Notizen vom Ende der Welt

Die Party möge beginnen.

Die Party möge beginnen.

Das Ankommen geht dann ganz plötzlich. Erst sind es immerhin noch 100 Kilometer, dann nur noch 50, 30, 20, 10 und eine Kurve später steht man auf einmal vor diesem Schild: USHUAIA.

Viereinhalb Monate nach dem Start von The Andes Trail am Äquator in Quito sind wir in der südlichsten Stadt der Welt angekommen. Es gibt noch eine kleine Piste, die ein paar Kilometer weiter in den Westen führt, und einen Hauch weiter südlich liegt das chilenische Puerto Williams, doch außer das „südlichste Postamt der Welt“ hat man dort nicht allzu viel zu bieten. Zudem befindet sich eine Menge Wasser dazwischen…

Die letzten beiden Fahrtage waren noch einmal intensiv und leider auch mit einem dicken Schatten versehen. Am ersten Tag nämlich wurde unsere Mitradlerin Michelle von einem Auto angefahren. Sie hatte jedoch einen tollen Schutzengel an der Seite, denn außer jede Menge Prellungen ist ihr „nichts“ passiert. Wenn man sich ihr Fahrrad anschaut, scheint das unglaublich. Sie war auf der rechten Fahrbahnseite unterwegs, als ein PKW überholte und dabei viel zu nah an ihrer Fahrspur fuhr. Der Fahrer erwischte ihr Hinterrad, Michelle flog im hohen Bogen durch die Luft, knallte auf die Windschutzscheibe und landete wundersamerweise ohne auch nur einen einzigen Knochenbruch im Straßengraben. Ihr Unfall war ein Schock für uns alle, der uns noch einmal deutlich machte, auf welch dünnem Grat wir hier wandeln. Zumal auf Feuerland plötzlich wieder diese Autofahrerseuche des ohne-Abstand-überholen aufgetaucht ist, die wir seit Bolivien nicht mehr gehabt hatten. Auch mir stockte in den letzten beiden Tagen so manches Mal der Atem, wenn ein Auto oder ein Laster in wahrlich greifbarer Nähe an mir vorbeirauschte. So gingen unsere Gedanken gestern am letzten von 140 The-Andes-Trail-Tagen zu Michelle, die immerhin auf dem Truck mitfahren konnte und von uns auf einem Fahrrad sitzend über die Zielgerade geschoben wurde.

Michelles total zerstörtes Rad.

Michelles total zerstörtes Rad.

Abgesehen davon gab es diverse weitere Andrenalinschocker. Die Abfahrt aus Río Grande wurde zum Sturmspektakel. Wütend rüttelte der ewige Wind an unseren Rädern, und weil es auf den ersten 15 Kilometern direkt in Richtung Westen – und damit in den Wind – ging, stand zunächst harte Arbeit an. Fast anderthalb Stunden brauchte ich für die Distanz, ehe die Straße den ersehnten Knick machte und der Wind fortan leicht seitlich von hinten kam. Schlagartig wechselte meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km/h auf 30 km/h, flogen die Kilometer mal wieder nur so vorbei. Wir pedalierten am Atlantik entlang durch eine recht unspektakuläre Landschaft, die den Augen wenig Abwechslung bot. Die brachte dann nach dem Lunch eine erneute Kurve, die uns frontal in den Seitenwind führte und abermals zu erhöhtem Arbeitsaufwand zwang. Zudem wurde die Landschaft welliger, gab es einige Höhenmeter zu sammeln – das hatten wir auch schon lange nicht mehr. Im Ziel an einem herrlichen See nahe Tolhuin tobte sich der Wind dann noch einmal mit voller Kraft aus und ließ uns alle gehörig mit unseren Zelten kämpfen, die wohl am liebsten zu Drachen geworden wären. Nachdem es mir gelungen war, meinen „Drachen“ zu zähmen und am Boden zu verankern, bezog ich zugleich Zuflucht darin, denn der Wind war wahrlich eisig. Patagonien eben.

Und weiter ging die Reise durch das Land der letzten Dinge. Das letzte gemeinsame Abendessen, das letzte gemeinsame Frühstück, zum letzten Mal das Zelt einpacken und vor allem: zum letzten Mal auf die Fahrräder. Uns allen war ziemlich euphorisch-mulmig zumute, als diese in viereinhalb Monaten so tief eingeschliffene Routine dafür sorgte, dass wir pünktlich um 8.30 Uhr zum letzten Mal bereitstanden, um auf Robs „Vamos!“ zu starten. Noch 107 Kilometer, dann sollte das große Abenteuer zu Ende gehen.

