Im Land der letzten Dinge

Heulend jagt der Wind durch alle Gassen und über sämtliche Plätze. Überall klappern lockere Blechdächer, haben sich in Bäumen verfangenen Plastiktüten in unfreiwillige Wetterfahnen verwandelt. An einigen Straßenkreuzungen ist der Wind so stark, dass man kaum zu Fuß noch vorwärtskommt. Der Wuchs der wenigen Bäume zeigt die Hauptwindrichtung an: Westen.

Der Himmel ist zwar an einigen Stellen blau, doch durch den Wind ist es kalt. Die Menschen eilen mit hochgeschlagenen Krägen und eingemummelt in dicke Winterjacken durch die Straßen. Sie suchen Schutz vor dem ewigen Wind und drängeln sich entlang der Häuserwände. In den Cafés bollern die Heizungen volle Pulle, und selbst die Banken halten ihre Räumlichkeiten mit den Geldautomaten stets beheizt. Auf den breiten, an Wolfsburg erinnernde, zweispurigen Boulevards sind überwiegend Pick-ups und SUVs unterwegs. Aus ihren Fenstern schauen blasse Gesichter, fast jeder trägt eine Pudelmütze, einige Handschuhe.

Willkommen an einem Sommertag in Río Grande, Tierra del Fuego, Patagonia, Argentinia.

Das stolze Río Grande.

Das stolze Río Grande.

Willkommen in einem 50.000-Seelen-Ort, der in meiner persönlichen Rangliste der „schrecklichsten Orte, an denen ich je gewesen bin“, von nun an direkt hinter „Nordhausen unmittelbar vor der Wendezeit im Frühjahr 1989“ rangieren wird. Seitdem wir in Patagonien sind frage ich mich immer wieder aufs Neue, wie die Menschen hier wohl leben (können/wollen). Und vor allem warum. In Río Grande überfällt mich diesbezüglich wirklich Ratlosigkeit. Zumal hier auch noch alles verhältnismäßig teuer ist – selbst für patagonische Verhältnisse. In der einzigen Pizzeria vor Ort verlangte man 75 Pesos für einen Liter Bier, das sind stolze 7,20 Euro. Nicht einmal in den Edeltouristenhochburgen Bariloche und El Calafate war das Leben derart teuer.

Noch schwerer fällt mir die Vorstellung, wie es hier wohl im Winter aussehen mag. Denn wenn das hier der Sommer ist, möchte ich den Winter wahrlich nicht erleben müssen. Wenn die eisigen Stürme über den Boden fegen, die Sonne sich nur ein paar Stündchen am Tag zeigt und der Regen den Boden tränkt.

Und damit willkommen zum vermutlich letzten Blogeintrag vor dem großen Finale am Sonntag in Ushuaia. Rund 220 Kilometer müssen noch pedaliert werden, dann haben wir das Ende der Welt erreicht. Neben der Erleichterung, bald am Ziel zu sein, und der Herausforderung, seit nunmehr sechs Wochen mit Wind, Regen und Kälte gekämpft zu haben, ist es auch eine emotionale Aufgabe, die zu bewältigen ist. Ich muss zugeben, dass mir fast Tränen in den Augen standen, als wir vor zwei Tagen mit der Fähre von Punta Arenas in Porvenír und damit auf Feuerland anlegten. Tierra del Fuego, das Land der Feuer! Ein uralter Traum meinerseits, dort einmal vorbeizuschauen. Und nun rollte ich auf meinen schmalen Radreifen auf eben jenes Stückchen Land, mit dem so viele Mythen verbunden sind. Die Gedanken gingen zurück nach Quito, wo ich am 1. August unter dem Monument des Mitad del Mundo gestanden hatte. Und zu all jenen Kilometern, Anstiegen, Hitzetagen, Regenfällen, Orkanböen und Menschen, die mir unterwegs begegneten. Auf meinem Weg nach Feuerland, zum Ende der Welt.

Die ersten Meter auf der Tierre del Fuego.

