Im Dialog mit Petrus

Wieviel Abenteuer passt eigentlich in eine Woche? Wenn es nach The Andes Trail geht, eine ganze Menge. Nehmen wir doch nur mal das Wetter. Freitag: rund 40 Grad, so mollig warm, dass wir unsere Füße in den Camping-Swimmingpool stecken mussten. Ihr habt alle das Foto gesehen. Am nächsten Morgen wachten wir unter bedecktem Himmel auf und erkannten die Welt kaum wieder. Wo wenige Stunden zuvor die Sonne noch mit voller Kraft gewütet hatte, krabbelte das Thermometer plötzlich nur noch auf zaghafte sechs Grad, durchwühlten wir alle unsere Rucksäcke nach dicken Jacken, Handschuhen und Pudelmütze. Doch es kam noch „besser“, denn die Nacht von Samstag auf Sonntag bescherte uns … Neuschnee (!) und einen Etappenstart bei minus zwei Grad. Wahnsinn The Andes Trail…

24 Stunden liegen zwischen diesen beiden Fotos - und keine 200 Höhenmeter.

24 Stunden liegen zwischen diesen beiden Fotos – und keine 200 Höhenmeter.

Ein abenteuerlicher Temperatursturz, der nicht nur die Einheimischen verstörte („kältester Novemberstart seit über 40 Jahren“ wurde uns versichert), sondern der uns völlig überraschend traf. Denn die Winterklamotten nahezu jedes Teilnehmers waren tief in jenem Gepäck versteckt, das lediglich an den Pausentagen von den Trucks geladen wird, da es normalerweise einfach nicht gebraucht wird. Und so pedalierte auch ich am Samstag bei dank eines eisigen Polarwindes aus dem Süden SEHR unangenehmen sechs Grad zwar mit allem, was mein Gepäck hergab, fror aber dennoch wie ein Schneider. Beim Lunch nach knapp 62 Kilometer waren vor allem meine Finger fast blaugefroren (die Winterhandschuhe steckten ebenfalls im nicht zugänglich Gepäck), konnte ich gar nicht so schnell bibbern, wie ich vor Kälte zitterte. Als zu allem Übel auch noch Nieselregen einsetzte, gab ich mich geschlagen und kletterte, wie viele andere, für die restlichen 40 Kilometer auf den Truck. „Natürlich“ stand an diesem Tag ein Bushcamp an, und das heißt in der Regel: keine Dusche, keine Toilette, keinerlei überdachte Unterkunft. Immerhin gelang es der Tourleitung, mitten im Niemandsland einen kleinen Militärposten zu finden, in dessen Garage wir unsere Feldküche aufbauen konnten und damit zumindest im „warmen“ speisen durften. Draußen, also dort, wo unsere Zelte standen, tobte derweil ein heiliger Sturm, der zunächst Regen und während der Nacht dann Schnee brachte. Dafür, dass wir wenige Stunden zuvor in Mendoza noch unter „unerträglicher Hitze“ gestöhnt hatten, war das ein Temperaturschocker, der uns allesamt sprachlos machte. Ich indes war „glücklich“, denn ich hatte Küchendienst und durfte mir die klammen Finger am warmen Abwaschwasser wärmen. Manchmal braucht man einfach ein bisschen „Glück“ im Leben.

Unser abentliches "Bibbercamp" an dem einsamen Militärposten.

Unser abendliches „Bibbercamp“ an dem einsamen Militärposten.

Und damit willkommen zum neuesten Eintrag in „Jenseits der Komfortzone“, einem Titel, der für die letzte Woche mal wieder perfekt passt. Denn es ging weiter mit den Wetterkapriolen. Als ich am Sonntagmorgen einen der Militärs (die hier übrigens stationiert sind, um Jagd auf Wilddiebe zu machen) nach den Wetteraussichten fragte, nuschelte er nur ein mürrisches „Miercolos, bueno“. Sollte wohl heißen, erst am Mittwoch wird es besser. Mit der Frage, wie wir die Kälte bis dahin überstehen sollten auf den Lippen machten wir uns anschließend auf den Weg in eine 150 Kilometer-Etappe, die uns ins das Örtchen Malagüe bringen sollte. Diesmal waren wir zumindest von der Ausrüstungsseite besser vorbereitet, denn am Abend zuvor war das „Wintergepäck“ abgeladen worden und wir steckten unisono in dicken Thermojacken, Pudelmützen und Winterhandschuhen.

