Copacabana? Copacabana!

Könnt Ihr Euch ein Körperteil vorstellen, das einem Radfahrer nach 536 Kilometern in vier Tagen wehtun kann, obwohl man es NICHT zum Radfahren benötigt?

Es ist der Mittelfinger der linken Hand! Der ist bei diesem unfassbar brutal-chaotischen Verkehr auf dem Altiplano nahezu im Dauereinsatz, um zumindest der Seele ein Stückweit Befriedigung zu verschaffen, wenn man ihn mit wütend-grimmigem Gesicht jenen Harakirifahrern entgegenstreckt, die uns Radler hier regelrecht aufs Korn nehmen. Gestern riss ein Minibusfahrer einen Mitradler mit seinem Seitenspiegel sogar vom Rad, und das kleine Peloton, in dem ich zur selben Zeit kurbelte, war gleich zweimal Ziel von wütenden Autoattacken, als die Fahrer wirklich Millimeter vor der Gruppe einscherten. Ein Wunder, dass dabei nichts ernsthaftes passierte, und zugleich eine offenkundige Provokation, denn für einige Fahrer sind wir offensichtlich nichts anderes als ein das eigene Tempo hemmendes Ärgernis, das schlicht und einfach nichts auf der Straße zu suchen hat.

Am Schlimmsten sind die Bus- und Minibusfahrer. Die überholen wirklich ohne Rücksicht auf Verluste. Entgegenkommender Verkehr interessiert nicht, und wenn er dann auch noch als Radfahrer daherkommt schon gar nicht. Also muss der wütende Stinkefinger Akkordschichten ableisten, auch wenn es sich dabei natürlich um eine rein symbolische Aktion handelt, die rein gar nichts bewirkt. Meistens wird sie von den Harakirifahrern dementsprechend auch mit stoischem Gesichtsausdruck und ohne jegliche Reaktion ignoriert…

Das Körperteil, das mir nach dem 536-Kilometer-Marathon jedoch am meisten wehtun ist der Hintern. 121, 159, 111 und 145 Kilometer lauteten die Tagesaufgaben seit unserer Abreise in Cusco am Samstag. Das hieß insgesamt knapp 23 Stunden im Sattel, wobei ich mit nem gutem 24er Schnitt noch zu den Schnelleren gehörte. Und weil die Route mit Ausnahme des ersten Tages, als wir mit dem Abra La Raya einen 4.338-Meter-Pass zu überwinden hatten, der uns auf das Altiplano brachte, weitestgehend flach bis leicht wellig verlief, war überwiegend stoisches im Sattelsitzen angesagt. Das strapaziert die Sitzknochen, und auch die Haut jammert, obwohl sie jeden Morgen brav mit Melkfett eingeschmiert wird.

Am Abra la Raya gab es endlich mal ein Passschild!

Am Abra la Raya gab es endlich mal ein Passschild!

Mit dem Erreichen des Altiplano war also schlagartig Schluss mit der mühsamen Kletterei, die uns rund sieben Wochen lang nahezu täglich beschäftigt hatte. Plötzlich wies das Profil nur noch einen mehr oder weniger flachen Strich auf, ging es auf einer schnurgeraden Straße über zig Kilometer stur geradeaus. Ein abrupter Wechsel, der erst einmal verdaut werden musste. Zumal es phasenweise ganz schön langweilig war. Auf knapp 4.000 Metern Höhe ist es eben selbst in den Anden schwierig, „normales“ Leben zu betreiben. So sahen wir zu beiden Seiten der Strecke zumeist gelbgrüne Steppe, wurde nur gelegentlich ein wenig Landwirtschaft betrieben (wenn, dann per Hand), grasten kleine Kuh-, Schaf- und Lamaherden auf den kargen Flächen. Hier und dort ein paar einzelne Häuser oder kleine Höfe, zumeist aus einfachem Lehmstein gefertigt, bzw. kleine Ortschaften mit einer sehr überschaubaren Infrastruktur. Dass das Leben hart sein muss auf dem Altiplano belegten die wettergegerbten Gesichter der Einheimischen, die aber trotz ihrer harten körperlichen Arbeit fröhlich winken, wenn wir vorbeiradelten.

