Etappe 10/Part 1 Im Auge des Nordatlantiktiefs

Manchmal kann man sich getrost dem Schicksal überlassen. Nachdem ich gestern Abend hin und her überlegt hatte, wie die weiteren Reisetage verlaufen sollen und irgendwie keine Lösung fand – mal waren die Etappen zu lang oder zu kurz, mal war die Unterkunftsfrage schwer lösbar – sorgte der morgendliche Blick auf den Wetterbericht für heute für die Lösung. Ab 14 Uhr, so verkündete er, ergiebige Regenfälle und stürmischer Wind aus West. Nicht gerade das Wetter, bei dem man auf dem Rad sitzen möchte, und auch nicht das Wetter, bei dem man in einem ziemlich kleinen Zelt auf einem windumtosten Campingplatz hocken möchte. Da ich zudem das Gefühl hatte, meinem Körper könnte ein freier Nachmittag mal guttun, fiel die Wahl des Tagesziels auf das Örtchen Lanark, so rund 20 Kilometer südlich der Stadtgrenze von Glasgow.

Lanark lag ohnehin fast auf dem Weg und schien mir groß genug, um problemlos ein nettes B&B zu finden, in dem ich den Naturgewalten trotzen konnte. Und so wurden aus den eigentlich vorgesehenen 135 Kilometern lediglich 65, die es dennoch in sich hatten. Denn der Wind zog schon am Morgen an, und unter dem silbergraumelierten Himmel war es mit vielleicht acht Grad ziemlich frisch. Dafür, dass ich vor 36 Stunden noch sonnenbadend in Keswick gefrühstückt hatte war das ein ganz schöner Schocker. Hinzu kam diese endlos öde Piste direkt neben der Autobahn, auf der ich gestern schon unterwegs gewesen war und die immer wieder vom böigen Seitenwind überfallen wurde. Zusätzlich anstrengend wurde es durch den Asphalt, den man vielleicht als „plattgewalzte off-road-Piste“ bezeichnen konnte, keinesfalls jedoch als tempoförderndes Geläuf. Es fühlte sich wirklich an wie auf einer off-road-Piste irgendwo in Afrika, und so wurde ich ordentlich durchgeschüttelt. Der Zustand der Straßen ist hier in Schottland jedenfalls auffällig schlecht, und ich habe schon viele Menschen stöhnen hören, die sich trübe Gedanken über den Gesamtzustand des Königreiches machen. Heute war ein Artikel im „Guardian“, in dem die Generation der 20-jährigen klagte, dass sie quasi nicht mehr bei den Eltern ausziehen können, weil die Mieten durch die aufgeblähte Immobilienblase ins Unermessliche gestiegen sind.

Straßenbelag in Schottland. Auf dem Radweg (links) und der eigentlichen Straße sieht es ziemlich ähnlich aus.

Und geflickt wird dann so: Teer drauf, kurz mal plattkloppen und weiter zum nächsten Loch.

Nach rund 50 Kilometern hatte ich den Abzweig nach Lanark erreicht, wo es zunächst ziemlich bergan ging ehe ich auf einer Straße landete, auf der mich der Westwind mit Freude und rasantem Tempo Richtung Ziel trieb. Zehn Kilometer im Reisetempo von durchschnittlich 50 km/h später landete ich bereits vor den Toren von Lanark und kiebitze bange auf die aus dem Westen kommenden Wolkenungetüme, die den angekündigten ergiebigen Regenfall im Gepäck hatten. Der Rest hätte eigentlich ganz einfach werden sollen – im Tourismusbüro ein paar Infos über Unterkünfte finden und das passende aussuchen -, war es aber nicht. Denn das Tourismusbüro von Lanark hat dicht gemacht, und eine Alternative gibt es nicht. Also musste ich mich durchfragen, nachdem eine kleine Exkursion durchs Zentrum lediglich ein einziges B&B-Schild ergeben hatte, bei dem niemand öffnete.

Mehrere Taxifahrer, zwei knöllchenverteilende Polizisten sowie diverse Kneipenwirte konnten wenig weiterhelfen. Es schien, als sei das Tourismusbüro geschlossen worden, weil es in Perth einfach keine Touristen mehr gibt. Ergo auch keine B&B. Erst in einem Cafe wurde ich fündig. Eine der Bedienungen kümmerte sich ganz rührend um meinen Fall und telefonierte sogar ein bisschen herum. Et voila – plötzlich hatte ich drei Adressen! Wunderbares Schottland!

In einer dieser Adressen residiere ich nun, während das Bike gemeinsam mit dem Campingkram in der Garage das Ende des Sturms abwartet. Denn spätestens als das Tief um 15 Uhr ankam war klar, dass es eine weise Entscheidung gewesen war, die ich dann natürlich mit einem erneuten Besuch in dem wunderbaren Info-Cafe krönte und mir zur Belohnung ein Stück Möhrenkuchen spendierte.

Lanark ist ein bisschen deprimierend. Das liegt sicher auch am trüben Himmel und dem Regen, doch irgendwie wirkt es wie eine vergessene, aufgegebene Stadt. Unablässig quält sich der Autoverkehr durchs Zentrum und staut alles zu, während nicht nur die Touristeninfo zu ist, sondern eine Menge anderer Läden ebenfalls. Dafür gibt es die beliebten „Poundstretcher“ und Co. (also Kategorie „kik“ bzw. 1-Euro-Läden bei uns), sind diverse Häuser mitten im Zentrum schon regelrecht zerfallen. Auch meine B&B-Gastgeberin verlässt nun Lanark – sie sitzt bereits auf gepackten Kartons, und vielleicht war ich ihr letzter Gast im Haus. „Hier wohnt man nur noch“, meinte sie, „das Leben findet in Glasgow statt“.

Wirklich „lustig“ ist die Begegnung mit der schottischen Interpretation der englischen Sprache. Wow! Oder besser: Wuua. Inzwischen habe ich mich ein bisschen eingehört und gluckse schon glücklich auf, wenn ich mal einen ganzen Satz lang jedes einzelne Wort dechiffrieren kann. Aber die Schotten nehmens lustig und grinsen mich immer an, wenn ich um Wiederholung bitte. Wobei sie an ihrer Aussprache dann natürlich kein bisschen ändern und auch genauso schnell sprechen 🙂

Die Wettervorhersage für morgen ist deutlich freundlicher (aber unverändert frisch mit Temperaturen um 10 bis 12 Grad) und so werde ich zunächst den Rest der heutigen Etappe fahren (die nach Dumbarton/Alexandria am Loch Lomond gehen sollte) und dann wohl noch ein kürzeres Stück der darauffolgenden Etappe bis zum Camping in Luss. Ich tauche also ein ins Schottland der Lochs, und ich bin schon ziemlich gespannt wie es dort wohl so aussieht. Und irgendwie rückt dieses Ziel John O’Groats da ganz oben im Nordosten ja auch langsam mal in Sichtweite.

in diesem Sinne, your hardy cyclist, today eher ein „soft cyclist“

Grad eben aufgenommen: das macht Hoffnung!

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