Tour de Shqipëria, Etappe 5

Hier ist Kukës. Kukës ist nicht die schönste Stadt auf Erden, und ich glaube sagen zu können, dass man in Kukës aktuell nicht allzu viele Chancen hat, etwas aus seinem Leben zu machen. Als ich heute Nachmittag in die Stadt einfuhr, waren die Bars voll mit Männern im Alter zwischen 18 und sicher um die 80, die vor allem eins taten: Zeit totschlagen. Arbeit gibt es nicht mehr viel in Kukës, und nach all der Aufregung um den Krieg im benachbarten Kosovo, der zehntausende von Flüchtlingen in die Stadt brachte, ist längst wieder Ruhe eingekehrt.

Kukës ist ein begehbares Denkmal für vieles, was der Sozialismus anders machen wollte und was so folgenschwer schief ging. Denn Kukës, das ist das Eisenhüttenstadt von Albanien. 1962 aus dem Boden gestampft, nachdem das alte Kukës im vor der Stadt liegenden Stausee versenkt wurde. Kukës wurde zur sozialistischen Vorzeigestadt, und so kann man schön beobachten, was man sich damals im Parteibüro unter einer idealen Stadt vorstellte. Straßen im Rechteckmuster, kein eigentliches Stadtzentrum, kurze Wege durch Nähe von Wohnblocks, Versorgungseinrichtungen sowie Freizeitstätten und grünen Parks für die Entspannung der Arbeiterklasse.

56 Jahre später sieht das alles nicht mehr wirklich schick aus, und ein Gespräch mit einem eine Zeitlang in Deutschland lebenden Einheimischen war entsprechend dominiert von einer gewissen Hoffnungslosigkeit. Trotzdem flanieren auch in Kukës die jungen Mädels in Kleingruppen durch die Straßen und kichern, wenn die lauten Jungs auftauchen, donnern die testosterongetriebenen Machojungs mit aufgeblasener Musik in ihren Mercedessen durch die Stadt, sitzen die Rentner auf den Bänken entlang der Einkaufsstraßen und diskutieren vermutlich über alte Zeiten. Ob sie sie vermissen? Wohl eher nicht, wie mir mein Gesprächpartner versicherte. Kukës will nicht die Vergangenheit zurück, Kukës möchte eine Zukunft.

Kukës war mein Zielort, der heute morgen 83 Kilometer, 1.500 Höhenmeter und drei durchaus leckere Anstiege von mir entfernt lag. Nach einer für hiesige Verhältnisse frischen Nacht, in der ich sogar erstmals den Schlafsack brauchte (mein Camping befand sich auf 900 Metern Höhe), kroch die Sonne gerade über die Alpengipfel, als ich meinen Crosser sattelte und mich ins nächste Abenteuer begab. Nach dem gestrigen Gekracksel durchaus mit Respekt, zumal am Ende eine gewisse Unsicherheit wartete. Dazu später mehr.

Es ging sanft los, und auch der erste Taleinschnitt nach 20 Kilometern war vergleichsweise harmlos und beschränkte sich auf Höhenverlust von etwas über 200 Metern. Pillepalle also!

Die Landschaft ein Gedicht! Wer schon immer mal ohne Autoverkehr in den Alpen radeln wollte (Rennradeln, denn das geht hier prima) sollte unbedingt mal nach Albanien kommen! Das von der aufgehenden Sonne angeleuchtete Bergpanorama begleitete mich über viele Kilometer, und weil die Straße anfangs auf der Schattenseite lag waren auch die Temperaturen im organismusschonenden Bereich. Ratzfatz hatte ich die 24 Kilometer bis zur Kreuzung mit der E851 hinter mir – übrigens ohne auch nur ein einziges Auto gesehen zu haben. Das ist wirklich Radfahrers paradise!

Und so ging es weiter. Auch auf der E851, bis zum Bau der Autobahn von Tirana nach Kukës dichtbefahren, herrschte gähnende Leere. Dafür wurde die Strecke deutlich welliger, ging es immer mal wieder für ein/zwei Kilometer mit 10 bis 12 Prozent gen Himmel. Mit dem ganzen Gepäck hintendran durchaus eine Ansage. Der erste Taleinschnitt kostete mich dann 400 Höhenmeter, die ich auf der anderen Seite gleich wieder hochfahren musste. Rein zeitlich betrachtet wäre ich wohl auf einer ebenen Strecke dreimal so schnell gewesen, obwohl ich bergrunter mit 60 und mehr km/h unterwegs war.

Die Landschaft immer noch ein Wucht. Nun war auch der Drin mal zu sehen, säumten sich Gipfel und dichtbewaldete Hügel an seinen Seiten. Ständig musste ich halten und Fotos von diesen sagenhaften Ausblicken schießen. Menschen waren kaum zu sehen (wenn dann ein paar Viehhirten mit Kühen oder Ziegen), Häuser und Farben tauchten nur alle paar Kilometer auf. Wie mag sich das Leben hier anfühlen?

