Tour de Shqipëria ist gestartet!

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Grad mal 110 Kilometer und eine Handvoll Höhenmeter liegen hinter mir, und schon steht ein Pausentag an. Kein Vergleich zu vorangegangenen Abenteuern und irgendwie nahe an einem gemütlichen Sonntagnachmittagsausflug. Der ja auch tatsächlich am Sonntag begann aber so gemütlich nun auch wieder nicht war. Zum einen brütet Albanien gerade unter Saunatemperaturen von 35+ und einer Luftfeuchtigkeit, die jedes Türkische Bad locker in den Schatten stellt. Zum anderen herrschen vor allem im Großraum Tirana, aber auch hier in Shkodra, wo ich aktuell bin, ein paar wilde Regeln auf den Straßen, bei denen der Radfahrer in der Regel nur eine Regel zu befolgen hat: aus dem Weg!

Den Pausentag gibt’s aber trotzdem aus einem anderen Grund, denn Shkodra ist eine der interessantesten Städte Albaniens und ich möchte schlicht ein wenig Zeit haben, um sie mir anzuschauen. Und dann ist da ja auch noch mein allzu vermessener Auftrag, ein paar Geschichten zu Land und Leuten mitzubringen, die sich am roten Faden Fußball entlanghangeln.

Was im Übrigen bislang wunderbar geklappt hat. Ich habe mich mit einem der Gründer der Tirona-Ultras „Fanatics“ getroffen und locker vier Stunden palavert, ich wurde in den heiligen Keller der Partizani-Ultras Guerrils eingeladen und freundlich bewirtet, traf den Vaters eines U19-Nationalspielers, der sein Glück gerade in Deutschland versucht und bekam von der Leiterin des Goethe-Instituts in Tirana wertvolle Tipps und tolle Unterstützung. Gestern abend hatte ich ein Interview mit einem Fernsehjournalisten aus Shkroda, der mir meine idealisierten und romantisierten Vorstellungen von Albanien dann gleich mal tüchtig geradegerückt hat. Es zeigt sich jedenfalls, dass die Idee, ein albanisches Stimmungsbild entlang des Fußballs zu zeichnen so schlecht nicht ist und auch wie erhofft mühelos über das vermeintlich enge Korsett des Fußballs hinausgeht.

Am Sonntagmorgen endlich aufs Rad zu steigen und Tour de Shqipëria zu starten fühlte sich großartig an. Im Slalomlauf ging es über Tiranas von Fußgängern bevölkerte Radwege zur Stadtgrenze, wo mich die Bilder an Afrika und Südamerika erinnerten. 1991, nach dem Sturz des alten Regimes, ließen sich dort zehntausende von Menschen vor allem aus dem ländlichen Norden nieder, und seitdem sind Kamaz und Co. sozialer Brennpunkt und ein Abbild von Albaniens Realität, von der der normale Tourist im Land vermutlich nicht allzu viel mitbekommt. Ich auf dem Rad schon, und deshalb liebe ich das Reisen per Fahrrad ja auch so. Während in Kamaz eine Hochzeitgesellschaft den Verkehr blockierte und ich mich mit noch leichter Anfangsnervosität durch den Moloch navigierte war es in Fushjë-Krujë eine Baustelle, die das gesamte Stadtzentrum lahmlegte. Während die Autofahrer dort wieder umdrehen mussten, konnte ich mich immerhin über eine schmale Fußgängerbrücke durch die vom Markttag angelockten Massen zwängen und erregte leichte Aufmerksamkeit mit meinem Rad, meinem Outfit und vermutlich vor allem meinem Fahrradhelm, denn so etwas trägt hier wirklich niemand. Nur ich.

So chaotisch der Verkehr auch ist – irritierend sind vor allem die in zweiter Reihe geparkten Wagen, die jede zweispurige Straße zum Nadelöhr machen -, so sehr fließt er und so viel Respekt bekomme ich auch als Radfahrer. Man sollte aber schon etwas mutig sein und offensiv in sich ergebende Lücken im Verkehrsfluss einfädeln, denn darauf warten, dass ein Autofahrer einen Radler in den fließenden Verkehr bittet dürfte vergebliche Liebesmüh sein. Aber ich bin ja Afrika- und Südamerikaerprobt!