Start in den letzten Tag - unser Teamchef Rob verlässt als Letzter das Camp.

Start in den letzten Tag – unser Teamchef Rob verlässt als Letzter das Camp.

Uns als ob Patagonien für die letzten Wochen etwas gut zu machen hätte, zeigte sich das Wetter ungewohnt in allerbester Laune. Strahlend blauer Himmel, ein für hiesige Verhältnisse bestenfalls als „laue Brise“ zu bezeichnender Westwind, Temperaturen, die nicht nur das Tragen von kurzen Hosen nötig machte, sondern sogar Hoffnung auf kurzärmlige Trikots im weiteren Verlauf des Tages aufkommen ließen. Auch das Profil ließ uns vergessen, dass wir in Patagonien sind. Zwei dicke Anstiege standen an, und es sah fast so aus, wie es in Ecuador und Peru tagtäglich ausgesehen hatte: erst hoch, dann runter, dann wieder hoch und noch einmal runter. Auch landschaftlich zeigte uns Patagonien ein Gesicht, das wir noch gar nicht gesehen hatten, denn zum letzten Mal bäumen sich die Anden hier unten so richtig auf, ehe sie im Gewusel des Meeres verschwinden. Dicht bewaldet, mit herrlich blauen Seen mittendrin, schneebedeckte Gipfel und lange, sanfte Anstiege – es war ein perfekter Abschluss für ein Radrennen, das über die längste Bergkette der Welt führt.

Ein Profil fast wie aus alten Ecuador-Tagen.

Ein Profil fast wie aus alten Ecuador-Tagen.

Allerdings war es auch schweißtreibend, zumal uns der blaue Himmel und die strahlende Sonne erhalten blieben, das kurzärmlige Trikot schließlich tatsächlich herausgekramt werden musste. 30 Kilometer vor Ushuaia wartete dann ein letztes Mal der Lunchtruck auf uns. Nachdem dort gegen 14:30 Uhr alle eingetroffen waren ging es im Konvoi weiter in Richtung Ende der Welt. Und dann war sie plötzlich da, die Stadtgrenze von Ushuaia. Ich sah den Namen, ich sah das Meer dahinter, in mir rief eine Stimme „du bist da!“ – doch verstehe konnte ich nichts. Es ist wohl dieses berühmte „der Weg ist das Ziel“, das bei einem Langzeitabenteuern wie diesem verhindert, dass man das Erreichen des Ziels im entscheidenden Moment tatsächlich begreift. Stattdessen sind da Leere, Erleichterung,  Wehmut, Rührung – eine Mischung, die mit Worten kaum (oder gar nicht?) zu beschreiben ist. Gottseidank war ich jedoch umringt von Menschen, die dasselbe durchgemacht haben, und so lagen wir uns alle juchzend und heulend in den Armen, nachdem wir schließlich auch noch die letzten drei Kilometer bis zum Stadtzentrum überwunden hatten und vor dem berühmten „Fin del Mundo“-Schild endlich im Ziel waren.

approaching Ushuaia...

approaching Ushuaia…

Das ersehnte „Finish“-Schild durchfahrend, stoppte mein Bikecomputer bei exakt 10.149,17 Kilometern, stieg ich zum letzten Mal vom Rad und ließ Gefühlen wie Emotionen freien Lauf. Ein kühles Bier half, das Ganze unter Kontreolle zu halten, doch nachdem sich die erste Erleichterung gelegt hatte, übernahm vollends ausgelassene Freude die Regie. Wild knipsend wuselten wir um uns herum, ließen die Gesamtbesten hochleben und uns alle sowieso, denn gewonnen hatte zwar James, gewonnen hatten aber vor allem: wir alle!

Ja!

Ja!

Der Rest des Nachmittags verlief eher nüchtern. Die organisierten Kartons für unsere Fahrräder waren entweder viel zu klein (da passten bestenfalls Kinderräder rein…) oder ziemlich kaputt, was das Verpacken unserer Velos deutlich erschwerte. Fluchtend bastelten wir uns Notbehelfe und hoffen nun, dass unsere entsprechenden Fluggesellschaften schonend genug mit dem fragilen Gepäck umgehen werden. Bezüglich meiner Kiste hoffe ich das gleich doppelt, denn in der Box lagern diverse wohlgepolsterte Kaffeebecher, die es hoffentlich ebenfalls heile heim schaffen.

