Auf der Straße der Einsamkeit

4.000 mm Regen bekommt die Ecke Patagoniens, in der wir gerade herumkurbeln, statistisch gesehen im Jahr ab. 4.000 mm sind stolze vier Meter, und wenn man sich die aufgetürmt als niedergehenden Regen vorstellt bekommt man eine Ahnung, wie es hier unten so aussieht bzw. wie das Wetter im Regelfall ausfällt: die Landschaft ist gritzegrün und die Niederschläge derart regelmäßig und intensiv, dass sogar Regenwald existieren kann. Hinzu kommt der Wind, und das alles ergibt einen Mix, der „interessante“ Radexpeditionen ermöglicht.

Im Rdegenwald von Patagonien - natürlich mit Regenjacke, denn es regnete..

Im Regenwald von Patagonien – natürlich mit Regenklamotten, denn es regnete..

Schon die Abfahrt am Freitag aus Bariloche gab uns eine Ahnung von dem, was uns im Laufe der sieben aufeinanderfolgenden Fahrtage erwarten sollte. Trotz blauem Himmel herrschten eisige Temperaturen, und nachdem wir erstmal die Bariloche umgebenden schweißtreibenden Hügel mit satten 16 Prozent Steigungsrate überwunden hatten, stellte sich uns ein steifer Westwind in den Weg. Erst als die Straße nach rund 40 Kilometern einen Knick machte und wir nun südwärts pedalierten, wurde es gemütlicher, und der Nachmittag auf einem sehr angenehmen Camping in der argentinischen Hippie- und Aussteigerhochburg El Bolson konnte sogar dem gemütlichen Sonnenbade gewidmet werden.

Tags darauf standen 106 Kilometer in den Nationalpark Los Alerces auf dem Zettel. Weil der anvisierte Campingplatz jedoch telefonisch nicht zu erreichen war, musste kurzzeitig ungeplant werden, und das Tagesziel lag nun nur noch bei 88 Kilometern. Dass es dennoch kein einfacher Tag wurde, dafür sorgten der Wind und Argentiniens Straßenbauer in Gemeinschaftsarbeit. Der Wind kam als tückischer Gegenspieler zumeist von vorne, während die Piste nach dem Verlassen der Ruta 40 zu einer halsbrechecherischen Schotterwanne mutierte, auf der wir eher rumeierten denn rumkurbelten. Summa summarum sank das Durchschnittstempo spürbar ab, so dass ich rund vier Stunden und elf Minuten bis ins Ziel brauchte.

Wie so häufig auf diesem Trip verplemperte ich allerdings auch eine Menge Zeit beim Fotografieren der Landschaft und anderer bemerkenswerter Dinge. Ein Foto, dass ich gerne geschossen hätte, blieb mir indes verwehrt. Dazu muss ich ein wenig ausholen. Die Kilometerangaben auf der Ruta 40 waren kurz nach Bariloche in den unteren 2000er Bereich gefallen, und so hatte ich am Vortag quasi eine kleine Geschichtsstunde durchfahren. „Historische“ Kilometersteine wie 2006 (WM in Deutschland), 1986 (Tschernobyl), 1968, 1945, 1933 oder 1918 ließen mich ebenso an vergangene Ereignisse denken wie die auftauchenden Geburtsjahre lieber Freunde, und schon bald genoss ich es, abzuwarten, was wohl beim nächsten Kilometer/Jahr als erstes in meiner Erinnerung auftauchen würde. Bei „1914“ erreichten wir den Campingplatz von El Bolson, und ich freute mich auf die Fortsetzung am kommenden Tag. Allein – daraus wurde nichts. Denn nach der Kilometerangabe 1913 war plötzlich Schluss, und so fehlte auch die mit viel Herzklopfen erwartete „1905′, trotz entzweigebrochener Liebe und langsam verblassender Farben noch immer – und für immer – die schönste Zahlenkombination in der Fußballwelt. Erst bei 1897 ging die Zählung weiter, doch da war mir der Spass bereits vergangen.

Eigentlich sollte dieses Foto 13 Kilometer vorher aufgenommen werden, doch da gab es leider kein Kilometerschild - und dieses hier droht gerade zuzuwachsen.

