On the Death Road

Wie hätte es anders sein können? Nachdem The Andes Trail 2014 bereits als die nassteste Tour in die Geschichte eingegangen ist, bekamen wir „natürlich“ auch auf unserem kleinen Death-Road-Ausflug die gesamte klimatische Palette präsentiert, die die Anden zu dieser Zeit aufzubieten haben.

Es begann mit Sonnenschein im auf 3.700 Meter gelegenen La Paz, wurde begleitet von zunehmend dichterer Bewölkung auf dem Weg zum La Cumbre Pass auf 4.650 Meter, auf dem man die Hand vor den Augen nicht erkennen konnte, da er komplett in Wolken getaucht war. Und kaum saßen wir auf unseren Räder, öffnete der Himmel prompt seine Schleusen und übergoss uns mit Wassermassen, wie ich sie auf dem Fahrrad selten erlebt hatte. Trotz vielfacher Schutzkleidung waren wir binnen Minuten komplett durchgeweicht und erwärmten uns ausschließlich am eigenen Zittern, denn auf 4.650 Metern ist es … scheißenkalt. Zwischen die Regentropfen (eher: das Regenbombardement) mischten sich denn auch rasch erste Schneeflocken und übertünchten die umliegenden Hügel mit einem leichten Zuckerguss.
Die elf Kilometer vom Pass bis zum Beginn der eigentlichen Death-Road-Piste in Unduvadi gehörten jedenfalls zum heftigsten, was ich jemals erlebt habe. Während wir – immerhin noch auf Asphalt – mit 50 km/h den Berg runterdonnerten, prügelten die Regentropfen auf uns ein, und bisweilen war es so heftig, dass ich quasi nichts mehr sehen konnte und „blind“ radelte. Glücklicherweise änderte sich das Wetter dann just mit dem Beginn der off-road-Piste, der zugleich den Anfang der Death Road markierte. Der Regen hörte auf, die Wolken wurden dünner und man konnte seine Umgebung zumindest erahnen.

Im dichten Nebel auf der Death Road.

Im dichten Nebel auf der Death Road.

Womit der Spaß beginnen konnte.

Wobei … Spaß? The Death Road hat ihren Namen von den unzähligen Toten, die die Straße über Jahrzehnte gefordert hat. Zwischen 200 und 300 Unfallopfer gab es Jahr für Jahr zu beklagen, ehe die neue Nordroute öffnete und nun erstmals eine „sichere“ Verbindung zwischen La Paz und dem Amazonasgebiet existiert. Bis vor wenigen Jahren verlief der gesamte Bus-, Lastwagen-, PKW- und auch Fahrradverkehr noch über die „Death Road“, ein schmale Naturpiste, die regelrecht an den Berghang geklebt scheint und an einigen Stellen keine drei Meter breit ist, während sie an ihrer linken Seiten (von La Paz kommend) über hunderte von Metern steil hinabstürzt. Immer wieder kam es zu schrecklichen Unfällen, wenn sich zwei Fahrzeuge begegneten und das eine rückwärts setzen musste, um Platz zu machen. Eine falsche Lenkbewegung, und man flog im wahrsten Sinne des Wortes von der Piste. Ich hatte vor Jahren mal eine Reportage über die Straße im Weltspiegel gesehen und war damals gleichermaßen fasziniert wie erschüttert.

Zahlreiche Kreuze markieren jene Stellen, an denen Ungluecke geschahen.

Zahlreiche Kreuze markieren jene Stellen, an denen Unglücke geschahen.

Tja, und nun raste ich auf einem flotten Fully auf eben jener „Todespiste“ hinab und hatte … Spaß. Ein eigentümliches Gefühl, aber auch ein ganz besonderes Gefühl. Über 56 Kilometer ging es auf technisch nicht allzu anspruchsvollem Terrain von 4.650 Meter hinab auf 1.200 Meter nach Yolosa, womit zugleich ein regelrechter Durchflug durch die verschiedenen Klimazonen verbunden war. Dank der sich liftenden Wolken war das auch schön zu erkennen, denn die Landschaft verwandelte sich vor unseren Augen in Minutenschnelle von einer kargen Hochebene in eine wildwüchsige Regenwaldkulisse. Faszinierend!

