreierischer Hektik empfing. Kaum hatte ich jedoch die alte Burg im Stadtzentrum aus römischen Tagen erreicht, schlug das Bild um. Plötzlich war es eine liebliche und zugleich moderne Stadt, die offenkundig gelassen mit Touristen umgeht und jene mit für Albanien ungewöhnlicher Eleganz empfing. Zugleich sah ich allerdings auch so viele Fast-Food-Restaurants wie nirgend zuvor seit meinem Reisestart. Irgendwie war es ein bisschen Komfortzonenidyll.

Der erste Mc Donald’s, den ich in Albanien sah!

Der Rest des Tages ging für Gespräche und neue Bekanntschaften drauf, was von einem grottenschlechten Fußballspiel begleitet wurden (was die Gastgeber auch noch verloren). In Sachen Gastfreundschaft ist der KF Elbasan jedenfalls erstklassig, während sportlich der erneute Abstieg in die 3. Liga droht. Dass es trotz supermodernen Stadion kaum jemand in Elbasan interessiert war dann schon eine bittere Erkenntnis, zumal einer meiner beiden Gesprächspartner 1992 mit Elbasan Pokalsieger geworden war, also wirklich von besseren Zeiten erzählen konnte. Später am Abend sah ich dann in den vielen Bars der Stadt haufenweise Fußballfans vor den Großildschirmen hocken und Bundesliga, Premier League sowie La Liga schauen. Tja, dem albanischen Fußball geht es nicht gut.

A propos: einer meiner Gesprächspartner beim morgigen Derby hat dann gleich mal ne kleine Story über den verrückten Radler aus Gjermania gemacht, die ihr Euch hier anschauen könnt. Falls die eigenen Albanischkenntnisse nicht reichen Text einfach in Google Translator kopieren und sich über die wilde Übersetzung freuen.

Für mich schloß sich in den heutigen Gesprächen jedenfalls so manche Lücke in meinem großen Puzzle „Albanien, der Fußball und das Leben überhaupt“, und langsam wird das Bild kompletter.

Tja, und morgen kommt nun der Tag, an dem das Abenteuer enden wird. Ein letzter Pass liegt noch vor mir, und nach Aussagen von Einheimischen kann der Krrabe-Pass zweifelsohne mit dem Llagorat mithalten, was mir durchaus Respekt verschafft. 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Irgendwann morgen jedenfalls wird meine kleine Albanien-Rundreise also da enden, wo sie am 8. September begann und ich darf langsam in den Pausenmodus schalten. Allerdings stehen in Tirana noch einige Begegnungen und Gespräche an, will ich noch ein wenig auf die Spuren der jüngeren Historie Albaniens gehen. Und dann sind da auch noch Kavajë und Durrës, die ich eigentlich noch auf meiner Reiseroute hatte. Wer weiß, vielleicht juckt es mich vor der Rückkehr in den deutschen Herbst ja doch noch mal, aufs Rad zu steigen 😆

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

Endlich fand ich den Weg zu mir!

Elbasan

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