Eigentlich sollte dieses Foto 13 Kilometer vorher aufgenommen werden, doch da gab es leider kein Kilometerschild – und dieses hier droht gerade zuzuwachsen.

Nun aber zurück zum Radfahren, denn im weiteren Verlauf führte die Schaukelei auf der Schotterpiste zu einem der schönsten und stimmungsvollsten Orte, in denen ich je gewesen bin. Ein urwüchsiger Campingplatz, herrlich am Fluss gelegen, umgeben von schneebedeckten Gipfeln, bevölkert von einer Schar neugieriger Pferde, einem treuen Hund und einer frechen Katze, mit einer derart friedlichen Ausstrahlung, dass in mir sofort die Lust nach einem längeren Aufenthalt aufkam. Nur der andauernde Wind nervte ein wenig, doch das Gelände verfügte über diverse windgeschützte Ecken, in denen die Sonne ihre volle Kraft entwickeln konnte. Mit einem Becher Wein in der Hand ließ ich den Tag schließlich bei einem herrlichen Sonnenuntergang ausklingen und verschwand beschwingt in meinem Zelt. Manchmal liegt das Paradies eben unverhofft direkt vor einem!

Camping im Paradies.

Camping im Paradies – und die Bäume biegen sich im Wind.

Tags darauf bezahlten wir unseren Kurztrip, denn die 18 zu wenig gefahrenen Kilometer addierten sich zu den ohnehin anvisierten 125, und weil von den nunmehr 143 fast 70 Prozent unasphaltiert waren und wir zudem einen Grenzübergang hinter uns zu bringen hatten, lag ein langer Tag vor uns. Er wurde für alle zum bislang längsten Tag der Tour. Sieben Stunden und 33 Minuten reine Fahrtzeit standen für mich zu Buche, als ich irgendwann so gegen 17 Uhr – und damit neun Stunden nach meinem Aufbruch auf dem Traumcamping – in Futaleufú und damit in Chile eintraf. Dazwischen lagen 143 äußerst wellige Kilometer mit knüppelharten Rampen von bis zu 16 Prozent, eine Piste die Ross und Reiter nahezu alles abforderte, aber auch erneute Glücksgefühle. Zum einen war das Wetter wirklich traumhaft, pedalierten wir in herrlichem Sonnenschein bei angenehmen 25 Grad. Zum anderen war die Landschaft mal wieder allererste Sahne. Patagoniens Lake Distrikt machte seinem Namen alle Ehre und ließ überall kleine und große Seen auftauchen. Und weil hier alles ganz schön großräumig und dünn besiedelt ist, fehlten die in Europa an solchen Orten unvermeidlichen Hotels, Restaurants, Kioske, war man stattdessen mit sich und dem See in einsamer Gemeinsamkeit. Ein erhabenes Gefühl, das mir, als jemand, der einsame Orte sehr schätzt, außerordentlich gut gefiel.

Unser Lunchstopp auf der Mammutetappe nach Chile - schöner gelegen geht kaum.

Unser Lunchstopp auf der Mammutetappe nach Chile – schöner gelegen geht kaum.

Der einzige „größere“ Ort erntlang der 143 Kilometer hatte ebenfalls etwas besonderes zu bieten. Das niedliche Trevelin wurde nämlich einst von walisischen Einwanderern gegründet und begrüßt seine Besucher mit einem zünftigen walisischen “Croeso”. Das wiederum war mir ein Foto für meinen lieben Freund Mel wert, der im “richtigen” Wales lebt und sich mit viel Liebe und hohem Zeitaufwand um die Organisation der Berichterstattung über die League of Wales kümmert. Zum überraschenden “Kulturschock” wurde der Grenzübertritt nach Chile. Hunderte Kilometer staubiger Schotterpiste durch wildes und ein wenig unaufgeräumtes Land lagen hinter uns, als mitten im Nichts die Flaggen der beiden benachbarten Länder Argentinien und Chile auftauchten. Nach den völlig unkomplizierten Grenzformalitäten bat man uns noch zum Gepäckcheck, der bei einem Radler naturgemäß etwas kürzer ausfällt. Insofern gab es auch keine Beanstandungen – lediglich die aus meiner Trikottasche lugende Banane erweckte die Aufmerksamkeit. Aus Furcht vor Keimen bzw. Fruchtfliegen erlaubt Chile keine Einfuhr von Lebensmitteln, und so durfte ich das Goldstück vor den Augen der aufmerksamen Grenzer verspeisen.