Dennoch war ich ziemlich froh, als ich nach rund 30 Chaoskilometern im besagten Fushë-Krujë endlich auf eine schmale Nebenstraße ausweichen konnte und am Fuße der Malësia e Skënderbeut-Bergkette verkehrsentschleunigt weiter gen Norden pedalierte. Die dortige Landschaft unspektakulär. Auch in Albanien ist der Regen zu knapp ausgefallen, und das sieht man. Die Bergkette im Hintergrund recht einladend, rechts und links der Straße ein bisschen Landwirtschaft und ab und an eine kleine Gemeinde. In der dann regelmäßig üble Asphaltwellen zur Verkehrsberuhigung auftauchen, die tatsächlich ihren Zweck erfüllen – denn ohne dort abzubremsen dürfte der Achsenbruch garantiert sein. Selbst auf dem Fahrrad muss ich jedes Mal in die Eisen gehen, weil es mir sonst mein Gepäck um die Ohren schleudern würde. Das ist übrigens echt minimalistisch und dennoch ganz schön energieraubend. Es ist unfassbar, wie enorm der Unterschied zwischen einem Fahrrad mit und einem ohne Gepäck ist. So ein bisschen luge ich da schon auf die nächsten Tage, die mich mit reichlich Höhenmetern in die nordalbanischen Alpen bringen wird. Das dürfte ne ziemliche Knüppelei werden.

Mehr Sorgen haben aber Albaniens Autofahrer um ihre Karossen. Während in der fernen Heimat über Innenstadtverbote und SUV-Beschränkungen diskutiert wird ist das Auto hier König. Vielleicht ja kein Wunder in einem Land, in dem 40 Jahre lang niemand ein Auto besitzen durfte. Jedenfalls wird das gute Stück gehegt und gepflegt, und über die Huppel in den Dörfern fährt man bestenfalls im Schritttempo. Da kann ich dann meistens sogar richtig mithalten. Wie groß der Autowahn ist zeigen die Waschanlagen (Lavazh) entlang der Straßen. Ich glaube inzwischen, dass Albanien eine höhere Dichte an Autowaschanlagen hat als an Cafés. Obwohl die auch überall sind.

Laç, ein Wallfahrtsort zwischen Tirana und Shkodra, war ein trister Zwischenstopp. Ein Ort ohne Seele, scheinbar ohne Zukunft. Zu Envers Zeiten war Laç eine Industriehochburg. Davon sind nur noch Ruinen übrig, und die ziehen sich regelrecht zum Horizont. In Tirana erzählte mir jemand, in Laç gäbe es ständig Schlägereien und ähnlichen Ärger. Ich kann‘s verstehen. Ebenso wie ich die Resignation vieler Gesprächspartner bezüglich Albaniens Zukunft verstehen kann. Ein 14-Jähriger blaffte mich in Tirana an und meinte „Tirana is fucked. I want to get out of Albania“. Er hat sich selbst über Internet ein hervorragendes Englisch beigebracht und lernt gerade Deutsch. „I want to have a future. In Albania there is none“, meinte er. Und bevor jetzt jemand aufschreit: Eigeninitiative scheitert in der Regel an der noch immer allgegenwärtigen Korruption und Vetternwirtschaft.

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Kleiner Ausschnitt einer großen Katastrophe

Lezhë war mein erster Zielort, und auch der hatte etwas Besonderes. Zum Beispiel eine wunderbare Pizzeria, die mir so viel Energierückfluss bescherte, dass ich für den kompletten Tag nix mehr essen musste. Dabei war es erst 14 Uhr. Trinken schon, denn die Hitze war inzwischen ziemlich unerträglich. Lezhë ist eine katholische Hochburg, als Wahl-Eichsfelder fühlte ich mich also wie zuhause. Weil die Stadt 1997 bei einem Erdbeben ziemlich mitgenommen wurde gab`s am Ortseingang erstmal reichlich Platte, ehe im Zentrum auch ein bisschen ältere Bausubstanz zu sehen war. Darunter das Stadion, das allerdings so aussah, als habe man nach dem Erdbeben nicht viel mehr daran gemacht als frische Farbe anzubringen. Die im Übrigen auch schon wieder abblättert. So wie der Ruhm von Besëlidhja, einem Klub wie der VfL Bochum, irgendwie immer da aber nie im Rampenlicht. Warum ich ausgerechnet auf Bochum komme? Nun, unter den wenigen eher frischen Farbtupfern im Stadion war ein Aufkleber des Vereins. Gruß nach Bochum, wer immer ihn geklebt hat: er ist noch da!