Die ersten Meter auf der Tierre del Fuego.

Die beiden Fahrtage seit Punta Arenas waren verhältnismäßig leicht. Rund 260 Kilometer standen an, und weil zwei Etappen wie berichtet zusammengefasst wurden, waren es recht lange Etappen. Zudem hatten wir einen späten Start, denn als die Fähre am Mittwoch um halb 1 mittags in Porvenír anlegte, hatten wir noch 85 Kilometer auf einer Schotterpiste vor uns, die tüchtig hoch und runter ging. Doch sie war gut zu befahren, und auch der Wind stand günstig, denn wir fuhren zumeist nach Osten. So konnten wir uns an einer einmal mehr zauberhaften Landschaft erfreuen und pedalierten über weite Strecken direkt am Meer entlang. Einem Meer, das direkt in Richtung Antarktis führt – auch etwas, was man sich immer mal wieder vor Augen halten musste. Anfangs hemmten steile Rampen von bis zu 14 Prozent und ein bisschen Seitenwind noch das Tempo, doch als wir nach rund 60 Kilometern rechts abbogen, fielen endgültig jegliche Temposchranken. Mit dem Wind nun direkt im Rücken jagte ich mit durchschnittlich 55 km/h über die Schotterpiste, was sowohl eine heikle Herausforderung war (man musste blitzschnell die beste/ungefährlichste Fahrspur finden und ansteuern) als auch ein Heidenspaß. Ich war derart schnell unterwegs, dass ich sogar die Fahne, die unser Camp ankündigte, übersah und einfach weiterraste. Gottseidank war Barry hinter mir und schaffte es, mir durch den heulenden Wind hindurch eine Warnung zuzurufen.

Am Meer entlang Richtung Osten.

Am Meer entlang Richtung Osten.

Durchaus schwieriger war es dann, in dem garstigen Wind das Zelt aufzustellen und vor allem dafür zu sorgen, dass es anschließend auch an Ort und Stelle blieb. Erst zum Abend flaute der Wind ein wenig ab und erlaubte mir einen kleinen Ausflug zum nahegelegenen Strand, an dem vermutlich noch nie ein sonnenbadender Schwimmer gesehen worden ist – das Wasser war wirklich eisekalt. So hatten die Möwen das Gelände für sich und faszinierten mich mit ihren gewagten Flugmanövern.

Am nächsten Tag standen 158 Kilometer an, davon rund 80 auf der Schotterpiste. Regen zum Frühstück ließ düsteres erahnen, doch als wir erstmal auf unseren Rädern saßen, flogen die Kilometer dank des Westwindes erneut nur so vorbei, verflog auch der Regen. Mitleid hatte ich derweil mit einigen entgegenkommenden Radtouristen, die sich mit vollem Gepäck im Schritttempo durch den Gegenwind kämpften. Ich schätze, unter diesen Bedingungen sind täglich nicht mehr als 50 bis 80 Kilometer möglich (nehmen wir mal einen Schnitt von 8 km/h an), und die Versorgungssituation unterwegs ist karg. Dagegen ist unsere Reise wahrlich eine Vergnügungsfahrt…

Ich hingegen kam mit einem flotten 30er Schnitt nach knapp zwei Stunden an der chilenisch-argentinischen Grenze in San Sebastián an und durchschritt meinen letzten Grenzübertritt auf The Andes Trail. Ohnehin sind wir ja gegenwärtig so ein bisschen im „Land der letzten Dinge“ unterwegs. Frühmorgens hatten wir schon zum letzten Mal unsere Zelte in einem Bushcamp abgebaut und das letzte Mal Annelots famosen Porridge genossen. Nun war es der letzte Grenzübertritt, und ganze 14 Kilometer später stand erneut ein „letztes Mal“ an – nachdem die Schotterpiste in eine Asphaltstraße übergegangen war, war nämlich (endlich!) auch Schluss mit off-road-Pisten. Bis Ushuaia radeln wir nun ausnahmslos auf Asphaltstraßen!