Walisische Grüße aus Argentinien.

Walisische Grüße aus Argentinien.

Dann ging es hinein nach Chile und die Welt sah komplett anders aus. Eine besenreine Asphaltstraße lud zum entspannten Pedalieren ein, links und rechts leuchteten sattgrüne Wiesen, auf denen braun-weiße Kühe wiederkäuten, den Hintergrund stellten sonnenbeschienene schneebedeckte Gipfel und alles wirkte enorm aufgeräumt und organisiert. War das Chile, oder war das doch eher die Schweiz? Das zehn Kilometer entfernt gelegene Futaleufú präsentierte sich dann aber doch eher weniger schweizerisch. Kleine gedrungene Holzhäuser mit rauchenden Schornsteinen, Vorgärten, in denen im Regelfall ein Schäferhund Wache hielt – das Gefühl, sich langsam dem Ende der Welt zu nähern wurde zunehmend größer.

Tags darauf ging es tiefer in die Einsamkeit, forderte uns eine mal wieder enorm wellige Schotterpiste alles ab, um auf die Ruta 7 zu gelangen, die unter ihrem Beinamen “Carretera Austral” wohl bekannter aus. Pinochets altes Prestigeprojekt, mit dem er auch den äußersten Süden des Landes “erreichbar” machen wollte, gilt unter Fahrradabenteueren als besonderes Highlight, und so fieberten wir alle ein wenig dorthin. Ebenfalls fiebern ließ uns das Wetter. Am Morgen waren wir bei herrlichem Sonnenschein in kurzärmligen Trikots gestartet und hatten im Laufe des Tages alles, was das Handgepäck hergab, an unsere Körper geworfen. Neben tristgrauen Wolken war es vor allem der eisige Wind, der uns zu schaffen machte. Insofern war die Freude groß, als sich die Carretera Austral unerwartet als geteerte Straße präsentierte – angekündigt worden war sie nämlich als eine weitere Schotterpiste. Nun mit dem Wind im Rücken war es ein – immer mal wieder von mehr oder weniger umfangreichen Straßenbaumaßahmen unterbrochener – kurzer Flug bis ins Bushcamp am Rande von Villa Vanguardia, einem der wenigen Ortschaften entlang der Ruta 7.

100.000 Menschen leben Statistiken zufolge im chilenischen Teil von Patagonien. 50.000 davon drängeln sich in Coyhaique, in dem wir gerade unseren Pausentag verbringen (dazu später mehr). Bleiben 50.000 für den Rest der Region, und wie dünn sie besiedelt ist, zeigte auch Villa Vanguardia, das sich mit einer Handvoll Häuschen einen dicken Punkt auf der Südamerika-Landkarte gesichert hat. Vierzehn Häuser zählte ich, und alle sahen ähnlich aus. Gefertigt aus Holz, vom ewigen Wetter gegerbt und gepeinigt, mit rauchenden Schornsteinen ausgestattet und überraschend klein. Man muss wohl dort geboren sein, um unter solchen Umständen leben zu können.

Eine Bäckerei in La Junta, einem der wenigen Orte entlang der Carretera Austral.

Eine Bäckerei in La Junta, einem der wenigen Orte entlang der Carretera Austral.

Mit der Carretera Austral kurbelten wir nun über eine weiterer Legende südamerikanischer Straßenmythen. Anders als die dicht befahrene und häufig nervige Panamericana oder die sehr wechselvolle Ruta 40 in Argentinien ist die Carreta Australal allerdings eine Straße der Einsamkeit. Wohlwollend alle halbe Stunde kommt mal ein Fahrzeug daher, und weil das so selten ist, kann man quasi davon ausgehen, dass sein Fahrer auch grüßend hupt. Bei so wenigen Menschen nimmt man offenbar alle Kontaktmöglichkeiten mit.

