11. Etappe: into the Highlands

Sorry, heute leider ohne Bilder – das hiesige Netz gibt es einfach nicht her…

Je nördlicher ich komme, desto dünner wird das Straßennetz. Und desto mehr treffen „wir“ End-to-Ender uns. Heute war Großkundgebung der UK-Durchquerer. Schon auf meinem Campingplatz in Luss traf ich gestern abend eine Gruppe Cyclisten, und heute waren es auf der Straße noch weitere Gruppenradler. Ja, ausnahmslos Gruppenradler. Ich bin da so ein bisschen der einzelreisende Exot. Und trotzdem stehen alle bewundernd vor mir, denn ich bin zugleich der einzige, der mit voller Kapelle am Rad radelt. Also Zelt, Schlafsack, Klamotten für drei Wochen – everything. Die anderen sind Mitglied von Reisegruppen, die von einem Fahrzeug begleitet werden, dass ihr Gepäck transportiert und zudem für die Versorgung entlang der Route sorgt. Also ein bisschen so wie damals in Afrika und Südamerika.

Es sind zwei Gruppen, die sehr unterschiedlich gepolt sind. Die eine radelt kaum 80 Kilometer pro Tag, die andere keult jeden Tag zwischen 100 und 120 Meilen runter – also 160 bis 190 Kilometer! Binnen neun Tagen wollen sie die gesamte End-to-End-Strecke abgewickelt haben. „Wir haben Familien zu Hause, da können wir nicht so lange wegbleiben“, bekam ich als Begründung zu hören. Entsprechend schnell waren sie. Ich versuchte zwar kurz mal mitzuhalten, doch mit all meinem Gepäck war es ne Frage von Minuten, dann hatten sie mich abgehängt.

Mit der anderen Gruppe war es genau umgekehrt. Die sind ausgesprochen gemütlich unterwegs. Heute morgen sind sie eine halbe Stunde vor mir vom Campingplatz runter – und nach etwa 30 Minuten hatte ich sie eingefangen und überholte sie – Höchststrafe! – mit vollem Gepäck an einem Anstieg, obwohl sie allesamt auf Rennrädern unterwegs sind. Wir trafen uns aber im Laufe des Tages immer mal wieder, da ich viele Fotopausen machte und sogar zweimal einkehrte, um mich aufzuwärmen, denn es war zunächst wirklich bitterlich kalt.

Ich genieße es sehr, alleine zu reisen. Es ist die gößtmögliche Freiheit, und nach meiner doch etwas durchwachsenen Südamerika-Gruppenerfahrung habe ich mich ja auch bewusst für diese Form entschieden und musste es nicht bereut. Zudem gibt es mir immer wieder die Möglichkeit, in Kontakt mit den Einheimischen zu treten, was man in der Gruppe auch nicht so ausgeprägt tut. Insgesamt ist es eine ziemlich großartige Erfahrung, und selbst das Gepäck fühlt sich inzwischen „normal“ an. Wenn ich das nächste Mal auf dem Rennrad sitze werde ich vermutlich zur Rakete werden, soviel Kraft dürften die Beine beim Hochwuchten von 20 Kilo getankt haben. Das einzige Problem ist das Waschen der Klamotten, denn es bleibt einfach zu wenig Zeit vom Tag, um alles auch wieder trocken zu kriegen. Und ich habe ja wirklich nur karge Ausstattung dabei: zwei Radhosen und -Trikots, eine Radjacke, einen langärmligen Pulli, eine lange Hose, zweimal Unterwäsche. That’s it!

Der Tag war zweigeteilt. Die ersten 30 Kilometer gingen entlang des Loch Lomond (und gottseidank auf einem Radweg und nicht auf der autobahnigen A82) ziemlich flach Richtung Norden. Dann kam ein Knick nach rechts, und damit begann die Kurbelarbeit. Wobei ein strammer Südwind großzügig half und freundlich anschob. Der Verkehr war zwar immer noch anstrengend, die Landschaft aber entschädigte für alles. Gritzgrün, mit Moor bewachsene Steine, überall kleine Seen, die langsam versumpfen – Schottland aus dem Bilderbuch. In Tyndrum erreichte ich dann die Pforte zu den Highlands, schlug mir noch mal kräftig dem Wamps mit einer baked potato voll und machte mich auf den Weg in den Himmel.

Und es war großartig! Erst kam eine bestimmt zehn Kilometer lange Abfahrt, auf der ich ohne einen Handschlag tun zu müssen, mit 55 km/h runtersauste, dann führten mich sanfte Serpentinien in die berühmten Highlands und damit in eine völlig neue Welt.

Enorme Weite, fast steppenartige Landschaft, mächtige Berge mit jahrtausendalten Gletscherabflüssen, sogar noch ein paar klitzekleine Restgletscher – dabei sind wir hier auf grade mal 300 Metern über dem Meeresspiegel, das gilt in Deutschland ja noch als Flachland. Grandios der Blick auf den Loch Tulla, und grandios das Radeln, zumal die Straße einigermaßen gut in Schuss war und der Wind weiterhin freundlich beim Bergauffahren half. Der Höhepunkt dann zum Schluss, als abermals eine lange Abfahrt nach Glencoe anstand, auf der ich dann endlich auch mal im Durchschnittstempo der meisten Autofahrer unterwegs war und daher kaum noch überholt wurde. 🙂

Zwischenzeitlich hatten sich allerdings düstere Wolken über den Bergen gebildet, und ich wusste von bevorstehenden Regenfällen ab Nachmittag. In Glencoe wurde es dann eine Punktlandung. Kaum hatte ich den Campingplatz erreicht und war in der Rezeption verschwunden, gallerte es los. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein sehr feiner Nieselregen, der das draußen-sein nicht allzu gemütlich ausfallen lässt. Entsprechend sitze ich nun auch schon seit zwei Stunden im Glencoe Gathering Inn und werde wohl nur noch mal die Lokalität wechseln – nebenan ist der einzige Pub des Ortes -, ehe es ins Zelt geht.

Ein bisschen schaurig ist der Umgang der Leute mit der Natur. Am Straßenrand finden sich pausenlos Getränkedosen, Flaschen, Plastikabfall und manchmal ein halber Hausrat, der wohl zum Sperrmüll soll und nicht abgeholt wurde. Sogar zwei verunfallte Autos sah, die von der Natur langsam wieder in Beschlag genommen werden. Auffällig übrigens der hohe Anteil von Dosen aus österreichischer Produkt und mit einem Getränk, das wie verflüssigte Gummibärchen schmeckt. Ich habe mal ne Zählprobe gemacht und sah auf einem Kilometer 17 RB-Dosen – damit ist unser aller Freund Mateschitz der einsame Müllkönig im schottischen Hochland…

Morgen stehen 134 Kilometer nach Inverness an, und damit wäre ich dann auch schon in der nördlichsten Stadt angekommen. Da ich noch einen weiteren „Puffertag“ in petto habe und meine Rückfahrt erst für Mittwochfrüh gebucht ist splitte ich die letzten beiden Etappen in drei und lasse es etwas gemütlicher angehen, zumal die Wettervorhersage mit Ausnahme des Sonntags (Regen…) nicht so schlecht ist. Ehrlich gesagt würde ich euch jetzt nicht mehr empfehlen, irgendwelche Wetten einzugehen, dass der Grüne es niemals bis John O’Groats schaffen wird 😉

Hier noch die Route für morgen und damit good night and have a nice weekend

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