Camping à la Baustelle

Puh, wie kurz können eigentlich zwei Tage sein? Am Montag kamen wir in Salta an, zwei Pausentage vor der Brust und erfüllt von schönen Vorstellungen und Träumen, wie wir sie verbringen würden. Doch im Grunde genommen lief es von Beginn an anders als erwartete bzw. erhofft. Als ich auf den Camping Municipal in Salta erreichte, blieb mir jedenfalls das Grinsen im Halse stecken, denn ich landete auf einer – Baustelle. Ein gigantisches Freibad bildete dereinst den Mittelpunkt des Campings, doch dass es schon lange kein Wasser mehr gesehen hatte, war deutlich zu erkennen. Überall hatten Patina und Rost ihre Spuren hinterlassen, und weil auch das pompöse Hauptgebäude – in dem früher vermutlich mal ein Hotel gewesen war – dem Verfall preisgegeben worden ist, verströmte die gesamte Anlage den Odor von Verwesung.

Das war nicht unbedingt das, was wir uns für unsere beiden Pausentage erhofft hatten. Doch es kam noch ärger. Kaum hatte ich mein Zelt in einem halbwegs netten Eckchen aufgebaut, brauste ein Doppeldeckerbus heran und spie eine riesige Gruppe fröhlicher Argentinierinnen aus. Schnurstraks waren die Tische zwischen unseren Zelten von ihnen besetzt, dünstete plötzlich überall geröstetes Fleisch, denn die Argentinier LIEBEN BBQ. Mit zunehmend längeren Gesichtern saßen wir – die meisten noch immer in der schweißverklebten Kleidung der Tagesetappe – ungläubig da und fragten uns, wie unter diesen doch sehr öffentlichen Umständen Entspannung finden sollten.

Die grillwütige Busbesatzung verabschiedete sich schließlich so gegen 20 Uhr mit einigen fröhlichen Tänzchen, an denen auch der eine oder andere Bike-Dreams-Radler teilnahm, und wir konnten den Platz ein wenig mit unseren eigenen Befindlichkeiten gestalten. Schließlich stand auch bei uns eine Party auf dem Programm, denn nicht nur, dass uns eine kleine Gruppe sehr liebgewonnener Mitfahrer verließ („Timing!“) – wir hatten BERGFEST! 5.500 Kilometer liegen hinter uns, und auch zeitlich ist ungefähr die Hälfte rum – Grund genug also, selbst die Grillzangen in die Hände zu nehmen. Von nun an ging der Lärm auf dem Camping also von uns aus, und ich habe mir sagen lassen, dass die Kondition bei dem einen oder anderen verdammt hartnäckig war.

Der nächste Morgen brachte die nächste Überraschung. Kaum hatten wir uns den Schlaf aus den Augen gerieben bzw. den Kampf mit den Katern aufgenommen, rollte schweres Gerät auf das Gelände. Und ich meine wirklich schweres Gerät. Ein gigantischer Schaufelbagger, diverse Lastwagen, die aussahen wie Öltransporter und eine … Dampfwalze. Staunend erfuhren wir, dass die geschotterten Wege des Platzes geteert werden sollten. Ratzfatz ging es los, nahmen die Arbeiter ihre Tätigkeiten auf, stank es plötzlich nach frischem Teer, musste man aufpassen, wo man hintrat. Alfred und ich hatten zu dem Zeitpunkt längst die Segel gestrichen und die Flucht in Richtung Salta Centrum angetreten, wo wir in einem süßen kleinen Hostal für kleines Geld ohne frischen Teer oder lärmende Grillgruppen die beiden Pausentage verbrachten.

Camping a la Baustelle

Camping a la Baustelle

Aber sie waren gefüllt von allerlei vor allem organisatorischen Tätigkeiten. Zunächst standen einige Zeitungsberichte an, denn zur „Halbzeit“ will natürlich auch die Heimat informiert werden. Dann machten wir uns mit den Gesetzten des „blauen Marktes“ vertraut, auf dem hier in der Regel Geld getauscht wird. Aus gutem Grunde, denn während der offizielle Kurs für einen Euro bei etwa 10,86 Pesos liegt, bekommt man auf dem „blauen Markt“ 17 Pesos! Argentiniens Geldwirtschaft hat ja in diesem Jahr schon für reichlich Aufregung gesorgt, und die Befürchtung der Einheimischen ist groß, dass ihre Währung endgültig abschmiert. Also decken sie sich mit Dollar und Euros ein, um im Fall der Fälle eine Währungsreserve zu haben. Was bleibt ist ein eigentümliches Gefühl, mitten auf einem belebten Platz und durchaus auch unter den Augen der Polizei Geld zu tauschen und zu hoffen, dass alles, was man da an Papier bekommt, auch echt ist. Bislang hat es jedenfalls funktioniert.