Für uns standen unterdessen die nächste Prüfung an. Am Nachmittag setzte Regen ein, und der hatte Ausdauer. Auch am nächsten Morgen goss es noch immer in Strömen, stakten wir wie auf Stelzen durch das ziemlich überflutete Campingelände. Zugleich zeigten sich die Unterschiede zwischen erfahrenenen Campern und Campingnovizen, denn letztere hatten ihre Behausen häufig in Senken aufgestellt und waren über Nacht unter Wasser gesetzt worden…

Mit dem Regen sackten die Temperaturen schlagartig in den Keller, und so wurde es auf dem Rad ziemlich ungemütlich. So ungemütlich, dass sich eine ganze Schar von Fahrern für die Variante “Truck” entschied. Auch ich war dabei. Allerdings bestieg ich nicht den „Express“ – den Dinertruck, der direkt ins nächste Camp fährt – sondern den Lunchtruck, der auf der Hälfte der Etappe mit dem Mittagessen wartet. Von dort aus wollte ich zumindest die zweite Hälfte der Etappe fahren. Doch als wir nach anderthalb Stunden am anvisierten Lunchstopp in La Junta ankamen, sah es noch ungemütlicher als am Morgen aus und ich verschob meinen Tagesstart auf den Nachmittag, als wir in dem Örtchen Puyuhuapi einen weiteren Stopp machten.

Puyuhuapi ist einen besondere Absatz wert, denn der Ort liegt einerseits herrlich an einem Fjord und damit quasi “am Meer”, andererseits ist er 1935 von Sudetendeutschen gegründet worden. Und das sah man! Es gibt ein Hostal Alemania, die Hauptstraße heißt Avenida Otto Uebel und zwei Brücken in der Gegend sind nach einem gewissen Helmuth Hopperditzel benannt, der in den 1950er einige Industrie in Puyuhuapi aufbaute. Auch die Architektur der älteren Häuser verriet die sudetendeutschen Wurzeln – vor allem die Dachformen erinnerten eher an Aussig/Ústí nad Labem als an Chile. Knapp 30 Kilometer waren es von Puyuhuapi noch bis zum Tagesziel in einem Nationalpark am Gletscher Collante, der sich uns in pompöser Wucht darbot und mir den Atem raubte. Nie zuvor hatte ich einen Gletscher gesehen, und alleine die Wucht, mit der das Schmelzwasser den Berg runterschießt flößte mir enormen Respekt ein.

Sudetendeutsche Häuser in Puyuhuapi.

Sudetendeutsche Häuser in Puyuhuapi.

Der Gletscher Collante mit zwei (von insgesamt vier) Schmelzwasserfällen.

Der Gletscher Collante mit zwei (von insgesamt vier) Schmelzwasserfällen.

Auch in der nächsten Nacht blieb der Regen ein ständiger Begleiter. Ebenso auf der darauffolgenden Tagesetappe, die auf einer mit Bauarbeiten gespickten Carretera Austral – die raue Schotterpiste wird derzeit in einem weiteren Prestigeprojekt komplett asphaltiert – alles von uns abforderte. Mittendrin ein zehn Kilometer langer Anstieg von rund 600 Höhenmetern, der sich in weiten Serpentinen hinaufzog und mit seiner noch nicht asphaltierten Oberfläche nach den vielen Regenfällen der letzten Stunden zu regelrechten Schlammbädern einlud. Zugleich präsentierte uns Patagonien ein weiteres seiner offenbar unzähligen Gesichter, denn wir kurbelten plötzlich mitten durch dichten Regenwald! Keine 20 Kilometer nach einem Camp unter einem mächtigen Gletscher kam das etwas unerwartet und ist wohl Konsequenz der mikroklimatischen Besonderheiten in diesem Teil der Welt.

Am Nachmittag ließ der Regen dann endlich etwas nach und wir pedalierten trocken zum Lagos las Torres, wo die erhoffte heiße Dusche leider ausfiel – auch in Chile sind die Campingplätze doch recht karg und rudimentär ausgestattet. Immerhin unter einem trockenen Himmel ging es am nächsten Tag weiter in den Pausenort Coyhaique, wobei “trocken” relativ zu sehen ist, denn angesichts der frischen Temperaturen war Winterkleidung angesagt, und die sorgte angesichts eines kraftraubenden Schotterschlussspurt – von den abschließenden rund 50 Tageskilometern waren bestenfalls 500 Meter am Stück flach, ansonsten ging es zwischen 6 und 18 Prozent entweder steil runter oder steil hoch – für reichlich Feuchtigkeit von innen.

