Salz unter unseren Rädern

Hin und wieder machen wir hier drüben auf The Andes Trail in Südamerika ein paar verrückte Sachen. Gestern zum Beispiel. Auf dem Weg herunter vom Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt, war am frühen Morgen ein Zeitfahren angesetzt. Sieben Kilometer, flach. „Was, sieben Kilometer nur?“, maulten wir alle mehr oder weniger unisono rum und fabulierten über ein „Kinderspiel“.

Als wir dann jedoch auf unseren Bikes saßen und versuchten, diese „läppischen“ sieben Kilometer mal eben in Windeseile abzupedalieren, wurde rasch deutlich, dass es alles andere als ein Kinderspiel war und die sieben Kilometer eine Mordstrecke darstellten. Erstes Problem: kaum jemand hatte sich wirklich „warm“ gemacht – waren ja „nur“ sieben Kilometer… Zweites Problem: wir kurbelten auf über 3.700 Metern Höhe. Und wie dünn die Luft hier ist, erfuhren wir schon auf den ersten 500 Metern, als wir die Anfeuerungsrufe der Zuschauer noch in den Ohren hatten und wie die Wilden in die Pedale traten. Binnen Sekunden geriet jeder sofort in eine Sauerstoffschuld, die bis zum Finalstrich nicht abbezahlt werden sollte und die uns im Ziel allesamt zu einem kollektiven Hustkonzert aufspielen ließ, bei dem uns selbst Hören und Sehen verging.

Es waren die längsten sieben Kilometer meines Radfahrerlebens. Optimistisch hatte ich mir einen 30er Schnitt vorgenommen. Aus gutem Grunde, denn am Vortag, als wir 102 Kilometer über den Salar de Uyuni pedalliert waren, hatte ich einen Schnitt von 25,24 km/h erreicht – und das, ohne mir groß Mühe geben zu müssen. Doch nach dem Kickstart ohne Warmmachphase war alles völlig anders. Mein Puls raste sofort in den roten Bereich, meine Lungen schrien panisch nach mehr Luft und die Übertragung der Kraft vom Körper in die Beine geriet zu einer von Panik überschatteten Hauruckaktion. Ökonomisch oder gar zeitfahrgemäß war an meinen Bewegungen bald nichts mehr, und als ich das erste Mal auf mein Tacho gucke und dort die Zahl „0,98 km“ erblickte, wusste ich, das es verdammt lange und harte sieben Kilometer werden würden. Es war ein ständiger Konflikt zwischen „ich will alles geben!“, „ich brauche mehr Luft, kriege sie aber nicht!“ und „verdammt nochmal, was läuft denn hier ab?“. Sämtliche Versuche, eine gewisse Sachlichkeit in meine Bewegungen zu bringen, scheiterten an der Sauerstoffschuld, und als die Drei-Kilometer-Marke überschritten war, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als in den Lunchtruck zu klettern und mich ins Ziel fahren zu lassen. Dummerweise bildete der Lunchtruck das Ziel, war Lunchtruckdriver Walter der Zeitnehmer…

Als ich endlich (nach, hüstel, schäm, hüstel) 15 Minuten, den Zielstrich überquerte, begann die wahre Pein. Mit riesigem Protest brachen die beiden Lungenflügel ein Hustkonzert los, das sich mit dem der bereits eingetroffenen Fahrer und dem der eintreffenden Fahrer verband. Der gesamte Brust- und Rachenraum war ausgetrocknet und rang hektisch nach Sauerstoff. Viel zu tief war die kalte Luft in den hektischen Atemversuchen eingedrungen und hatte alles regelrecht aufgeraut. Nie zuvor hatte ich solche Schmerzen vom Husten wie in den rund 15 Minuten nach dem Ende des Zeitfahrens. Wir alle – auch die erfahreren Radler – konnten es kaum fassen. Eine vermeintlich leichte Aufgabe war zu einer höllischen Herausforderung geworden, die uns einmal mehr an die Grenzen der eigenen Wahrnehmung gebracht hatten.

Definitiv die verrücktesten sieben Radminuten meines Lebens und zugleich ein Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Wiederholen muss ich sie aber auch nicht…

Wie Bilder täuschen koennen! Nach dem Sieben Kilometer Zeitfahrmarathon konnte ich schon wieder lächeln. Dabei war mir eigentlich zum Heulen.

Wie Bilder täuschen koennen! Nach dem Sieben-Kilometer-Zeitfahrmarathon konnte ich schon wieder lächeln. Dabei war mir eigentlich zum Heulen.