Auf dem Altiplano.

Auf dem Altiplano.

Harte Arbeit. Es mögen nur 3.511 Höhenmeter gewesen sein, die wir in vier Tagen überwunden haben, doch die Etappen hatten es dennoch in sich. Zum einen kurbelten wir mit Ausnahme der ersten 40 Kilometer ausnahmslos auf 3.900 bis 4.000 Metern, und das ist eine Höhe, auf der man selbst nach sieben Wochen Akklimatisation noch tüchtig schnauft und mitunter auch leichte Schwindelgefühle bekommt, wenn die Kraftübertragung anstrengend wird. Nach vier Tagen Altiplano kann ich daher verkünden, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man nun 160 Kilometer im Flachen auf 100 bis 200 Höhenmetern kurbelt oder dieselbe Distanz in einer Höhe von fast 4.000 Metern überwinden muss.

Hinzu kamen die inzwischen ja schon üblichen Wetterkapriolen. Cusco verabschiedete uns am Samstag mit Sonnenschein, den wir auch am Abend im Bushcamp genossen. Tags darauf hing es los. Start bei warmen Sonnenschein, doch auf dem Altiplano hockte eine grimmige Wolkenfront, die die Temperatur spür bar sinken ließ. Abends im Bushcamp donnerten dann gleich zweimal kräftige Gewitter über uns nieder, setzen u.a. zwei Zelte unter Wasser und kühlten die Außentemperaturen brutal ab. Am nächsten Morgen hatte der die halbe Nacht anhaltende Regen zwar glücklicherweise aufgehört, doch es war empfindlich kalt, und so starteten wir mit Pudelmützen, Handschuhen und langen Winterhosen in den dritten Tag. Der brachte uns nach Puno an den Titicacasee, wo am Abend abermals Gewitter niedergingen – diesmal waren wir immerhin in einem Hotel. Tag vier begann erneut mit Sonnenschein, der jedoch von einem bitterkalten Seewind vom Titicacasee heruntergekühlt wurde. Nun genießen wir einen Pausentag im bolivianischen Seebad Copacabana, das sich hinter grauen Wolken und frischen Temperaturen versteckt.

Es ist eben eine Tour der Extreme.

Copacabana erreicht!

Copacabana erreicht!

Mit Bolivien haben wir nunmehr das dritte Land auf unserer Andentour erreicht. Es gilt als das armste, und der erste Eindruck bestätigt das. Freilich sind wir in einer weiteren „Gringo-Hochburg“, die ihr Dasein ganz dem Tourismus gewidmet hat. Copacabana liegt wunderschön am Titicacasee und verfügt über eine sehr westlich orientierte Infrastruktur, die mir am gestrigen Abend eine wohlschmeckende Pizza verschaffte, was erheblich half, die geplünderten Energiedepots im Körper wieder etwas zu füllen. Copacabana ist zudem ein weiterer Ort mit reichhaltiger Inka-Tradition. Mit der Isla del Sol bzw. der Isla de la Lune liegen die mystischen Geburtsstätten von Sonnengott Inti bzw. jener Ort, von dem aus Inka-Führer Viracocha einst dem Mond befahl, sich am Firmament zu erheben, vor unserer Nase. Leider reicht die Zeit nicht zu einem Besuch, der einen knappen Tag dauert – und wir müssen morgen früh schon wieder auf die Räder klettern.

