Im Rütteltempo durch die Traumlandschaft

Nur fliegen ist schoener: noch ein letztes Bild vom Salar de Uyuni.

Nur fliegen ist schoener: noch ein letztes Bild vom Salar de Uyuni.

Kann man nach nur zwei Fahrtagen schon wieder einen Pausentag nötig haben? Ja, man kann! Satte 3.000 Höhenmeter auf knapp 220 Kilometer liegen hinter uns, uns als sei das noch nicht genug, waren von den 220 Kilometern bestenfalls deren viereinhalb geteert. Statt einer schnurrigen Asphaltstraße stand uns zwischen Uyuni und Tupiza nämlich nur eine überaus rüde Schotterpiste zur Verfügung, die gespickt war von knochenschüttelnden Wellblechpassagen sowie sandigen Abschnitten, die selber unseren Mountainbikern mit den dicken Ballonreifen keine andere Wahl ließen, als ihr Bike zu schieben.

„Dies sind die schlimmsten Abschnitte auf der gesamten Tour“, gestand Bike-Dreams-Organisator Rob heute Morgen beim Frühstück und zählte auf, was die Dauerrüttelpiste alles mit den beiden Begleittrucks angestellt hat, die demzufolge am heutigen Pausentag eine intensive technische Betreuung benötigen.

Die kleinen Rillen auf der Piste bilden Wellblech, ein echter Kochenruettler.

Die kleinen Rillen auf der Piste bilden Wellblech, ein echter Kochenruettler.

Im Gegensatz zu den Trucks waren wir auf unseren schmalen Reifen wohl sogar noch gut dran, denn wir hatten immerhin die Möglichkeit, auf der jeweils „besseren“ Pistenseite zu fahren. Das führte zu einem ständigen Wechselspiel zwischen links, rechts und mitte, wobei uns zu Gute kam, dass die Piste nicht allzu dicht befahren war – freiwillig scheint sich da niemand wirklich drauf zu trauen. Wie belastend vor allem das Wellblech für die Trucks sein muss durfte ich schmerzhaft erfahren, als ich an einem kleinen Downhill hinter einem LKW steckenblieb, der mit bestenfalls 25 km/h bergab schlich, während ich eigentlich hätte schneller sein können, an dem Truck aber nicht vorbei kam, ohne Leib und Leben in Gefahr zu bringen.

Wie schnell auf derlei Pisten etwas Ernsthaftes passieren kann musste mein Mitradler Buck erfahren, dessen Vorderrad im tiefen Sand steckenblieb und der vorneüber über sein Rad flog. Bittere Bilanz: Schulter ausgekugelt, bitterer Schmerz, Radpause bis Mendoza. Dabei hatte Buck noch Glück, dass ihm bei seiner unfreiwilligen Stuntmanshow nicht auch noch die Knochen brachen.
Ansonsten war es eine endlose Schinderei. Quasi vom ersten bis zum letzten Kilometer. Okay, bei mir vielleicht nur bis zum vorletzten Kilometer, an dem ich nämlich einen Platten hatte und entschied, die verbliebenen knapp 1.000 Meter zu Fuß zu gehen. Am ersten Tag ging es über 110 Kilometer von Uyuni nach Atocha fast ausnahmslos entweder auf rüdem Wellblech oder durch tiefen Sand, was mit meinen 47er Reifen hieß, abzusteigen und zu schieben. Ihren buchstäblichen „Höhepunkt“ behielt sich die Piste bis zum Ende vor, als es über sieben Kilometer in selten zuvor erlebten brutal steilen Rampen bergauf ging. In Spitzen erreichte die Piste plötzlich Steigungsraten von 14 Prozent, was auf Asphalt schon eine Quälerei ist, auf „dirt“ aber endgültig zu einer Herausforderung wird. Bei „Spitzengeschwindigkeiten“ von 5 km/h muss fährt man munter Schlangenlinien und muss aufpassen, nicht mitsamt Rad umzukippen.

Das Schild deutet es an: es geht wirklich steil hoch oder runter.

Das Schild deutet es an: es geht wirklich steil hoch oder runter.