Und damit willkommen zu einer neuen Episode in „Jenseits der Komfortzone“, in der es neben um Atemnot um mächtige Gewitterfronten und unerbittliche Wellblechpisten durch ein kartografisch nicht erfasstes Hinterland geht. Wie schon kurz berichtet ging es nach unserer Abreise aus La Paz zurück auf den Altiplano, der zunächst von 230 Kilometer langen Straßenbaumaßnahmen sowie einer schaurig-traurigen Ansammlung von Gedenkkreuzen am Straßenrand geprägt war. Das wisst Ihr alles schon. Nach unserer Abreise aus Oruro tauchten wir dann tief in Evo-Morales-Land ein. Der bolivische Präsident schnürte nicht nur einst die Fußballstiefel für San José Oruro, dem 1896 gegründeten ältesten Fußballklub Boliviens, sondern er hinterließ auch überall in der Region seine Spuren. Aus gutem Grunde, denn Morales‘ Eltern leben nahe dem Lake Poopó, und wohl auch deshalb sind überall in der Region Straßenbaumaßnahmen sichtbar.

Zunächst pedallierten wir allerdings über eine bereits bestehende Fernstraße Richtung Südwesten, wobei uns ein freundlicher Rückenwind flott vorantrieb und die 110-km-Tag wie im Flug vergingen. Lediglich die baubedingten Umleitungen über sandige und/oder holprige Umleitungsstrecken trübten phasenweise den Fahrspaß. Und natürlich unser alter Freund El Niño. Der schickte nämlich abermals ein Nachmittagsgewitter, das sich gewaschen hatte und neben der Erde auch unsere Herzen zum Zittern brachte, denn es ist wahrlich kein Vergnügen, mitten in einem direkt über einem stehenden Gewitter im Zelt zu hocken.

Geradeaus, so weit das Auge reicht. Der Altiplano hinter Oruro.

Geradeaus, so weit das Auge reicht. Der Altiplano hinter Oruro.

El Niño besuchte uns auch tags darauf wieder in unserem Bushcamp an einem uralten Meteoritenkrater, der inzwischen zu einem See geworden ist. Diesmal war der Tag allerdings nicht ganz so einfach gewesen. Von 103 Kilometern waren lediglich 11 asphaltiert, und der Rest war entweder sandig und weich oder hart und steinig. Aber er führte durch (ein kartografisch nicht erfasstes!) traumhaft schönes Altiplano, das gesäumt war von freien Llama-Herden, einer großartigen Wüsten-/Steppenlandschaft und einigen wenigen minikleinen Dörfern mit Bewohnerzahlen um die 50 Seelen. In einem dieser Dörfer verursachte unser kleiner Radeltross vermutlich sogar ein vorzeitiges Schulende, denn kaum waren die ersten Fahrer in Ucumasi eingetroffen und hatten sich in der örtlichen Bodega mit Süßigkeiten und Coca Cola versorgt, tauchten auch schon sämtlich Kinder des Dorfes auf der Straße auf und feierten ein spontanes „Gringo-loco-gucken-Fest“. Es dauerte eine geschlagene Stunde, ehe wir endlich wieder aufbrechen konnten, nachdem man uns nach einem kollektiven Abschiedsfoto zähneknirschend „grünes Licht“ dazu gegeben hatte. Ein herrliches Erlebnis und wohl nur möglich, wenn man mit dem Fahrrad durch Dörfer wie Ucumasi reist.

Erst nach diesem Foto durften wir Uxxx wieder verlassen.

Erst nach diesem Foto durften wir Ucumasi wieder verlassen.

Aber der Tag war ja noch nicht zu Ende. Nach weiteren vier Stunden des Navigierens durch auch für The Andes Trail neues Gelände (wir durchquerten als erster Tross diese Gegend) stießen wir wieder auf eine „richtige“ Straße, die sogar asphaltiert war. Leider nur für wenige Kilometer, und als dann am Horizont auch noch düstere Gewitterwolken aufzogen, wurde es plötzlich hektisch. In Windeseile und mit allen noch zur Verfügung stehenden Kräften raste ich Richtung Camp und damit in einen den gesamte Horizont überspannenden pechschwarzen Himmel hinein. Dort angekommen (im Camp, nicht im Himmel!), schnappte ich mir mein Zelt und war gerade mitsamt Ausrüstung darin verschwunden, als das erneute Himmelskonzert begann. Und wenn ich im vorletzten Beitrag geschrieben habe, ich habe noch nie ein solches Gewitter erlebt, muss ich mich heute korrigieren, wenn ich erneut schreibe: „ich habe noch nie ein solches Gewitter erlebt!“. Eine Stunde lang krachte und blitzte es im Minutentakt, hämmerte der Regen regelrecht auf mein Zelt ein, purzelten die Temperaturen binnen Minuten von angenehmen 20 auf knappe 5 Grad, verwandelte sich der ziemlich ausgetrocknete Boden in ein einziges Matchfeld.