Auf geht's in eine  kalten Tag.

Die Winterklamotten sind wieder da – auf geht’s in einen kalten Tag.

Der Tag begann mit einer knapp 40 Kilometer langen Naturpiste, die über weite Strecken ordentlich zu befahren war. Kaum hatte ich sie hinter mir gelassen und war auf eine 85 Kilometer lange Gerade gestoßen, hob Petrus zum nächsten Stich an. Nach Kälte und eisigem Wind kam nun auch noch Regen. Als ich 15 Kilometer später am Lunchtruck eintraf, war ich trotz Winterkleidung erneut komplett durchgefroren und haderte ernsthaft mit meiner Entscheidung, so etwas dusseliges wie The Andes Trail fahren zu wollen/müssen. Zu spät. Wärmender Tee, zubereitet vom Lunchtruckteam Walter und Annelotte, half, das innere Gleichgewicht wieder ein wenig herzustellen, und als dann auch noch der Regen aufhörte und der Himmel etwas heller wurde, machte ich mich auf den Weg auf die verbliebenen 90 Tageskilometer. Petrus bedankte sich artig bei mir und schickte Ostwind auf eine Piste, die in den vorangegangenen The Andes Trail-Ausgaben eigentlich immer von Westwind – und das hieß Gegenwind – beeinflusst war. Wir hingegen rauschten mit lockeren 35 km/h durch die Pampa, bestaunten die zahlreichen Ölpumpen, die das schwarze Gold der aus dem Boden saugen und kamen halbwegs entspannt am Ende der ewig langen Geraden an. Zwischenzeitlich hatte der Himmel weiter aufgelockert, waren sogar erste blaue Flecken zu sehen, spürte man die Sonne, die sich Mühe gab, die Wolkendecke zu durchdringen. An den Berghängen jedoch war unübersehbar, dass mitten im argentinischen Frühling der Winter zurückgekommen war. Neuschnee bis in Tallagen gab der Landschaft ein surreales Bild. 45 Kilometer später erreichte ich Malargüe, ein unscheinbares Nest, das sich selbst – warum auch immer – „Home of the Gods“ nennt. Versuche, via Internet die Resultate des vergangenen Fußballwochenendes herauszubekommen endeten freilich beinahe gottlos – ehe eine kurzzeitige www-Connection von 1-0-Siegen sowohl der Rovers als auch Guingamp und einem traurig-bizarren Ergebnis aus Göttingen künden ließ.

Neuschnee bis in Tallagen.

Neuschnee bis in Tallagen.

Ein Bild ist immer nur eindimensional und gibt die ganze Tristesse nicht wieder - hier fehlen der kalte Wind, der Nieselregen sowie die 85-km-lange und schnurgerade Piste.

Ein Bild ist immer nur eindimensional und gibt die ganze Tristesse nicht wieder – hier fehlen z.B. der kalte Wind, der Nieselregen sowie die 85-km-lange und schnurgerade Piste.

