Tour de Shqipëria, Etappe 11

Etappe 11, Korça – Farma Sotira

Das Leben ist schon eine aufregende Angelegenheit. Nix ist sicher. Auf den Camping Farma Sotira freue ich mich seit Tagen. Und er ist auch echt nett. Ein kleiner Ökobauernhof auf 1.000 Metern, mit Landwirtschaft, Fischzucht und ein bisschen Reittourismus. So wie Ferien auf dem Bauernhof, kennen wir ja alle.

Dumm nur (für mich): als ich ankam, näherte sich mit Riesenschritten ein riesiges Gewittergebiet, das sich dann auch prompt kräftig über der unschuldigen Farm entlud. Und nebenbei die Stromversorgung im gesamten Großraum lahmlegte. Seit fünf Minuten leuchten die Lampen wieder, doch mein geplanter Entspannungsnachmittag in der Sonne ist dann irgendwie doch ganz schön anders ausgefallen. Und so verbrachte ich die letzten Stunden in lustiger Runde mit einem Schotten, einer Israelin und einem deutschen Pärchen im Trockenen und bei Kerzenlicht, Raki und ganz viel Lachen. Und erfuhr nebenbei, dass die Straße auf meiner morgigen Etappe nach Permët „eine Katastrophe“ ist. Na prima!

Das war sie auch heute schon, wie ein bisschen im Video von heute morgen zu sehen ist (siehe hier). Die ersten 15 Kilometer liefen noch flüssig, dann kam der erste von insgesamt vier Anstiegen. Eine nagelneue Straße, mitten in den Fels geschlagen und schnurgerade mit 9+ Prozent den Anstieg hoch. Mag für Autofahrer okay sein, auf dem Rad sind 9 Prozent UND gerade Straße eine ziemlich miese Kombination, denn es gibt nix, woran sich die Augen festhalten können.

Auf dem Gipfel kippte das Bild dann schlagartig um. Der Asphalt wieder Heavy Metal oder gleich durch Schotter ersetzt, die Straße frappierend schmal und der Verkehr ausgedünnt. Das war nach den letzten doch eher unentspannten Tagen immerhin eine sehr willkommene Ablösung.

Beim Landschaftsbild wirkte es, als habe jemand den Vorhang gezogen und fix die Kulisse gewechselt. Statt der flachen und ausgedörrten flachen Ebene plötzlich üppiges Grün, fette Berge, eine Landschaft, in der kein Kontinuität mehr zu sehen war. Herrlich!

Ich hatte bei meinen Planungen lange überlegt, ob ich hier durchfahren wollte. Die Gegend ist abgelegen, dünn besiedelt und fernab von allem, was ich von Albanien kannte. Wer normalerweise vom Mittelmeer nach Korça will reist über Elbasan und nicht durch diese kurvige Hinterlandstraße hier unten.

Es lohnte sich, aber es war harte Arbeit, denn es ging quasi ständig hoch und runter, und das auf teilweise sehr bescheidenem Terrain. Dafür entschädigte die Landschaft und irgendwie auch die wenigen Orte unterwegs, die sehr speziell waren. Viele Pferdekarren, Feldarbeit mit der Hand, insgesamt der Eindruck, dass die Moderne hier noch nicht angekommen ist. Nach dem gestrigen Tag in Korça ein umso größeres Kontrastprogramm, das mich hin und wieder fatal an Afrika erinnerte. Die Vorstellung, wie es hier zu Zeiten des Sozialismus zuging ist schwer. Überall stehen Ruinen von alten Industrieanlagen, doch wie entwickelt war die Gegend damals wohl?

Auf den rund 40 Kilometern bis zum Camping begegneten mir übrigens so viele deutsche Autos wie noch nirgendwo in Albanien. Und ein Fahrzeug mit Berliner Nummer – ein Wohnmobil – heimste dann auch prompt den Tagespreis fûr das widerlichste Überholen ein, als er an einem steilen Abschnitt auf kaputter Schotterpiste in einem Affenzahn an mir vorbeijagte und mich fast vom Rad gerissen hätte.

Dass das Wetter im Laufe des Tages umkippen würde wusste ich seit dem Morgen, und deshalb war Campen keine Option. Auf den allerletzten Drücker kam ich am Camping an und hatte mein Rad gerade in einer winzige Hütte verstaut, als der Himmel seinne Schleusen öffnete und sie seitdem nicht mehr schloss. Für den Radfahrer schlecht, für die Bauern gut, denn auch in Albanien hat es viel zu wenig geregnet, ist das Land ausgetrocknet und die Wasserspeicher leer.

Ein prima Übergang zu morgen, wenn sich in Deutschland und hoffentlich überall in der Welt Menschen (vor allem junge) versammeln, um für eine lebenswerte Zukunft zu demonstrieren. Auch ich werde im „Fridays for Future“-Geist radeln, denn es wird Zeit, das sich was ändert!

Und dass es dabei nicht „nur“ um die Umwelt geht ist ebenfalls auf dem Campingplatz zu sehen. Zum Beispiel an kreuzfahrtschiffgroßen Wohnmobilen aus Deutschland, deren Chauffeure sich über die kaputten Straßen und überhaupt die unfähigen Albaner aufregen und ihren Wutschwall mit den Worten enden lasssen „und die wollen nach Europa“! Wohlstandsüberdruss und Erwartungshaltung ist eine bittere Kombination. Und ergibt eine Haltung, die mich nach zwei Wochen in Albanien wütend macht. In diesem Sinne: Fridays for Future!

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