On the Death Road

On the Death Road

Kurz mal was zu den Umständen. Da die Death Road nicht offizieller Teil von The Andes Trail ist, organisierten einige Mitglieder unserer Reisegruppe den Trip selbst. Es gibt unzählige Firmen in La Paz, die das übernehmen und alles Notwendige stellen: downhillfähige Fahrräder (= Fullys), Bustransfer zum La Cumpre-Pass und (vor allem…) Rücktransport nach La Paz, entsprechende Kleidung und einen Guide, der einem unterwegs die wichtigsten Dinge erklärt und Hilfestellung leistet, wenn nötig. Zum Trip gehörte zudem ein kleines Zip-Line-Abenteuer mit drei Abfahrten über das Amazonastal bei Yolosa, was dem ganzen adrenalingesteuerten Trip noch ein zusätzliches Zuckerhäubchen aufsetzte.
Die Piste ist der Hammer! Anfangs geht es mit rund 6 Prozent bergab, ehe es etwas flacher wird, aber immer noch so steil ist, dass man quasi gar nicht pedalieren muss. Unvorstellbar allerdings die Vorstellung, wie es hier vor einigen Jahren noch aussah, als Busse, Laster und Autos pausenlos hoch- und runterfuhren. Heute sind nur noch die Begleitfahrzeuge der Biketour-Veranstalter und ein paar vereinzelte Autos unterwegs, herrscht weitestgehend Ruhe, muss niemand mehr Angst haben, beim Zurücksetzen über die Kante zu fallen. Das erleichterte es natürlich auch uns, denn wir konnten mit halbwegs gutem Gewissen Geschwindigkeit aufnehmen und mussten „nur“ den Gegenverkehr im Blick haben. Auf der Death Road gilt übrigens das Linksfahrgebot, denn nur dadurch ist es dem bergab fahrenden Verkehr möglich, die vielen engen und blinden Kurven einzusehen. Ach, und eine weitere Regel lautet: der bergauf fahrende Verkehr hat immer Vorfahrt – bei einer Begegnung muss also das bergab fahrende Fahrzeug zurücksetzen.
Immer wieder stoppte unser Guide an besonders gefährlichen Stellen und erzählte die tragischen Geschichten von den zahlreichen Unfällen. Und es brauchte nicht viel Phantasie, um sich die Dramen vorzustellen. Mitunter war die Piste wirklich nur so breit, dass unser Kleinbus gerade mal darauf Platz fand, und die Vorstellung, dass er unter diesen Umständen über viele Meter rückwärts setzen muss (und das womöglich Nachts), verursachte selbst im Nachherein noch Gänsehaut.

Wie angeklebt wirkt die Piste.

Wie angeklebt wirkt die Piste.

Für uns indes war es eine spannende Erfahrung und ein wunderbarer Radausflug mit reichlich Fahrspaß und ordentlich „Thrill“, zu dem dann irgendwie auch dieses vermaledeite Wetter passte. Immer wieder meldete sich der Himmel und schickte weitere Regenfälle, ehe sich die Wolkendecke unten im Tal endlich öffnete und es plötzlich mordsheiß unter unserer Schutzkleidung wurde. Flugs wurden sämtliche Klamotten abgeworfen und die Reise ging in Radhose und T-Shirt weiter – vom Winter- in den Sommerurlaub binnen nur drei Stunden, das dürften nur die Anden schaffen!
In Yolosa wartete eine wohlverdiente Erfrischung sowie der erwähnte zusätzliche Thrill in Form eines dreifachen Zip-Abenteuers über mehrere 100 Meter und mit Geschwindigkeiten von bis zu 85 km/h kreuz und quer durch das Flusstal. Dazu wurden wir zunächst per Bus ein stückweit die Death Road wieder hochgekarrt, kletterten dann zu einer kleinen „Seilstation“ hinauf, wo das erste Seil quer über das Tal gespannt war. Flugs eingeklinkt, ging es in rasantem Tempo hinüber auf die andere Talseite, und ich muss sagen, es ist schon ein nettes Gefühl so fast „frei“ durch die Luft zu fliegen. Gleichzeitig jedoch ein völlig anders als bei dem Bungee-Jump, den ich 2011 an den Victoria Falls ausprobierte. Der Thrill des tatsächlich freien Fluges fehlt am Seil, was die ganze Sache irgendwie „gemütlich“ macht. Alles in allem es ein grandioser Abschluss eines denkwürdigen Tages, der allerdings noch die mühsame Rückkehr nach La Paz in petto hatte. Drei Stunden dauerte der Rücktransfer auf 4.650 Meter, wobei die Fahrt über die neugebaute Nordroute ging, die nicht einmal Nuancen der Gefährlichkeit der „Death Road“ aufweist. Ach, und auch der Regen meldete sich nochmal zu Wort. Diesmal in Form eines tropischen Wolkenbruchs am Talboden, der uns eindrucksvoll vorführte, wie kraftvoll der Regen im Regenwald sein kann.