Auf dem Weg ins nächste Bush und Gewittercamp.

Auf dem Weg ins nächste Bush und Gewittercamp.

Abgesehen von kurzen Atempausen ging es so weiter. Die ganze Nacht über immer wieder Regen, und kaum bereiteten wir uns am nächsten Morgen auf die 49. Etappe vor, erklang erneut das vertraute Geräusch von Regen auf meiner Zeltplane. Bedröppelt schlich ich zum Frühstück, wo Rob, einer der beiden Organisatoren, bereits mit der nächsten Nachricht auf mich wartete: mein Hinterrad habe einen Platten. Teilte er mir trocken mit. Was ein Start in den Tag! Immerhin ließ der Regen danach nach, und über den gesamten Tag über blieb es trotz mitunter düster drohendem Himmel trocken. Das war umso wichtiger, als wir den Salzsee Salar de Uyuni ansteuerten und befürchteten dass er bei Regen gar nicht oder nur schwer zu befahren sei. Doch die Meteorologie an dieser Stelle des bolivianischen Altiplano ist erstaunlich. Denn zwar zogen abends erneut Gewitter auf, die jedoch wenige Meter vor dem Salar de Uyuni stoppten. Außer ein paar Tropfen bekamen wir nichts ab und konnten stattdessen das himmlische Spektakel aus Blitzen und Donner bestaunen.

Und dann stand einer der Höhepunkte von The Andes Trail auf dem Programm: 102 Kilometer auf dem Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt, der auf rund 3.700 Metern liegt. Flach und weiß schimmernd lag der Salzsee vor uns, als wir um 8 Uhr in die Pedale klickten. 0 Höhenmeter sagte das Profil, und die Empfehlung für Fahrer ohne GPS-Sender am Rad (wie mich) lautete: sucht Euch einen GPS-Mitfahrer, sonst geht ihr verloren. Auf dem See gibt es (natürlich) keine Straßen, sondern nur rudimentäre Pisten, und wer sich verfährt, der hat ein echtes Problem. Zunächst steuerten wir die 40 Kilometer entfernte Insel Incahuasi an, zu der eine mehr oder weniger eindeutig zu erkennende Piste führte. Das Fahren auf dem Salz fühlt sich übrigens zunächst sehr komisch an. Irgendwie als sei man auf einem gefrorenen See unterwegs – genau so sieht die Oberfläche nämlich auch aus. Nur dass es nicht glatt ist, das Fahren also kein Problem darstellt.

Auf dem Weg ins ewige Salz.

Auf dem Weg ins ewige Salz.

Und es ist ein erhabenes Gefühl, über diese gigantische Fläche zu radeln. Am Horizont ist nicht außer Salzsee zu erkennen, und das ganze Ding ist so groß, dass man mühelos die Erdkrümmung erkennen kann. Und es herrscht eine himmlische Ruhe! Hin und wieder rasen zwar Jeeps mit Touristen vorbei, doch meistens pedalliert man in völliger Stille. Mit dem Wetter hatten wir diesmal Glück, denn die Sonne schenkte uns einen blitzeblauen Himmel, der den ganzen Tag perfektionierte. Nach dem Lunch – an der erwähnten Insel – wurde es dann zwar irgendwann auch mal ein bisschen langweilig, weil halt immer nur weiß auf beiden Seiten zu sehen war, aber es war ein tolles Erlebnis.

Und der nächste Höhepunkt wartete schon. Unser Camp, das Hotel Playa Blanca, stand nämlich mitten auf dem Salzsee und besteht aus … Salz. „Ziegelsteine“ aus Salz bilden die Mauer, Ziegelsteine aus Salz die Betten und Ziegelsteine aus Salz Tische und Stühle. Nur das Dach war aus Plastik, Metall und Stroh. Und die SEHR rudimentären Klos, die uns nach vier Tagen des Bushcamp ohne jegliche sanitären Anlagen und Duschen jedoch auch nicht mehr schocken konnten. Ein eigentümliches Gefühl, auf Salz zu gehen und auf Salz zu schlafen, das von einem herrlichen Sonnenuntergang gekrönt wurde. Ein ganz bestimmt besonderer Ort mit einem einzigartigen Flair. Schön auch zu sehen, dass mitten in der von Touristen erstellten Fahnensammlung vor dem Hotel das bretonische Tuch Gwenn ha Du flatterte – Bretonen gibt es eben überall! (ja, eine deutsche Flagge hing dort auch!).

