14. Etappe: am Ende angelangt

Noch 20. Noch 14. Noch 7. Noch 2. Dann ein Wegweiser „John O’Groats 1/4 Meile“. Kurz nach links abgebogen, knapp 500 Meter Richtung Meer gerollt und am Schildchen „John O’Groats“ zum Halten gekommen. Ich war da. Knapp 1.000 Meilen – oder 1.600 Kilometer -, nachdem ich ziemlich genau vor zwei Wochen und einem Tag in Land’s End aufs Rad gestiegen war, um dieses Land, in das ich mich in den 1980er Jahren verliebt habe, endlich mal der ganzen Länge nach zu durch- und zu erfahren.

Ein Wegweiser als Ziel

Und dann? Ratlosigkeit. So, wie schon in Afrika, in Südamerika, nach den 300 Kilometern an einem Tag von Duisburg nach Bensersiel. Denn „Der Weg ist das Ziel“ ist bei Reisen wie meiner das Motto. Es geht nicht ums ankommen, es geht ums unterwegs sein. Aber dazu braucht es dann auch wieder ein Ziel. Zum Beispiel John O’Groats, ein winziges Örtchen an der schottischen Nordostküste, der als einziges herausstechendes Merkmal aufweist, der entgegengesetzte Punkt von Land’s End zu sein. Das Festland endet hier zwar, doch Großbritannien geht noch weiter, denn via Fähre kann man weiter auf die Orkney- oder gar Shetland-Inseln tuckern.In meinem ursprünglichen Plan hatte ich genau das vor und wollte über Norwegen zurückkommen – das Vorhaben scheiterte jedoch leider an eingestellten Fährverbindungen nach Norwegen.

John O’Groats besteht aus einer Handvoll Häuser, die nicht mal am Meer liegen, und einer ganzen Armada von Souvenirshops und Cafes, mit denen die täglich zu tausenden eindrudelnden Touristen abgespeist werden. So welche wie mich, die sich diesen Traum End to End erfüllt haben, aber auch ganz viele andere, die bequem mit Bus, Auto oder Wohnmobil mal kurz vorbeischauen. Vor einigen Jahren hat die hiesige Tourismusbehörde die geniale Idee der „Route 500“ gehabt, die einmal um den nördlichsten Zipfel Großbritanniens geht und auf ziemlich genau 500 Meilen kommt. Ein echtes Erfolgsrezept, denn wo vorher nur vereinzelt Touristen hinkamen wollen nun alle die „Route 500“ vollmachen. Darunter übrigens ziemlich viele Deutsche. Schon gestern habe ich inmitten der Einsamnkeit mehr deutsche Autos gesehen als in den ganzen zwei Wochen seit Land’s End zuvor. Heute kamen mir wieder diverse Canmper-Vans mit deutschem Kennzeichen entgegen, ließ ich mich auf dem Parkplatz im Ziel sogar von einem deutschen Pärchen aus Aschersleben fotografieren.

Der Tag begann früh. Für den Nachmittag war Regen angesagt, und da wollte ich schon im Ziel in Wick sein und mein Zelt aufgeschlagen haben. Kurz nach acht fuhr ich in Bettyhill vom Hof und stürzte mich in die Achterbahn. Hoch, runter, hoch, runter – ihr kennt das inzwischen. Über 50 Kilometer wechselte die Kette eigentlich nur von links nach rechts, war ich bei Anstiegen im zweistelligen Bereich ordentlich am Pumpen und flog direkt hinter dem Gipel gleich wieder mit 50 km/h+ den Abhang runter. Die Reise ging durch eine wunderbar grüne und zerklüftete Landschaft, mit kuscheligen Sandbuchten und niedlichen Örtchen, die oft nur aus einer Handvoll Häusern bestanden. Die Sonne strahlt mit aller Kraft, die sie hier oben aufbringen kann, und so kurbelte ich sogar kurz/kurz – also kurze Hose und kurzes Trikot. Das sollte sich noch ändern.

