Tour de Shqipëria, Etappe 10

Etappe 10, Pogradec – Korça

Von wegen „der Weg ist das Ziel“! Der Weg war nämlich heute kurz zusammengefasst schrecklich. Zwischen Pogradec und Korça tobte der Verkehr, und mit toben meine ich wirklich toben. Da zwischendrin auch noch ein serpentiniger Anstieg über rund 400 Höhenmetern steckte, an denen mich die Dieselstinker in Kolonne überholten, hatte ich auf dem Rad heute nicht allzuviel Spass und wir können das Thema „Tagesetappe“ dann auch gleich wieder beenden.

Sieht gar nicht so voll aus, wie es tatsächlich war.

Kommen wir also zum Ziel. Korça startete in meiner persönlichen Sympathie-Hitliste ob der Anfahrt erstmal mit Punktabzug, zumal auch die Einfahrt ziemlich chaotisch und dezent stressig war. Entsprechend froh war ich, als ich meine vorgebuchte Unterkunft mitten im Zentrum und doch in einer sehr ruhigen Seitenstraße gelegen erreichte. Übrigens: Unterkunft gibt es hier für sehr schmales Geld. Gestern in Pogradec zahlte ich 13 Euro für eine ganze Wohnung über zwei Etagen, heute sind es 14 in einem supersüßen und uralten Haus an einer Straße, die mit Steinen gepflastert ist, über die gefühlt schon die alten Griechen flanierten.

Und damit zurück zum Eingangsstatement, denn Korça schaffte es mühelos, nicht nur den anfänglichen Punktabzug zu egalisieren sondern mein Herz im Sauseschritt zu erobern. Eigentlich bedaure ich nur, dass ich morgen schon wieder weiterreise, denn noch wartet ein gehöriges Stück Arbeit auf mich bis zur Rückkehr nach Tirana, wo ich spatestens am 29. zum Derby ankommen will.
Pogradec gestern war schon spezial, was vor allem am Ohrid-See und der damit verbundenen allgegenwärtigen Urlaubstimmung lag. Korça überzeugt nun durch tolle Atmosphäre und eine extrem spannende Mischung verschiedenster historischer Epochen, erkennbar vor allem an der Architektur. Aktuell sitze ich mitten im alten Basar, der nach dem Kommunismus völlig runtergekommen war und inzwischen mit viel Geld teilsaniert wurde. Mit seinem Museumsdorfflair richtet er sich wohl vor allem an Touristen, während die Einheimischen für ihren allabendlichen Spaziergang den Bulevard Republika bevorzugen, der aber leider keine Fußgängerzone wie der Basar ist. Und Abgase hab ich heut echt schon genug gehabt. Deshalb also Basar.

In Korça kommen allerlei Epochen zusammen, und auch der bauliche Zustand ist unterschiedlich. Herrliche Villen kommen als unrettbare Bruchbuden daher, unscheinbare Kleinode wie meine Pension sind liebevoll restauriert worden. Ich könnt jetzt einen kleinen Schlenker durch die Stadtgeschichte machen, aber das behalt ich mir dann fürs Buch vor. Und überhaupt: fahrt einfach selber mal nach Korça und schaut/fühlt. Es lohnt sich!

Die Fußballer unter euch müssen dann auch nicht weit laufen, denn das Skenderbeu-Stadion steht gleich am nördlichen Zipfel der Innenstadt. Albaniens Städte sind übrigens immer fußgängertauglich – selbst in Tirana ist alles wichtige laufend zu erreichen. Braucht man noch nicht mal ein Fahrrad!

Und noch etwas ist wunderbar in Albanien: die tollen Kontaktmöglichkeiten. Ich hatte in den letzten Tagen zig Leute aus dem Skenderbeg-Umfeld angefunkt wegen eines Interviews, und war dabei von meinem Interviewpartner aus Shkodra unterstützt worden. Alles vergeblich. Der eine Kontakt war inzwischen nach Griechenland ausgewandert, der andere nicht in der Stadt und wieder andere meldeten sich nicht. Also bin ich terminlos zum Stadion marschiert und landete punktgenau in der Fankneipe, wo Ervin schon auf mich wartete. Drei Stunden tauschten wir uns über gestern, heute und möglicherweise morgen aus, schwärmten über Fußball (er wurde 1974 zum Deutschland-Fan) und die brutale 10-Saison-Europapokalstrafe für Skenderbeu, die den Klub möglicherweise zerstören wird, denn er hat keine Zukunft mehr.

Die hat nach Ervins Ansicht auch Albanien nicht – wie alle meine bisherigen Gesprächspartner zeigte er sich komplett desillusioniert über Land, Politik, Wirtschaft und eigene Perspektiven. Nein, Albanien ist kein einfaches Reiseland.

Morgen steht eine weitere Königsetappe an. Drei fette Anstiege werden mich so weit in den Süden führen, dass ich Griechenland sehen könnte, wären da keine Berge vor. Tagesziel ist ein legendärer Campingplatz namens Farma Sotira auf 1.000 Meter Höhe, über den ich schon viele Legenden gehört habe. Ich hoffe, meine Beine tragen mich überhaupt soweit…

Witzige Anekdote zum Schluss: am 2. Oktober werde ich im Goethe-Institut in Tirana einen kleinen Bildervortrag über meine Reise halten. Das Goethe-Institut hat mich von Beginn an großartig unterstützt und ich freue mich sehr, dafür ein klein bisschen zurückgeben zu können. Albanien, të dua!

Ausblick auf Pogradec und Ohrid-See vom morgendlichen Anstieg

Albanien zwischen hoffnungslos…

… und liebevoll restauriert

Und die kitschige Moderne ist natürlich auch da!

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