Nächster Tag, nächstes Abenteuer. Aufgabe: Malargüe nach Buta Billon, 136 Kilometer, davon rund 80 asphaltiert sowie knapp 1.000 Höhenmeter. Nach rund drei Monaten auf dem Rad ist das eigentlich ein „peace of cake“ bzw. eine „übersichtliche Aufgabe“. Doch Petrus hatte noch einen Pfeil im Köcher für uns. Wind. Und „natürlich“ aus der falschen Richtung. Der Anstieg zum 2.000-Meter-Pass war noch erträglich. Meistens ein strammer Seitenwind, und je nach Kurvenlage auch mal ein Rückenwind, der uns förmlich den Berg hochpustete. Das Drama begann erst nach dem Gipfel, denn danach kam der Wind von vorne. Und so musste ich trotz eines Gefälles von fünf bis sechs Prozent mit voller Kraft trampeln, um auf Spitzengeschwindigkeiten von 18 km/h zu kommen und mich langsam dem Tal zu nähern. Nur mal so zum Vergleich: einen Berg mit fünf Prozent Neigung rolle ich normalerweise mit 45 -50 km/h runter, ohne auch nur eine Kurbelbewegung machen zu müssen. So wurde die Talfahrt zur harten Arbeit, musste man bei Seitenwind zudem aufpassen, nicht vom Rad getrieben zu werden. Mehrfach blies der Wind mich einfach auf den Seitenstreifen, ohne, dass ich dagegen etwas ausrichten konnte. Und kaum war die Arbeit getan, war das Tal erreicht, wartete die nächste Überraschung. Bauarbeiten! Statt schnurrigem Asphalt grinste mich eine knurrige Schotterpiste an, die die Kraft förmlich aus den Beinen saugte. Aber auch dieser Tag hatte seine schönen Überraschungen. Denn kaum hatten wir den Río Grande überquert, blies der Wind von hinten und damit in die gewünschte Richtung. Wäre nicht immer mal wieder eine „Störung“ wegen Straßenbauarbeiten angesagt gewesen, ich wäre wohl nach Buta Billon geflogen. Buta Billon. Schon mal von gehört? Vermutlich nicht. Drei Häuser bilden einen Ort und damit einen Eintrag auf argentinischen Straßenkarten. Es ist eben einsam südlich von Mendoza. Immerhin führte der in der Küche eines Wohnhauses befindliche „Kiosk“ von Buta Billon kühles Bier, und so konnten wir den Tag in wärmender Sonne und mit kühlenden Getränken ausklingen lassen. Fehlte nur noch der Swimmingpool, und wir wären wieder zurück bei Bild eins gewesen. Danach beruhigte sich das Wetter und wir konnten uns auf die „normalen“ Herausforderungen der Etappen konzentrieren. Als da wären 50 Kilometer auf einer rumpeligen Ruta 40 von Buta Billon nach Barrancas, einem staubigen Nest mit gemütlichem Campingplatz direkt hinter der Grenze des Río Barrancas und damit in Patagonien, sowie einer hölleschweren 94-Kilometer-Etappe in den Pausentag nach Chos Malal, einem Örtchen, in dem man sich am Ende der Welt fühlt. Eine Handvoll Straßenquadrate, zwei Supermärkte, eine Bank und ein Park, in dem die örtliche Jugend mit Wummermusik aus Autolautsprechern abhängt und vermutlich vom goldenen Leben in Buenos Aires oder mindestens Mendoza träumt. That’s it – das ist alles. Für uns geplagte Radfahrer ein recht angenehmer Ort, denn viel mehr als Nichtstun kann man hier kaum – und genau das brauchen wir. Ungewöhnlich allerdings die Öffnungszeiten der örtlichen Lavandaria („Wäscherei“), denn während in Argentinien eigentlich jedes Geschäft nicht vor 9 öffnet und zwischen 13 und 17 Uhr zu hat, öffnete jene lediglich zwischen 8 und 15 Uhr. So standen wir ratlos mit der dreckigen Beute einer anspruchsvollen Woche vor verschlossenen Türen und dürften Morgen nochmal auflaufen.

Es mag einsam sein hier, aber es ist auch herrlich schön.

Es mag einsam sein hier, aber es ist auch herrlich schön.

Ich hatte am Anfang von The Andes Trail mal einen Vergleich zur Tour d’Afrique angestellt und möchte den heute noch mal aufgreifen. Wir sind vier ehemalige Tour d’Afrique-Fahrer hier in Südamerika und wir sind uns allesamt einig, dass dieser Trip hier um einiges anspruchsvoller ist als Afrika. Manchmal kommt einem Afrika fast wie ein Sonntagnachmittagausflug vor. Nicht, dass Afrika nicht ebenfalls fordernd und herausfordernd gewesen sei, aber neben den vielen Bergetappen und den Problemen mit der Höhenluft ist vor allem das Wetter ein sehr entscheidender Faktor. Hier ist es, wie haben es gerade erst wieder erfahren, völlig unberechenbar. In Afrika war es heiß. Trocken heiß, zumeist. Und wenn es mal nass war, war es trotzdem warm. Erst in Namibia und Südafrika wurde es etwas kühler. Hier? Muss man wettertechnisch jeden Tag mit allem rechnen. Und das macht es schwer, denn es ist ein Riesenunterschied, ob ich 150 Kilometer im warmen Sonnenschein oder bei Temperaturen von unter zehn Grad und im Regen fahre. Moralisch, aber auch körperlich. Hinzu kommen die ständigen off-road-Passagen hier. In den letzten zwei Wochen hatten wir lediglich einen Tag, der komplett auf Asphalt gefahren wurde. Und seit zwei Wochen habe ich auch die dicken 47er Noppenreifen auf dem Rad, die vermutlich bis zum Ende der Tour in Ushuaia drauf bleiben werden. In Afrika waren die dicken Stollen immer nur für ein paar Tage auf dem Rad. Aber Afrika ist nicht Südamerika, und es ohnehin unsinnig, die beiden Touren miteinander zu vergleichen. Seit zwei Tagen sind wir nun auch offiziell in Patagonien, nachdem wir nach Überquerung des Río Grande schon „gefühlt“ in diesem Teil am „Ende der Welt“ angekommen waren. Patagonien empfing uns standesgemäß mit Wind, der von nun an vermutlich täglich eine Rolle spielen wird, Patagonien empfing uns aber auch mit einer grandiosen Natur. Eine Weite und schiere Endlosigkeit, in die man eintauchen möchte, eine Einsamkeit, in der man vornehmlich wilden Pferden, Flamingos, Hasen und anderen Lebewesen begegnet. Und so bleibt es trotz aller Unbillen und Herausforderungen ein glänzender Traum, The Andes Trail auf dem Rad und mit Muskelkraft zu absolvieren. In dem Sinne, hasta pronto, your hardy cyclist Am Tag, als der Regen/Schnee/Wind kam (und ich meine Winterklamotten wiederhatte) Am Tag, als der Regen/Schnee/Wind kam (und ich meine Winterklamotten wiederhatte)

