Tour de Shqipëria, Etappe 12

Etappe 12, Farma Sotira – Permët

Also, das muss man auch erstmal hinbekommen: die Etappe mit dem höchsten Zielort (1.100 Meter) ausgerechnet an dem Tag mit dem bislang schlechtesten Wetter zu fahren! Heute morgen stauten sich die Wolken in den Wäldern um den Camping Farma Sotira, zeigte der Bordcomputer schneidige neun Grad an, musste ich zum ersten Mal die Jacke überziehen. Na, immerhin habe ich sie also nicht umsonst mitgeschleppt, und damit sind aus meinem Gepäck auch lediglich die Regensachen noch nicht zum Einsatz gekommen. Was gerne so bleiben darf.

Wenn gestern Heavy Metal war, war heute Rammstein. Die Piste hinter Leskovik ein einziges Trümmerfeld. Asphaltreste, Hinterlassenschaften von Bergrutschen, immer wieder raue Off-Road-Passagen mit tückischem Gestein. Und das alles auf einem formal wunderbaren Downhill (600 Meter Höhenverlust auf 14 Kilometer), den ich im Normalfall wohl im Geschwindigkeitsrausch genossen hätte. So aber stand ich ständig auf der Bremse und stand überhaupt gefühlt die halbe Strecke auf den Pedalen, weil die Navigiererei im Sitzen kaum zu bewältigen war. Warum hab ich eigentlich meine Federgabel abgebaut, als ich nach Albanien kam?

Die Belohnung für die Rüttelpiste gab es umgehend, denn die Aussicht war einzigartig schön. Eine satte Landschaft voller Grün, mittendrin sogar ein paar Weinfelder und immer wieder tolle Panoramen. Je tiefer ich kam, desto vielfältiger wurde es; kamen zudem schicke Felsformationen zum Vorschein, die den lange verschütteten Geologen in mir weckten. Diese wunderbaren Anblicke machten die Piste allerdings noch schwieriger, denn angesicht des Gefälles ging mein Bike stets flott ab, sobald ich die Bremshebel löste und ich musste eigentlich pausenlos auf die Piste glotzen, um mir nicht die Laufräder zu schreddern. Also gab es Fotostopps en masse…

Endlich unten bog ich ins Tal der Vjosa ein und der Augenschmaus ging weiter. Die Vjosa ist einer der raren Flüsse in Europa, der noch in seinem „wilden“ Becken steckt. Und er reckt und streckt sich, bildet Sand/Kiesbänke, höhlt mit unglaubiger Geduld seit tausenden von Jahren den Stein aus. Wieder waren also reinlich Fotostopps fällig…

Nun bin ich in Permët, einer Kleinstadt mit vielleicht 10.000 Einwohnern, die in einem Topzustand ist und eine sehr angenehme Atmosphäre ausstrahlt. Alles geht hier seinen gemütlichen Gang. Direkt vor dem Restaurant, in dem ich diese Zeilen schreibe, verhandeln beispielsweise seit einer halben Stunde fünf Männer um einen Mercedes jüngeren Datums. Er soll offenbar verkauft werden, doch es scheint Probleme zu geben. Die beiden älteren Mercedesse, mit denen die Männer kamen, bilden unterdessen auf der schmalen Straße eine Art Doppelpropfen, durch den sich jeder durchquälen muss.

Ach, wie schön ist der Süden!

Fünf Männer, drei Mercedesse, irgendein Problem und parken in zweiter Reihe

Morgen gehts zu einem weiteren Highlight: Gjirokastër. Nicht nur, dass es da einen Fußballklub mit dem unschlagbar schönen Namen Luftëtari gibt – die Stadt gehört zu den schönsten des Landes. Schriftsteller Imre Kadaré kommt ebenso aus Gjirokastër wie Enver Hoxha, und auch der berühmte Ali Pasha, der aus dem nahegelegenen Topolany stammt, soll seine Spuren in der Stadt hinterlassen haben.

Also denn bis morgen auf diesem Kanal, wenn es wieder heißt „mit the hardy cyclist durch den wilden Süden“.

Permët in seiner ganzen Pracht (und bei Nacht, siehe unten)

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