Tour de Shqipëria, Etappe 7

Etappe 7, Bujtina Gjana – Peshkopi.

Also, von den wilden Wellen, die meine heutige Route mal wieder geschlagen hat habe ich ja schon erzählt (siehe Video auf Facebook „Hardy Grüne Radfahren„). Das hatte heute nichts mit Rad-Fahren zu tun. Das war entweder Rad-Rasen oder Rad-Pressen.

Und es war echt anstrengend. So sehr, dass ich mir mal wieder einen Tag wünsche, an dem ich einfach ganz „normal“ Fahrrad fahren kann. Also in die Pedale treten und es tut sich was, statt mir verkrampfte Hände vom Bremsenziehen zu holen oder alternativ trotz berggängiger Übersetzung (30/34) bestenfalls in Zeitlupe vorwärts zu kommen.

Der erste Anstieg des Tages begann quasi direkt mit dem in den Sattel steigen

Der Tag fing mit dem ersten Anstieg an, der mich auf viel zu wenigen Kilometern von 600 auf 900 Metern brachte. Kaum über die Kuppe gekrochen, schoss ich in einem Wahnsinnstempo hinunter in ein Flußtal, wo nach einer scharfen Rechtskurve (die mir jeden Schwung nahm) der erste 16-Prozenter des Tages wartete. Mir blieb nur schieben, denn hochfahren war schlicht nicht drin.

Hinten sieht man Teile der Abfahrt, auf der ich teilweise mit 70 und mehr km/h hinabraste. Um auf der anderen Seite den Schneckengang einzulegen.

Ich will euch jetzt aber nicht mit Jammerstorys langweilen – es ging auf neun Kilometern von 600 Meter auf 1.200 -, denn eins war es dann trotz aller Quälerei auch: ein irrer Trip durch die albanische Bergwelt! Und die ist einfach wunderschön!

Aber auch schwierig. Denn dies ist eine der ärmsten Gegenden Albaniens. Das ist übrigens das nach Moldawien ärmste Land Europas. Malt euch selbst aus, was das heißt. Zum Beispiel Pferde als Transportmittel, jede Menge Minibusse, die ständig von hier nach da fahren, Feldarbeit mit den bloßen Händen und ziemlich heruntergekomme Dörfer. Heute fuhr ich sogar durch ein komplett verlassenes Geisterdorf.

Das Geisterdorf.

Auch über 30 Jahre nach dem Fall des Kommunismus funktioniert in Albanien längst nicht alles (oder muss es möglicherweise heißen „nicht allzu viel“?), und quasi jeder, mit dem ich spreche, zuckt irgendwann resigniert mit den Schultern, wenn es um albanische Politiker geht.

Dabei hat das Land ein so einzigartiges Potenzial. Heute durchfuhr ich Kastrioti. Stammsitz jenes Mannes, der als Skanderbeg zum albanischen Volkshelden wurde. Hier in Peshkopi steht ein riesiges Denkmal von ihm, und Albaniens höchster Berg ist nach der Familie benannt. Zum Wandern ist die Gegend großartig geeignet.
Und es gibt so schöne Angewohnheiten! Das Xhiro beispielsweise. Das findet abends in den Städten statt, wenn jeder, also wirklich jeder!, zu einem Spaziergang durch die Innenstadt aufbricht. Eine tolle Atmosphäre und irgendwie auch eine Reise in die Vergangenheit, denn auch in Deutschland gab es ja einst solche Dinge. Vor dem Siegeszug des Fernsehens und vor allem dem des Smartphones.

Dann ist da aber auch wieder die Kehrseite, wie ich sie heute in Peshkopi im Stadion zu sehen bekam. Eine abbruchreife Hütte, umgeben von einem eingedellten Blechzaun, durch den mich, ungelogen!, ein Esel leitete. Er stand auf der Straße und marschierte durch ein Loch in der Blechwand ins Stadion hinein. Als ich hinterkam schien er sich richtig zu freuen und gemeinsam schauten wir dann Seite an Seite auf den traurigen Zustand, den die Hütte darbot. Peshkopi stieg übrigens 2016 in die Super League auf (das ist die hiesige Bundesliga), und da sagte selbst der albanische Verband Nein zum Stadion. Also bestritt man seine Heimspiele in Tirana, Luftlinie nur 60 Kilometer, nach Straßenkilometern jedoch 190 Kilometer entfernt. Peshkopis Fans sahen ihre Mannschaft im (erfolglosen) Erstligajahr also quasi nur im Fernsehen.

Was dennoch für eine fast wütende Aufbruchstimmung im Land herrscht zeigt der junge Besitzer des Hotels, in dem ich nächtige. Er hat es vor drei Monaten eröffnet, weil er nicht mehr warten wollte. Auf etwas, was eh nicht kommt. Also griff er zur Selbsthilfe, vermietet drei Zimmer, bietet eine Gemeinschaftsküche und einen herrlichen Balkon. Alles direkt in der Fußgängerzone, trotzdem ausgesprochen leise und für ganze 14 Euro die Nacht. Wen es demächst mal in diese Gegend treibt: Deshati Hotel (diese kleinen Werbungen sollen jetzt keine Gewohnheit werden, ich fand aber beide Projekte – gestern und heute – unbedingt unterstützenswert).

Der stolze Hotelier

Morgen mach ich einen kleinen Schlenker über Mazedonien, weil die Streckenführung an den Ohrid-See einfacher ist. Könnte also heißen, dass es morgen keinen frischen Report gibt, weil meine albanische Sim-Karte dort nicht läuft. Na, ihr werdet es herausfinden!

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

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