Schild am Straßenrand. Geschwindigkeit zum Selbsteintragen?

Schild am Straßenrand. Geschwindigkeit zum Selbsteintragen?

Wolkenformation à la Patagonia. Wenn ich im Studium richtig aufgepasst ahbe, hat das was mit sehr schnellen hohen Winden zu tun.

Wolkenformation à la Patagonia. Wenn ich im Studium richtig aufgepasst habe, hat das was mit sehr schnellem Wind in der Höhe (so zwischen 10.000 und 20.000 Meter) zu tun.

wie ging noch dieses Lied aus den 80ern? "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht ..."

Wie ging dieses Lied aus den 80ern noch? „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht …“

"... es geht voran!"

„… es geht voran!“

Ein "Grader" bei der Arbeit. Er arbeitet im Grunde wie ein Schneepflug - "glättet" die Piste und räumt die großen Sachen beiseite.

Ein „Grader“ bei der Arbeit. Er arbeitet im Grunde wie ein Schneepflug – „glättet“ die Piste und räumt die großen Sachen beiseite.

Patagoniens Weite.

Patagoniens wilde Weite.

Patagoniens Vulkane.

Patagoniens Vulkane.

Kleiner Rückblick auf den 356-Kurven-Tag nach Mendoza, als Lunchtruck-Driver Walter mich "einfing".

Kleiner Rückblick auf den 356-Kurven-Tag nach Mendoza, als Lunchtruck-Driver Walter mich „einfing“.

Advertisements

2 Kommentare

  1. Hoi Hardy,

    habe auch schon den Eindruck, dass es dieses Jahr besondere WetterKapriolen sind, die Euch begleiten. Hardy B. stöhnte auch schon am letzten Wochenende und kämpfte sich bei ähnlich niedrigen Temperaturen gegen eine steife Ostbriese in Richtung Buenos Aires.

    Alles in allem juckt es mir momentan nicht wirklich in den Füssen, diese Tour in voller Länge anzugehen. Ich glaube, ich bin sowohl von den Temperaturen als auch von den Strassenbedingungen eher für Afrika gemacht. Frag doch Wilbert mal ein wenig über die Lake Victoria-Safari aus. Ich glaube für mich geht es eher nochmals nach Schwarzafrika oder nach Indonesien bevor ich mich Südamerika widmen werde. Kenia, Tansania, Burundi, Ruanda und Uganda in für mich gerade noch zu bewerkstelligenden 7 Wochen… Tour-Buddy…. 😉

    Lieber Gruss und tolle Impressionen aus Patagonien !!!

    Dennis

    Gefällt mir

    1. Buddy, das hier ist wirklich eine Herausforderung. Nicht zu vergleichen mit der Moselrundfahrt von 2011. Das Wetter, das Wetter. Und auch das mit den Pisten. Die Ostafrika-Tour wird allerdings auch nicht ohne sein. Viel off-road (mindestens 50 %) und einige sehr anspruchsvolle Pisten. Habe schon ein bisschen mit Wilbert drüber geplauscht, weil ich sie auch interessant finde. Wilbert und Rob (= Bike Dreams) sind allerdings auch zwei echt beinharte Radler, die nach dem Motto vorgehen, „wo wir langfahren können, können andere auch langfahren“. Ergo: was in Afrika die Ausnahmesituation war, ist hier die Regel. Take care und roll on!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s