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Bereitmachen zum Abflug

Der heutige Sonntag hielt schon das nächste Abenteuer bereit. Um 11 Uhr war kick-off der Erstligapartie zwischen The Strongest La Paz und Nacional Potosí. Eine kleine Andes-Trail-Delegation füllte zwei Taxen, wobei immerhin ein Teilnehmer dabei war, der noch nie im Leben ein Fußballspiel gesehen hatte und für den Fußball „Soccer“ heißt. Mutig! Die Taxifahrt zum im Süden von La Paz gelegenen Stadion von The Strongest verschlang eine knappe Stunde, was einem die Dimensionen dieser wahnwitzigen und unglaublich hügeligen Stadt erstmal vor Augen führt. Um kurz vor 10 Uhr erreichten wir unser Ziel, hatten also noch genügend Zeit für eine kleine Shoppingtour entlang der diversen Souvenirshops sowie einen „interessanten“ Snack vor dem Anpfiff. Das Stadion präsentierte sich in einer grandiosen Lage. An drei Seiten umgeben von hohen Sandsteingipfeln, in der Ferne die Anden – selten habe ich eine perfektere Kulisse für ein Fußballstadion gesehen!

Ist das nicht eine traumhafte Kulisse?

Ist das nicht eine traumhafte Kulisse?

Gastgeber The Strongest trat in den (noch immer…) schönsten Fußballfarben der Welt auf und empfing mit Nacional Potosí ein Mittelfeldteam, das sich in der ersten Halbzeit mit geschickten Kontern Respekt verschaffte. Erst nach dem Seitenwechsel hatte das ausnahmslos aus Heimfans bestehende Publikum – geschätzt waren es 9.000, wobei viele erst im Laufe der ersten Halbzeit eintrafen – Grund zum Jubeln. Endstand 2:0 für The Strongest. Wir verbrachten die erste Halbzeit auf der Haupttribüne, wechselten aber zur Pause in den Ultrablock von The Strongest und staunten nicht schlecht über den hohen Anteil weiblicher Fans inmitten der „barras brava“. Insgesamt war es vergleichsweise entspannend, und abgesehen von den üblichen Schmährufen wie „mierda“ oder „puta“ herrschte eine fröhliche Atmosphäre. Gesungen wurde im Ultrastil, also 2 x 45 Minuten ohne Pause. Unterstützt von diversen Musikinstrumenten brachten die „Ultras Sur“ u.a. auch diesen großartigen Song der Argentinier von der WM in Brasilien zum Besten, der mir damals schon zum Ohrwurm wurde und der nun wieder in meinen Hirnwindungen herumgeistert.

Der Ultrablock von The Strongest.

Der Ultrablock von The Strongest.

Auch unser Fußballausflug wurde im Übrigen von … Regen überschattet. In der zweiten Halbzeit öffnete der Himmel mal wieder seine Schleusen, und weil ich meine Regenjacke in fehlgeleiteter Voraussicht im Hotel gelassen hatte, stand ich ganz schön dumm da. Aber Südamerikas Kleinhandel weiß rasch zu reagieren! Binnen Minuten tauchten fliegende Händler auf, die für 8 Bolivianos (80 Cent) Plastikregenponchos verkauften. Zwar waren sie für Südamerikaner gemacht, meine langen Arme passten also nur zu ¾ rein, aber immerhin war ich damit vor dem Regen geschützt.