Nun lecken wir alle unsere Wunden nach sieben bezüglich der Pisten und vier bezüglich des Wetters sehr fordernden Tagen und schauen mit etwas Bangen auf die nächste Woche, die uns sogar neun Tage in Folge auf den Rädern sehen wird. Es geht zurück nach Argentinien und in die patagonische Pampa, in der das vorherrschende Thema der Wind sein wird. The Andes Trail bleibt also vor allem in klimatischer Hinsicht eine umfassende Herausforderung, die uns wiederholt an die Pforten unserer Wahrnehmung bringt und mitunter auch schlicht und einfach den Spass am Radfahren/Erkunden raubt. Entsprechend ist die derzeitige Stimmung im Fahrerlager, in dem sich Erschöpfung breitmacht. Alle sind gezeichnet von den Herausforderungen, viele sagen von sich, dass sie “einfach nur noch müde” sind. Man sieht das jeden Morgen auf dem Dach des Trucks, auf dem sich zunehmend mehr Räder sammeln von Teilnehmern, die sich ins Camp fahren lassen. Die Zeit zur Regeneration nach den langen Etappen ist eben knapp, und wenn dann auch noch der Nachmittag im strömenden Regen und bei wohlwollend acht Grad und eisigem Wind „ausfällt“, wird sie noch knapper. Mit anderen Worten: drei Wochen vor dem Erreichen des großen Ziels am Ende der Welt gehen wir alle ganz schön auf dem Zahnfleisch.

Themenwechsel. Coyhaique. 50.000 Einwohner, größer Ort der Region. Für Bewohner eines dieser kleinen Häusersammlungen entlang der Carretera Austral muss sich der Ort anfühlen wie New York für einen von uns. Ein gewaltiges Häusermeer, ein schier überwältigendes Angebot an Einkaufsmöglichkeiten und ein urbanes Lebensgefühl, das dem sonst hier üblichen „hinterwäldlerischen“ Trott diametral gegenüber steht. Zugleich wurden aber gestern Abend ab 21 Uhr auch hier sämtliche Fußwege hochgeklappt, versank Coyhaique in einen Schlummerschlaf, aus dem es erst heute Morgen so gegen 10 langsam wieder erwachte. Auch 50.000 Menschen „schaffen“ eben keien Großstadt. Für uns ist es dennoch bemerkenswert, plötzlich richtige Supermärkte und wahre Shoppingparadiese zu sehen – zuletzt hatten wir so etwas in Mendoza. Zugleich blitzt die Provinzialität aber auch in Coyhaique durch. Irgendwie fühlt sich der Ort bisweilen an wie ein Ausflug in den späten 1950er Jahre in Deutschland, mit all diesen älteren kleinen Läden, die sorgsam ausgewählte Ware feilbieten und den wettergegerbten Cafés, an denen der Zahn der Zeit derart genagt hat, dass sie wie kleine Museen daherkommen.

Noch ein paar Worte zu Chile. Zu den äußeren Eindrücken in Richtung Schweiz hatte ich mich schon geäußert. Das Land bestätigt diese Eindrücke auch “innerlich”. Es ist vergleichsweise teuer – für einen kleinen Kaffee zahle ich hier 1.800 Pesos, das sind umgerechnet rund 2,40 Euro – es ist straff organisiert (in Coyhaique rennen auf jeder Straße Politessen mit computergestützten Strafzettelblöcken herum) und es ist von einem angenehm langsameren Lebenstempo. Mir gefiel Argentinien mit seiner leicht chaotischen Art ehrlich gesagt besser, zumal es noch einen ganz elementaren Unterschied gibt: in Argentinien bin ich mit meinem Stotterspanisch durchaus gut zurechtgekommen und habe auch die eine oder andere Unterhaltung führen können. Hier in Chile scheinen sie eine andere Sprache zu sprechen. Klingt wie Spanisch, besteht aber irgendwie aus völlig anderen Wörter. So scheint es zumindest. Nur wenn ich ganz genau hinhöre kann ich einzelne Wörter identifizieren. Selbst Zahlen (also Preise), nach viereinhalb Monaten eigentlich vertraut, verschwimmen hier zu für mich undefinierbaren Buchstabenbreien.

