Tour de Shqipëria, Etappe 18

Etappe 18, Berat – Lushnja

Geschenkten Tagen schaut man nicht ins Maul, man nimmt sie, wie sie kommen. Meiner war voll, intensiv, vielschichtig und auch ein bisschen voller Überraschung.

Keine 16 Kilometer nach dem Start in Berat war ich am ersten Tagesziel angekommen: Kuçovë, unter Hoxhas Beinhartsozialisten Qyteti Stalin genannt, also Stalinstadt. So etwas gab es ja in den Bruderrepubliken überall. Allerdings war Albanien nun keine Bruderrepublik – man hatte ja sich, das langte -, und außerdem feierte man den Genossen mit der eisernen Faust auch noch, als die Stalin-Denkmäler überall sonst längst eingemottet worden waren.

Zum Beispiel in Eisenhüttenstadt, das einst ebenfalls Stalinstadt hieß. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, denn das Stadion der Hüttenwerker beispielsweise sieht verdammt ähnlich nach dem Ground im albanischen Stalinstadt aus.

Kuçovë, Ex-Qyteti Stalin, verdankt seine Existenz übrigens den dortigen Ölfeldern. Im Grunde ist es ein Ölfeld mit Stadt. Überall sind die Bohranlagen zu sehen, sogar direkt neben dem Friedhof. Es gibt große Fördertürme, kleine Dinger, die Handpumpen erinnern und ein paar stillgelegte Arrangements. Allen gemeinsam ist die ökologische Katastrophe, denn der Boden ist offenkundig verseucht, und wie es sich in der ölgeschwängerten Luft leben lässt ist mir ein Rätsel. Ich werde nächste Woche in Tirana noch einen aus Kuçovë stammenden Journalisten treffen, der wird es mir dann wohl erzählen.

Das ganze Gebilde hat etwas bizarres – durch die überall pumpenden Pumpen – und etwas nostalgisch verlorenes. Direkt neben dem Stadion liegt beispielsweise eine riesige Industriebrache, die wie ein Fanal des Vergangenen fungiert. Und auf der palmenbestückten Paradestraße fuhr ein Uraltlaster und goß Blumen, erinnerten sich alte Männer in den Bars an alte Zeiten. Der Markt wiederum hatte etwas sehr afrikanisches, mit seinen wackeligen Holzbuden und den Plastikabdeckungen. Irgendwie liest sich Kuçovë wie ein Buch der jüngeren Geschichte Albaniens.

Das Kapitel Freundlichkeit übernahmen mit Kadri und Ilir die beiden guten Engel des heimischen Fußballklubs Naftetari, der in seinem Wappen übrigens einen Ölfördertum führt. Sie luden mich mit enormer Herzlichkeit ein und zeigten mir alles, wobei wir eine aus albanischen, italienischen und englischen Wörtern bestehende Sprache benutzten und viel lachten. Ich sags ja: Fußball ist eine großartige Weltsprache!

Danach war Schluss mit lustig. Vor die Wahl gestellt zwischen 30 Kilometer Umweg auf Asphalt oder direktem Weg mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit einer Schotterpiste votierte ich für die Schotterpiste. Und boy ey, die hatte es in sich. Gleich am Anfang warnte ein Bauer mit Uraltlaster, dass es hart würde. Er übertrieb keine Nuance. Das Terrain konnte locker mit der nordkenianische Lavawüste mithalten, zumal es wie in einer Achterbahn ständig hoch und runter ging. Ging, ja. Denn hoch kam ich auf dem Untergrund bei 12 + Steigungsgrad eigentlich nie, sondern musste schieben. Runter ging es dann nur auf den Pedalen stehend und die Bremsen stets im Anschlag haltend. Das ganze war zugleich ein großartiger Einblick in die albanische Gegenwart, denn Kleinbusverkehr lief trotz allem über die Rüppelpiste.

Dann kam wieder Asphalt, und bei nur noch 18 Kilometern bis zum Zielort Lushnje schmiedete ich schon ein paar schöne Entspannungspläne. Die zerbarsten acht Kilometer vor dem Ziel, als mein Hinterreifen plötzlich zu schwimmen begann und dann ganz die Luft verlor. Ich pumpte fix auf und schaffte es mit allerletzter Luft tatsächlich ins Stadtzentrum direkt vor die Türe meiner Unterkunft.

Dort war dann erstmal Werkstatt angesagt. Als ich den Mantel runter hatte fand ich ein kleines Steinchen darin, das wohl der Bösewicht war. Ein Loch im Schlauch konnte ich jedoch trotz größter Bemühungen nicht finden. Mir ein Rätsel, zumal auch der vor gut einer Woche ziemlich abrupt platte Vorderradschlauch selbst bei härtesten Prüfungen kein Loch erkennen lassen wollte. Habe ich mir eine rare Schlauchkrankeit eingefangen?

Zur Sicherheit erwarb ich einen weiteren Ersatzschlauch (meine beiden mitgebrachten laufen ja nun am Rad) aus albanischer Herkunft. Hoffen wir, das die letzten beiden Fahrtage pannenfrei bleiben…

Lushnja ist eine besondere Stadt. Sie ist quasi das Schalke Albaniens. Grimmig, industriellgeschichtlich und verrückt nach Fußball. Schon im Vorfeld hatte ich Kontakt geknüpft und wurde bereits von Xhimi und Erjon von der lokalen Ultragruppe Delegatët Lushnje erwartet. Wieder zeigte sich, dass die Idee, Fußball als Türöffner zu nehmen wunderbar war. Vom ersten Moment war der Kontakt da, und in meinem Notizbuch finden sich nun fast zehn dichtbeschriebene Seiten zu Lushnja, seinem Fußball und natürlich zu dem, wie das damals so war, als Mario Kempes nach Lushnja kam und das Team trainierte. Mehr dann im angekündigten Buch 😉

Zwei Fahrtage sind es noch bis Tirana, wobei am Sonntag nochmal ein 900-Höhenmeter-Pass ansteht. Morgen gehts nach Elbasan, und da hol ich mir um 16 Uhr dann auch endlich meinen albanischen Länderpunkt. Auch in dort bin ich bereits mit einem langjährigen Fan verabredet, mein Skizzierblock füllt sich also weiter.

Alsdann, bis morgen auf dieser Plattform und in diesem Theater auf der Tour de Shqipëria 2019!

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

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