El Niño: es reicht!

Gestern haben wir wirklich gedacht, die letzten Stunden der Welt haben geschlagen. 136 Kilometer von La Paz nach Lahuachaca standen auf dem Programm, und abgesehen von den Herausforderungen, zunächst rund 400 Höhenmetern auf zehn Kilometer der rappelvollen Stadtautobahn hinauf nach El Alto zu bewältigen und anschließend das pure Verkehrschaos El Alto zu überstehen war die Tagesaufgabe eigentlich ganz übersichtlich.

Eigentlich. Denn nun kommt El Niño ins Spiel. Der schickte nämlich eine Gewitterfront, die sich gewaschen hatte. Knapp 60 Kilometer vor dem Tagesziel tauchte sie plötzlich vor unseren Augen auf und entzündete die gesamte Hochebene mit Blitzen und Donnern. Nur ein klitzekleiner Spalt hatte noch halbwegs hellen Himmel – und in den führte glücklicherweise unsere Straße. Und so rasten wir wie die Wilden über eine im Bau befindliche Überlandstraße, verfolgt von den düstersten Gewitterwolken, die ich seit langem gesehen habe und ließen uns von Blitz und Donner zu weiteren Höchstleistungen antreiben. Und tatsächlich: kaum hatten wir halbwegs trocken und voller Adrenalin unser Bushcamp auf dem Fußballplatz von Lahuachaca erreicht und unsere Zelte aufgestellt, brachen auch schon die Dämme des Himmels und setzten alles unter Wasser. Danach kam ein Sturm, der sich gewaschen hatte und der wohl schon mal ein erster Härtetest für unsere Zelte in Sachen patagonische Winde war. Das Ganze fand statt bei wohlwollend sechs bis acht Grad Celsius, wir froren also wie die Schneider und sehnten uns im Bushcamp vergeblich einer warmen Dusche. Ich muss gestehen, dass gestern der erste Tag seit dem Start in Quito war, an dem ich es wirklich gehasst habe, durch die scheinbar ewige Kälte auf dem Altiplano zu kurbeln, nur um in einem rudimentären Camp anzukommen, über dem die Welt unterging. Den meisten von uns ging es ähnlich.

Heute morgen sah es dann aus, als sei nichts geschehen. Die Sonne strahlte, der Himmel war blau und die Temperaturen kletterten auf für den Altiplano halbwegs angenehme 13 Grad. Zudem puschte uns ein freundlicher Rückenwind die 99 Kilometer bis nach Oruro, wo wir nun der wettertechnischen Entwicklung für Morgen harren. Da die nächsten Tage auf Naturpisten stattfinden, wäre ein Regenpause überaus willkommen. Bitte Daumendrücken!

Die Überlandstraße F01, auf der wir die letzten beiden Tage von La Paz bis Oruro unterwegs waren, ist eine ganz besondere. Zum einen wird sie gerade komplett auf vier Spuren ausgebaut, wobei man das nicht Stück für Stück macht, sondern in einem Rutsch über die gesamte Länge von rund 230 Kilometern. Für uns hieß das, dass wir ungestört auf der jeweils noch nicht freigegebenen Seite pedalieren konnten, während sich der restliche Verkehr auf der anderen herumprügelte. Warum man allerdings 230 Kilometer Straße in einem Rutsch baut, statt das Projekt über Abschnitte anzugehen, entschließt sich meinem Verständnis.

Auf der im Bau befindlichen F01 von La Paz nach Oruro.

Auf der im Bau befindlichen F01 von La Paz nach Oruro.

Und noch etwas ist die F01: eine weitere Death Road. Nirgendwo zuvor habe ich so viele Kreuze am Straßenrand gesehen, wie auf diesen 230 Kilometern zwischen La Paz und Oruro. Manchmal stand alle 50 Meter eins, und pro Kilometer gab es mindestens eine Gedenkstelle für Verkehrsopfer. Da die Straße schnurgerade verläuft, kann der Unfallgrund in den meisten Fällen nur überhöhte Geschwindigkeit bzw. gewagte Überholmanöver lauten – man kann also sagen, dass man in Bolivien den Gewinn von Sekunden bzw. Minuten mit Menschenleben bezahlt.

Ich fand es eine ernüchternde Erfahrung, die ich mit Euch teilen möchte … meine kleine Bilderauswahl des heutigen Tages fällt daher etwas ungewöhnlich aus.

Man beachte das Real-Madrid-Trikot, das über das Kreuz gelegt wurde.

Man beachte das Real-Madrid-Trikot, das über das Kreuz gelegt wurde.

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