Der dritte Taleinschnitt kostete mich erneut über 400 Höhenmeter war aber eine wunderbare Achterbahnfahrt auf perfekter Straße, die den anschließenden Anstieg irgendwie wert war. Frisch gestärkt mit einem doppelten Makiato und einer radebrechenden Deutsch/Englisch/Albanisch-Konversation mit drei morgens um halb 12 bereits bierseeligen Barbesuchern stemmte ich mich in den Anstieg, der einfach nicht enden wollten. Man muss es auch nicht als gerecht empfinden, wenn die Talfahrt über fünf Kilometer erfolgt, der Gegenanstieg sich aber über weit mehr als acht Kilometer zieht. Inzwischen waren ja auch schon ein paar Körnchen aus den Beinen verschwunden, glotzte die Sonne zudem mit verrückter Freude vom Himmel und erhitzte das Blut.

Wirklich oben war ich gefühlt nie. Es ging hoch und runter, zig Abfahrten kosteten wertvolle Höhenmeter, die kurz darauf wieder eingefahren werden mussten. Das Bergfinale dann hinter Kalimash, einer alten Siedlung aus den Tagen, in denen Chrom abgebaut wurde. Plötzlich kippte das liebliche Bild in eine zwischen apokalyptischen Szenarien und rauer aber auch herzlicher Natur schwankenden Bildern. Mit schwerem Gerät wurden Wunden in die Felsen gerissen und ließen eine bizarren Anblick entstehen. Die Straße war nun wieder ziemlich kaputt, schwerer Steinschlag dürfte dort an der Tagesordnung stehen. Ein Bild, zum weinen schrecklich und zum weinen schön zugleich.

Im rauschenden Tempo ging es anschließend hinab in die Ebene, und damit komme ich zurück zur eingangs erwähnten Unsicherheit. Mein Navi verweigerte nämlich die Planung für die letzten rund zwölf Kilometer bis Kukës. Es vermutete dort als einzige Verbindung eine Autobahn. Die aber endet unmittelbar an der Kreuzung mit der E851 und wird zur E851 – also quasi eine Bundesstraße. Nur dass sie aussieht wie eine Autobahn und auch befahren wird wie eine Autobahn. Nachdem mir ein paar Bauarbeiter versichert hatten, dass es kein Problem sei, dort mit dem Rad zu fahren, und dass ich ansonsten über ziemlich hügelige Nebenstraßen müsste fiel die Entscheidung. Rein ins Vergnügen und Autobahnfeeling genießen – einen Standstreifen gab es übrigens nicht.

Dafür aber ein Gefälle von rund 6 Prozent, womit ich auf meinem vollbeladenen Crosser schneller war als viele der Lastwagen – an denen ich prompt in durchaus gesättigtem Tempo vorbeidüste. Wozu gibt es auch eine Überholspur? Rasent schnell tauchte Kukës am Horizont auf, von wo aus ein garstiger Wind blies und mich trotz des Gefälles fast zum Stillstand kommen ließ und ich ziemlich froh war, die Stadtgrenzen endlich erreicht zu haben.

Gefühlt waren das heute quasi zwei Radtage. Erst der durch die menschenleere und wunderschöne Alpenlandschaft, dann – ab der „Autobahn“ – ein Ausflug in die Gegenwart und irgendwie auch Geschichte Albaniens. Vieles ist auffällig: in den Bars der Stadt sitzen wirklich nur Männer (das ist in den anderen bereits bereisten Orten nicht so viel anders gewesen, betrifft hier aber wirklich 100 Prozent), es gibt diverse Billardkneipen, die gut gefüllt sind und irgendwie wirkt fast jeder, als warte er eigentlich nur auf den nächsten Moment.

Gewartet wird auch noch auf etwas anderes. Den Stadionausbau nämlich. Mit Hilfe eines „Businessman“ hat der FK Kukës es nämlich an die Spitze des nationalen Fußballs geschafft und wurde zuletzt albanischer Vizemeister. Nur spielt man aktuell in Tirana, weil das Stadion komplett umgebaut wird. Am Bauzaun traf ich drei Herren, die sehnsüchtig darauf warteten, dass es bald wieder vor Ort losgeht. „Hier ist ja sonst nchts“, meinte der eine und guckte ziemlich resigniert.

Für morgen lasse ich es übrigens mal etwas lockerer angehen. 23,5 Kilometer stehen an. Normalerweise wäre das maximal eine Stunde Fahrtzeit. Ich rechne mit deren drei, denn es gibt 720 Höhenmeter zu überwinden. Normale Härte in Albanien.

HINWEIS: Über meine Albanien-Tour wird 2020 ein Buch erscheinen. Wer darüber informiert werden möchte schickt bitte eine Mail mit dem Betreff ALBANIEN an hallo at hardy-gruene.de. Muss nix weiteres drinstehen, der Betreff sagt mir alles. Und es kommt garantiert auch keine Flut von Mails sondern lediglich Hinweise, wenn es mit dem Buch konkreter wird. Das Werk wird im Zeitspiel Verlag erscheinen und vor allem über Direktvertrieb zu beziehen sein.

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