Tour de Shqipëria, Etappe 14

Etappe 14, Gjirokastër – Ksamil

Wieso bin ich eigentlich in dieses Land gekommen? Klar Radfahren und so. Fußball auch, logo. Und Menschen treffen, irgendwie eine Ahnung davon bekommen, was das hier für ein Land ist. Wie es tickt, und wie die Menschen so sind.

Aber der Hauptgrund ist doch … faul am Strand liegen und mir die Sonne auf den Pelz brennen lassen! Seit heute, 12:36 Uhr, bin ich im Pausenmodus. Nix radeln, nix erforschen, nix recherchieren. Einfach nur sein, eine wunderbare Aussicht auf das Mittelmeer genießen und staunen über die Vielfalt der Menschen, die hier in Ksamil anzutreffen sind. Bulgaren, Rumänen, Ukrainer, Griechen, selbstverständlich Albaner, dazu natürlich Deutsche und Holländer (wo sind die nicht?) – es ist ein wilder Sprachenmix. Wobei sich die westliche Welt offenbar auch in einer gemeinsamen „Ostsprache“ durchgesetzt hat und alle Englisch miteinander quatschen.Oder es zumindest versuchen – so wie der dezent beleibte Ukrainer vorhin in der Bäckerei, der ob all der süßen Verlockungen völlig ins Stottern geriet. Und natürlich trotzdem stolz seinen Zuckerschock-Teller raustragen durfte und tüchtig dabei grinste. We are the world!

Ksamil

Der schwierigste Part der heutigen Etappe war wie befürchtet das Herunterkommen von Gjirokastërs Höhen auf diesem uralten Natursteinbelag. Bei 20 Prozent Neigung schoß das vollbeladene Bike förmlich los, sobald ich die Bremsen löste. Doch zum einen war das echt glitschig-glattes Terrain, zum anderen gab es zig Kanten, die nur darauf warteten, mir einen Durchschlag zu verpassen. Ich war ziemlich froh, als ich wieder eine „richtige“ Asphaltstraße erreichte und die Bremszüge entspannen konnte.

Nächste Herausforderung: morgens um viertel vor acht Frühstück in Gjirokastër bekommen. Selbst die Taxifahrer waren ratlos, und so blieb mir nur der Gang in den Supermarkt, um irgendwelche schnellzündenden Zuckerbomben einzusacken. Kaffee immerhin gab es reichlich.Die ersten 20 Kilometer waren flach, führten durch eine deprimierend kaputte und vermüllte Ebene und über eine schnurgerade Straße, die wild und dicht befahren war. Passend dazu erlebte ich meine erste Hundeattacke in Albanien. Plötzlich war der kleine Kläffer neben mir und spielte sich groß auf. Er hatte jedoch das Pech, vorne links anzugreifen. Denn da hängt mein Zelt an der Gabel und gab mir genau den Schutzraum, den ich für eine Gegenattacke brauchte. Eine kurze Drehung mit der Gabel, dann zog er sich jaulend zurück…

Deutlich netter war der Kontakt mit drei KollegInnen auf Rädern aus England, die seit drei Wochen Südalbanien bzw. Griechenland erkurbeln. Und wieder war es der Fußball, der die Türen richtig weit öffnete. Zwei von ihnen kamen nämlich aus Bolton und litten zuletzt sehr mit den dortigen Wanderers. Es war das Bristol-Rovers-Wappen auf meinem Trikot, das das Thema Fußball erst aufbrachte, denn einer von den beiden starrte etwas ungläubig drauf und fragte „why this football club“? In drei Wochen spielen die beiden Teams übrigens gegeneinander – ich hab ihm also ein fröhliches „Goodnight Irene“ mitgegeben.

Danach ging es in den Anstieg des Tages. Sechs Kilometer, 300 Höhenmeter. Komoot hatte weite Teile des Anstiegs in rot markiert und behauptet, es ginge mit bis zu 15 Prozent hoch. Ich war also auf harte Maloche vorbereitet. Die kam jedoch nicht. Maximal 9,3 Prozent zeigte mein Garmin an, meistens waren es zwischen 6 und 7. Kinkerlitzchen nach drei Wochen Albanien. Zudem ging es schön serpentinig hoch, gab es viel zu gucken und die meisten Autofahrer verhielten sich sehr kollegial. Ergo: hat Spass gemacht!

Eine Enttäuschung gab es dann auf dem Gipfel. Nix mit Blick aufs Meer, nix mit ungebremsten Downhill. Immer wieder ging es hoch, und selbst drei Kilometer vor der Küste in Saranda war von Meer nix zu sehen. Stattdessen nochmal drei Kilometer mit strammer Steigung, ehe ich dann endlich runterrauschen durfte zum Mittelmeer!

Saranda war aber nicht mein Ziel, sondern Ksamil. Ein kleines Nest mit legendär schönen Stränden. Und auch dorthin führte die Straße hoch, wurde ich irgendwann fast ein wenig ungeduldig, denn der Pausentag winkte doch längst sehr aufgeregt nach mir.

Nun, die Plackerei hat sich gelohnt. Die Strände hier sind wirklich ne Wucht, die Atmosphäre sehr urlaubig und die Unterkünfte billig. Für ein ganzes Apartement mitsamt Balkon sind ganze 12 Euro fällig – Nebensaisonpreise…

Ksamil hat seit der Wende 1991 eine wilde Entwicklung durchgemacht, die man dem Ort ansieht. Die hässlichen Bettenburgen stehen vor allem im Norden, hier im Süden, wo ich bin, gibt es zwar auch viele Neubauten, die sind aber flacher. Mitten drin sieht man immer wieder scheinbar eingestürzte Rohbauten – Ergebnis einer Abbruchaktion der Regierung gegen illegale Bebauung. Allerdings traf es dabei offenbar vor allem die Kleinfamilien, während die Großen (und oft mit der Politik verbundenen) nicht betroffen waren.

Lasst sich aushalten hier!

Leider ist die Wettervorhersage unverändert nicht so goldig. Dienstagmorgen, wenn ich aufbrechen will zum letzten Tourviertel zurück nach Tirana, ist sogar fetter Regen angesagt. Drückt die Daumen, dass sich das noch ändert.

Ach, und noch ein Thema ist hier Thema. Die Erdbebenwelle im Großraum Tirana. Heute morgen gab es das nächste. Zwar nur 4.0 auf der Richterskala, aber in der Hauptstadt sollen wohl Leute vorsichtshalber auf der Straße geschlafen habe. Aufregende Zeiten für einen Albanien-Ausflug.

Morgen gibts hier keinen Bericht, denn meine Räder werden stillstehen. Kommt gut in die Woche, heute in einer Woche bin ich dann schon wieder in Tirana und habe sogar das Derby hinter mir.

Die Region ist zweisprachig

Leider sehr üblich im ganzen Land: wilde Müllkippen

Sieht man überall: Gedenk“häuser“ für Oper von Verkehrsunfällen

Auf der Suche nach dem Meer

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

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