So wie Argentinien ohnehin „funktioniert“ – zumindest hier oben in Salta. Mein erster positiver Eindruck hat sich jedenfalls verfestigt, und auch mein Vegetarierdasein scheint nicht die wirklich große Herausforderung zu sein – heute zum Beispiel bekam ich zum Mittagessen sehr mundige Gemüsecanellonis, und Pizza und Pasta werden an jeder Ecke offeriert. Außerdem gibt es endlich wieder richtigen Kaffee, nachdem wir in Ecuador, Peru und Bolivien eigentlich immer nur Instantbrühe gereicht bekamen. Mit der hiesigen Kaffeehauskultur kann ich mich jedenfalls bestens anfreunden.

Und selbstverständlich mit dem Fußball. Unglaublich, wie viele Menschen auf den Straßen Fußballtrikots tragen! Und in was für einer Vielfalt! Zwar sind Boca Juniors und River Plate überproportional häufig vertreten, doch ich habe in den letzten beiden Tagen bestimmt Trikots von 50 bis 60 verschiedenen Teams gesehen! Erfreulicherweise auch eine Menge der lokalen Heroen von Gimnasia bzw. Juventud, deren Leibchen in den einschlägigen Geschäften im Übrigen zu Sonderpreisen angeboten werden. Support your local football club scheint hier also noch zu funktionieren! In dem überbordenden Angebot an Trikots und anderen Fußballsouvenirs bin ich bislang übrigens ziemlich orientierungslos umhergeirrt – lediglich ein Leibchen von Racing (Buenos Aires), irgendwie immer mein Liebling aus der Ferne (wohl auch durch seine französischen Wurzeln), hat bereits Eingang in meinen Besitz gefunden. Foto folgt 😉

Ansonsten war der Grenzübertritt nach Argentinien für uns diesmal wirklich ein Sprung in eine andere Welt. Fangen wir mit dem Klima an: in Salta hatte es heute 36 Grad, und selbst spätabends konnte man noch gemütlich auf dem Plaza sitzen und ein kühles Bierchen genießen. Dafür, dass wir vor einer Woche noch ständig im Gewitter gezittert haben ist das ein abrupter Wandel, der aber von den meisten Radelnden begrüßt wird – irgendwie waren/sind wir nach über zwei Monaten im andinen Hochland alle ausgehungert nach Sonne und Wärme. Weiterer großer Wandel: Zum ersten Mal seit fast zwei Monaten (Huanchaco) sind wir wieder deutlich unter 2.000 Metern – Salta liegt auf rund 1.400 Meter. Und was das für ein Unterschied ist, spürt man beispielsweise am Berg, wo plötzlich auf dem Tacho wieder Geschwindigkeiten auftauchen, die auf dem Altiplano gänzlich undenkbar waren.

Das Leben hier verläuft in ziemlich anderen Bahnen als in den drei bislang durchquerten Ländern. Zwar ist das Andine noch spür- und manchmal auch hörbar, der westliche Lebensstil aber dominiert. Es gibt reichlich Privatautos, es gibt gewaltige Supermärkte (in Salta sogar einen riesigen Carrefour, wie ich sie sonst von Frankreich kenne), es gibt die schon angesprochene Kaffeehauskultur. Mag sein, dass das alles dazu beiträgt, dass ich mich bislang sehr wohl fühle, denn irgendwie ist diese trennende Distanz namens „Exotik“, wie wir sie vor allem in Peru und Bolivien, häufig hatten, verschwunden. Die Lebensweisen haben sich angenähert, und das sorgt für größeres Verständnis. Zumindest für eine Weile wird unsere Reise dadurch aber wohl auch einen gewissen exotischen Reiz einbüßen, ehe wir in Patagonien mit Natur und Einsamkeit wieder reichlich verwöhnt werden werden.

Meine Sorgen, dass die Argentinier nicht so offen und freundlich sein würden wie die Bolivianer und Peruaner waren übrigens völlig unbegründet. Nehmen wir nur mal eine Szene von heute Abend: ich war auf dem Weg zurück zum Hotel und wollte mal eine neue Straße ausprobieren. Da hier alles im Schachbrettsystem aufgebaut ist, normalerweise kein Problem. Doch irgendwie geriet ich in eine völlig unvertraute und zudem eher düstere Ecke und fragte daher bei einem Passanten nach, ob ich überhaupt auf dem richtigen Wege sei. Nachdem der freundliche junge Mann mir den Weg erklärt hatte, kam die obligatorische Frage, wo ich den herkomme, und auf die Antwort „Alemania“ kommt dann in der Regel ein „oh, campión del mundo“ mitsamt Lächeln. Ruckzuck waren wir beim WM-Finale und trennten uns erst nach knapp zehn Minuten wieder mit einem freundlichen Händedruck. Eine andere und doch ähnliche Situation hatte ich am Nachmittag im Bus. Einzeltickets gibt es hier nicht. Stattdessen kauft man eine Magnetkarte, die immer wieder aufgeladen wird. Das wusste ich aber nicht, und so stand ich ratlos vor dem Fahrer und wedelte mit meinen 2,50 Peso, die er jedoch nicht annehmen wollte – geht eben nur mit Magnetkarte. Als er mich rausschmeißen wollte, sprang eine junge Frau auf und gab mir ihre Karte. Geld wollte sie nicht, und so habe ich nicht nur gelernt, wie Busfahren in Salta funktioniert, sondern durfte zudem die Hilfsbereitschaft der Menschen genießen. Nicht zuletzt deshalb ist meine zwischenzeitlich leicht verschütt gegangene Neugierde auf Spanisch wiedererwacht, habe ich die Lehrbücher wieder rausgekramt, weil sich erneut eine Lust auf Kommunikation einstellt.