Vive la Bretagne, vive les Bretons. Oder auch Tous ensemble, toujours En Avant!

Vive la Bretagne, vive les Bretons. Oder auch Tous ensemble, toujours En Avant!

Dann kam der letzte von sieben aufeinanderfolgenden Fahrtagen, der mit dem erwähnten Zeitfahren begann und mit weiteren 28 Kilometer auf einer im Bau befindlichen Straße nach Uyuni endete. Dort gab es die erste Dusche nach vier Fahrtagen, genießen wir nun einen Pausentag, ehe zwei weitere harte Off-Road-Tage in Richtung Grenze zu Argentinien anstehen. Uyuni kann übrigens neben dem Salar de Uyuni auch noch mit dem größten Eisenbahnfriedhof der Welt protzen, dem ich gestern Nachmittag einen kleinen Besuch abstattete. Zig Lokomotiven aus dem frühen 20 Jahrhundert verrotten dort vor sich hin und erlauben einen kleinen Ausflug in die Technikgeschichte. Ansonsten ist Uyuni eine ziemlich staubige und eher triste Sammlung von Hütten, die nichts, aber auch nichts, von einer Touristenhochburg hat.

Auf dem Eisenbahnfriedhof von Uyuni.

Auf dem Eisenbahnfriedhof von Uyuni.

Und das ist möglicherweise eine schöne Überleitung zu meinen Eindrücken von Bolivien, das ein Land in der Entwicklung ist. Überall werden zwar Asphaltstraßen gebaut, doch die Dörfer sind häufig farblose Ansammlung aus in Lehmsteinmethode errichteten Flachhäusern mit sehr karg ausgestatteten Läden, die häufig in einem Zimmer des Wohnhauses untergebracht sind sowie Menschen, die einerseits herzlich und fröhlich andererseits aber auch offenkundig arm sind. Die ganze Hoffnung zumindest der andinen Bolivianer ruht übrigens auf Evo Morales. „Evo más“ („Mehr Evo“) steht überall angepinselt – am 12. Oktober sind hier Präsidentenwahlen, und für die meisten steht wohl fest, dass Morales eine weitere Amtszeit bekommen soll bzw. muss. Beurteilen kann ich es mit den paar Eindrücken natürlich nicht, aber es macht den Eindruck, als habe Morales in der Tat einiges in Bewegung gebracht. Eins kann ich jedenfalls mit Bestimmtheit sagen: Bolivien ist ein Land, das zu entdecken lohnt!

Zum Abschluss wie immer ein paar Bildchen und zugleich ein fettes Dankeschön für Eure konstant hohen Zugriffszahlen sowie die zahlreichen freundlichen Kommentare. Bis die Tage, Euer hardy cyclist

Könnt Ihr es spüren? Es rüttelt, es rüttelt, es rüttelt...

Könnt Ihr es spüren? Es rüttelt, es rüttelt, es rüttelt…

Durchs hinterste Hinterland

Durchs hinterste Hinterland

Auf dem Salar de Uyuni

Auf dem Salar de Uyuni

Eine Kreuzung auf dem Salar de Uyuni. Ohne GPS ist man ziemlich verloren.

Eine Kreuzung auf dem Salar de Uyuni. Ohne GPS ist man ziemlich verloren.

So sieht der Salar de Uyuni aus der Nähe aus.

So sieht der Salar de Uyuni aus der Nähe aus.

Muss auch mal sein. Sonnenuntergang auf dem Salar de Uyuni.

Muss auch mal sein. Sonnenuntergang auf dem Salar de Uyuni.

Eine typische Bodega im bolivianischen Hinterland.

Eine typische Bodega im bolivianischen Hinterland.

Echte Freunde kann niemand trennen

Echte Freunde kann niemand trennen

Barca 3, Real Madrid 1. Irgendwo im Hinterland des Altiplano.

Barca 3, Real Madrid 1. Irgendwo im Hinterland des Altiplano.

Uyuni gibt sich kriegerisch.

Uyuni gibt sich kriegerisch.

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