Es war ein Vorgeschmack auf den zweiten Tag, der über 110 Kilometern und rund 1.600 Höhenmetern eigentlich ständig hinauf und hinab ging. Und zwar nicht ein nur hoch und runter, sondern wirklich HOCH und RUNTER. Nachdem wir erstmal von 3.600 auf 4.000 Meter geklettert waren, mussten wir insgesamt acht Mal hoch und wieder runter, wobei die Rampen selten unter zehn Prozent ausfielen. Über vier Stunden brauchte ich bis zum Lunch auf Kilometer 50, und anschließend stand die nächste Herausforderung an: ein Downhill von 4.000 auf 3.200 Metern auf einer mit Wellblech gespickten Piste. Schwerstarbeit für die Bremsen und Aufmerksamkeit, denn eine falsche Bewegung und man liegt im Dreck. Trotz dauerbremsen geht das Tempo an einem derart steilen Downhill jedoch mit einem durch, und so sah ich aus den Augenwinkeln teilweise die 50 km/h auf meinem Tacho auftauchen, was mir dann doch durchaus einen gewissen Schauder über den Rücken jagen ließ. Nach sechs Stunden und 45 Minuten kam ich schließlich hundskaputt in Tupiza an und darf mich nun am heutigen Pausentag um meinen platten Reifen kümmern…

Unser Profil für den zweiten Tag

Unser Profil für den zweiten Tag

Landschaftlich hat sich die Schinderei mehr als gelohnt. Abgesehen von den ersten 70 Kilometern, die ziemlich langweilig waren, sind wir durch eine der aufregendsten Gegenden gekurbelt, in denen ich jemals Fahrrad gefahren bin. Zunächst erwartete uns ein gigantischer Canyon, dessen Dimensionen uns den Atem stocken ließ, dann kurbelten wir durch eine extrem aride Region entlang eines tief eingeschnittenen Flusstals ehe mächtige Sandsteingebilde tolle Formationen entstehen ließ. Meine Fahrzeit wurde dadurch allerdings noch weiter ausgedehnt, denn alle naselang musste ich einen Fotostopp einlegen…

Traumlandschaften im südlichen Bolivien.

Traumlandschaften im südlichen Bolivien.

Morgen heißt es Abschied nehmen von Bolivien und irgendwie auch ein bisschen von den „exotischen“ Anden, von dem leicht Chaotischen, von den älteren Damen mit ihren süssen Bowlerhüten, von den schmalen Bodegas bzw. Tiendas, die scheinbar alles anzubieten haben. Mit dem Grenzübertritt nach Argentinien werden sich vermutlich viele Dinge ändern. Das Leben wird teurer werden (und wir werden endlich erfahren, wie das mit dem Dollar-Umtauschkurs „offiziell/blue market“ wirklich aussieht), das Leben wird „geordneter“ werden, das Leben wird wohlhabender werden, unser Nachtleben wird überwiegend auf Campingplätzen stattfinden, statt wie bisher in Hotels bzw. Hostels. Auf letzteres freue ich mich, auf die anderen Dinge bin ich gespannt. Und auch ein bisschen traurig, denn ob die Wärme und Herzlichkeit der Menschen vor allem hier im teilweise sehr arm wirkenden Bolivien auch im entwickelteren Argentinien anzutreffen sein wird wage ich zu bezweifeln. Wir werden es sehen!

Bis die Tage, spätestens in deren vier aus Salta. Die Bilderauswahl ist heute mal ein bisschen geprägt von der Landschaft. Wobei die Bilder nur einen Hauch von dem transportieren, wie die Gegend in Wirklichkeit aussieht.

Der Canyon oeffnet sich.

Der Canyon oeffnet sich.

Eine unglaublich vielfaeltige Farbwelt.

Eine unglaublich vielfaeltige Farbwelt.

Im Flusstal

Im Flusstal

Hoch, immer wieder hoch

Hoch, immer wieder hoch

Manchmal ging es auch runter.

Manchmal ging es auch runter.

Hoch, immer wieder hoch.

Meistens aber hiess es: Hoch, immer wieder hoch.

Was passiert eigentlich mit den Grabstellen, wenn ein Dorf aufgegeben wird? Sie verfallen offenkundig.

Was passiert eigentlich mit den Grabstellen, wenn ein Dorf aufgegeben wird? Sie verfallen offenkundig.

Tiendas gibt es in den kleinsten Doerfern.

Tiendas gibt es in den kleinsten Doerfern.

Entdeckung in einer dieser zauberhaften Tiendas im Hinterland: Alemania rules?

Entdeckung in einer dieser zauberhaften Tiendas im Hinterland: Alemania rules?

Zufallsfund in Oruro ...

Zufallsfund in Oruro …

Nicht ganz so aktuell, aber irgendwie ganz schick: von dem Tag, an dem wir die Death Road gefahren sind.

Nicht ganz so aktuell, aber irgendwie ganz schick: von dem Tag, an dem wir die Death Road gefahren sind.

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