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Rruga Franz-Josef-Strauß in Lezhë

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Im Stadion des albanischen VfL Bochum

Für die Nacht suchte ich mir einen Campingplatz an der Küste. Nicht in der kosovarisch-albanischen Bettenbetonburg Shëngjin, die mir als laut, überteuert und ätzend ausgeredet wurde, sondern in der Lagune Kune-Vain. Und das war es wert. Schöner Sandstrand, urige Atmosphäre, ein Campingplatz, der eigentlich nur eine Bar war, die über eine Außendusche und ein Plumpsklo verfügte. Und trotzdem 10 Euro pro Nacht verlangte. Was ich da wohl in Shëngjin bezahlt hätte?

Am nächsten Morgen grummelte es am Himmel, und das Regenradar zeigte Gewitter von West nach Ost hauchdünn an Lezhë vorbeiziehen. Ich ließ mir mit dem Start etwas Zeit, kam hinter Lezhë doch noch kurz in ein paar Regenwolken und verschwand dann auf einer Nebenstraße durch die von Kanälen durchzogene Hinterlandlandschaft. Und traf endlich auf meinen ersten Bunker! Wie bestellt und nicht abgeholt stand er plötzlich am Straßenrand, doch sein Wachposten hatte die Stellung wohl schon vor längerem verlassen. Um die 200.000 von geplanten 750.000 dieser Dinger wurden unter der Hoxha-Führung gebaut und sollten dazu dienen, das Land quasi im Einzelkampf zu verteidigen. Albaniens Geschichte ist schon eine ganz besondere. Entkräften kann ich übrigens das als Frage an mich herangetragene Gerücht, dass es Albanien keine geraden Straßen gäbe, weil kurvenreiche leichter zu verteidigen sind. Stimmt nicht, die SH1 zum Beispiel zog sich kilometerlang schnurgerade nach Shkodra hin, und verteidigen musste nur ich mich, nämlich auf einer ziemlich winzigen Spur am Straßenrand gegen jede Menge stinkende Lastwagen.

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Einer von 200.000

Shkodra hat sich bislang als echte Perle entpuppt und ich freu mich sehr darauf, gleich ein wenig im Zentrum herumzuspazieren und vielleicht einen Ausflug zur Ura e Mesit-Brücke zu machen oder zur Rozafa-Bug an der südlichen Stadtgrenze hochzukurbeln. Irgendwie schwant mir, dass ein Tag verdammt wenig für diese Stadt ist.

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Shkodra. Eine Einladung an die Seele.

Denn morgen geht es weiter, und dann ist Schluss mit Urlaub. Schon die Etappe zur Fähranlegestelle in Koman wird auf 55 Kilometern deutlich über 1.000 Höhenmeter haben, und nach der Fährfahrt nach Fiërze stehen jene beiden Etappen an, bei denen mir die Streckenplanungsapps irgendwas zwischen 3.000 und 8.000 Höhenmetern auf 120 Kilometer berechnet haben. Bin gespannt, wie viele es wirklich sein werden.

Alsdann, genießt den Frühherbst. Mirupafshim und schließlich noch ein paar Bilder von unterwegs!

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Irgendwo zwischen Lezhë und Shkodra

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Die Natur holt sich alles zurück

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Albanisches Stileben – oder re-cycling

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Gymnasium Shkodra. Hier wurde früher über Hoxhas Weg nachgedacht.

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Zugestaute Straßen.

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Albaniens Antwort auf Deutschlands SUV-Fragen?

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2 Kommentare

  1. Klasse beschrieben also für mich als Neueinsteiger von Anfang an shr gut zu lesen also ich kann nur von mir geben …klasse toll–spannend–

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