Schwarz und Gelb sind unsre Farben! (mit dem Klubgruender von The Strongest)

Schwarz und Gelb sind unsre Farben! (mit dem versteinerten Klubgründer von The Strongest)

Ab morgen stehen nun sieben Radeltage in Folge an, wobei wir zudem dreimal in Bushcamps nächtigen. Es dürfte also hart und spannend werden. Und interessant, denn nach den ersten vermutlich eher langweiligen Tagen auf dem etwas öden Altiplano erreichen wir den berühmten Salzsee Salar de Uyuni, wo zudem das erste Zeitfahren der Tour ansteht. Hoffen wir nur, dass unsere Regenpechsträhne bis dahin aufhört, denn bei Regen über den Salzsee fahren zu müssen würde sicher kein Vergnügen sein. Ihr werdet von mir hören, wobei die Internetsituation in Bolivien deutlich schlechter ist als in Peru – Wifi/WLan gibt nur selten, und selbst die Internetcafes sind nicht die schnellsten.

Zum Abschluss noch ein paar Worte über die letzten beiden Fahrtage von Copacabana bis nach La Paz. Der erste Tag war ein Traum. Herrliches Wetter, tolle Landschaft, wenige Kilometer (78), welliges Gelände, eine spannende Bootsfahrt über den See. Und am Ende wartete ein grandioses Hotel direkt am Titicacasee, wo die herrliche Sonne zur Entspannung einlud. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Der darauffolgende fiel deutlich anders aus. Nachdem wir dem Titicacasee den Rücken zugekehrt hatten, pedalierten wir auf eine Reihe schneebedeckter 5.000er zu und mussten uns auf dem Altiplano mal wieder mit dem rüden Verkehr streiten. Rund 30 Kilometer vor dem eigentlichen La Paz begannen dann bereits die Ausläufer der Millionenstadt, und wie das in Südamerika so ist, wohnen dort vor allem die Ärmsten der Armen. Das heißt: triste Hütten, im Bau befindliche Gebäude und überall Müll, während stinkende LKW und Busse, Tausende von Minibusse sowie Hunde, Ziegen, Kühe die Straßen verstopfen. Mit anderen Worten: Chaos. Mittendrin: wir auf unseren schmalen Reifen.

Alltag in El Alto.

Alltag in El Alto.

Der Höhepunkt dann das berühmt-berüchtigte El Alto, auf 4.100 Metern oberhalb von La Paz gelegen und eine unaufhaltsam wachsende Großstadt mit überwiegend ärmeren Einwohnerschichten. Ohne GPS-System am Rad verfuhren Alfred und ich uns prompt in den tosenden Gassen, und erst als wir fast einen Kilometer gegen eine Einbahnstraße gearbeitet hatten (und vor allem gegen den mir entgegenkommenden Verkehr…) fanden wir die nach La Paz hinunterführende Stadtautobahn. Die ging dann über rund zehn Kilometer steil hinab und war gefüllt von tosendem Verkehr – mal wieder ein echtes „Erlebnis“ auf dem Fahrrad. Immerhin trafen wir unterwegs ein paar Mitfahrer, die über ein GPS-System verfügten, so dass wir uns die lästige Hotelsucherei im La Paz‘er Zentrum ersparen konnten und rasch am Ziel unserer Wünsche ankamen.
La Paz? Was für eine Stadt! Es geht entweder hoch oder runter, und beides ist steil. Es wuselt an allen Ecken und Enden, und auf den Märkten gibt es alles (alles!) zu kaufen. Falls also jemand ein Pülverchen für irgendwelche Wehwehchen benötigt, sich ein Voodopüppchen für die Ausschaltung eines ungeliebten Gegners wünscht oder für einen Llama-Fötus Verwendung hat – nur Bescheid sagen, ich bring alles mit. 🙂
In diesem Sinne, genießt die Fotos und bis die Tage!

Etwas Anschubhilfe...

Etwas Anschubhilfe…

Etwas Anschubhilfe...

… und ab geht die Post

Reichhaltiges Angebot in den (immer noch...= schoensten Farben der Welt.

Reichhaltiges Angebot in den (immer noch…) schönsten Farben der Welt.

Faehre ueber den Titicacasee.

Fähre über den Titicacasee.

Bei strahlendem Sonnenschein (und trotzdem nur 15 Grad) entlang des Titicacasees.

Bei strahlendem Sonnenschein (und trotzdem nur 15 Grad) entlang des Titicacasees.

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Liebe und Bücher, zwei der wichtigsten Dinge im Leben. Gefunden an einem Restaurant im Amazonasgebiet.

Wo es solche Buchlaeden gibt, gibt es auch Hoffnung!

Wo es solche Buchläden gibt, gibt es auch Hoffnung!

 

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