Es ist der alte Konflikt aus einem übersichtlichen Zeitfenster, dem Bedürfnis (der Notwendigkeit) nach Erholung, den anstehenden Aufgaben (Radpflege etc.) und touristischer Neugierde, der einmal mehr zum Ausbruch kommt. Immerhin gelang es uns vorgestern, von Puno aus die „schwimmenden Inseln“ auf dem Titicacasee zu besuchen – allerdings auch nur, weil wir frühmorgens um viertel vor Sechs aufstanden, damit wir früh genug im Ziel ankamen, um Zeit genug für den Ausflug zu haben. Immer wieder taucht insofern die Frage in unserer Reisegruppe auf, was wir hier eigentlich machen. Irgendetwas zwischen einem Radrennen, einer Radexkursion, einem Selbsterfahrungstrip und einer touristischen Radreise ist es wohl, wobei angesichts der täglichen körperlichen Belastungen das Thema „Rad“ deutlich im Vordergrund steht. Man spürt das vor allem dann, wenn wir in Orte wie Copacabana kommen, wo sehr viele „Gringos“ unterwegs sind, die das normale touristische Programm abspulen. Niemand von uns will zwar mit ihnen tauschen, aber für Momente sind wir dann schon auch mal neidisch. Wie die Touristen übrigens auf uns, denn immer wieder bekommen wir bewundernde Kommentare, werden unser Mut und unser Freiheitsdrang gelobt, Fotos von unserer bunten Reisegruppe geschossen.

Die Polizei in Peru war stets um unser Wohl besorgt.

Die Polizei in Peru war stets um unser Wohl besorgt.

Wie schmal der Grat zwischen Vergnügen und „Katastrophe“ ist, zeigte sich diese Woche gleich an zwei Beispielen. Ein gerade erst eingetroffenes neues Teammitglied aus Holland stürzte bei der Ausfahrt aus Cusco so schwer, dass er die Tour abbrechen muss. Er war hinter einem Auto, als sich plötzlich ein Loch in der Asphaltdecke auftat und er in hohem Bogen über den Lenker flog. Bilanz: der gesamte Oberkörper voller Schürfwunden, vier Rippen gebrochen, Schluss mit Fahrradfahren. Dabei war er gerade erst nach Cusco geflogen und wollte eigentlich bis Salta mitfahren. Nun war sein Traum nach kaum 40 Kilometer vorzeitig beendet. Der zweite Vorfall ereignete sich am zweiten Tag auf der Abfahrt vom Abra La Raya, als sich zwei Fahrer bei einem Bahnübergang ins Gehege kamen und stürzten. Knieprobleme, Schürfwunden – für einen der beiden verliefen die beiden darauffolgenden Etappen auf dem Truck.

Ich selber bin bislang ohne Sturz davongekommen, doch die körperliche Belastung ist – in Verbindung mit dem Wetter und der Höhe – weiterhin sehr hoch. Gestern schwanden mir auf den letzten 40 Kilometer, die im brutalen Gegenwind lagen, zunehmend die Kräfte und ich sehnte mich nur nach Ankommen. Glücklicherweise traf ich in einem kleinen Örtchen entlang der Strecke auf ein rauschendes Dorffest, das zum Anhalten einlud und wahrlich einen Besuch wert war. Alle waren in traditionellen Trachten gekleidet und tanzten tranceähnlich auf einer fußballplatzähnlichen Fläche. Das Bier floss mehr als reichlich, und es dauerte auch nicht lange, da waren wir Radler in das Tanzen und Singen involviert. Und wenn wir nicht noch gut 25 Kilometer und einen Grenzübergang vor uns gehabt hätten, wäre wohl auch das Bier durch unsere Kehlen geflossen. So beließen wir es beim Tanzen und Fotografieren, kletterten wir herzerfroht nach einer Weile zurück auf unsere Räder und stemmten uns abermals in den Gegenwind.

Herrliche Ablenkung vom ekeligen Gegenwind - das Dorffest von Yunguo.

Herrliche Ablenkung vom ekeligen Gegenwind – das Dorffest von Yunguo.

Tanzen um Bierkisten...

