Tour de Shqipëria, Etappe 13

Etappe 13, Permët – Gjirokastër

Hilfe, ich ertrinke in Historie, holt mich hier raus, oder ich drohe in irgendwelchen Zeitschleifen zu verschwinden! Gjirokastër war selbst unter Enver Hoxha Museumsstadt und ist es nach dem Fall des Kommunismus und der Öffnung Albaniens noch viel mehr. Sieht man ein westeuropäisches Gesicht – und das passiert hier verdammt oft – kann man übrigens zu geschätzt 80 Prozent darauf vertrauen, dass es aus Deutschland kommt. „Deutsche beste“ schwärmte prompt auch das Rentnerpaar, bei dem ich mich einquartiert habe und das sich seine karge Rente (150 Euro im Monat) mit der Vermietung von Zimmern aufbessert.

Wie alles in Gjirokastër liegt auch meine Kurzzeitheimat am Steilhang.

Gjirokastër ist in der Tat ein Ausflug in die tiefe Vergangenheit mit ordentlicher Burg ganz oben, engen und von massiven Steinhäusern bewachten Straßen, die irgendwie alle zur Burg führen und von Jahrhunderten der Benutzung mit perfekt abgerundeten Steinen ausgestattet sind sowie, und das ist neu, jeder Menge Souvenirläden. Es gibt sogar Enver Hoxha Souvenirtassen – obwohl sie den doch in Albanien am liebsten für immer vergessen wollen. Wobei… „Kommunismus nix gut“, sagte meine Hausherrin, „aber hatten Arbeit und Brot. Jetzt noch schlimmer für viele“. Ob sie Hoxha und den Kommunismus zurückhaben wollte, fragte ich sie daraufhin. Da grinste sie und nickte mit dem Kopf (das verstärkt hier ein „nein“). Ne, das jetzt auch wieder nicht. Die drei Kinder sind übrigens in Kanada, Prag und Tirana. Eine klassische Familiensituation im Land. „In Albanien keine Chance“, meinte sie traurig. „Ist Land nur noch für uns Alte“.

Dass es in Gjirokastër jede Menge Touristen gibt hab ich schon bei der Einfahrt in den Ort feststellen können. Während ich mein Navi nach der richtigen Strecke checkte kam ein etwa elfjähriger Junge auf mich zu, streckte seine Hand aus und sagte „give“. Hoppla, das kannte ich bislang nur von Afrika. Das ganze ist ein durchaus schwieriges Thema, mit dem ich hier im Süden übrigens deutlich mehr in Berührung komme als im Norden.

Tourismus ist Fluch und Segen in einem. Auf der einen Seite bringt er Geld, Interesse, Arbeitsplätze, Entwicklung. Auf der anderen Seite schafft er falsche Welten und Werte. Die Pizza in Gjirokastër kostet 750 Lek – überall sonst habe ich maximal 500 bezahlt. Nun sind 250 Lek echt nicht die Welt, und sie tun mir auch nicht weh (etwa zwei Euro). Also zahle ich sie, wie alle anderen. Und schon „passen“ sich die Preise an, greift das alte Prinzip von „Angebot und Nachfrage“. Und verändert die Wahrnehmung. In Gjirokastër bin ich zum ersten Mal auf meiner Reise Tourist.

Nun, ich will nicht tiefer in das Thema einsteigen, denn natürlich ist es ungleich komplizierter und vielschichtiger, deshalb komme ich lieber wieder zurück zur Schwärmerei über dieses Großraummuseum, das einen ganz tiefen Ausflug in die albanische Geschichte ermöglicht. In der Burg ganz oben auf dem Berg haben beispielsweise die Osmanen, Ali Pasha und auch die Kommunisten ihre Gegner festgehalten und gefoltert. Das nenn ich mal Kontinuität! Zur Begrüßung gabs dann auch gleich ein paar Geschütze aus allerlei Kriegen zu sehen sowie einen US-Jagdbomber, der in den 1950er Jahren aus mysteriösen Gründen im hermetisch abgeschotteten Albanien landete. Der Pilot konnte das Land damals übrigens wieder verlassen.

Aufregung gab es heut Nachmittag, als mir meine Kurzzeitherbergseltern mit ernstem Blick von „tërmet in Tirana“ erzählten. Erdbeben mit Epizentrum bei Durrës. Inzwischen ist klar, dass es zwei Erdstöße waren, die 5,8 bzw. 5,3 auf der Richterskala hatten. Und damit die stärksten seit 30 Jahren waren. Ich verlink hier mal von den Machern der ausgezeichneten Seite albanien.ch einen Bericht, der ein bisschen deutlicher macht, was ein schweres Erdbeben für Albanien bedeuten würde.

Fahrrad gefahren bin ich heute natürlich auch noch. Und zwar 60 Kilometer, von denen die ersten 30 von einem wunderbaren Rückenwind angetrieben wurden. Ratzfatz war ich in Kelçyrë, wo ich in ein sagenhaftes Kerbtal einbog, an dem ich mich echt nicht sattsehen konnte. Was für eine Schönheit!

Die letzen 20 Kilometer gingen dann gegen den Wind und waren zudem von dichtem Verkehr begleitet, von dem ich seit Korça nix mehr gesehen hatte. Aber es war flach und die Straße hatte einen breiten Seitenstreifen, auf dem ich gemütlich „against the wind“ trällern durfte.

In Gjirokastër angekommen schaute ich mal kurz beim Stadion vorbei und beging dann den Fehler, von „oben“ zu meiner Unterkunft kommen zu wollen. Auf supersteiler Straße, bestehend aus glattgelaufenen Steinen aus irgendeinem lange vergangenen Jahrhundert. Erst fuhr ich noch und heimste mit die Anerkennung einiger älterer Herren ein. Dann war Schluss mit Kurbeln, warf ich bei fast 20 Prozent das Handtuch und schob. Bis auch das nicht mehr ging auf dem immer steiler werdenden und zudem glatten Geläuf. Ich hatte ungelogen Schiss, dass ich da mitsamt Fahrrad gleich wieder runterrutsche! Es half nur eins: raus aus den Radschuhen mit der starren Sohle und barfuß weiter. So erklomm ich schließlich endlich den Abzweig, der zu meiner Unterkunft führte, die ich komplett schweißgetränkt ereichte. Und wo mich die beiden Herbergseltern grinsend begrüßten und mir gleich erstmal Verrücktheit unterstellten, weil ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. So ist sie eben, die berühmte albanische Gastfreundschaft 😀.

Keine Ahnung, wie steil der Neigungswinkel war, jedenfalls ging es irgendwann nur noch barfuß weiter

Nun bin ich vor allem gespannt, wie ich da morgen heile wieder runterkommen kann, zumal die Tour de Shqipëria in einen Pausentag fährt! Ksamil lautet mein Ziel, es liegt am Mittelmeer und es läutet die letzte Tourwoche ein. Bis Dienstag werd ich dort bleiben und hoffe, dass sich die Wetterprognose noch ändert, denn aktuell sieht es nach Regen aus.

Meine Flugstrecke mit Rückenwind

Bushaltestelle irgendwo im Nirgendwo

In Kelçyrë beginnt das Kerbtal.

Daraus wird iegendwann Wein – ich hoffe, ich kann am Pausentag mal von kosten.

Friedhof

Gjirokastër

Kann man nicht meckern – die Butze von Luftëtari ist in einem für albanische Verhältnisse guten Zustand.

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