12. Etappe: so nah und doch so fern

240 Kilometer noch. 240 Kilometer noch, dann bin ich am Ziel. In John O’Groats. Zum greifen nahe und doch so fern.

Heute hat gebissen, das Bier vor mir muss Nerven und Muskeln runterkühlen. Eigentlich ging es schon gestern mit dem Regen los, der bis tief in die Nacht anhielt. Als er durch war, öffnete sich der Himmel und es wurde gefrierpunktnahe kalt, was meinen leichten Schlafsack an seine Kapazitätsgrenze brachte. Dafür strahlte heute morgen die Sonne und gab ein großartiges Bild vor meinen Augen frei – das Glück des Zeitreisenden!

Kurz vor neun saß ich auf dem Rad und merkte schon nach hundert Metern, dass die Muskeln eher träge reagierten und so gar keine Lust hatten, schon wieder das vollgepackte Rad umherzuwuchten. 135 Kilometer standen heute an, das war durchaus ne Hausnummer.

Bis Fort Williams kämpfte ich mit dem höllischen Verkehr, der sich immer wieder hinter mir staute, weil die Straße wahrlich schmal war und Überholen bei Gegenverkehr unmöglich. Zum Stress hinter mir kam die üble Straße mit Schlaglöchern und ziemlicher rauer Oberfläche, was immer wieder zu fixen Lenkmanövern und eine offroad-Feeling führte.

Hinter Fort Williams ging es auf eine Nebenstraße, die wunderschön war aber auch jedem topgrafischen Ausschlag folgte. Will heißen: es ging ständig hoch und runter. Und die Muskeln meckerten noch immer, quälten sich an den Anstiegen im Zeitlupentempo. Nachdem ich zwischenzeitlich noch in einen 10 Meilen-Gepäckmarsch einer Armeeeinheit geraten war (wow, waren die Jungs am keuchen!) stand ich plötzlich vor einen Waldweg und durfte eine gut 10 Kilometer lange off-road-Einlage einlegen. Wieder wunderschön mit wirklich traumhaften Ausblicken, aber eben auch fordernd. Vor allem bergauf, wo ich den beladenen Crosser über die steilen Passagen schieben musste, weil bei dem wilden Untergrund ans kurbeln nicht zu denken war. Als ich die Hälfte der 135 Tageskilometer hinter mir hatte war es fast zwei – das war irgendwie verdammt spät.

Fanden auch die Muskeln und mäkelten ziemlich rum, dass sie nun wirklich keine Bock mehr hätten und wir jetzt mal hurtig ins Ziel kommen sollten. Aber wie geht hurtig, wenn man müde ist und die Strecke fordert? Ein 10 Kilometer-Abschnitt auf einen herrlichen Radweg neben dem Caledonian Canel ging viel zu schnell vorbei, als ich im touristisch total überlaufenen Fort Augustus erst auf den Loch Ness und dann wieder auf die Highlands-Autobahn mit den schmalen Spuren traf. 33 Meilen – etwa 54 Kilometer in der Tretmühle standen an.

Boy oh boy, das ging echt ans Eingemachte. Und genau da wird Radreisen zum Psychospiel. Denn es gilt, die schmale Linie zu finden, die Mögliches von Unmöglichem trennt. Kleine Belohnpausen helfen dabei, zugleich sind zuviele Stopps blöd, weil man völlig aus dem Rhythmus kommt.

Ich bin ja überzeugt, dass Nessy ihre Hände im Spiel hatte. Immerhin kurbelte ich am Ufer des Loch Ness, und vielleicht war die muskulare Unlust ja nichts weiter als eine telepathische Botschaft aus den Tiefen des Loch Ness? Als ich nach Nessy rief erhielt ich leider keine Antwort…

Im Zeitlupentempo addierten sich die Kilometer, als aus heiterem Himmel auch noch strammer Gegenwind – also aus Nordost, eher unüblich hier – einsetzte. Na prima, bestimmt auch Nessy!

Irgendwann tauchte dann die Stadtgrenze von Invernes auf und nach einiger Rumfragerei fand ich den Camping, der auf meiner persönlichen Shitliste der schlimmsten Campings, auf denen ich jemals war, sofort eine Spitzenposition einnahm. Laut, ohne jegliche Atmosphäre, mürrischer Betreiber, Sanitäranlagen aus der Antike (mit den dazugehörigen Gerüchen) und zudem komplett hoch eingezäunt, denn er liegt mitten in Inverness‘ Shanty Town. Nessy!

Nelly gefunden habe ich dann doch noch, sie lebt mitten im Zentrum von Inverness und erschreckt Touristen. Dabei ist sie eigentlich ganz lieb. Und natürlich total süß.

So, genug geklagt, so schlimm wars auch wieder nicht und ohnehin „its all part of the trip“. Etwas gewöhnungsbedürftig nach zwei Wochen in Miniorten ist das städtische Leben, zumal ja auch noch Samstagabend ist und hier die schottische Molly abgeht. Leider nicht für mich, die körperlichen Signale sind da unmissverstandlich. Und hej, wer streitet schon mit seiner Antriebsmaschiene?

Für die letzen 240 Kilometer habe ich nun komfortable drei Fahrtage übrig, da mein Zug Richtung Wales erst am Mittwochmorgen in Wick (26 Kilometer südlich von John O’Groats) abfährt. Ich werde wohl morgen irgendwas zwischen 50 und 80 Kilometern bis zum nächsten netten Camping kurbeln, dann am Montag hoch nach Bettyhill und am Dienstag nach John O’Groats und gleich anschließend weiter nach Wick. Mal gucken, was die Muskeln dazu sagen.

Da ich vermute, dass das Internet nördlich von Inverness wieder dünn wird hier die beiden letzten Etappen in ihrer urspünglichen Planung. Stage 13, Stage 14.

Alsdann, habt ein schönes Wochenende und tröstende Grüße an mitlesende HSVer und vor allem Stuttgarter-Kickers-Fans. Geht nicht unter, ihr Blauen!

your hardy cyclist

P.S.: Bilder hochladen geht wieder nicht, sorry. Ich versuchs mal auf Facebook auf der Hardy Grüne-Seite

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