Auf jenen blieben uns noch 78 Kilometer bis Río Grande, doch weil die Straße einen Knick nach Süden machte, war nun Schluss mit dem fördernden Westwind. Stattdessen kam er als leichter Rückenwind von der Seite, und weil er unverändert kräftig blies, trug er uns des Öfteren auf die Gegenfahrbahn, eierten wir mal wieder regelrecht über die Straße. Insgesamt aber blieb das Tempo hoch, und so tauchten rasch die ersten Ausläufer von Río Grande auf, die einen ersten Eindruck von der „Schönheit“ dieses Ortes vermittelten. Dicke Industrieanlagen, Öltanks allerorten, brummende LKW auf den Straßen – Río Grande ist eine Stadt der Arbeit. Kurz vor der Ortsgrenze wurde das triste Potpourri dann von einem garstigen Seitenregen ergänzt, der es aber nicht mehr schaffte, mich wirklich durchzunässen, ehe ich in unserem Pausentagquartier ankam.

Dort stellte sich rasch Endzeitstimmung ein. Zum letzten Mal nahmen wir unser Gepäck für einen Pausentag entgegen, zum letzten Mal standen wir vor der Herausforderung, uns in einem unbekannten Ort selbst zu versorgen. Ein erster kleiner Spaziergang führte zum eingangs aufgezeichneten Eindruck, und auch am Pausentag selbst wurde das Bild von Río Grande nicht wirklich freundlicher. Obwohl der Himmel blau ist und der Wind nicht ganz so mächtig bläst, bleibt es ein Ort, an dem man sich nicht wirklich heimisch fühlt. Triste, farblose Gebäude ohne jegliches Flair, die breiten Autoboulevards und der ewige Wind lassen wenig Raum für Freude und Wärme. Die Straßen tragen hier Namen wie „Avenida Heroes de Malvinas“, am Ortseingang nehmen zwei Jagdflieger und ein Panzer die Funktionen von Denkmälern ein und vor dem örtlichen Carrefour-Supermarkt haben Streikposten Position bezogen und lassen niemanden hinein. Das Leben findet in den Gebäuden statt, und die Frage, wie man unter derartigen Umständen seinen Alltag gestaltet bleibt (bislang) unbeantwortet. Río Grande, eine Stadt am Ende der Welt.

Jeder findet für sich selbst seine eigene Hoffnung - auch in Río Grande.

Jeder findet für sich selbst seine eigene Hoffnung – auch in Río Grande.

Genau das steuern wir nun ab morgen Vormittag endgültig an. 123 Kilometer bis Tolhuin, wo wir zum letzten Mal unsere Zelte aufschlagen, und dann am Sonntag die letzten 97.000 Meter bis nach Ushuaia, jener Stadt, die sich selbst als „Ende der Welt“ bezeichnet. Ich darf morgen zudem noch einen ganz besonderen Moment feiern: nach 63 Kilometern werde ich meinen 10.000 Kilometer auf diesem Trip gefahren haben! Eine mächtige Zahl, deren Dimensionen mir selbst nicht wirklich klar ist. Es ist eher so, wie es 2011 schon in Afrika war, dass sie sich aus 109 Einzelzahlen (= Etappen) zusammensetzt und das gesamte Ausmaß des Abenteuers ungreifbar ist.

Aber egal – wenn ich mich wiedermelde, werde ich am Ende der Welt sein!

Bis dahin, Euer hardy cyclist

Unser letztes Bushcamp. Im Hintergrund das Meer.

Unser letztes Bushcamp. Im Hintergrund das Meer.

Auf der Tierra del Fuego!

Auf der Tierra del Fuego!

Eigentümliche Tiere, vor denen hier gewarnt wird.

Eigentümliche Tiere, vor denen hier gewarnt wird.

Auf der Isla Magdalena Part 1

Auf der Isla Magdalena Part 1

Auf der Isla Magdalena Part 2

Auf der Isla Magdalena Part 2

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Tienda in Povenír.

 

Ohne Kommentar :-)

Ohne Kommentar 🙂

 

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