Für mich geht es morgen weiter nach Buenos Aires, wo ich den ersten Stadionbesichtungstag einlege und hoffe, Huracán, Racing, Independiente, Boca Juniors und Arsenal an einem Tag besuchen zu können. Donnerstag geht es über den Río de la Plata nach Montevideo, wo ebenfalls Spurensuche in Sachen Fußball ansteht. Und zum Jahresende lockt dann auch die winterliche (?) Heimat wieder, auf die ich mich schon sehr freue.

Ich melde mich in den nächsten Tagen sicher noch einmal mit ein paar abschließenden Gedanken, will aber die Gelegenheit nutzen und mich ganz herzlich bei allen Leserinnen und Lesern für Eure Aufmerksamkeit und die zahlreichen Rückmeldungen zu bedanken. Mir hat es jedenfalls ordentlich Spaß bereitet, Euch von unseren hiesigen Erlebnissen zu berichten und Euch ein klein bisschen von dem zu vermitteln, was wir so „durchmachten“ bzw. genoßen. Ein paar Geschichten habe ich Euch übrigens noch gar nicht erzählt – die kommen dann im Buch zur Tour, das im Herbst beim Verlag Die Werkstatt erscheinen wird. Danach werde ich auch wieder mit einer Bilder- und Videoreise unterwegs sein. Fix sind bereits Termine in Dresden, Chemnitz (beide Dezember), Hamm/Westfalen (noch nicht terminiert), Göttingen (Fernwehfestival im Januar) sowie Duderstadt (November). Vielleicht sieht man sich da ja!

Bis die Tage, Euer hardy cyclist

so eine Tour ist auch eine Quelle der Freundschaft - hier mit Barry aus Australien

So eine Tour ist auch eine Quelle der Freundschaft – hier mit Barry aus Australien

... mit Kristin und Hilde von "Team Norway"

… mit Kristin und Hilde von „Team Norway“

... beim Abschlussbier mit Buck

… beim Abschlussbier mit Buck

mit meiner Sister ("the second and only) Michelle

…mit meiner Sister („the second and only“) Michelle

und mit James vor dem Nationalpark Torres del Paine.

…und mit James vor dem Nationalpark Torres del Paine.

Verkehrstote bekommen auf Feuerland einen Stern...

Verkehrstote bekommen auf Feuerland einen Stern…

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6 Kommentare

  1. Glückwunsch Hardy zu deinem Andenabenteuer-
    zu deiner super Tour und deinem klasse Blog !!!
    Genieße noch die Zeit in Südamerika und viel Freude noch beim Tassen sammeln…..
    machs gut und bis dann im Januar in Ulm!!
    Grüßle aus dem Schwabenland
    Hardy

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  2. Hallo Hardy,

    zunächst mal Herzlichen Glückwunsch!

    Und dann ganz herlichen Dank für die tollen Artikel und Photos, die ich täglich mit Spannung erwartet habe und die es so schön ermöglicht haben, die Tour ganz bequem vom Schreibtisch aus mitzuverfolgen (ohne Wind, Regen, Schotter und absurde Tagesmengen an Höhenmetern). 🙂 Riesenrespekt vor so einer Leistung!

    Auf das Buch freue ich mich auch schon.

    Viele Grüße
    Carsten

    Gefällt mir

  3. Hi Hardy,

    war sehr schön, Eure Express-Tour immer wieder zu verfolgen und uns von Dir Routentips, Fotos und Beschreibungen der Gegenden zu holen. Dein humorvoller, kritischer und nicht nur zu Banalitäten Bezug nehmender Stil hat uns sehr gefallen!
    Tausend Dank für die schönen Berichte und GLÜCKWUNSCH – Dir muss nach dieser Strapaze wohl auch ein Stein vom Herz fallen!

    Die zwei Radler aus dem Chifa in Riobamba,
    Toto & Laura

    Gefällt 1 Person

  4. Auch von meiner Seite aus „Herzlichen Glückwunsch“ zu dieser grandiosen Leistung und vor allem zu den Topberichten, auf die ich mich jedes mal gefreut habe!
    Absolut super, nach deiner täglichen „Arbeit“ so Berichte noch – mit wahrscheinlich nicht immer den Besten technischen Voraussetzungen – mit Leben zu füllen…

    Gefällt 1 Person

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