Ready to go for the last leg

Nebenbei erschwerend: der Zustand der Straße. Irgendwie sah der Asphalt so ein bisschen wie die Topografie der schottischen Nordküste aus. Völlig zerfurchtet, mit tausenden von kleinen Huppeln und alles andere als grade. Vor allem bergab war es ein lustige Geholper, und mir sprang dabei sogar unbemerkt eine Trinkflasche aus der Trikottasche – ist mir auch noch nicht passiert. An dieser Stelle kann ich dann auch gleich mal ein Lob an den gefahrenen Schwalbe G1 loswerden, der die gesamte Tour über grandios war. Sowohl auf Asphalt, wo er wirklich nett schnell läuft, als auch im Gelände, wo ich anfangs noch sehr vorsichtig und pannenängstlich unterwegs war, was sich aber bald legte. Und: ich bin komplett pannenfrei durchgekommen!

Landschaft hinter Thurso

Bei Thurso ebbte die Berg- und Talbahn dann langsam aus, wurden die Anstiege sanfter und die Landschaft karger. Inzwischen hatte der Himmel zugezogen und ich trug schon langärmlich. Und nun kam der Wind dazu – und zwar aus Süden, also als Seitenwind. Mehr und mehr wurde aus einer vergnüglichen Abschlussetappe harte Arbeit, krochen die Kilometer plötzlich nur noch aus dem Tacho. Und meldete sich die Befürchtung, dass die 26 Kilometer zwischen John O’Groats und dem Zeltplatz in Wick „interessant“ werden würden – sie gingen nämlich straight nach Süden.

Genau so kam es. Nachdem ich John O’Groats nach ein paar Fotos und einem Abstecher in einen der Souvenirläden wieder verlassen hatte lagen die 26 gegenwindschärfsten Kilometer vor mir. Und trug inzwischen die Windjacke als dritte Schicht gegen den kalten Wind. Boah ey, habe ich gekämpft. Irgendwie war es vom Kopf her nicht so einfach, denn der Zenit der Tour war ja überschritten, und eigentlich wollte ich nur noch gemütlich nach Wick runterrollen. Mehr als anderthalb Stunden dauerte der Kampf gegen den zunehmend böigeren Wind, und es wurde sofort klar, warum eigentlich jeder sagt, End to End fährt man zwingend von Süden nach Norden und nicht andersherum. Das Wetterradar machte übrigens lediglich „leichten Wind“ aus – ich möchte nicht wissen, wie sich das ganze dann bei „starkem Wind“ anfühlt. Hinzu kommt, dass die Gegend fast baum- und auch heckenlos ist, der Wind also überall kräftig rüberpfeifen kann. Ach ja, hügelig ist sie auch noch 🙂

Es war pure Willenskraft und kein Fitzelchen „Lust“, die mich schließlich nach Wick und auf den dortigen Campingplatz führte. Wo ich schon erwartet wurde (ich hatte mich angemeldet) und zur Begüßung a nice mug of tea serviert bekam. Großartig! Der Zugang zu den Toiletten hat hier übrigens zwei Türen mit einem kleinen Zwischenflur als Windfang, da kann man sich in etwa ausmalen, wie rau das Wetter hier sein kann.

End to End ist nun zu Ende, doch die #UKChallenge2018 geht ja noch weiter. Morgen gehts per Bahn bis Perth, übermorgen dann weiter bis nach Warrington (südlich von Manchester), wo ich wieder aufs Rad klettere, um 30 Kilometer bis kurz vor Chester zu kurbeln. Tags darauf gehts dann tief hinein nach Wales. Blaenau Ffestiniog steht auf dem Zettel, und damit der Besuch bei zwei sehr lieben und „alten“ Freunden, bei denen ich dann Pfingsten verbringen werde.

Ihr hört also von mir!

your hardy cyclist

Kleines Bonmot aus Wales. Slugs sind übrigens Schnecken, wobei damit beorzugt die braunen Nacktschnecken, die gerne mal den halben Garten leerfressen, gemeint sind.

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