Etwas gewöhnungsbedingt ist die Siesta. Von 1 bis 5 geht hier nichts. Gar nichts! Da hat jeder Laden die Schotten dicht, bleiben einem nur die Touristenneppfallen, um irgendwo einen Kaffee zu bekommen. Ebenfalls herausfordernd: das Leben beginnt eigentlich erst so ab 20 Uhr. Wir aber sind es gewohnt, um spätestens 19 Uhr zu essen und um 21 Uhr in den Federn zu liegen. Gestern war der erste Abend seit meiner Ankunft in Quito, an dem ich nach Mitternacht noch wach war – bin gespannt, wie sich das demnächst so auf die Radfahrkondition auswirken wird.

Und damit zum Radfahren. Da hatte ich ja im Laufe der Woche schon zweimal kurze Wasserstandsmeldungen losgelassen. Vor allem der Tag, an dem – theoretisch – 151 Kilometer bergab fuhren, dürfte unvergessen bleiben. Es begann gut, und nach einer knappen Stunde hatte ich bereits die ersten 40 Kilometer auf der Uhr. Dann jedoch schlug der Wind zu, und weil aus dem Downhill parallel zudem eine mehr oder weniger waagerechte Strecke mit einigen Abwärtspassagen wurde, war es plötzlich knüppelharte Arbeit. Wie verrückt stemmten wir uns gegen die unablässig aus dem Tal hinaufschießende Böen, die bisweilen fast bösartige Ausmaße annahmen. Bei aller Flucherei und Zeterei blieb am Ende jedoch nur der Griff zur Geduld, denn gegen Wind ist nun mal kein anderes Radfahrerkraut gewachsen. Die verbliebenen gut 110 Kilometer stellten freilich wahrlich eine gewaltige Schinderei dar und ließen nichts, aber auch gar nichts von jenem Jubel übrig, der am Morgen bei der Kenntnisnahme des Streckenprofils noch aufgebrandet war.

Im Windkanal verließen wir auch die Tropen

Im Windkanal verließen wir auch die Tropen

Der Tag darauf, es ging von Yala nach Salta, entschädigte. Zwar blies immer noch ein kräftiger Wind, doch wir verabschiedeten uns nach elf Kilometern auf eine Nebenstraße, auf der uns die Böen nur gelegentlich erreichten. Und so konnten wir eine herrliche Landschaft genießen, die zunächst gespickt war von pompösen Fincas, Golfplätzen und Pferdeweiden, ehe sie sich in eine hügelige und waldige Gegend verwandelte, durch die sich eine schmale Straße schlängelte, die wir gemacht war für einen herrlichen Sonntagausflug auf dem Fahrrad. Fast fühlte ich mich in der Provence, mit der warmen Sonne, den Zikaden, dem Piniengeruch und der allgemeinen Trockenheit. Fehlte eigentlich nur noch der Lavendel. Und weil in Argentinien Feiertag war, begegneten wir reichlich anderen Radler – darunter auch erstmals seit Quito wieder „echte“ Rennradler. Nach 120 Kilometern landeten wir dann vor den Toren von Salta und waren beglückt von einem perfekten Tag auf dem Fahrrad.

Heimelige Landschaften zwischen Yala und Salta

Heimelige Landschaften zwischen Yala und Salta

Soweit für heute, demnächst vermutlich wieder mit etwas mehr radsportlichen Ereignissen.

Bis die Tage, Euer hardy cyclist

Lesen irgendwelche Geologie-Experten mit? Jörg Pieper? Was ist das?

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Argentinisches Altiplano

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Die Gräber an den Straßenrändern werden nicht weniger. Sie sehen nur anders aus.

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Entfernungen und Erinnerungen. Leider war unser österreichischer Lunchtruckdriver Walter nicht für ein Foto verfügbar. Hans Krankl

Entfernungen und Erinnerungen. Leider war unser österreichischer Lunchtruckdriver Walter nicht für ein Foto verfügbar. Hans Krankl

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