Beute eines Vormittags in Coyhaique.

Beute eines Vormittags in Coyhaique.

Und noch einen Unterschied gibt es. In Agentinien war der Fußball überall präsent – hier findet er eher in den Nischen statt. Meine Tassensuche war zwar in dreifacher Hinsicht erfolgreich, doch Trikots und andere Souvenirs sind nur schwer zu finden. Wie zitierte ich doch 2009 im zweiten Band der Fußball-Weltenzyklopädie den damaligen Nationaltrainer Manuel Pellegrini: “Wir haben nicht das fußballfreundliche Umfeld, das man beispielsweise in Argentinien hat”. Scheint noch zu stimmen!

Nun aber. Heute stehen noch Radreinigung und Reparatur des Tachos an, der immer mal wieder muckt. Morgen geht es wieder aufs Rad, und die Wettervorhersage für Coyhaique verspricht: Regen, 13 Grad, Wind aus Südwesten. Genau dahin wollen wir. Hört sich also nach “back to reality” an…

Ihr hört von mir, Euer hardy Cyclist!

 

Mit Grabstellen "habe" ich es ja schon seit dem Start in Ecuador - so sehen sie im argentinischen Patagonien aus. Oscar war übrigens River-Fan, wie auf dem Schild unten unschwer zu erkennen ist.

Mit Grabstellen „habe“ ich es ja schon seit dem Start in Ecuador – so sehen sie im argentinischen Patagonien aus. Oscar war übrigens River-Fan, wie auf dem Schild unten unschwer zu erkennen ist.

Abschied von Bariloche im windschnittigen Peleton.

Abschied von Bariloche im windschnittigen Peleton.

Wunderschöner Lake District Argentiniens.

Wunderschöner Lake District Argentiniens.

Hoch oder runter - das ist das Leitmotiv auf den Pisten des chilenischen Teils von Patagonien.

Hoch oder runter – das ist das Leit-(d)-motiv auf den Pisten des chilenischen Teils von Patagonien.

Baustelle Carreta Austral

Schlammige Baustelle Carretera Austral

Manchmal scheint es, als sei die Baustelle unpassierbar. Aber auf zwei schmalen Reifen "geht" alles.

Manchmal scheint es, als sei die Baustelle unpassierbar. Aber auf zwei schmalen Reifen „geht“ alles.

Eines der Probleme auf den (trockenen) Schotterpisten ist der Staub, den die Autos aufwirbeln.

Eines der Probleme auf den (trockenen) Schotterpisten ist der Staub, den die Autos aufwirbeln.

Ausgerechnet in dem Ort "La Junta" begegnete mir der bislang einzige Beleg, dass die Ruta 7 offiziell mal nach Pinochet benannt war.

Ausgerechnet in dem Ort „La Junta“ begegnete mir der bislang einzige Beleg, dass die Ruta 7 offiziell mal nach Pinochet benannt war.

Hostal Alemania in der Avenida Otto Uebel in Puyuhupai.

Hosteria Alemania in der Avenida Otto Uebel in Puyuhupai.

Ein echter "Super"-Mercado!

Ein echter „Super“-Mercado!

Schweiz?

Schweiz?

Nein, Chile!

Nein, Chile!

Bibbern beim abendlichen Dinner in einer notdürftigen Holzunterkunft.

Bibbern beim abendlichen Dinner in einer notdürftigen Holzunterkunft.

Schild an der argentinisch-chilenischen Genze: xxx

Schild an der argentinisch-chilenischen Genze: „Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt sondern von uns Kindern geliehen“.

Jetzt mal ehrlich - das ist doch ein Pizzabäcker und kein Straßenarbeiter, oder?

Jetzt mal ehrlich – das ist doch ein Pizzabäcker und kein Straßenarbeiter, oder?

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