Tanzen um Bierkisten…

In zwei Tagen erreichen wir mit La Paz die höchste Hauptstadt der Welt (ja, ich weiß: Sucre, aber…). Dort steht dann endlich auch mal wieder Fußball auf dem Programm. Am Sonntag um eins duellieren sich The Strongest La Paz und Nacional Potosí, was ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Perfekt, dass es mit The Strongest ausgerechnet jenes Team ist, dessen Slogan „Si no lo sientes, no lo entiendes“ („Wenn du es nicht spürst, kannst Du es nicht fühlen“) ich für meine Tour ausgeguckt habe. Tags zuvor steht noch ein weiteres Highlight an, wenn wir uns auf den Weg über die sogenannte „Todespiste“ machen (North Yungas Road). Über 61 Kilometer (andere Quellen sagen 69 bzw. 92) geht es von 4.650 Meter hinunter auf 1.200 Meter geht. Am Start mag es schneien, im Tal lockt Regenwald mit schwüler Hitze. Es war über lang Zeit die einzige Verbindung zwischen La Paz und dem Amazonasgebiet und berühmt-berüchtigt für die zahlreichen schrecklichen Unfällen. Weil die Piste kaum drei Meter breit ist, kam es bei Überholmanövern immer wieder zu Abstürzen. Ich bin jedenfalls gespannt!

Abschließend noch einmal ein paar Worte zum Rennen innerhalb von The Andes Trail. Das hat sich inzwischen auf eine sehr übersichtliche Zahl von Teilnehmern reduziert. Ich schätze, dass bestenfalls noch sechs Teilnehmer ernsthaft „racen“. Ich selber zähle bekanntlich nicht dazu, und ich habe auch keinerlei Ahnung, wo ich im Ranking versteckt bin. Zwischenzeitlich hatte ich nämlich zudem erfahren, dass ich an einem Tag, an dem ich nicht fahre, IMMER 12 Stunden Zeitstrafe bekomme – also auch an Nicht-Renntagen, an denen die Zeit der anderen Fahrer gar nicht festgehalten wird. Da fällt man dann rasch völlig aussichtslos zurück. Für die meisten von uns ist es aber ohnehin eine alberne Erbsenzählerei, die keinerlei Bedeutung hat. Also: spart Euch den Blick auf die Rankingliste und erfreut Euch lieber an den Bildern, von denen hier wieder einige kommen.

 

Bis Salta heißt es nun "zwei Hardys on tour"!

Bis Salta heißt es nun „zwei Hardys on tour“!

Immer noch im Meerschweinchenland

Immer noch im Meerschweinchenland

So sieht in Südamerika eine Landesgrenze aus - hier die zwischen Peru und Bolivien

So sieht in Südamerika eine Landesgrenze aus – hier die zwischen Peru und Bolivien

Harte Feldarbeit auf dem Altiplano.

Harte Feldarbeit auf dem Altiplano.

Harte Arbeit, auch wenn es zerbrechliche Ware ist.

Harte Arbeit, auch wenn es zerbrechliche Ware ist.

Auf den "schwimmenden Inseln"

Auf den „schwimmenden Inseln“

Bewohner der "schwimmenden Inseln"

Bewohner der „schwimmenden Inseln“

„Rasen nicht, sei vorsichtig, Deine Familie erhofft es“ – eine Warnung, die für den Fahrer des Kreuzes im Vordergrund zu spät kam.

„Rase nicht, sei vorsichtig, Deine Familie erhofft es so“ – eine Warnung, die für den Fahrer des Kreuzes im Vordergrund zu spät kam.

Traumlage am Titicacasee - das Stadion von Pomata.

Traumlage am Titicacasee – das Stadion von Pomata.

 

 

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Ein Kommentar

  1. Hi Hardy,
    los leones del hagen lesen immer deinen blog, bisher so ziemlich jede Zeile. Für mich ist es superinteressant, da ich in diesen Ländern, wo du jetzt bist, noch nie war. Ich schätze, dein Spanisch ist wortreicher geworden.
    nebenbei: St. Blas de los sauces, klar, der heilige Sankt Blasius, Märtyrertod im Rahmen der Christenverfolgung und sauces sind Bäume (Weiden, eher: Trauerweiden).
    Wir fühlen (und leiden) jedenfalls mit dir, aber beneiden dich auch um die grandiose Landschaft, durch die ihr oft fahrt.
    Hier im hagen läuft alles gut, Julio hat ein Praktikum bei einer Garten- und Landschaftsbau-Firma in Dransfeld hinter sich und Luci ist heute auf eine Sprachreise nach England los. Gestern war übrigens letzter Schultag, es sind jetzt Herbstferien.
    Wir bleiben am Ball
    Bis Bald!!
    Uli

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